| D/F/BG/Ö 2026 · 170 min. · FSK: ab 12 Regie: Valeska Grisebach Drehbuch: Valeska Grisebach, Lisa Bierwirth Kamera: Bernhard Keller Darsteller: Yana Radeva, Syuleyman Alilov Letifov, Stoicho Kostadinov, Nikolay Shekerdjiev, Denislava Yordanova u.a. |
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| Said und Veska | ||
| (Foto: Piffl) | ||
Eine staubige Landstraße zieht sich durch die steinigen Hügel um Swilengrad, den kleinen Ort im Dreiländereck. Bulgarien stößt hier an Griechenland und die Türkei; wir sind an der Außengrenze der EU. Said ist in der Region unterwegs, für Geschäfte. Gerade hat er einen Deal für günstigen Diesel abgeschlossen, den er aus der Türkei bezieht. Damit legt er sich mit seinem Boss an, bringt Unruhe in das Gleichgewicht des Schreckens zwischen dem »Raben« und Iliya, die mit mafiösen Strukturen die Region beherrschen. Doch wir sind noch nicht soweit. Die Erzählung nimmt sich Zeit und wird erst noch auf eine andere Figur übergehen.
Said fährt mit seinem geländetauglichen Wagen über die unbefestigten Landstraßen. Syuleyman Letifov spielt ihn. Mit seinem türkischen Vornamen und dem bulgarischen Nachnamen trägt er die regionale Geschichte der Pomaken in den Film hinein, er verschmilzt geradezu mit den kargen Hügeln der Landschaft. Eine der Straßen bringt ihn nach Matochina, wo eine halbverfallene Burgruine vom Hügel hinab auf die Gesteinswüste blickt. Ein Bild einer überwundenen Macht. Heute steht dort fast kein Stein mehr auf dem anderen. Ein Ausgrabungsteam macht sich am Fuße des großen Turms zu schaffen, gräbt in der Erde nach Artefakten der alten Zeit. Weil der Landstrich so abgelegen ist, haben ihn die Plünderer und Schatzsucher nach dem Ende des Ostblocks übersehen. In der Erde gibt es viele Funde.
Eine Frau leitet das Team, Veska, eine Archäologin aus Sofia, die hier aufgewachsen ist. Said und sie kennen sich von früher, mit ihm fährt sie in die Stadt, nach Swilengrad. Später wird Saids Auto verschwinden, und nach einer Nacht im Club ist Said wie vom Erdboden verschluckt. Veska nimmt die Spur nach ihm auf. Der Film geht auf sie über.
Neun Jahre nach Western ist Valeska Grisebach nach Bulgarien zurückgekehrt. In vielen Andeutungen und einem dichten Figurengeflecht entfaltet Das geträumte Abenteuer seine Geschichte hauptsächlich in den Dialogen. Man muss hochkonzentriert sein und sich doch intuitiv diesem Film anvertrauen, als wäre er selbst ein Traum und wir die Träumenden. Trotz oder wegen seiner Widerständigkeit gegen die dramaturgischen Zwänge (siehe unser Interview) wurde der Film in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet und geht jetzt für Bulgarien ins Oscar-Rennen. Vorbereitet wurde der Film in einer langen Recherchereise in der Region, danach schrieb Grisebach mit Lisa Bierwirth das Drehbuch. Die dokumentarische – oder archäologische – Dimension verwebt sie mit Genre-Elementen aus Western und Mafia-Film, was der Geschichte einen unterschwelligen Drive verleiht. Unter der Kamera von Bernhard Keller nimmt sich die Grenzregion wie die Frontier aus. Dahinter geht nichts mehr weiter.
Das eindringliche Roadmovie kennt so nur die begrenzte Bewegung in der Region, es fährt hin und her und führt seine Protagonistin Veska ganz allmählich immer tiefer in den Raum und die Zeit hinein. Sie setzt sich zu den Menschen, die in großen Tischrunden nachts zusammensitzen, es sind Männer- und Frauenrunden. Schicht um Schicht trägt die Archäologin ab, bis in die Nachwendezeit, und dringt in langen Gesprächen mit den Einheimischen zu den verborgenen Geschichten vor. Die Unterhaltungen gehen zurück bis in die 1990er-Jahre, als sich die sowjetischen Macht-Strukturen im Wilden Osten auflösten. Es war das »goldene Zeitalter der Männer«. Das Leben fühlte sich an wie im Krieg, sagt einer.
Yana Radeva, eigentlich eine Geologin, spielt Veska. Sie ist eine aufrechte Frau, ihr Gesicht mit den tiefen Grübchen verrät eine leicht spöttische Heiterkeit und Gelassenheit. Einmal sagt sie zur Tochter der Nachbarin: »Man muss nicht alle Erfahrungen selbst machen.« Ihr Blick strahlt ein nicht näher bestimmtes Wissen aus, von diesen Erfahrungen, von der Zeit, über die sie Nachforschungen anstellt. Veska ist wie die Heimkehrerfigur aus dem Western, die nach langer Abwesenheit viel richten muss und den Alteingesessenen neue Gesetze beibringen will.
Wie ein ungebetener Gast dringt sie in die finstere Mannosphäre von Iliya (Stoicho Kostadinov), dem Mafia-Boss, ein, der sich heute mit dem »Raben« die Region unter sich aufteilt. Der Bürgermeister wird bestochen, wenn es sein muss. Das große Geld bringt das Geschäft mit den Flüchtlingen, die über die Grenze in die EU kommen. Casinos gibt es deshalb so viele in dem Ort, weil sie in der Türkei verboten sind. Menschenhandel und Prostitution deuten sich an. Business zu machen ist lukrativ, aber gefährlich.
Grisebach setzt die Genre-Elemente unaufgeregt, wie beläufig, und löst den westerntypischen Gegensatz von Gut und Böse auf. Alle Figuren sind tief miteinander verbunden; die Verbundenheit schafft auch Versöhnung. So liegt in diesem Film auch eine tiefere, humanistische Utopie vom Ende der Bruderkriege – das geträumte Abenteuer ist auch das einer friedvollen Zeit.