Crime 101

GB/USA 2025 · 141 min. · FSK: ab 12
Regie: Bart Layton
Drehbuch:
Kamera: Erik Wilson
Darsteller: Chris Hemsworth, Mark Ruffalo, Halle Berry, Barry Keoghan, Corey Hawkins u.a.
Crime 101
Die Gegenwart verloren...
(Foto: Sony)

Heist ohne These

Bart Layton vertraut dem Genre, seinen Schauspielern und dem Vergnügen – und findet darin eine Freiheit, die dem zeitgenössischen Kino fast abhandengekommen ist

Crime 101 ist einer der seltenen Filme, bei denen sich beim Zuschauen eine fast verges­sene Lust meldet: die Lust am unpo­li­ti­schen Genre-Film, der einem regel­recht das Wasser im Mund zusam­men­laufen lässt. Und das sei hier ausdrück­lich nicht als Mangel, sondern als Quali­täts­merkmal dekla­riert. Obwohl ich mit Don Winslow als Autor nie recht warm geworden bin – zu sehr betont er auch in Inter­views, dass er »nur unter­halten« wolle und kein poli­ti­scher Schrift­steller sei –, funk­tio­niert diese Haltung hier erstaun­lich gut. Viel­leicht, weil Bart Layton den Stoff ernst nimmt, ohne ihn zu überhöhen. Crime 101 ist kein großer Film über Los Angeles, und auch keine zeit­dia­gnos­ti­sche Groß­be­haup­tung. Er handelt von Menschen, die den Anschluss an die Gegenwart verloren haben – und dazu braucht es in diesem Fall, Gott sei Dank, einmal keine Politik.

Der Plot ist klassisch und bewusst schlank gehalten: Juwe­len­dieb Mike Davis (Chris Hemsworth) zieht entlang des Highway 101 seine präzisen Kreise, die Polizei tappt im Dunkeln, Detective Lou Lubesnick (Mark Ruffalo) glaubt, ein Muster erkannt zu haben. Ein letzter Coup rückt näher, Neben­fi­guren kreuzen die Wege, verschwinden wieder und es gibt Momente, die nicht ganz logisch sind, kleine abstruse Verschie­bungen. Aber genau das gehört dann irgendwie auch zur Verab­re­dung dieses Films: Er will fließen, mal kreuz, dann wieder quer, und nicht argu­men­tieren. Heist, nicht These.

Dass das so souverän gelingt, hängt stark mit Laytons »Hand­schrift« zusammen. Bart Layton, Jahrgang 1975, kommt vom Doku­men­tar­film. Mit The Imposter (2012) gewann er einen BAFTA für das beste Debüt und erhielt eine Oscar-Nomi­nie­rung; mit American Animals (2018) drehte er einen hybriden Film zwischen Doku­men­ta­tion und Spielfilm über einen realen Bücher­raub. Diese Filmo­grafie ist in Crime 101 spürbar: das Interesse an Struk­turen, an Mustern, an Menschen, die sich selbst Geschichten erzählen – ohne dass der Film je didak­tisch würde. Layton beob­achtet, er kommen­tiert nicht. Und genau darin liegt die über­ra­schende Freiheit dieses Films.

In seiner Grund­kon­stel­la­tion erinnert Crime 101 an das Kino von Michael Mann, vor allem an dem auch noch heute sehr sehens­werten Heat: zwei Männer, auf verschie­denen Seiten des Gesetzes, seltsam aufein­ander bezogen, als wüssten sie mehr vonein­ander als von sich selbst. Der entschei­dende Unter­schied: Layton verwei­gert sich dem Pathos, das bei Mann immer wieder durch­schim­mert. Statt­dessen bevorzugt er eine spie­le­ri­sche Leich­tig­keit – bis hin zu einem Ende, das tatsäch­lich lächelt, mit einem Augen­zwin­kern schmun­zelt. Das ist fast radikal in seiner Unauf­ge­regt­heit.

Das Ensemble trägt diese Haltung glänzend. Chris Hemsworth über­rascht als Mike Davis mit lako­ni­scher Zurück­hal­tung, fern jeder Heroi­sie­rung. Ein herr­li­cher Mark Ruffalo gibt den Detective als müden Beses­senen, der zu viel gesehen hat und trotzdem nicht loslassen kann. Und dann ist da Nick Nolte: ihn zu sehen, lohnt den Kino­be­such allein schon. Nolte bringt eine körper­liche, gelebte Müdigkeit mit, die man eigent­lich so nicht spielen kann. Aber Nolte macht es trotzdem. Besonders schön – und poli­ti­scher, als der Film eigent­lich sein will – ist das Wieder­sehen mit Halle Berry. Berry ist 59 Jahre alt und darf hier ganz selbst­ver­s­tänd­lich eine 53-Jährige spielen. Keine Ausrede, kein Kommentar, kein kosme­ti­scher Trick. Man spürt, wie sehr sie diese Rolle genießt, wie sie jede Szene mit ihrer Präsenz füllt. Und am Ende, beinahe unauf­fällig, darf sich auch jene Wut zeigen, die Berry selbst mehrfach über den Alters­ras­sismus Holly­woods geäußert hat – ohne dass der Film daraus eine Botschaft machen müsste. Barry Keoghan wiederum knüpft an jene Ambi­guität an, die er zuletzt in Andrea Arnolds groß­ar­tigem Bird so eindrucks­voll gezeigt hat: verletz­lich und zugleich unbe­re­chenbar.

Der Heist-Plot ist sorg­fältig gebaut, viel­schichtig und über­ra­schend genug, um trotz allge­meiner Heist-Müdigkeit Freude zu machen. Schön ist, wie der Film zu seinem Anfang zurück­findet, zu den perso­nalen Mosa­ik­steinen, zu jener Coaching-Stimme, die ein besseres Leben verspricht. Die Seiten­hiebe auf das perfekte Leben – Yoga, Selbst­op­ti­mie­rung, Acht­sam­keit – sind dabei nicht böse, sondern fast zärtlich in den insze­nierten Raum gestellt. Sie wirken weniger wie Satire als wie Symptome exis­ten­zi­eller Verlo­ren­heit, als weitere Wege, die ins Leere führen.

Crime 101 will die Welt nicht erklären. Er will sie für zwei Stunden vergessen machen. Und genau darin liegt seine Stärke: es ist ein souver­äner, ein lust­voller Genre-Film, der sich seiner Tradition bewusst ist, ohne ihr dabei gleich zu verfallen.