Bad Apples

Großbritannien 2025 · 101 min. · FSK: ab 16
Regie: Jonatan Etzler
Drehbuch:
Kamera: Nea Asphäll
Darsteller: Saoirse Ronan, Eddie Waller, Nia Brown, Jacob Anderson, Rakie Ayola u.a.
Bad Apples
Neuer Lehrer braucht das Land...
(Foto: Sony/Paramount)

Falsch, aber gut

Jonatan Etzlers schwarze Schulkomödie stellt mit einer großartigen Saoirse Ronan die unangenehme Frage, was von pädagogischer Moral bleibt, wenn das moralisch Falsche plötzlich die richtigen Ergebnisse produziert.

Es gibt Kinder, bei denen die üblichen pädago­gi­schen Instru­mente nicht mehr zu greifen scheinen. Kinder, die nicht nur stören, sondern jedes Angebot, jede Zuwendung und jede Regel gegen jene wenden, die ihnen helfen wollen. Was aber geschieht, wenn eine Lehrerin irgend­wann beschließt, dass es genug ist?

In Jonatan Etzlers Bad Apples ist dieser Punkt schnell erreicht. Maria (Saoirse Ronan) unter­richtet an einer briti­schen Privat­schule eine Klasse, die vor allem unter einem leidet: Danny (Eddie Waller), einem Jungen, der Mitschüler terro­ri­siert, den Unter­richt sabotiert und jede pädago­gi­sche Inter­ven­tion ins Leere laufen lässt. Nach einer gewalt­tä­tigen Ausein­an­der­set­zung trifft Maria eine Entschei­dung, die so absurd wie folge­richtig erscheint: Sie sperrt Danny in ihren Keller.

Und plötzlich funk­tio­niert alles. Die Klasse wird ruhiger, die Schüler lernen wieder, Maria gewinnt ihre Freude am Beruf zurück. Nur sitzt eben ein Kind in ihrem Keller.

Diese ebenso simple wie wirkungs­volle Versuchs­an­ord­nung, die Jess O’Kanes Drehbuch nach Rasmus Anders­sons Roman De Oönskade entwi­ckelt, erinnert zunächst an eine ganze Reihe bemer­kens­werter Schul­filme der vergan­genen Jahre. Wie in İlker Çataks Das Lehrer­zimmer, Hirokazu Koreedas Die Unschuld oder Halfdan Ullmann Tøndels Armand geht es um eine Insti­tu­tion, die eigent­lich Orien­tie­rung vermit­teln soll, inzwi­schen aber selbst jede mora­li­sche Sicher­heit verloren hat. Maria ähnelt in ihrer pädago­gi­schen Grat­wan­de­rung der von Leonie Benesch gespielten Carla Nowak in Das Lehrer­zimmer: Beide wollen das Richtige tun und geraten gerade dadurch immer tiefer in Situa­tionen, in denen nicht mehr eindeutig zu bestimmen ist, was dieses Richtige überhaupt sein könnte.

Saoirse Ronan spielt diese zuneh­mende Orien­tie­rungs­lo­sig­keit hervor­ra­gend. Sie macht aus Maria weder eine über­for­derte Karikatur noch eine heimliche Sadistin. Vielmehr sehen wir einer Frau dabei zu, wie sie eine Grenze über­schreitet und anschließend immer bessere Argumente dafür findet, warum dieser Gren­zü­ber­tritt notwendig war. Und gerade darin liegt die Stärke des Films: Nicht das erste mora­li­sche Versagen ist das eigent­lich Erschre­ckende, sondern wie schnell sich ein neues mora­li­sches Koor­di­na­ten­system darum errichten lässt.

Denn auch die anderen Erwach­senen sind kaum geeignete Instanzen einer besseren Ordnung. Eltern, Kollegen und schließ­lich die Polizei bewegen sich in einem Milieu, dessen mora­li­sche Verwahr­lo­sung sich hinter gesell­schaft­li­chen Konven­tionen nur notdürftig verbirgt. Und die Kinder haben längst gelernt, diese Wider­sprüche für sich zu nutzen. So entsteht eine Welt, in der Moral zwar permanent einge­for­dert wird, aber niemand mehr über die Autorität verfügt, sie glaub­würdig zu vertreten.

Damit berührt Bad Apples auch die Fragen, die 2025 die überaus erfolg­reiche Netflix-Miniserie Adole­s­cence mit ungleich größerer Härte gestellt hat: Was geschieht, wenn Erwach­sene auf Verhal­tens­weisen von Kindern und Jugend­li­chen treffen, für die ihre pädago­gi­schen und mora­li­schen Kate­go­rien nicht mehr ausrei­chen? Und wie weit reicht die Verpflich­tung zur Empathie gegenüber jemandem, der selbst scheinbar jede Empathie verwei­gert?

