| Italien 2025 · 133 min. · FSK: ab 12 Regie: Paolo Sorrentino Drehbuch: Paolo Sorrentino Kamera: Daria D'Antonio Darsteller: Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque, Massimo Venturiello, Milvia Marigliano u.a. |
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| Ein Gegenbild zur aktuellen Tagespolitik... | ||
| (Foto: Mubi) | ||
Die Sache mit dem Pferd erledigt sich auf natürliche Weise: Während Präsident De Santis noch um Bedenkzeit bittet, stirbt »Elvis«, der seit Tagen todkranke Gardisten-Gaul, ohne Gnadenschuss. Doch die Entscheidung über drei Unterschriften kann Gevatter Hein dem Staatsoberhaupt in den letzten Monaten seiner Amtszeit nicht abnehmen.
De Santis – Bravissimo, Toni Servillo! – ist ein aufrechter Mann, ungebeugt von der enormen Last der Verantwortung. Immer im Anzug, immer im Amt. Ein Mann der ehernen Gewissheiten. »Cemento armato«, Stahlbeton, ist sein (vor ihm verheimlichter) Spitzname.
Ein Mann aber auch, der dem Vorurteil keinen Platz einräumt. Der weiß, dass jede eherne Gewissheit schwer errungen sein will. 2046 Seiten hat »Der De Santis«, sein Standardwerk zum Strafrecht. »Himalaya K3« wird es
von Jura-Studierendne genannt – ein unerklimmbarer Gipfel.
Nur die Mundwinkel drückt es De Santis permanent herab. Den Tod seiner über alles geliebten Frau Aurora hat er nie verwunden. Aber ebensowenig ihren einen Seitensprung vor 40 Jahren. Das Rätsel, wer sein Rivale war, treibt ihn noch immer um.
Auch hier will er die Wahrheit wissen – wie stets und überall. Drum schiebt er Entscheidungen auf, laviert: Bei der Begnadigung einer Frau, die ihren misshandelnden Partner im Schlaf mit 18 Messerstichen tötete. Und die darüber keinen
Grund für Reue sieht. Bei der Begnadigung eines Geschichtslehrers, der seine schwer alzheimerkranke Frau »erlöste«. Und dessen Gnadengesuch von seiner Schule eingereicht wurde, gegen seinen Willen.
Und schließlich harrt da noch der Entwurf eines Euthanasiegesetzes auf Unterzeichnung. Seit Monaten bastelt auch De Santis' Tochter, eine Juristin, daran herum. Und doch findet er noch immer Punkte, die ihm nicht präzise genug sind.
Eigentlich erwarten alle, dass De Santis es
macht wie immer: Diplomatisch bleiben, sich nicht einmischen, mit Einwänden alles vor sich herschieben. Bis die Anliegen die Probleme seines Amtsnachfolgers werden.
Mit dem zutiefst persönlichen Vorgängerfilm Parthenope hatte Paolo Sorrentino sich so schutzlos, verletzlich gezeigt wie nie. Ein Film darüber, wie beiläufig das Leben aus der Bahn geraten, vorüberziehen kann. Wie unheilbar manche Verluste sind. Der Lohn: Un- und Missverständnis des Meisterwerks.
Nun zieht Sorrentino sich mit La
Grazia also scheinbar auf sicheres Terrain zurück: Die Welt der Macht und alten Männer. Doch anders als Il Divo, Loro, selbst THE YOUNG POPE ist La Grazia nicht satirisch. Es gibt keine realen Vorbilder – vielmehr ist der Film geradezu ein Gegenbild zur aktuellen Tagespolitik. Auch wenn er, vom rappenden Präsidenten über einen im strömenden Regen über den Roten Teppich stolpernden, greisen portugiesischen Staatsbesucher bis zum Roboter-Spürhund, Sorrentinos gewohnten Blick fürs Absurde behält.
Es geht La Grazia um Tieferes, Fundamentaleres als die ethisch-moralischen Fragen von Strafrecht und Sterbehilfe. Es geht um das Entscheiden an sich. Um die Wissbarkeit der Welt. Die Leitmotive des Films sind Schwere versus Leichtheit, Leichtigkeit, Erleichterung. Sind Atem. Und Mut.
Sie scheinen auf in immer neuen Variationen. »Waren Sie je leicht?«, fragt den Präsidenten der (afrikanische) Papst. Das Fern-Gespräch mit einem
Astronauten scheitert an der Tonverbindung – doch De Santis erlebt dafür eine einzelne, schwerelose Träne in der Raumstation mit. Seine Tochter wacht streng auf seine leicht Ernährung. Und der wegen Mords im Gefängnis sitzende Lehrer sagt: »Ich will nur vergessen und wieder leicht werden.«
»Sie atmen nicht«, sagt die wegen Mordes im Gefängnis sitzende Frau zur Tochter des Präsidenten. Der selbst hat nur noch einen Lungenflügel, raucht trotzdem heimlich jeden Tag eine
Zigarette.
Und ungeachtet des knappen Atems singt er bei einem Treffen der »Alpinisti«, der Gebirgsjäger, deren Lied vom Mut. »Virtus in periculis firmior«, der Mut wird in der Gefahr stärker, prangt als Motto des Kürassierregiments an der Wand. Vor allem aber heißt es in einem Gespräch: Wir alle täuschen jeden Tag Gewissheit, Gewissheiten nur vor – das nennt man Mut.
Damit aber hapert es eben bei De Santis. Er hasst Unstimmigkeiten – »Inkongruenzen führen zu Zweifel«. Und so lange er zweifelt, kann er nicht urteilen. Die Bürokratie sei dazu da, überhastete Entscheidungen zu verhindern, findet er.
»Sie messen der Wahrheit zuviel Wichtigkeit bei«, sagt sein Leibwächter zum Abschied. »Eine Berufskrankheit von Richtern«, meint De Santis. Aber nun sei er ja im Ruhestand, erwidert der Gardist.
Der Film lässt sich selbst Zeit, häuft sein Gewicht an, Szene für Szene – um auf eine tief berührende Erlösung hin zu streben. Letztlich gibt es nur eine Frage, wird De Santis versichert. Und zwar: »Wem gehören unsere Tage?«
Der Präsident findet die Antwort – oder zumindest eine, seine Antwort darauf. Sie ist simpel, aber schwer wirklich zu begreifen. Die große Gnade für De Santis ist, endlich doch auch die Schönheit des Zweifels zu akzeptieren.
Zum Abspann denkt La Grazia (im Italienischen ein mehrdeutiges Wort, schillernd zwischen Eleganz, Anmut und Gnade) das auch noch einen Schritt weiter: Kaum eine Entscheidung ist wirklich endgültig, zeigt der Film gewitzt und tröstlich.