Babystar

Deutschland 2025 · 102 min. · FSK: ab 12
Regie: Joscha Bongard
Drehbuch: ,
Kamera: Jakob Sinsel
Darsteller: Maja Bons, Bea Brocks, Liliom Lewald, Joy Ewulu, Maximilian Mundt u.a.
Babystar
Spieglein, Spieglein: Willkommen in der narzistischen-Display-Familie
(Foto: Across Nations/24 Bilder)

Family-Influencer

»Babystar« verwandelt das Influencer-Dasein in einen Horrorfilm und möchte dabei an Vorbilder wie Östlund oder Lanthimos anknüpfen

Die luxuriöse Villa gleicht einer Festung: Eine Kamera überwacht die Räume des Fami­li­en­an­we­sens. Insbe­son­dere das inte­grierte Podcast-Studio weckt Asso­zia­tionen an eine Verhör­kammer. Im Kontrast dazu entfaltet sich die pastell­far­bene Welt der selbst­pro­du­zier­tenTi­kTok-Reels. Fremde Menschen tauchen auf, die plötzlich ein makel­loses Fami­li­en­fest spielen. Es handelt sich um eine von vielen Content-Produk­tionen der Eltern Stella (Bea Brocks) und Chris Sommer (Liliom Lewald), die zusammen mit ihrer Tochter Luca (Maja Bons) mehrere Social-Media-Kanäle über ihr Fami­li­en­leben betreiben. Jeder Moment wird aufge­zeichnet – von der Geburt von Luca über das erste aufklä­rende Mutter-Tochter-Gespräch bis hin zum ersten Kuss ist das Leben der Heran­wach­senden online mitzu­ver­folgen. Der Kult um Luca geht sogar so weit, dass sie von ihrer Community als die perfekte Freundin angesehen wird und prompt eine KI-Version von ihr erstellt wird. Als die Eltern von derEnt­schei­dung berichten, ein Geschwis­ter­kind zu bekommen, gerät Luca in eine Krise und rebel­liert gegen ihr fremd­be­stimmtes Leben.

Regisseur Joscha Bongard knüpft mit seinem Spiel­film­debüt, und gleich­zei­tigem Diplom­film an der Film­aka­demie Baden Würt­tem­berg, an seine 2022 erschie­nene Doku­men­ta­tion Porn­fluencer an, wo ein Pärchen Porno-Videos erstellt und diese im Internet teilt. Diesmal geht es um die Sparte der Family-Influencer, die nicht weniger intim, das Leben ihrer Fami­lieauf Social Media öffent­lich machen. Erneut arbeitet er mit Kame­ra­mann Jakob Sinsel, der in entlar­venden Bildern hinter die Online-Fassade blickt.

Der Film zeigt den Alltag als Influencer als ein seelen­loses Dasein. Die Bilder zeigen­abs­trakte und künst­liche Räume, die Kamera entfernt sich immer wieder von ihren Prot­ago­nisten und betrachtet sie von oben. Sie wird zum »Big Brother«, der über die Familie wacht, sie konstant beob­achtet. Dagegen steht das desil­lu­sio­nie­rende Gefühl der Prot­ago­nistin. Traum­se­quenzen tauchen auf oder ganze Bilder werden emotional in einen Farbton getränkt. Die Gefühls­welt von Luca ist stumpf. Das äußert sich in der symbo­li­schen Bild­sprache des Films: Luca ertrinkt im Pool, während sich die Eltern in ihre Bild­schirme versenken. Oder wenn Luca zum ersten Mal allein ist und dann reglos auf dem Boden liegt. Selbst beim Versuch, körper­liche Nähe mit dem Hotel­an­ge­stellten zu bekommen, bleiben die Gefühle aus.

Ein stiller Horror breitet sich zwischen den Bildern aus. Die Dialoge sind ebenso wortkarg und ober­fläch­lich. In einer Szene erfährt Luca über den Podcast der Eltern, was diese über ihre eigenen Gefühle denken. Abseits der Kamera fehlt diese Intimität. Teilweise werden vom Film gezielt Horroräs­the­tiken einge­setzt, etwa die über den leeren Flur schwe­bende Kamera. Vielmehr liegt der Horror in der Künst­lich­keit und der verzwei­felten Suche nach Identität. Die kühle Ästhetik des Films sowie das Motiv der Welt­ab­ge­schie­den­heit erinnern an Dogtooth von Yorgos Lanthimos. Wenn später eine Restau­rant­szene ins Absurde abdrif­tetund jegliche gesell­schaft­li­chen Konven­tionen gebrochen werden, fühlt man sich an The Square von Ruben Östlund erinnert. Der Film ordnet sich in der Band­breite zwischen Gesell­schafts­kritik, alltäg­li­chem Horror und kühler Absur­dität ein.

Leider reichen die Ideen aber nicht für die Laufzeit von 98 Minuten aus. Das kann auch die gelungene Atmo­sphäre nicht kompen­sieren. Joscha Bongard formu­liert seine Kritik von Anfang an klar und deutlich. Drama­tur­gisch passiert dann aber nicht mehr viel. Inter­es­santer wäre es gewesen, tiefer in die Abgründe und Konse­quenzen einer derart entfrem­deten Lebens­weise zu blicken. Sich noch mehr in den Horror zu lehnen, der ja von Anfang an mitschwingt.