Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit

On the Basis of Sex

USA 2018 · 121 min. · FSK: ab 0
Regie: Mimi Leder
Drehbuch:
Kamera: Michael Grady
Darsteller: Felicity Jones, Armie Hammer, Justin Theroux, Sam Waterston, Kathy Bates u.a.
Frauen, ran an die Mikrophone!

Pionierin der Gleichberechtigung

»Das Gesetz kann nicht geändert werden, solange die Welt noch nicht bereit ist.« – Die Berufung

Als Ruth Bader Ginsburg Anfang der 50er Jahre ihr Jura­stu­dium an der Harvard-Univer­sität antritt, ist sie eine von gerade einmal neun Frauen ihres Studi­en­gangs. Umringt von einem Heer aus Männern betritt sie mit Faszi­na­tion im Blick das Gebäude. Diese erste Szene wirkt nicht zuletzt durch die laute, mit Trommeln vers­tärkte Musik, äußerst imposant. Der Kontrast zwischen der kleinen, dadurch sehr feminin wirkenden, von Felicity Jones (bekannt aus Die Entde­ckung der Unend­lich­keit) verkör­perten Ruth und ihren groß­ge­wach­senen, männ­li­chen Kommi­li­tonen mit ihren Akten­ta­schen zieht sich durch den kompletten Film und bereitet nicht gerade subtil auf das Konflikt­thema des Filmes vor.

Während einer Zeit, in der es als Privileg gilt, als Frau studieren zu dürfen, absol­viert Ruth ihr Studium als Beste ihres Jahrgangs und schafft es entgegen der gesell­schaft­li­chen Erwartung, sowohl eine Familie zu gründen als auch ihren an Krebs erkrankten Mann zu unter­s­tützen. Der auf der Biografie der Verfas­sungs­rich­terin Ruth Bader Ginsburg basie­rende Film zeigt ihren Weg und ihren Kampf gegen die damals vorherr­schende Unge­rech­tig­keit zwischen Mann und Frau. Von Anfang an beschäf­tigt sie sich mit der unter­schied­li­chen Behand­lung von Männern und Frauen vor dem Gesetz. Jedoch gibt ihr erst ihre Tochter Mitte der 60er, einer Zeit, in der die Frauen auf die Straße gehen und für ihre Rechte einstehen, den entschei­denden Anstoß, eine Änderung herbei­zu­führen, dies mit den Mitteln der Jusitz: Sie schafft einen Präze­denz­fall der Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung und verändert darüber die Recht­spre­chung. Die Hinder­nisse, die den Menschen durch die Geschlech­ter­rol­len­ein­tei­lung in den Weg gelegt werden, sind das große Thema des Justiz­dramas, das den Gender­dis­kurs der Zeit in seinen Grund­festen aufgreift.

Obwohl die von Ruth geführte Verhand­lung vor dem Verfas­sungs­ge­richt der Verei­nigten Staaten den Höhepunkt des Films bildet, stellt der Film die juris­ti­schen Grund­lagen nicht im Detail dar. Vielmehr rückt Regis­seurin Mimi Leder das Privat­leben der Juristin in den Fokus, wodurch das Poli­ti­sche wiederum in den Hinter­grund tritt. Neben dem öffent­li­chen Kampf um Frau­en­rechte zeigen viele Szenen das Fami­li­en­leben der Ginsburgs, die eine für damalige Verhält­nisse äußerst fort­schritt­liche Beziehung offen­baren. Beide gehen arbeiten, kochen, putzen und erziehen die Kinder glei­cher­maßen. Der Neffe von Ruth Ginsberg, Daniel Stie­p­leman, hat das Drehbuch geschrieben, das diese Momente betont und die harmo­ni­sche Beziehung, in der beide Partner gleich­ge­stellt sind und Ruth von ihrem Mann unter­s­tützt wird, heraus­stellt. Auch wenn dies, durch das Wissen um die damalige Rollen­ver­tei­lung, zunächst propa­gie­rend aufge­fasst werden könnte, werden hier wohl wahre Bege­ben­heiten auf authen­ti­sche Weise wieder­geben, wie sie die echte Ruth Ginsburg in dem 2018 erschie­nenen Doku­men­tar­film RBG – Ein Leben für die Gerech­tig­keit schildert. Die Darstel­lung der Familie legt natürlich auch nah, dass Stie­p­leman seiner Tante mit dem Film ein warm-emotio­nales Denkmal setzten will.

