A Big Bold Beautiful Journey

USA 2025 · 110 min. · FSK: ab 6
Regie: Kogonada
Drehbuch:
Kamera: Benjamin Loeb
Darsteller: Colin Farrell, Margot Robbie, Lily Rabe, Hamish Linklater, Phoebe Waller-Bridge u.a.
A Big Bold Beautiful Journey - auf dem Leuchtturm
Mehr Simulationen als wirkliche Liebe...
(Foto: Sony)

Das GPS der Liebe

Kogonadas Film ist die paradoxe Entität eines geglückten Konzepts und eines missratenen Films, ein filmisches Essay, das behauptet, eine romantische Komödie zu sein – und damit fast alle Magie im Keim erstickt

»You know the day destroys the night
Night divides the day
Tried to run, tried to hide
Break on through to the other side«.

– The Doors, Break On Through (To the Other Side)

And you said
»This is the first day of my life
I’m glad I didn’t die before I met you
But now I don’t care, I could go anywhere with you
And I’d probably be happy«

- Bright Eyes/Conor Oberst, The First Day Of My Life

Es gibt Filme, die nicht so sehr erzählt, sondern erdacht wirken. Konstruk­tionen, Versuchs­an­ord­nungen, ein wenig wie aus einem univer­si­tären Seminar über Narration und Mytho­poetik zweck­ent­fremdet. Kogonadas A Big Bold Beautiful Journey gehört zu diesen Filmen: als Konzept­pa­pier brillant, als Film eine anämische Verwei­ge­rung. Ein Film, der so dringend Bedeutung und Meta­ebenen sucht, dass er das, was Kino, in diesem Fall die roman­ti­sche Komödie eigent­lich ausmacht – jene schwer fassbare, unbe­re­chen­bare, ambi­va­lente Energie der Bilder, der Körper, der Blicke – beinahe volls­tändig erstickt.

Sarah (Margot Robbie) und David (Colin Farrell), zwei suchende Solitäre des modernen Daseins, begegnen sich auf einer Hochzeit. Dort, wo Konven­tionen der Liebe in ritua­li­sierte Choreo­gra­fien gegossen sind, setzt der Film an. Der Witz: ein magisches GPS-System, das die beiden nicht nur durch Straßen und Städte navigiert, sondern über im Nichts plat­zierte Türen durch die Räume ihrer eigenen Vergan­gen­heit lotst – ein arti­fi­zi­elles, aber doch faszi­nie­rendes Konstrukt, eine Topo­gra­phie des Unbe­wussten. Jeder Ort wird zur Gedächt­nis­ar­chi­tektur, jede Abzwei­gung zur Möglich­keit eines anderen Lebens.

Man könnte diese Idee als valides Instru­ment begreifen, als »narrative device«, das die Figuren zwingt, sich dem Unge­lebten zu stellen. Doch je länger der Film dauert, desto deut­li­cher wird, dass das GPS weniger ein poeti­sches Wunder ist als eine drama­tur­gi­sche Zwangs­jacke. Statt Freiheit evoziert es Deter­mi­nismus. Es zeigt nicht Wege, sondern schreibt sie vor. Aus einer Geschichte der Wahl wird eine Geschichte des Zwangs, dem sich das Personal dann und wann auch wider­setzt.

Kogonada ist ein Regisseur, der stets auf der Schwelle zwischen Philo­so­phie und Poesie balan­ciert. Seine Filme – von seinem Debüt Columbus (2017) bis zu dem Science Fiction After Yang (2021) – sind streng kompo­niert, reduziert, beinahe asketisch in ihrer Bild­sprache. Aber wurden diese früheren Arbeiten noch von einer leisen, zurück­ge­nom­menen und immer wieder auch intel­li­genten Magie getragen, scheitert A Big Bold Beautiful Journey am eigenen Ehrgeiz. Es ist ein Film, der Gefühle denkend und im Minu­ten­takt erzeugen will – und sie eben dadurch abtötet.

Das Thea­ter­hafte, der kammer­spiel­ar­tige Ansatz dieser Insze­nie­rung ist dabei unüber­sehbar. Immer wieder wirken die Szenen wie Tableaux Vivants, als hätten wir es mit einer Bühnen­pro­duk­tion zu tun, die bewusst auf die Illusion des Films verzichtet. Wände lösen sich auf, Räume bleiben leer, Menschen bewegen sich durch Abstrak­tion. Unwei­ger­lich denkt man an Lars von Triers Dogville, Triers pola­ri­sie­rendes, filmi­sches Expe­ri­ment, das ebenfalls mit karger Bühnenäs­thetik mensch­li­ches Leid demons­trierte. Doch während Dogville durch seine radikale Verwei­ge­rung den Abgrund mensch­li­cher Grau­sam­keit erfahrbar machte, bleibt Kogonadas Film in einem akade­mi­schen Gestus stecken: er ist zu arti­fi­ziell, um zu berühren, und zu selbst­re­flexiv, um zu verführen.

Und das ist viel­leicht die eigent­liche Tragödie: Hier wird die Romcom dekon­stru­iert, bevor sie überhaupt statt­finden kann. Die Figuren sprechen, aber sie bekennen sich nicht. Sie erinnern sich, aber sie fühlen nicht. Der irgend­wann fallende Satz »I want to hear my mouth say it« hätte ein eruptives, kathar­ti­sches Geständnis sein können – bleibt dann aber mehr gram­ma­ti­sche Selbst­be­ob­ach­tung, ein Satz wie aus einem Psycho­the­ra­pie­skript.

Es gibt jedoch auch berüh­rende Momente: etwa wenn Sarah auf ihre verstor­bene Mutter trifft oder wenn David als Jugend­li­cher seinem älteren Selbst gegen­ü­ber­steht. Doch selbst diese Szenen wirken im nächsten Moment schon mehr wie die Simu­la­tionen von Trau­ma­auf­ar­bei­tung als genuine Begeg­nungen. Kitsch und Pathos lauern auch in diesen Momenten an jeder Ecke, werden kurz in den Raum gestellt, um dann sofort wieder durch eine Reflexion neutra­li­siert zu werden. Das GPS führt nicht zur Liebe, sondern zu Analyse.

So bleibt der Zuschauer in einem paradoxen Zustand: intel­lek­tuell stimu­liert, aber emotional unter­ver­sorgt. Man erkennt die Brillanz des Konzepts, die seman­ti­sche Eleganz, die fast schon manische Konse­quenz – und fühlt dennoch nichts. Kogonada liefert einen Film, der als Diskurs­ob­jekt inter­es­sant ist, als Film jedoch scheitert.

Und dann doch, ganz am Ende, während die Credits schon über die Leinwand wandern, bricht etwas durch, tanzen Sarah und David auf einer leeren Bühne, ohne Raum, ohne GPS, ohne Diskurs. Ein Tanz, frei, zwecklos, beinahe heiter. Es ist der Augen­blick, in dem A Big Bold Beautiful Journey für wenige Augen­blicke all das einlöst, was er zuvor verspro­chen hat.