| Polen/GB 2025 · 110 min. Regie: Jan Komasa Drehbuch: Bartek Bartosik, Naqqash Khalid Kamera: Michal Dymek Darsteller: Stephen Graham, Andrea Riseborough, Anson Boon, Kit Rakusen, Monika Frajczyk u.a. |
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| Moral in Ketten... | ||
| (Foto: X Filme / Warner) | ||
Es beginnt wie ein klassischer Thriller. Ein junger Mann wird entführt, gefesselt und in einem Keller eingesperrt. Doch Jan Komasa interessiert sich in Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes nicht für die Mechanik des Verbrechens. Sein Film gleicht vielmehr einem sozialpsychologischen Laborversuch, einer kontrollierten Versuchsanordnung, in der nicht nur eine Figur beobachtet wird, sondern eine ganze Gesellschaft.
Versuchsperson A heißt Tommy. Neunzehn Jahre alt, TikTok-Star, Influencer. Einer jener jungen Männer, die Rücksichtslosigkeit zur Tugend erklären, Erniedrigung als Unterhaltung verkaufen und Gewalt als Währung sozialer Anerkennung begreifen. Tommy ist kein Monster und natürlich wirkt er gerade deshalb so beunruhigend. Er erscheint als Produkt einer Kultur, die Aufmerksamkeit über Verantwortung stellt und deren Algorithmen längst stärker erziehen als Eltern, Schulen oder politische Institutionen.
Nach einer exzessiven Nacht wird Tommy bewusstlos aufgefunden und von Chris und Kathryn in ihr abgelegenes Landhaus gebracht. Dort beginnt das eigentliche Experiment. Das Ehepaar hält ihn gefangen. Nicht aus Sadismus, wie sie betonen. „Wir sind keine Psychopathen“, heißt es an einer Stelle. Sie verstehen sich als Erzieher. Als Korrektiv. Als letzte Instanz einer Gesellschaft, die ihre Fähigkeit verloren hat, Grenzen zu setzen. Doch sie sind auch Rächer und Komasas Film ist damit auch ein schwarz-humoristischer Revenge-Film der etwas anderes Art. Komasa und seine hervorragenden Drehbuchautoren Bartek Bartosik und Naqqash Khalid binden diese Ebene über fast schon klassische Genre-Film Zugaben mit ein, die der moralischen Grundtonalität die notwendige „menschliche“ Komponente verleihen.
Hier nähert sich Good Boy dann unweigerlich dem großen Referenzwerk dieses Genres an: Stanley Kubricks A Clockwork Orange. Wie Alex DeLarge soll auch Tommy lernen, warum das Böse böse ist. Doch während Kubrick die Gefahren einer autoritären Disziplinierung in einer noch stark regulierten Gesellschaft untersuchte, verschiebt Komasa die Fragestellung in die Gegenwart. Sein Film handelt von einer Welt, die vielleicht nicht zu wenig Freiheit besitzt, sondern zu viel. Tommy soll nicht gebrochen werden. Er soll verstehen.
Komasa zwingt sein Publikum dabei, immer wieder, die Seiten zu wechseln. Anfangs erscheint Tommy als abscheulicher Narzisst, dessen digitale Grausamkeit reale Folgen hat. Dann beginnt man Mitleid zu empfinden. Die Methoden seiner Entführer werden zunehmend fragwürdig. Das Identitätssmashing, die systematische Dekonstruktion seiner Persönlichkeit, wirkt zeitweise grausamer als manche seiner eigenen Verfehlungen. Darin verbirgt sich dann auch die moralische Doppelbödigkeit des Films. Wie schon Burgess und Kubrick verweigert Komasa jede einfache Antwort.
Bemerkenswert ist dabei, dass Good Boy neben Kubrick noch einen zweiten, auf den ersten Blick überraschenden Bezugspunkt aufruft: Ken Loachs Kes. Chris zeigt der ganzen Familie, vor allem aber seinem Gefangenen Lochas Klassiker aus dem Jahr 1969 als eine Art pädagogische Pflichtlektüre. Loachs Geschichte des jungen Billy Casper, der in einem Umfeld sozialer Verwahrlosung durch die Beziehung zu einem Falken Menschlichkeit und Würde entdeckt, bildet das emotionale Gegenmodell zu Tommys Welt. Wo soziale Medien auf Aufmerksamkeit trainieren, erzählt Kes von Empathie. Wo digitale Kultur permanent bewertet und klassifiziert, öffnet Loachs Film einen Raum des Mitgefühls. Damit wird ein weiteres Kernthema von Good Boy sichtbar: Klassismus.
Schon Komasas The Hater und Corpus Christi kreisten um Figuren, die aus sozialen Defiziten heraus nach Anerkennung suchen. Wieder interessiert Komasa weniger individuelles Versagen als die Frage, welche gesellschaftlichen Bedingungen dieses Versagen hervorbringen. Tommy erscheint nicht als isolierter Täter, sondern als Symptom.