Der Film baut durch die familiäre Atmo­s­phäre eine große Nähe zu den Figuren auf. Dadurch entsteht eine hoch­e­mo­tio­nale Geschichte, die an das Gerech­tig­keits­emp­finden in uns allen appel­liert. Bei aller Historie, die der Film uns beiläufig als Crash-Kurs in Sachen Frau­en­recht präsen­tiert, ist Die Berufung auch hoch­ak­tuell. Gerade in unserer Zeit, in der die Gesell­schaft den Gender­dis­kurs in neuer Form aufleben lässt, macht er sichtbar, welch weiten Weg wir seit den 1950er/60er Jahren zurück­ge­legt haben. Gleich­zeitig macht er auch deutlich, dass die Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung als ein ernst­zu­neh­mendes Problem mit exis­tenz­ein­schrän­kenden, gar exis­tenz­be­dro­henden Ausmaßen begonnen hatte, aus dem sich eine ganze Protest­be­we­gung entwi­ckelte. Vor diesem Hinter­grund erscheinen die heutigen Debatten über das richtige Gendern geradezu kleinlich.

Die Handlung des Films erstreckt sich über mehrere Jahr­zehnte, bleibt jedoch trotz großer Zeit­sprünge klar struk­tu­riert und nach­voll­ziehbar, womit sie dem langen Weg und den damit verbun­denen Hinder­nissen von Ruth den ihr gebüh­renden Respekt in einem so großen Ausmaß erweist, wie es in einem knapp zweistün­digen Film nur möglich ist. Die Berufung zeigt die Bemühungen, einen neuen Präze­denz­fall der Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung im Gesetz zu schaffen, und wie Ruth damit einen Meilen­stein in der Geschichte setzen konnte und zur Ikone der ameri­ka­ni­schen Frau­en­rechts­be­we­gung wurde. Der Film überzeugt durch aussa­ge­kräf­tige Reden, die drama­tur­gisch stark in Szene gesetzt sind, was alles in allem in einem packenden und nach­denk­lich stim­menden Film resul­tiert.

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Die Juristin

Am Anfang eine junge Frau auf den ausla­denden Stufen einer Univer­sität, die inmitten der vielen Männer aussieht, als hätte sie sich verlaufen und würde nicht dazu­gehören. Wir befinden uns in den Verei­nigten Staaten von Amerika in den 1950er Jahren. Frauen und Männer sind zwar in der Theorie gleich­ge­stellt, doch es gibt immer noch zahl­reiche Bereiche, in welchen Frauen nicht tätig sein sollten und sich den Rechten der Männer unter­ordnen müssen. So dürfen sie beispiels­weise keine Richterin werden. Genau dieser Thematik, der Ungleich­heit in der Berufser­grei­fung, widmet sich das Drama Die Berufung – Ihr Kampf für Gerech­tig­keit der US-ameri­ka­ni­schen Regis­seurin Mimi Leder.

