| USA 2026 · 122 min. · FSK: ab 16 Regie: Michael Sarnoski Drehbuch: Michael Sarnoski Kamera: Pat Scola Darsteller: Hugh Jackman, Jodie Comer, Bill Skarsgård, Murray Bartlett, Noah Jupe u.a. |
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| Print the legend… | ||
| (Foto: DCM) | ||
Er will keinen Neubeginn. Er will nur noch ein stimmiges Ende. Er hasst sein Leben, das sich beharrlich an ihn klammert. Hasst, wer er war und ist: Ein ruchloser Dieb, Mörder, Vergewaltiger. Der seine Gefährten mit hinein gezogen hat in einen Strudel der Gewalt. Um dessen Namen – den er sich nicht mehr zu eigen macht – das Volk aber Legenden dichtet vom edlen Rächer der Armen.
Doch der Tod entflieht ihm. Weil er ihn greifen will, wie er sich alles bisher nahm: Mit Gewalt. Kampflos gibt er sein Leben nicht her, gleich wie überdrüssig er dessen ist. Dafür sitzt der animalische Überlebensinstinkt zu tief. Doch er hofft insgeheim, dass irgendjemand, Rache nehmend für eins seiner unzähligen Opfer, sich endlich als überlegen erweist. Und ihm gegen alle Gegenwehr das ersehnte Ende bereitet.
Früh macht The Death of Robin Hood klar, dass in seiner Welt niemand sicher ist. Dass die üblichen Kino-Regeln nicht gelten, wer gefeit ist vor schrecklichem Schicksal. Und dann steigt er mit geradezu viehischer Brutalität in ein eisiges Inferno von Blut und Schlamm.
In der brachialen Schilderung einer archaischen, barbarischen Welt, mag man sich erinnert fühlen an Nicolas Winding Refns V Walhalla Rising. Auch darin aber, wie der Film sich daraus dann aufschwingt zu einer Läuterung.
Das erste Drittel schrammt hart an der Grenze des Erträglichen – will und muss dies aber auch. Man soll nicht nur wissen, sondern spüren, bis in die Eingeweide spüren, warum dieses Leben, diese Welt unerträglich geworden sind für Hood.
Und man muss diese Figur wirklich verachten, muss ihre unentschuldbaren Taten miterlebt und nicht nur von ihnen gehört haben. Damit anschließend die Frage wirklich Ernst und Gewicht hat: Kann man, darf man diesem Menschen vergeben?
Denn wenn man schon nicht mehr weiß, wie weit der Film das noch treiben will und kann, reißt er radikal das Steuer rum.
Halbtot wird Hood nach einem Kampf in das Refugium der Nonne Schwester Brigid gebracht. Und von da an kommt es zu einer anderen Art des Zweikampfs: Einem seelischen, philosophischen, moralischen.
Brigid lässt Hood zur Ader, in mehr als nur leiblichem Sinne. Sie heilt ihn, zumindest zunächst körperlich. Und bietet ihm etwas, bringt ihm etwas Ungeahntes bei, das noch radikaler ist als sein nihilistischer Vernichtungswillen: Gnade. Obwohl sie allen Grund zum Gegenteil
hätte.
The Death of Robin Hood geht immer auf vollen Einsatz – im Bestialischen ebenso wie dann im Emotionalen, Transzendenten. Er kennt keine Distanzierung, Ironisierung, hält sich keinen Ausschlupf offen. Hat keine Abwehr, Entschuldigung gegen jene, denen das eine zu abstoßend, das andere zu gefühlig, grübelnd ist.
Wenige Filmemachende wühlen sich im heutigen Kino derart heftig in Trauer und Zorn wie Michael Sarnoski. Noch weniger erzählen dabei aber so ergreifend vom Loslassen.
Im Debut-Meisterwerk Pig schickte er Nicolas Cage als zum Waldschrat gewordenen Ex-Sternekoch auf die Suche nach seinem entführten Titel-Haustier. Und machte daraus, statt eines John Wick-artigen Rachefeldzugs, eine Meditation über den Sinn von Kunst und Leben. In A Quiet Place: Day One trieb er der Monster-Franchise fast ganz die Monster aus, führte Lupita Nyong'o als Sterbende durch eine sterbende Welt: Wer eh nicht mehr mit dem eigenen Überleben rechnet (siehe auch Lars von Triers Melancholia) hat in der Apokalypse einen klaren Startvorteil.
Und derzeit arbeitet Sarnoski an einer Adaption von Hideo Kojimas Videospiel-Opus Death Stranding – einem Game über Isolation und dem mühseligen Ringen um Verbindung.
Hugh Jackman hat sich wohl nicht zuletzt durch seinen Auftritt in Logan empfohlen für die Titelrolle einer Figur, die ihrer Existenz voller Gewalt müde geworden ist. Aber sein abgehalfterter Wolverine war propper und munter gegen die existenzielle Verlebtheit, die tiefe Verderbtheit, welche er als Anti-Robin Hood an den Tag legt.
Doch wenn dieser Protagonist sich gar so sträubt gegen die vom Volksmund zugeschriebene Robin-Hood-Rolle – warum nimmt der Film nicht gleich einen selbst erfundenen Strauchdieb zum Protagonisten? Warum die Referenz zu einem Mythos, den er stets nur in jedem Punkt völlig zu negieren scheint?
Die Antwort offenbart sich erst am Ende. Das eine intimere Variante ist des berühmten Diktums aus John Fords The Man Who Shot Liberty Vallance: »Print the legend!« Und das voraussetzt, dass man eben die Legenden (er)kennt um die Figur.
Es ist ein Verschwinden des wahren Lebens hinter der Fiktion. Aber nicht zum eigenen (Nach-)Ruhm. Sondern um ein junges Mädchen dem ewigen Kreislauf der Gewalt zu entheben, dem Geborenwerden in Schuld und Schmerz, dem Sterben in Sühne.
Und letztlich konnte wohl nur der berühmteste Bogenschütze aller Zeiten im Zentrum dieses Films stehen. Denn mit dem Tod ist es hier dann wie beim Zen-gleichen Pfeileschießen: Die Kunst ist nicht, aktiv loszulassen. Sondern einfach aufzuhören, weiter festzuhalten.