Zugleich markiert der Film einen historischen Wandel. Während Loachs Arbeiterkinder noch gegen sichtbare Klassenstrukturen kämpfen mussten, lebt Tommy in jener Gesellschaft, die der Soziologe Ulrich Beck als Zeitalter der „riskanten Freiheiten“ beschrieben hat. Klassen existieren in loser Form weiterhin, doch ihre Zwänge erscheinen individualisiert. Jeder gilt als seines Glückes Schmied. Wer scheitert, soll die Schuld bei sich selbst suchen und sich nicht seiner Herkunft ankreiden
Deshalb erhält die Idee der Familie im Film eine zentrale Bedeutung. Immer wieder beschwören Chris und Kathryn den Wunsch nach einem Zusammenleben „like a proper family“. Alle unter einem Dach. Alle auf demselben Boot. Der Satz wirkt zunächst naiv, fast sentimental. Doch je länger der Film dauert, desto deutlicher wird, dass Komasa hier nicht von Familie spricht, sondern von Gesellschaft.
Das zeigt auch eine weitere Figur, die das Experiment noch einmal komplexer macht. Mit Rina, gespielt von Monika Frajczyk, führt Komasa das Thema Migration in seine Versuchsanordnung ein. Die aus Mazedonien stammende illegale Einwanderin, die zuvor zur Prostitution gezwungen wurde und nun als Haushälterin auf dem Anwesen arbeitet, erweitert den Familienbegriff des Films entscheidend. Plötzlich geht es nicht mehr nur um die Rettung eines fehlgeleiteten Jugendlichen, sondern um die Frage, wer überhaupt Teil einer Gemeinschaft sein darf. Rina bringt Erfahrungen von Ausgrenzung, Gewalt und sozialer Unsichtbarkeit in das Haus hinein. Gerade dadurch wird sie zu einer Art Gegenfigur Tommys. Während dieser alle Freiheiten einer westlichen Wohlstandsgesellschaft besitzt und sie missbraucht, musste sie um die elementarsten Rechte kämpfen. Dass Komasa beide Figuren in derselben moralischen Versuchsanordnung zusammenführt, gehört zu den klügsten Entscheidungen des Films. Die Familie, die Chris und Kathryn erschaffen wollen, wird dadurch von einem privaten Erziehungsprojekt zu einem Modell gesellschaftlicher Integration erweitert.
Kann Freiheit ohne Orientierung bestehen? Oder braucht sie Formen der Begleitung, der Moderation, vielleicht sogar der Begrenzung, um nicht in Selbstzerstörung umzuschlagen?
Nicht nur als Gedankenspiel, auch schauspielerisch ist dieser Film ein Hochgenuss. Stephen Graham und Andrea Riseborough verleihen ihren Figuren eine Ambivalenz, die jede eindeutige moralische Einordnung unterläuft. Besonders Graham gelingt das Kunststück, zugleich fürsorglich und bedrohlich zu wirken. Anson Boon wiederum spielt Tommy nicht als Karikatur digitaler Verrohung, sondern als zutiefst verunsicherten jungen Mann, dessen Arroganz nur die Oberfläche einer tieferen Orientierungslosigkeit bildet.
Doch Good Boy ist nicht nur ein Fest der Schauspielkunst, sondern auch der Sprache. Denn in diesem Haus prallen Welten aufeinander. Das kultivierte, fast demonstrativ gepflegte Hochenglisch von Chris und Kathryn stößt auf Tommys aggressiven, von sozialem Aufstiegshunger und Straßenkultur geprägten Unterschichtenslang. Sprache wird hier zum sozialen Marker, zum Klassenabzeichen, zur unsichtbaren Architektur von Macht. Auch darin erinnert der Film an Anthony Burgess‘ Roman und Kubricks Uhrwerk Orange, deren eigentliche Radikalität nicht zuletzt in ihrem sprachlichen Erfindungsreichtum lag. Wie dort wird Sprache zum Schauplatz gesellschaftlicher Konflikte. Der Kampf um Tommys Zukunft ist immer auch ein Kampf um die Wörter, mit denen er sich selbst und die Welt beschreibt.
Das Kammerspielhafte bleibt – bei der geografischen Reduktion des Settings und des limitierten Personals kaum verwunderlich – stets sichtbar. Man spürt die Konstruktion, die Versuchsanordnung, die These hinter dem Geschehen. Doch anders als andere ideengetriebene Filme verliert sich Good Boy nie in bloßer Behauptung. Das narrative Gerüst bleibt stark genug, um die philosophischen Fragen zu tragen.
Damit fügt sich Good Boy nahtlos in Komasas Werk ein, das seit Jahren von rabenschwarzen Fabeln mit moralischem Kern geprägt ist. Wie kaum ein anderer europäischer Regisseur verbindet er gesellschaftliche Analyse mit erzählerischer Spannung. Good Boy ist vielleicht sein bislang konzentriertestes Experiment: ein Thriller, der weniger wissen will, was Menschen tun, als warum sie es tun. Und ob man sie daran hindern darf oder sogar muss, sie selbst zu bleiben, um glücklich zu sein.