| Frankreich 2025 · 123 min. · FSK: ab 12 Regie: François Ozon Drehbuchvorlage: Albert Camus Drehbuch: François Ozon Kamera: Manu Dacosse Darsteller: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Swann Arlaud, Denis Lavant u.a. |
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| Jetzt schon Klassiker des Jahres 2026 | ||
| (Foto: Weltkino Filmverleih) | ||
Wie Granatapfelkerne drängen sich die kleinen Häuser von Algier dicht aneinander in der Kasbah. Eugène Fromentin, Orientmaler und Schriftsteller, schrieb dies 1830, erfahren wir von einem Sprecher aus dem Off. Wenn nun die Häuser im Metropolen-Stil von Paris in den Himmel wachsen, dann sei dies ein Zeichen von Modernität, »Frankreich hat neue Fenster auf die Welt geöffnet«, triumphiert der Sprecher. 1830 ist das Jahr, als die Kolonialmacht Frankreich den Maghreb einnahm: die blühende Epoche der Romantik und ihrer Sehnsucht nach dem Orient ist aufs engste mit dem Expanisionsbestreben der Weltmacht verklammert.
François Ozons neuer Film Der Fremde verfilmt Albert Camus’ berühmten existentialistischen Roman – und ist das erste Meisterwerk des neuen Jahres. Gleich zu Beginn zitiert er einen Ausschnitt aus Terre d’Algérie von Pierre Lafond aus dem Jahr 1936. Euphorisch wird hier vom Fortschritt gesprochen, den der französische Kolonialismus der nordafrikanischen Stadt gebracht haben soll. Mit dem Auftakt wählt Ozon ein entscheidendes koloniales Framing und versetzt die Bilder zugleich in die Zeit, in der auch der Roman spielt: 1938. Der Filmtitel erscheint zunächst auf Arabisch: Al-Gharib (الغريب). Und in der Anfangsszene des Films, bevor wir uns in die Perspektive des Protagonisten Meursault (Benjamin Voisin) begeben, fallen die ersten Worte auf Arabisch. Was er getan habe, wird Meursault von seinen Mitinsassen gefragt, als er sich im dunklen Gefängnis aus dem Schatten herausschält. »Ich habe einen Araber getötet.« Dieser Filmbeginn ist eine entscheidende Änderung in der ansonsten klassischen und sehr texttreuen Adaption. Sie macht bei Ozon aus dem existentialistisch Entfremdeten des Romans, der sich außerhalb der universalen sozialen und religiösen Werteordnung positioniert, auch einen Protagonisten des französischen Kolonialismus: einen Fremden in der Perspektive der Einheimischen. Die Perspektivergänzung ist Ozon, dessen Großvater in Algerien gelebt hat, wichtig, um die koloniale Vergangenheit der Franzosen zum finalen Punctum seines Films zu machen – und das sich im quasidokumentarischen Straßenbild des Period Pictures subtil miterzählt.
Albert Camus’ »L’Etranger« erzählt 1942 vom Gefühl der Absurdität eines dem Tode geweihten Lebens – also aller Leben. Die Geschichte ist weltberühmt. Meursault erschießt einen Araber am Strand von Algier, »aus Zufall«, wie er in der Gerichtsverhandlung betont. Er macht eine Verkettung von Umständen geltend, die im ersten Teil des Films erzählt werden. Zuerst lässt er sich auf seinen draufgängerischen Nachbar Raymond (Pierre Lottin) ein, der ein toxisches Verhältnis zu einer Algerierin unterhält und als Zuhälter gilt. Während dies im Roman nur als Auslöser der unheilvollen Ereignisverkettung gilt, transportiert das filmische Bild ungleich mehr Kontext. Djémila Hamdani (Hajar Bouzaouit) wird von Raymond Sintès wie ein Eigentum beherrscht. Die arabische Frau im Arm des Weißen und die Gewohnheit von Raymond, ins Bordell zu gehen: das evoziert auch Josef von Sternbergs Morocco (1931) und seine Darstellung der nordafrikanischen Frauen als ornamentales Harem-Phantasma, wie es Hassane Oudadene über »Das Bild der marokkanischen Frauen bei Sternberg« darlegt. Ozon zeigt dies jedoch beiläufig, wie akzidentell, unthematisch.
Wichtiger als der Kolonialismus ist ihm dann doch der Existentialismus. Die Geworfenheit seines Protagonisten in einer ihm gleichgültigen Welt, was ihn als universal Fremden ausweist, inszeniert Ozon in einer impressionistischen Schwarzweiß-Komposition, die der klaren, schnörkellosen Tonlage der Romanvorlage filmische Resonanz verleiht. Es gibt kaum eine Einstellung von Manuel Dacosse, die nicht das Sonnenlicht als dritten Protagonisten mitinszeniert. Durch die Jalousien siebt es sich morgens in das kleine Zimmer von Meursault hinein (mit einer À bout de souffle-Reminiszenz), im auseinandergefalteten Telegramm fällt es auf die Worte »Mutter gestorben, Beerdigung morgen«. Am Strand lässt es die Haut von Marie (Rebecca Marder), der Geliebten, hell leuchten, beim Schwimmen bricht sich die Sonne durch das Wasser. Und dann blitzt die Messerklinge unter der Sonnenreflexion, löst visuellen und mentalen Stress bei Meursault aus und führt zum mortalen Wendepunkt in seinem Leben: »Ich begriff, dass ich das Gleichgewicht eines Tages, das ungewöhnliche Schweigen eines Strandes zerstört hatte, an dem ich glücklich gewesen war.« Meursault übernimmt aus dem Off die Worte des Romans.
Licht und Schatten, das zeigt sich bei Ozon auch als Metapher für das Kino – in der Visualisierung des Platon’schen Höhlengleichnis, das letztlich von der großen Desillusion der Menschen erzählt. Wie eine künstliche Sonne strahlt das Licht des Projektors aus der Vorführkabine und wirft Schatten auf die Leinwand. Gezeigt wird, wie im Buch, Fernandel. In Marcel Pagnols Le Schpountz (1938) soll Fernandel den Satz »Jeder zum Tode Verurteilte wird enthauptet« zum Besten geben, mal ängstlich, mal mitleidig, dann bewegend und nachdenklich, bis sich der Satz in seinem schrecklichen, tödlichen Sinn aufgelöst hat und das Publikum schallend lacht.
Der zweite Teil des Films bringt dann den großen existentialistischen Showdown. Gleichgültigkeit und Fixierung, Freiheit und Glauben duellieren sich im philosophischen Disput von Meursault und dem Pastor (Swann Arlaud) und vor Gericht, die Worte übernehmen nun in den sonnenentfernten, fast körperlosen, dunklen Gefängnisbildern.
Man mag Ozon vorwerfen, dass er eine zu textgetreue Adaption vorlegt, sich auch gegenüber Luchino Viscontis Erstverfilmung von 1967 mit Marcello Mastroianni und Anna Karina zu wenig entfernt. Herausgekommen aber ist nicht nur ein betörendes Manifest für den Atheismus, sondern auch eine umwerfende Ode an das Kino. Formuliert wird auch eine gewisse existentielle Überdrüssigkeit und eine lässige Gleichgültigkeit, die einen über die Geschehnisse erhebt. Alles, was die globale Stimmungslage zu Beginn dieses Jahres 2026 zu kondensieren vermag. Und damit ist Ozons Der Fremde ein Klassiker und Film der Stunde zugleich.