Es ist das Jahr 1956, seit sechs Jahren dürfen an der ameri­ka­ni­schen Elite-Univer­sität Harvard auch Frauen Jura studieren. Dennoch scheint dies immer noch nicht in der Gesell­schaft ange­kommen zu sein, es ist faktisch unmöglich, einen Beruf im öffent­li­chen Leben zu ergreifen. Ruth Bader Ginsberg, gespielt von Felicity Jones, möchte die Bedin­gungen so nicht hinnehmen. Ihr Jura­stu­dium schließt sie als Jahr­gangs­beste ab, muss sich danach mit einer Stelle in der Lehre zufrie­den­stellen. Dann kommt ihr ein Präze­denz­fall in die Finger, der das grund­le­gend ändert. Durch ihren Mann Marty (Armie Hammer) wird sie auf den Fall von Charles Moritz aufmerksam, der sich um seine kranke Mutter kümmert, aller­dings wegen seines Geschlechts nicht den eigent­lich üblichen Steu­er­nach­lass erhält. Ruth sieht darin einen Fall von Geschlechts­dis­kri­mi­nie­rung, dem sich erstmals nicht die Gerichte verschließen werden, so ihre Meinung. Schließ­lich ist der Benach­tei­ligte hier ein Mann. Dies könnte den Weg zur Abschaf­fung der bisher bestehenden Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung bereiten. Sie benutzt die Benach­tei­li­gung des Mannes also als Anstoß, auf indirekte Weise die Ungleich­heit von Frauen vor dem Gesetz an die Öffent­lich­keit zu bringen. Ein Thema, das bis dahin auf taube Ohren stieß.

Die Thematik wird von hoher Realitäts­nähe getragen, was diesen Film einem nah gehen lässt. Der Mut, die bekannte Richterin Ruth Bader Ginsburg, mit 85 Jahren heute noch besit­zende Richterin am Supreme Court, hier so banal zu zeigen, lässt darauf schließen, wie wichtig es der Regis­seurin ist, dem biogra­phi­schen Wesen aus Fleisch und Blut gerecht zu werden. Sie strahlt etwas von der aufrich­tigen und braven Ange­passt­heit der 1950er Jahre aus. Gleich­zeitig stellt Ruth Bader Ginsburg eine ausdrucks­starke Persön­lich­keit dar, sie brennt für das Jura­stu­dium.

Das Drehbuch des Spiel­films stammt von Ginsburgs Neffe Daniel Stie­p­leman. In vielen Gesprächen, die der Vorbe­rei­tung auf den Film dienten, hat ihn seine Tante oftmals darauf hinge­wiesen, dass sie Wert auf korrekte Darstel­lung der juris­ti­schen Inhalte legt. Der Prozess sollte im Mittel­punkt des span­nenden Films stehen. Die Rede, mit der Ruth die drei männ­li­chen Richter über­zeugen will, ist so auch der Höhepunkt eines nerven­auf­rei­benden Gerichts­pro­zesses, in dem der gesell­schaft­liche Wandel endlich auch zu einer Änderung der veral­teten Gesetze führt. So wird der Film zum über­zeu­genden Gerichts­drama und beinhaltet zugleich doch so viel mehr. Er zeigt nämlich, wie ein allge­meiner Bewusst­seins­wandel ganz praktisch initiiert wird, von einzelnen Personen, die sich gerade mit einem sehr wider­stre­benden, sehr konträren Umfeld herum­schlagen. Und genau so wird es in dem Film auch umgesetzt.

Zu guter Letzt wird die wahre Ruth Bader Ginsburg gezeigt und ein kurzer Einblick in die Gegenwart gegeben. Die Berufung ist eine spannende, sehr gut erzählte Geschichts­stunde, die einen Einblick in das Leben von Frau­en­recht­le­rinnen gibt, die für die recht­liche Gleich­stel­lung der Geschlechter in Amerika kämpften und dies auch heute noch tun.

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Natürlich RBG

Anläss­lich Ruth Bader Ginsburgs fünf­und­zwan­zigstem Jahr als Richterin des Obersten Gerichts­hofs in den Verei­nigten Staaten kommt nach der Doku­men­ta­tion RBG – Ein Leben für die Gerech­tig­keit jetzt auch ein Spielfilm in die Kinos: Die Berufung – Ihr Kampf für Gerech­tig­keit. Für eine Frau, die ihr gesamtes Leben für die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau kämpft, scheint dieser Film jedoch nicht gerade ange­messen aufge­setzt zu sein.

