| Deutschland 2026 · 94 min. Regie: Peter Meister Drehbuch: Peter Meister Kamera: Florian Mag Darsteller: David Scheid, Aenne Schwarz, Christopher Schärf, Pheline Roggan, Bernhard Schütz u.a. |
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| Auf der Suche nach der besten Utopie... | ||
| (Foto: Port au Prince Pictures) | ||
Historische Komödien gehören im deutschen Kino ungefähr zu jener Tierart, der auch Peter Meister hinterherjagt. Sie sind fast ausgestorben. Wenn deutsche Geschichte erzählt wird, dann meist mit bedeutungsschwerem Ernst, pädagogischem Sendungsbewusstsein oder musealer Ehrfurcht. Gelacht wird allenfalls vorsichtig, als könne Humor die Vergangenheit beschädigen oder historische Relevanz nur dort entstehen, wo ein jeder besonders betroffen dreinschaut.
Bärenjagen macht genau das Gegenteil. Und gerade deshalb gelingt Peter Meister einer der überraschendsten deutschen Filme des ersten halben Kinojahres.
Schon die Ausgangsidee klingt, als hätte jemand Georg Büchner, einen Western, die Brüder Grimm und eine politische Satire in einen Topf geworfen. Deutschland 1834: Der von Georg Büchner initiierte Hessische Landbote zirkuliert heimlich durchs Land, Hunger, Kriminalität mit Todesfolge und soziale Verzweiflung treiben die Menschen an den Rand des Aufstands, Amerika erscheint als demokratische Verheißung und ausgerechnet der angeblich letzte deutsche Bär soll das Volk von seiner Misere ablenken. Der Kurfürst setzt kurzerhand ein stattliches Kopfgeld auf das Tier aus. Fake News im Vormärz. Auf diese Idee muss man erst mal kommen.
Heinrich, gespielt von David Scheid, möchte gemeinsam mit seiner heimlichen Liebe Minna nach Amerika auswandern. Das wäre schon kompliziert genug, wäre Minna nicht mit seinem Bruder Gustaf verheiratet und Heinrich nicht vollständig mittellos. Das Kopfgeld auf den Bären scheint deshalb plötzlich wie die unbürokratischste aller Lösungen: Tier töten, Geld kassieren, Deutschland verlassen.
Doch Amerika ist in diesem Film nicht nur das gelobte Land, sondern auch eine politische Projektionsfläche voller Widersprüche. Die Figuren diskutieren durchaus ernsthaft, ob eine Demokratie überhaupt vernünftig funktionieren könne, wenn ein Großteil der ungebildeten Bevölkerung einen Präsidenten wählt. Freiheit erscheint damit nicht als fertiges Exportprodukt, sondern als riskantes Experiment: verlockend, chaotisch und möglicherweise ebenso anfällig für Manipulation wie die deutsche Untertanengesellschaft, der man entkommen will.
Gerade dadurch gewinnt die Auswanderungssehnsucht an überraschender Tiefe. Amerika ist Hoffnung und Zweifel zugleich, demokratischer Gegenentwurf und unbekanntes Terrain. Heinrich und Minna wollen nicht deshalb dorthin, weil dort alles besser wäre, sondern weil es dort zumindest anders sein könnte.
Dabei ist das eigentlich Großartige an Bärenjagen gar nicht die politische Satire selbst, sondern die Lakonie, mit der hier die Gesellschaft seziert wird. Meister schreit nie: Schaut her, das ist eine Allegorie auf unsere Gegenwart! Stattdessen vertraut er darauf, dass die Zuschauer die Parallelen selbst entdecken. Eine Regierung, die lieber symbolische Jagden veranstaltet, als soziale Probleme zu lösen? Eine Öffentlichkeit, die sich bereitwillig auf den nächsten Erregungszyklus einlässt? Ein erfundener äußerer Feind, der von Hunger, Ungerechtigkeit und politischer Ohnmacht ablenkt? Man könnte meinen, zwischen 1834 und 2026 lägen manchmal keine zwei Jahrhunderte, sondern höchstens zwei Nachrichtenzyklen.
Peter Meister interessiert sich dabei allerdings nicht zuerst für die These, sondern für die Situation. Und genau deshalb entsteht aus seinen Situationen ganz von selbst Politik. Er lässt keine Figuren auftreten, die stellvertretend das Programm des Films vortragen. Er zeigt Menschen, die hungrig sind, sich verlieben, lügen, hoffen, einander betrügen und in ihrer Verzweiflung bereit sind, fast alles zu glauben, solange es einen Ausweg verspricht.
Der Bär wird so zur perfekten Projektionsfläche. Denn eigentlich jagt niemand das Tier; vielmehr jagt ein jeder der eigenen Hoffnung hinterher.
Schon mit seinem Debüt Das schwarze Quadrat hatte Meister gezeigt, dass ihn Genre weniger als Regelwerk denn als Spielraum interessiert. Damals nahm er sich der Heist-Komödie an, sperrte zwei Kunstdiebe mit einem wertvollen Gemälde auf ein Kreuzfahrtschiff und ließ aus Lügen, wechselnden Identitäten und zunehmender Panik ein hinreißend absurdes Gesellschaftsspiel entstehen.