Dass Danny einge­sperrt und auf eigen­wil­lige Weise „gera­de­ge­bogen“ werden soll, erinnert zugleich an Jan Komasas erst vor kurzem in den Kinos plat­zierten Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes und natürlich an den Urvater dieser Versuchs­an­ord­nung, Stanley Kubricks A Clockwork Orange. Doch während Komasa die gewalt­same Norma­li­sie­rung eines reni­tenten jungen Mannes mit großer Konse­quenz durch­spielt, entscheidet sich Etzler für die leichtere Variante der schwarzen Komödie. Das ist dann auch immer wieder sehr komisch, zumal der Film durch Musik, Timing und etwa das Auftau­chen eines schrul­ligen Schul­in­spek­tors immer wieder fast groteske Züge entwi­ckelt. Zugleich liegt genau hier auch ein Problem: Bad Apples ist zu leicht, um wirklich weh zu tun.

Dabei wird der Film gegen Ende noch einmal erstaun­lich düster. Wenn sich die Hier­ar­chien innerhalb der Klasse neu ordnen, scheint für einen Moment Herr der Fliegen durch. Denn selbst die vermeint­lich „guten“ Kinder erweisen sich keines­wegs als unschul­dige Gegenwelt zu den moralisch beschä­digten Erwach­senen. Macht wird auch unter ihnen gnadenlos ausge­han­delt und zemen­tiert. Besonders bitter ist dabei, dass ausge­rechnet eine bisherige Außen­sei­terin und klas­si­sche Opfer­figur schließ­lich selbst zur trei­benden Täterin wird. Gewalt verschwindet nicht, sie sucht sich lediglich neue Formen und neue Adres­saten.

In diesen Momenten besitzt Bad Apples eine Verzweif­lung, die sogar an Felix van Groe­nin­gens über­ra­genden Beautiful Boy denken lässt: an die kaum auszu­hal­tende Erfahrung, einen Menschen lieben und schützen zu wollen, der jedes Angebot von Liebe gegen seine Umgebung richtet. Der Film wagt aller­dings nicht, diesen Gedanken bis zum Ende auszu­halten.

Viel­leicht ist das dann auch die größte Schwäche dieses Films. Bad Apples findet keine klare Linie zwischen Tragödie, schwarzer Komödie und gesell­schaft­li­cher Analyse. Immer dann, wenn die Geschichte wirklich unan­ge­nehm werden könnte, rettet sie sich in eine Volte; immer dann, wenn die Komödie ihre anar­chi­sche Kraft entfalten könnte, erinnert sich der Film wieder an seinen mora­li­schen Ernst. Das macht ihn unter­haltsam und dank einer groß­ar­tigen Saoirse Ronan über weite Strecken sehr sehens­wert. Aber es macht ihn auch weniger mutig, als die Ausgangs­idee verspricht. Denn die wirklich vers­tö­rende Frage hätte lauten müssen: Was, wenn Maria mit ihrer voll­kommen falschen Entschei­dung eigent­lich recht hat?

Und natürlich zeigt schon die Vielzahl der Filme, die einem während Bad Apples in den Sinn kommen, dass Etzler mit seinem Film keines­wegs Neuland betritt. Im Gegenteil: Im Kern erzählt er eine alte Geschichte, die er lediglich neu anordnet und ins Register der schwarzen Komödie verschiebt. Doch viel­leicht ist gerade die Häufung solcher Filme der inter­es­san­tere Befund. Wenn das Kino in so kurzer Folge immer wieder Schulen, Lehrer, Eltern und Kinder zu Schau­plätzen einer funda­men­talen mora­li­schen Verun­si­che­rung macht, lässt sich das kaum noch als bloße moti­vi­sche Mode abtun. Es könnte vielmehr ein Symptom dafür sein, dass gesell­schaft­lich – und hier vor allem pädago­gisch – tatsäch­lich etwas im Argen liegt und eine Grenze über­schritten hat: dass die Insti­tu­tionen, die Orien­tie­rung geben und Grenzen setzen sollen, zunehmend selbst darüber im Unklaren sind, welche Werte sie eigent­lich vertreten und mit welchen Mitteln sie diese noch durch­setzen können. Und damit natürlich Tür und Tor offen steht, für eine dementspre­chende amora­li­sche Politik auf gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Ebene.