| Frankreich/SN/Guinea-Bissau 2026 · 192 min. · FSK: ab 12 Regie: Alain Gomis Drehbuch: Alain Gomis Kamera: Céline Bozon, Amath Niane, Mabeye Deme Darsteller: Katy Correa, D'Johé Kouadio, Samir Guesmi, Mike Etienne, Nicolas Gomis u.a. |
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| Die allmähliche Verfertigung... | ||
| (Foto: Luftkind) | ||
»Eine echte falsche Familie«, das sollten sie werden, so instruiert Regisseur Alain Gomis aus dem Off seine Darsteller*innen beim Casting. Wir befinden uns in einer nüchternen Halle irgendwo in Paris, ein neutraler Nicht-Ort, mit funktionalen Stühlen, die Darsteller*innen werden interviewt und geben Informationen zu ihrem sozialen Status und migrantischen biographischen Hintergrund preis. Es wirkt wie eine Versuchsanordnung, in der Laien und Schauspieler*innen vom Regisseur zusammengebracht werden, um eine dokumentarische Ausgangssituation in fiktionales Spiel zu überführen. Als zentrale Figuren schälen sich Gloria und deren Tochter Nour heraus: Katy Correa und D’Johé Kouadio verkörpern sie und üben die Mutter-Tochter-Konstellation in rollenspielartigen Gesprächen ein, bei denen die Mutter die Heiratspläne der Tochter hinterfragt.
Schon diese anfängliche Experimentalanordnung lässt Alain Gomis jenseits jeglicher Verkopftheit in unmittelbares Spiel übergehen, um dann die echte falsche Familie von dieser Zweierpaarung ausgehend in kühnem Schwung auszuweiten. Glorias Vater in Guinea-Bissau ist vor kurzem gestorben: begleitet von Nour, wird sie dem dreitägigen Totenritual in ihrer Heimat beiwohnen. Daneben wird, trotz der Zweifel Glorias, Nours Hochzeit vorbereitet, die mit einem großen Fest in einem Landhaus in der Nähe von Paris gefeiert werden soll.
Diese beiden familiären Großereignisse machen im Grunde den ganzen dreistündigen Film aus: Gomis entfesselt einen mitreißenden film-fleuve, einen epischen Strom, der die Zuschauenden immer wieder in ein turbulentes Treiben und Kreisen hineinzieht, in einen schwindelerregenden Strudel der Emotionen und Intensitäten.
Über die Kontinente hinweg schaltet die Montage zwischen dem magisch-zeremoniellen Totenritual im guineisch-bissauischen Dorf und der exzessiven, überbordenden Hochzeitsfeier nahe Paris hin und her und schafft dabei eine über dem linearen Nacheinander stehende Gleichzeitigkeit, eine sinnliche Einheit des Erlebens, in der Geisterbeschwörung und Tanz, Ekstase und Exzess, Trauer um die Toten und Feier des Lebens verschmelzen.
Auch wenn mit einer zu Beginn eingeblendeten Texttafel auf das taoistische Prinzip eines zyklischen Lebenskreislaufs verwiesen wird, lässt der Film nie Esoterik-Verdacht aufkommen: dem wirkt die immer handfeste, an konkreten Materialitäten interessierte Kamera von Céline Bozon entgegen, mit ihrer dokumentarischen Einbettung ins Alltägliche, mit ihrer Geduld für prozessuale Abläufe, mit ihrem empathischen Gespür für die Menschen und ihre Diversität.
Besonders fesselnd und in Bann schlagend ist es, der Kamera geradezu bei der allmählichen Verfertigung der Wirklichkeit zuzusehen.
Das gilt vor allem für das Totenritual, das Gloria und Nour als längst in Europa lebenden bzw. noch nie in Guinea-Bissau gewesenen eher fremd ist, das aber im performativen Vollzug eine unmittelbare Wirkmacht entfaltet, die nicht nur die Figuren des Films erfasst, sondern sich auch auf die im Kinosaal Anwesenden überträgt. So wie die beiden Darstellerinnen im Verlaufe des vom Film gestifteten Rollenspiels zu Gloria und Nour werden und Spiel in Authentizität überführen, so ersteht mit dem auf der Leinwand Gezeigten für die Zuschauenden der Filmvorführung eine genuine Wirklichkeit von Energien und Intensitäten.
Wie selbstverständlich lässt Alain Gomis’ Dao Fiktionales und Dokumentarisches, Gespieltes und Authentisches in immer wieder unglaublichen Momenten der Wahrhaftigkeit ineinander übergehen.
Alain Gomis, dessen Film Félicité bereits ein eindringlich-intensives wirklichkeitssattes Bild einer Frauenfigur im kongolesischen Kinshasa (übrigens auch mit Céline Bozon an der Kamera) in einer rein fiktionalen Geschichte gezeigt hatte, wendet sich mit Dao nun seiner eigenen familiären Herkunft aus Guinea-Bissau zu, jenem afrikanischen Land, das einst portugiesische Kolonie war. Der Zufall will es, dass man sich mit dem ebenfalls dreistündigen Film des Portugiesen Pedro Pinho I Only Rest in the Storm momentan im Kino eine weitere außergewöhnliche Seherfahrung aus Guinea-Bissau verschaffen kann.