Eagles of the Republic

S/DK/F/FIN/D 2025 · 129 min. · FSK: ab 16
Regie: Tarik Saleh
Drehbuch:
Kamera: Pierre Aïm
Darsteller: Fares Fares, Lyna Khoudri, Zineb Triki, Sherwan Haji, Amr Waked u.a.
Eagles of the Republic
„Wir sprechen Worte, die man uns sagt...“
(Foto: MFA+/Die FilmAgentinnen)

Schauspieler der Macht

Tarik Salehs letzter Teil der Kairo-Trilogie blickt tief in den paranoiden Maschinenraum des ägyptischen Staates und zeigt eine Diktatur, die längst selbst zum Film geworden ist

Es gibt Regis­seure, die beob­achten Macht. Und es gibt Regis­seure, die verstanden haben, dass Macht heute vor allem Insze­nie­rung ist. Der schwe­disch-ägyp­ti­sche Filme­ma­cher Tarik Saleh gehört zur zweiten Kategorie. Seit seiner ebenso präzisen wie nervösen Die Nile Hilton Affäre, die Ägyptens Poli­zei­staat im Revo­lu­ti­ons­jahr 2011 als korruptes Labyrinth zeigte, ist Saleh in Ägypten Persona non grata. Er lebt inzwi­schen in Schweden, arbeitet aus dem Exil heraus und blickt wohl auch deshalb schärfer auf das Land als jene, die noch darin gefangen sind. Mit Eagles of the Republic schließt er nun seine Kairo-Trilogie ab. Und auch wenn dieser dritte Teil nicht ganz die messer­scharfe Klarheit des zweiten Teils, Die Kairo Verschwörung (2024), erreicht, ist er dennoch ein ebenso wichtiger wie faszi­nie­render Film.

Denn Saleh inter­es­siert sich längst nicht mehr nur für Korrup­tion oder Macht­miss­brauch. Ihn inter­es­siert das ganze ideo­lo­gi­sche Theater eines Staates, der sich selbst nur noch über Bilder re-enacted. Und genau hier setzt Eagles of the Republic dann auch an: bei einem Schau­spieler, der buchs­täb­lich den Präsi­denten spielen soll.

George Fahmy, großartig gespielt von dem liba­ne­sisch-schwe­di­schen Schau­spieler Fares Fares, ist ein ägyp­ti­scher Superstar, geschnie­gelt, populär, eine Projek­ti­ons­fläche natio­naler Sehn­süchte. Doch plötzlich gerät er in Ungnade. Rollen verschwinden. Die Presse beginnt, ihn als unpa­trio­tisch zu markieren. Produ­zenten ziehen sich zurück. In einem System, in dem Öffent­lich­keit volls­tändig kontrol­liert wird, ist sozialer Tod eine admi­nis­tra­tive Entschei­dung. Aus Angst vor dem Absturz übernimmt Fahmy schließ­lich die Haupt­rolle in einer patrio­ti­schen Biografie über Abdel Fattah al-Sisi – ein groteskes Monument staat­li­cher Selbst­ver­herr­li­chung. Hier beginnt dann auch Salehs eigent­liche Erzählung. Denn Eagles of the Republic ist weniger ein klas­si­scher Polit­thriller als ein Film über perfor­ma­tive Macht. Über Menschen, die irgend­wann nicht mehr wissen, ob sie noch spielen oder bereits volls­tändig gespielt werden.

Der Film-im-Film-Aspekt erinnert dabei an Once Upon a Time in Gaza des paläs­ti­nen­si­schen Regieduos Tarzan und Arab Nasser, die ebenfalls wahn­wit­zige Macht­al­lüren demas­kieren. Doch Saleh insze­niert sein Narrativ wesent­lich para­no­ider und bitterer, Humor gibt es hier nicht. Ständig über­la­gern sich Ebenen: der Schau­spieler als Präsident, der Präsident als Schau­spieler, die Nation als Bühne. „Wir sprechen Worte, die man uns sagt“, heißt es einmal. Selten wurde der Zustand auto­ri­tärer Systeme präziser beschrieben.

