Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter

On ira

Frankreich 2025 · 97 min. · FSK: ab 12
Regie: Enya Baroux
Drehbuch: , ,
Kamera: Hugo Paturel
Darsteller: Hélène Vincent, Pierre Lottin, Juliette Gasquet, David Ayala, Henock Cortes u.a.
Bon voyage
Sterben auf Französisch
(Foto: Happy Entertainment)

Hinterm Horizont geht's weiter

Optimistisch: Enya Baroux' Spielfilmdebüt »Bon Voyage« ist ein Feelgood-Roadmovie über Sterbehilfe

Ein Sommer­film im Winter. Ein Fami­li­en­film passend für die Tage nach dem gemein­samen Weih­nachts­fest, wenn man sich viel­leicht auch mal heftig gestritten und geweint hat, aber auch viel gelacht, und eben doch weiß, dass man irgendwie zusam­men­gehört, allen Gewalten zum Trotz. Und ein Film über das Leben vor dem Sterben, das uns alle irgend­wann einholen wird. Dabei gar nicht ernst und irgendwie doch; vor allem aber sehr vergnüg­lich, sodass man über die eigenen Fehler und die eigenen Ängste und die eigenen Probleme endlich mal richtig lachen kann.

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Dass Schau­spie­le­rinnen ohne Not etwas Neues wagen, passiert gar nicht so häufig; dass sie damit auch Erfolg haben, noch seltener.
In diesem Fall aber gleich doppelt: Im Alter von 82 Jahren nimmt nämlich gerade die Karriere von Hélène Vincent noch einmal so richtig Fahrt auf. In François Ozons Wenn der Herbst naht war sie erst kürzlich in einer Haupt­rolle als resolute Rentnerin zu sehen. Nun folgt in der Ster­be­hilfe-Komödie Bon Voyage gleich der nächste Haupt­rol­len­auf­tritt – und wieder geht es um ein Fami­li­en­ge­heimnis. Und auch die Regie stammt von einer Schau­spie­lerin: Sie heißt Enya Baroux und hat mit ihrer ersten Spiel­film­regie gleich mehrere Preise und in Frank­reich viele Zuschauer gewonnen.

Die Reise, von der im Titel die Rede ist, hat viele Facetten. Genau gesagt sind es sogar mehrere Reisen.

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Oma will sterben. Sie hat einfach genug, mit über 80. Oma Marie hat aber ihrer Familie nichts gesagt, denn die würde das angeblich nicht ertragen.

Überhaupt ist dies eine Familie wie wir alle: Es wird zu wenig mitein­ander gespro­chen und wenn, dann über das falsche. Darum hat der Sohn Bruno der Familie auch nicht erzählt, dass er ziemliche Geld­pro­bleme hat. Und Enkel­tochter Anna hat Liebes­kummer und weitere Sorgen.

Als die alte Dame dann einen Ster­be­hilfe-Termin in der Schweiz bekommt, wollen Sohn und Enkelin natürlich unbedingt wissen, warum sie so plötzlich in die Schweiz reisen will. Da erfindet Marie spontan eine unglaub­liche Geschichte: »Ich bekam heute einen Anruf von einem Notar …«
Was als kleine Notlüge beginnt, entwi­ckelt sich zu einer aber­wit­zigen Fami­li­en­reise, einem Roadmovie in einem alten Wohnmobil. Mit dabei ist auch noch Rudy, ein Sozi­al­ar­beiter, den die anderen kaum kennen und der wider Willen in dieses Abenteuer hinein­ge­zogen wird.

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Doch unterwegs, zwischen Vorwürfen, Lachen und Geheim­nissen, führt die Reise dazu, dass drei Gene­ra­tionen wieder zuein­an­der­finden – selbst wenn sie eigent­lich gar nicht danach gesucht haben.

In einem bitter­süßen und zugleich warm­her­zigen Ton nimmt Bon Voyage sein Publikum mit auf einen Fami­li­en­trip, der ebenso Abschied wie Chance zu einer Wieder­be­geg­nung ist.

Der von Enya Baroux geschrie­bene und insze­nierte Film berührt Themen wie Alter, Eutha­nasie, familiäre Bezie­hungen und ist vor allem ein Plädoyer für das Recht, über das eigene Leben zu entscheiden.

Dabei dominiert immer eine leichte, humor­volle Heran­ge­hens­weise. So findet das Drehbuch eine gelungene Balance zwischen Tragik und Komik und vermeidet über­mäßigen Senti­men­ta­lismus.
Es ist eher eine Komödie über Irrtümer und Miss­ver­s­tänd­nisse. Der huma­nis­ti­sche Ansatz der Regis­seurin vermeidet doktrinäre Posi­tionen zu diesen Fragen, etwa zur Ster­be­hilfe, und konzen­triert sich statt­dessen auf die wider­sprüch­li­chen Gefühle, die dieses Thema auslöst: Angst, Schuld, das Bedürfnis nach Liebe.
Die Regie setzt auf einen leichten, mitunter spie­le­ri­schen Ton, versteht jedoch in den intimen Momenten inne­zu­halten – ein Film wie ein Blick ins Fami­li­en­album. Baroux meistert diese Wechsel in der Tonalität souverän. Das Ergebnis klingt wie ein Paradox: Ein Feel-Good-Film über Ster­be­hilfe. Aber es funk­tio­niert.

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Das Herz von Bon Voyage liegt in seinem Ensemble. Hélène Vincent, die Marie verkör­pert, vermit­telt über­zeu­gend die Mischung aus Entschlos­sen­heit und Verletz­lich­keit einer Frau, die über ihr eigenes Ende bestimmen möchte, ohne ihre Angehö­rigen zu verletzen. Das Zusam­men­spiel mit Bruno, einem irgendwie kindlich-geblie­benen orien­tie­rungs­losen Mann, und Anna, einer Jugend­li­chen mitten im emotio­nalen Umbruch, ist voller Nuancen.

Bon Voyage ist einer jener Filme, die ohne übergroße Ambi­tionen auskommen und dennoch einen blei­benden Eindruck hinter­lassen – dank ihrer Sensi­bi­lität, ihres mensch­li­chen Humors und ihrer liebens­werten Figuren.
Auch wenn das alles nicht ohne ein paar bekannte Klischees des Road­mo­vies und der dysfunk­tio­nalen Familie auskommt, gewinnt die Geschichte Frische durch ihren opti­mis­ti­schen Blick auf das Alter als einer Lebens­phase, die noch immer für mutige Entschei­dungen taugt.