Trotz seiner inspi­rie­renden und bewe­genden Faktoren, gibt es einige Szenen, die starke Paral­lelen zur Komödie Natürlich blond! aufweisen, in der Reese Wither­spoon die Jura­stu­dentin Elle Woods verkör­pert, die bei einem Mordfall assis­tieren darf und schließ­lich den Fall zusammen mit dem Juristen Emmett übernimmt. Ähnlich verhält es sich in Die Berufung. Ruth Bader Ginsburg (Felicity Jones) hat gegen Ende des Films endlich die Möglich­keit, ihren Fall vor Gericht zu präsen­tieren – zusammen mit ihrem erfolg­rei­chen Mann. Während Marty Ginsburg (Armie Hammer) seinen Teil scheinbar mühelos vorträgt, kommt sie ins Stottern und ist kurz davor, ihm den gesamten Fall zu über­lassen. Als sie jedoch einen Anhalts­punkt findet, blüht sie auf und gewinnt schließ­lich das Verfahren. In Natürlich blond! verläuft die Situation beinahe genauso – Emmett legt eine grandiose Vorlage dar, doch als Elle an der Reihe ist, scheint sie hilflos, bis sie heraus­findet, dass die angeb­liche Affäre der Ange­klagten schwul ist und das Alibi der Tochter ihre frische Dauer­welle ruiniert hätte. Durch diese insze­na­to­ri­sche Parallele wird die Glaub­haf­tig­keit und Ernst­haf­tig­keit des Themas deutlich geschwächt.

Abgesehen von diesen Ähnlich­keiten, in denen der Film einer gewissen US-ameri­ka­ni­schen Main­stream-Drama­turgie folgt, zeigt Die Berufung die jedoch insgesamt bewegende Geschichte der inspi­rie­renden Juristin Ginsburg, die es als Frau in einer männlich-domi­nierten Welt bis ganz nach oben geschafft hat und bis heute für die Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlechter kämpft. Der Film konzen­triert sich auf ihre frühen Jahre, ihr Studium, begleitet von fami­liären und gesund­heit­li­chen Problemen und ihren ersten Durch­bruch mit dem Fall »Moritz«, der als männ­li­cher Pfleger für seine Mutter nicht die gleichen (Steuer-) Vorteile hat wie eine weibliche Pflegerin. Diese einmalige Situation der Diskri­mi­nie­rung gegen einen Mann gibt Ruth Ginsburg die Möglich­keit, auf alle 178 Gesetze, die zwischen Männern und Frauen diffe­ren­zieren, aufmerksam zu machen und so einen Präze­denz­fall zu setzen, der eine Grundlage für die Anfech­tung dieser Diskri­mi­nie­rung bildet. Der Film erzählt den schwie­rigen Prozess der Vorbe­rei­tung und zeigt die Probleme, die dazu­kommen, nur weil Ruth eine Frau ist. Beispiels­weise, als einer ihrer Verbün­deten vorschlägt, sie solle doch den Fall ihrem Mann Marty über­lassen, da sie zu emotional sei und den Fall vor Gericht ruinieren würde. Trotz der vielen Hinder­nisse, beweist sich »RBG«, wie Ruth Bader Ginsburg auch kurz genannt wird, jedoch als fähige Anwältin mit Vision, die die Welt für ihre Tochter verändern möchte.

In einer Zeit, in der Femi­nismus groß­ge­schrieben wird, ist die Thematik des Films relevant; zudem gilt RBG selbst als Ikone der Gleich­be­rech­ti­gungs-Bewegung. Als Tribut für ihre Dienste ist der Spielfilm nicht nur auf Bewun­derer der Juristin zuge­schnitten, sondern für das große Publikum ausgelegt, so dass eine komplett neue Gene­ra­tion, die den Namen Ruth Bader Ginsburg wohl­mög­lich noch nie gehört hat, trotz oder gerade wegen der Main­stream-Drama­turgie und dem Wieder­er­ken­nungs­wert durch die beliebte Komödie, Inspi­ra­tion von dieser Geschichte ziehen und ihrem Beispiel folgen kann.

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