| Frankreich/B 2025 · 126 min. · FSK: ab 12 Regie: Cédric Klapisch Drehbuch: Santiago Amigorena, Cédric Klapisch Kamera: Alexis Kavyrchine Darsteller: Suzanne Lindon, Abraham Wapler, Vincent Macaigne, Julia Piaton, Zinedine Soualem u.a. |
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| Auf der Suche nach der verlorenen Familie... | ||
| (Foto: Studiocanal) | ||
Cédric Klapisch hat sich neben seinen leichten Komödien wie Der Wein und der Wind (2017) oder Das Leben ein Tanz (2022) oder seinem »Klassiker« L’auberge espagnole (2002) immer auch für gesellschaftliche Transformationen und die eher schweren Fragen des Lebens interessiert, wie etwa das Zusammenspiel von neoliberalen Wirtschaftsparadigmen und singulären Lebenslinien in seinem großartigen Film Mein Stück vom Kuchen (2010).
Auch in Die Farben der Zeit, der seine Premiere auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes feierte, gibt es zwar leichte romantische Momente, doch im Kern erzählt Klapisch von einem eher schweren Zustand, dem Verlust der Vergangenheit in unserer Gegenwart. Dafür verschränkt er die Vergangenheit der impressionistischen Malerei mit unserer neoliberalen Gegenwart, erzählt über Familie als Langzeitexperiment und das Ringen um Identität im Gestern und Heute. Das ist so klug wie poetisch und bei weitem nicht nur ein Ausflug in die Malerei des frühen Impressionismus, sondern viel mehr ein berührender Versuch, »Gesellschaftswerdung« eine filmische Form und eine Geschichte zu geben.
Die Geschichte ist dabei schnell erzählt, auch wenn es noch eine Geschichte »hinter« der Geschichte gibt: Ein seit den 1940er Jahren unbewohntes Haus in der Normandie soll 2024 abgerissen werden und Parkplätzen für ein neues Einkaufszentrum weichen. Die Nachkommen der früheren Besitzerin bestimmen den Imker Guy (Vincent Macaigne), die Geschäftsfrau Céline (Julia Piaton), den Lehrer Abdel (Zinedine Soualem) und den Content Creator Seb (Abraham Wapler) als Interessensvertretende. Bei einer gemeinsamen Ortsbegehung stoßen sie jedoch auf alte Dokumente und Bilder, was die Sache schwieriger als erwartet gestaltet, denn ihre Aufmerksamkeit wird auf die Spuren der geheimnisvollen Adèle (Suzanne Lindon) gelenkt, die Ende des 19. Jahrhunderts mit gerade einmal 20 Jahren ihre Heimat, die Normandie, verlassen hat. Gemeinsam versuchen sie mehr über das Leben der jungen Frau herauszufinden, auch weil sie ahnen, dass Adèle mehr als nur ein Gespenst ihrer eigenen Vergangenheit ist.
Klapisch inszeniert diese Vergangenheit als reale Zeitreise, ein Blick auf ein Foto öffnet ein Zeitfenster und der Zuschauer befindet sich erst in der Normandie und dann im Paris der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert und erfährt dabei nicht nur etwas über den Personentransport auf französischen Gewässern, sondern vor allem auch etwas über Gebrauchs- und Kunstmalerei.
Klapisch verschränkt die Vergangenheit mit der erzählerischen Gegenwart im Laufe des Films immer virtuoser, arbeitet sich mit immer assoziativeren Schnitten immer weiter in die Vergangenheit vor, um das Rätsel einer Vergangenheit zu lösen, das sowohl für die Gegenwart als auch die Zukunft der Protagonisten relevant ist.
Da dieses zeitliche Konstrukt und auch das weit gefächerte Personal weitere Anker als nur eine Detektivgeschichte brauchen, um der Erzählung genug Spannung zu verleihen, unterlegt Klapisch diese Suche und Selbstfindung mit einer flirrenden Liebesgeschichte in der Vergangenheit, die das Beziehungs- und Familienpatchwork unserer Gegenwart schon ein wenig vorwegnimmt, aber vor allem darauf aufmerksam macht, dass Identitätsbildung nicht nur in unserer Gegenwart schwer ist, sondern schon immer mit Mühen verbunden war. Gleichzeitig zeigt Klapisch aber auch, dass wir uns nur mit einer gefestigten Identität gegen das wehren können, was uns damals wie heute angreift, eine herrschende Moral, der sowohl auf künstlerischer als auch wirtschaftspolitischer Ebene Paroli geboten werden muss. Und dann ist es schließlich fast so wie im amerikanischen Kino der Gegenwart: in einer Welt, in der auf Politik kein Verlass mehr ist, bleibt am Ende nur die Familie, auf die man noch zählen kann und die man, wie die Helden in Klapischs so berührendem wie klugem Film, erst einmal neu lernen muss, ganz so wie eine vergessene Sprache.