Dabei zeigt Saleh ein Ägypten, das längst volls­tändig vom Militär, Geheim­dienst und ökono­mi­schem Filz durch­zogen ist. Überall absurde gigan­to­ma­ni­sche Baupro­jekte, eine nationale Selbst­my­tho­lo­gi­sie­rung und ein fast schon bizarrer Panara­bismus, der irgend­wann sogar in den Satz mündet: »Wussten Sie, dass Shake­speare arabi­scher Herkunft war?« Ein Satz, so größen­wahn­sinnig, dass man lacht, bis man merkt, dass genau darin die Logik solcher Systeme liegt: Geschichte wird nicht erinnert, sondern produ­ziert.

Saleh versteht dabei wie kaum ein anderer gegen­wär­tiger arabi­scher Regisseur die Ästhetik moderner Auto­kra­tien. Ihre Mischung aus Natio­na­lismus, Kitsch, Männ­lich­keits­kult und perma­nenter Unsi­cher­heit. Immer wieder kreisen seine Figuren um Sätze wie: „Wir sind das Schild, das dieses Land schützt.“ Die Adler der Republik: der Titel wird dabei fast zu einer ironi­schen Chiffre für ein System, das sich selbst heroi­siert, während es gleich­zeitig jeden Einzelnen verschlingt.

Formal ist das beein­dru­ckend. Die Kamera bewegt sich nervös durch sterile Macht­zen­tren, luxuriöse Hotel­räume und schwer bewachte Villen. Immer wieder wirken Szenen wie kurz vor dem Kolla­bieren. Gleich­zeitig verliert Saleh diesmal gele­gent­lich die narrative Kontrolle. Wo Die Kairo Verschwörung mit fast mathe­ma­ti­scher Präzision Macht­struk­turen freilegte, entsteht hier mitunter ein Übermaß an Intrigen, Figuren und Paral­lel­hand­lungen. Um mit Wieland zu sprechen: Man sieht irgend­wann den Wald vor lauter Bäumen kaum noch.

Und dennoch entwi­ckelt der Film gerade daraus eine eigen­tüm­liche Kraft. Denn diese Über­for­de­rung scheint fast Teil des Konzepts zu sein. Die ägyp­ti­sche Politik erscheint bei Saleh inzwi­schen wie ein meta­sta­sie­rendes System, ein Krebs­ge­flecht aus Militär, Geheim­dienst, Wirt­schaft und Propa­ganda, in dem niemand mehr volls­tändig den Überblick besitzt. Selbst die Mächtigen wirken wie Getrie­bene ihrer eigenen Maschi­nerie

Besonders stark wird Eagles of the Republic dort, wo Saleh erneut seine große Begabung für Ambi­va­lenz zeigt. Wie schon in Die Kairo Verschwörung gibt es keine echten Helden mehr. Alle Figuren sind kompro­mit­tiert, korrum­piert oder zumindest verstrickt. Der Kampf um die Gesund­heit eines Ministers spiegelt plötzlich den Kampf um poli­ti­sche Kontrolle. Privat­leben und Staats­ap­parat verschmelzen volls­tändig mitein­ander. Selbst Liebe existiert hier nur noch unter Beob­ach­tung.

Gerade darin liegt dann auch die eigent­liche Stärke dieser Trilogie. Saleh erzählt den arabi­schen Raum nicht exotis­tisch, nicht verein­fa­chend, nicht moralisch überlegen, sondern als hoch­kom­plexe, histo­risch beschä­digte Region, deren auto­ri­täre Systeme sich aus Angst, Traumata, Mili­ta­ri­sie­rung und geopo­li­ti­scher Dauer­krise speisen. Seine Filme funk­tio­nieren deshalb zugleich als Thriller und als poli­ti­sche Anatomien und sind ein Muss für alle, die verstehen wollen, wie moderne Dikta­turen funk­tio­nieren; nicht nur in Ägypten, sondern weit darüber hinaus.