Nun nimmt er sich den Historienfilm vor und macht daraus etwas, das man in Deutschland kaum kennt: einen Vormärz-Western. Denn natürlich geht es ums Weggehen. Nach Amerika. In den Westen.
Die Figuren träumen von einem Ort, an dem Freiheit vielleicht mehr ist als ein Gerücht. Der Western war immer das Genre der Grenze, des Aufbruchs und des Versprechens, sich selbst noch einmal neu erfinden zu können. Meister verlegt diese Sehnsucht kurzerhand nach Hessen. Seine Helden reiten nicht durch Monument Valley, sondern stapfen durch Wälder, Dörfer und deutsche Bürokratie.
So entsteht ein Auswanderungsfilm über Menschen, die wegwollen, aber im deutschen Wahnsinn feststecken.
Dass der Film niemals in didaktische Bedeutungsprosa verfällt, gehört zu seinen größten Stärken. Politik wird nicht erklärt, sondern gespielt. Sie steckt in der Verteilung des Hungers, in den Machtverhältnissen eines Dorfes, im Verhältnis von Obrigkeit und Untertanen, in der Bereitschaft, einen Sündenbock zu erfinden, und in der Frage, wie leicht eine Gesellschaft ihre eigene Not vergisst, sobald ihr ein spektakuläres Ziel präsentiert wird.
Und was für ein fantastisches Ensemble. David Scheid spielt Heinrich mit einer Mischung aus Naivität, Sturheit und verzweifelter Entschlossenheit, die ihn zum idealen Antihelden macht. Aenne Schwarz verleiht Minna genau jene Eigenständigkeit, die verhindert, dass sie bloß Objekt romantischer Sehnsucht bleibt. Christopher Schärf gibt Gustaf nicht einfach als betrogenen Ehemann, sondern als Teil eines emotionalen und sozialen Geflechts, in dem jeder irgendwie festhängt und ein Figurenkosmos voller Exzentriker, Opportunisten, Verzweifelter und Überlebenskünstler entsteht. Das Lokalkolorit ist dabei keine folkloristische Dekoration. Es bildet den Resonanzraum einer abgeschiedenen Dorfgemeinschaft, in der Weltpolitik, Hunger, Begehren und Gerücht ununterscheidbar ineinanderlaufen.
Die Dialoge dieses Figurenkosmos sind dabei von herrlichster, gelassener Trockenheit. Der schwarze Humor wirkt nie aufgesetzt, sondern wie die einzig verbliebene Überlebensstrategie einer Gesellschaft, deren Alltag längst jede Vernunft hinter sich gelassen hat. Selbst in den düstersten Momenten entlockt der Film einem noch ein Grinsen. Nicht, weil das Elend verharmlost würde, sondern weil Meister weiß, dass Komik und Verzweiflung keine Gegensätze sind.
Und dann die Musik. Plötzlich klingt Wenn ich ein Vöglein wär nicht mehr nach Volksliedarchiv, sondern nach Freiheitssehnsucht, Fluchtfantasie und politischem Fernweh. Das Lied formuliert genau jenen Wunsch, der alle Figuren antreibt: einfach fortfliegen zu können, hinaus aus Armut, Unterdrückung und provinzieller Enge. Und plötzlich taucht dann auch noch die Teneriffa-Träumerei der Düsseldorf Düsterboys auf und kippt den Film endgültig aus dem historischen Kostüm in unsere Gegenwart. Aus Amerika wird Teneriffa, aus politischer Utopie Urlaubshoffnung, doch der Impuls bleibt derselbe: Hauptsache weg. An einen Ort, der weniger mit Geografie zu tun hat als mit der Sehnsucht, jemand anderes sein zu dürfen.
Genau darin liegt Meisters größte Stärke. Er macht keinen Film über Geschichte. Er macht Geschichte wieder gegenwärtig und spürbar. Nicht als Lehrstück, nicht als Kostümparade, sondern als gelebten Wahnsinn.
Vielleicht erklärt das auch, warum Bärenjagen trotz seines historischen Settings so leicht wirkt. Der Film illustriert Geschichte nicht. Er spielt mit ihr. Er nimmt sie ernst genug, um über sie lachen zu dürfen. Und genau darin steckt mehr politisches Bewusstsein als in vielen Filmen, die ihre Relevanz permanent vor sich hertragen. Wo andere deutsche Filme zuerst These, Botschaft oder Problem sein wollen, setzt Meister auf Genre, Rhythmus, Figuren und Situationen. Das Politische muss nicht von außen hinzugefügt werden. Es ist längst im Material enthalten.
Dass dieses filmische Schmuckstück beim Filmfest München in der Sektion Neues Deutsches Kino am Ende leer ausging, gehört zu den großen Rätseln dieses Jahrgangs. Schon in der Pressevorführung gab es Applaus; das ist ein so seltenes Ereignis wie ein Bär in Deutschland und vielleicht der beste Beweis dafür, wie befreiend dieser Film wirken kann. Denn politisch muss nicht schwer sein, historisch nicht ehrfürchtig und klug schon gar nicht humorlos.