Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger

Calle Málaga

F/E/MA/D/B 2025 · 116 min.
Regie: Maryam Touzani
Drehbuch:
Kamera: Virginie Surdej
Darsteller: Carmen Maura, Marta Etura, Ahmed Boulane, Miguel Garcés, María Alfonsa Rosso u.a.
Calle Málaga - Ein Zuhause in Tanger
Von der Dramatik der Dauer...
(Foto: Pandora / Die FilmAgentinnen)

Die Würde der Falten

Maryam Touzani erzählt von Heimat, Verlust und der Freiheit, alt zu werden. Es ist ein leiser, sinnlicher Film, in dem eine großartige Carmen Maura den gelebten Körper gegen das Vergessen verteidigt

Es fängt mit einer Distan­zie­rung an, die fast körper­lich spürbar ist: Mutter und Tochter an einem Tisch, neben­ein­ander und doch getrennt durch Jahre, Entschei­dungen und nicht ausge­spro­chene Vorwürfe. Es ist ein Bild, das so klar gesetzt ist, dass es alles enthält, was folgen wird. Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger ist ein Film, der seine Konflikte nicht erklärt, sondern in Räume einschreibt, in Blicke und in lange Momente des Schwei­gens.

Maryam Touzani, die 2022 mit Das Blau des Kaftans nicht nur den bislang erfolg­reichsten marok­ka­ni­schen Film geschaffen hat, sondern damit auch bewiesen hat, dass Intimität politisch sein kann, verschiebt hier die Perspek­tive noch einmal radikal: weg von der Dramatik des Ereig­nisses, hin zur Dramatik der Dauer. Es geht um María Ángeles, gespielt von einer über­ra­genden Carmen Maura, die sich weigert, ihr Haus in Tanger aufzu­geben, ein Haus, das mehr ist als Besitz, eine Wohnung, die mehr als Erin­ne­rung ist, sondern Symbol und Teil eines sedi­men­tierten Lebens ist, das sich nicht einfach verkaufen lässt, ohne sich selbst zu verraten.

Die Diskre­panz zwischen Gegenwart und Vergan­gen­heit, zwischen Heimat und Verlo­ren­heit, ist dabei kein abstraktes Thema, sondern konkret einge­schrieben in die Geschichte einer spani­schen Minder­heit in Marokko, die einst vor Franco floh und nun erneut mit dem Verlust von Zugehö­rig­keit konfron­tiert ist. Touzani deutet diese histo­ri­schen Hier­ar­chien nur an, sie legt sie nicht aus – und gerade darin entsteht eine Spannung, die subtil nachwirkt.

Was Calle Málaga so besonders macht, ist sein Blick auf das Alter. Nicht als Defizit, nicht als Ausklang, sondern als Verdich­tung. María Ángeles’ Körper wird nicht kaschiert, nicht ästhe­tisch neutra­li­siert, sondern in einer Weise gezeigt, die man im Kino kaum noch sieht: Falten sind hier als Topo­grafie eines gelebten Lebens sichtbar, die Haut als Archiv. In den Close-ups, die das Licht fast zärtlich über diese Ober­fläche gleiten lassen, liegt eine Form von Schönheit, die nichts beweisen will und gerade deshalb so viel mehr zu sagen scheint.

Und dann diese Szene, dieser Tanz, diese Choreo­grafie mit dem alten Plat­ten­spieler: zwei Körper, die sich vorsichtig annähern, ein Tanz, der weniger von Bewegung als von Erin­ne­rung getragen wird. Es ist »Altensex«, wenn man so will, den auch schon Andreas Dresen in seinem Wolke 9 versucht hat, filmisch neu zu defi­nieren, aber scheint es wie ein Wort, das fast schon zu grob ist für das, was Touzani insze­niert: eine Form von Intimität, die nicht mehr erobern muss, sondern sich kennt. Selten war Romantik und Zärt­lich­keit so glaub­würdig, so frei von Pose.

Der Film erlaubt sich dabei eine Lang­sam­keit, die in Zeiten narra­tiver Über­hit­zung fast schon subversiv wirkt. Er verwei­gert die großen Wendungen, die klaren Auflö­sungen. Selbst das Ende bleibt offen; nicht aus Koket­terie, sondern aus Konse­quenz. Denn jede Entschei­dung, die hier getroffen würde, wäre falsch, wäre zu einfach für ein Leben, das sich nicht mehr in eindeu­tige Rich­tungen pressen lässt.

Auch Marta Etura als Tochter Clara ist dabei mehr als nur Gegenpol. Sie verkör­pert eine Moderne, die am Ende nicht trium­phiert, sondern selbst fragil wirkt, unsicher, ob sie wirklich weiß, was sie tut. Zwischen den beiden Frauen entfaltet sich kein klas­si­scher Konflikt, sondern ein Aushand­lungs­pro­zess, der nie abge­schlossen ist – und viel­leicht auch nie abge­schlossen sein kann.

Calle Málaga ist ein Film über das Bleiben und das Gehen, über das, was wir bewahren wollen, und das, was wir loslassen müssen. Aber vor allem ist er ein Film über Würde. Über die Möglich­keit, alt zu werden, ohne unsichtbar zu werden. Und über die Freiheit, die eigene Geschichte nicht aufzu­geben, nur weil die Gegenwart es verlangt.