Aus dem Nichts

D/F 2017 · 106 min. · FSK: ab 12
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: ,
Kamera: Rainer Klausmann
Darsteller: Diane Kruger, Denis Moschitto, Johannes Krisch, Ulrich Tukur, Samia Chancrin u.a.
Selbstjustiz und Rache um der Gerechtigkeit willen

Ein weiblicher Michael Kohlhaas

»...es wird lange dauern, bis das zerset­zende Gift dieser Zeit ausge­merzt ist. Aber, sonnen­klar, wir müssen da durch!«
Hennig von Tresckow, Hitler-Atten­täter

»Sie können hier jetzt nicht entlang, fahren Sie bitte weiter«, sagt die Poli­zistin. Und als die Frau im Auto erklärt, ihr Mann habe sein Büro in der abge­sperrten Straße, insis­tiert sie: »Fahren Sie bitte weiter.«
Es ist ein Moment, da ändert sich alles für Katja Sekerci, eine junge selbst­be­wusste Frau aus Hamburg. In diesem Moment wird ihr Leben zerbre­chen, sie sich aus dem Nichts hervor­ar­beiten, aber auch immer wieder neu hinein­fallen.

Fatih Akins neuer Film Aus dem Nichts erzählt von dieser Frau, deren Mann und ihr acht­jäh­riger Sohn bei einem rechts­ex­tremen Terror­an­schlag in Hamburg ermordet werden. Soge­nannte Zufallsopfer. Paral­lelen zum Terror der NSU sind keines­wegs zufällig. Daneben zeigt Akin aber auch, wie dieser offene mord­lus­tige Faschismus, auch wenn man das ungern wahrhaben will, in manchen Stellen in der bundes­deut­schen Mehrheits-Gesell­schaft fest verankert ist, im »Extre­mismus der Mitte«, wie das Kenner nennen. Im struk­tu­rellen Rassismus, den Akin auch zeigt: Wenn Türken ermordet werden, dann stehen erst einmal die Opfer unter Verdacht. Stichwort: »Döner­morde.«

Der Film skizziert eingangs mit wenigen Bildern und Momenten das Leben »davor«. Dann erzählt in er in drei Abschnitten in ganz unter­schied­li­chen Tonlagen zuerst von der Tat und den unmit­tel­baren Folgen des Terror­mords bis zur Verhaf­tung der Täter; dann vom Prozess, der mit einem Frei­spruch soge­nannter »zweiter Klasse« »im Zweifel für den Ange­klagten« ausgeht und schließ­lich von dem, was darauf folgt: Die Pointe ist nämlich – und dies muss man enthüllen, um über diesen Film überhaupt sprechen zu können –, dass Diane Kruegers Figur daraufhin das Recht in die eigene Hand nimmt: Am Schluss sprengt sie die Mörder per Selbst­mord­at­tentat ins Jenseits – ein weib­li­cher Michael Kohlhaas, der wie in Heinrich von Kleists Klassiker Selbst­justiz und Rache übt, um der Gerech­tig­keit willen, und der auf Erden nicht zu helfen ist.

Was würden wir tun, wenn wir Lebens­ge­fährten und Kind verlören? Die Frage ist legitim, und die poetische Antwort, die Fatih Akin in seinem Film gibt, und die nicht unum­stritten bleiben kann, ist es auch.

Dass diese Antwort aber eine poetische ist, darauf muss man bestehen. Dies ist kein Lösungs­vor­schlag eines Regis­seurs, der so einen Vorschlag auch nicht machen muss.

Wer Akins Film nur inhal­tis­tisch liest, der kommt nicht weit. Denn Aus dem Nichts ist weder Partei­pro­gramm mit Argu­menten, noch Sozi­al­re­por­tage – insofern ist die Argu­men­ta­tion mancher deutscher Kollegen, die nach der Premiere in Cannes weitaus ungnä­diger waren, als Ausländer, und dem Film in Cannes vorwarfen, eine schlud­rige Sozi­al­re­por­tage und ein unprak­ti­ka­bles Partei­pro­gramm zu sein, etwas kurz­beinig.
Es geht um die Inte­grität der Figur und der Emotion. Der Verbre­cher habe ein Recht auf Strafe, sagt Kleists Zeit­ge­nosse Hegel. Ein toller Satz, der die Freiheit des Verbre­chers achtet, seine Freiheit zur Tat. Analog muss man formu­lieren: Das Opfer hat ein Recht auf Rache. Und wo es zum Verbre­cher wird, ein Recht auf Strafe. Denn der freie Mensch hat zu allem ein Recht. Opfer, auch Frauen, sind in Fatih Akins Filmen nicht die besseren Menschen, aber freie. In beidem liegt genau ihre Würde.

Aus dem Nichts ist auch keine Gerichts-Doku­men­ta­tion. Leider aber sind die Passagen des mittleren Akts, die von Justiz und Staats­an­walt­schaft und vom Gerichts-Verfahren selbst handeln, in jeder Hinsicht der große Schwach­punkt der Films. Dieser Teil ist sowohl über­ra­schend hölzern und unglaub­würdig geschrieben, als auch mitunter ungenü­gend gespielt, so dass auch Akins Insze­nie­rung und die gewohnt souveräne Montage seines briti­schen Stamm­cut­ters Andrew Bird diesen Teil nicht retten können. So schwach wie er hier erscheint, ist der Rechts­staat nicht, und so kommt das Ergebnis an einigen Stellen einer Verhöh­nung der Gesetze und der Insti­tu­tionen gleich.

Wie viel besser man so etwas machen kann, zeigt Frieder Schlaichs Naomis Reise, der von Auslän­dern vor einem deutschen Gericht erzählt, dessen Akteure er komplett mit Laien besetzt hat. Im Dezember läuft er im ZDF. Schlaich schlägt Funken aus den Ritualen und Floskeln, aus der Trocken­heit, die bei Akin nur öde wirkt.

Dennoch ist der Film als Ganzes spannend und gelungen. Die Dialoge sind an anderen Stellen sehr gut geschrieben und realis­tisch, geprägt von der Sprache der Straße: Aus dem Nichts ist in erster Linie ein mora­li­sches Melodrama, in dem der Charakter der Mutter, ihr Leid und der Umgang damit, ganz im Zentrum stehen.

Die Frage der Selbst­justiz, der Kohlhaas-Konflikt zwischen Gerech­tig­keit und Gewalt, Recht und Terror, wird dagegen vom Film nicht wirklich ausge­tragen, sondern einfach behauptet und das Ergebnis gesetzt.

Akin zeichnet auf der Leinwand ein schwarzes Bild unser gegen­wär­tigen Welt. Zusam­men­ge­halten wird es in erster Linie durch die Deutsche, Französin und Holly­wood­schau­spie­lerin Diane Krueger, die in der Haupt­rolle, ihrer ersten in Deutsch­land und deutscher Sprache, über­ra­schend über­zeu­gend auftritt.

Sie verkör­pert die großen Plus­punkte des Kinos des im besten Sinne von Bauch­ge­fühlen geprägten Kinos des Hambur­gers Regis­seurs: Die Emotionen, seine »starken« Frauen, und die Power der schieren druck­vollen Bewegung der Bilder. Es ist ein Kino von Blut, Schweiß, Dreck und Tränen. Letztere spielen diesmal eine besondere Rolle. Vor dem Zorn kamen die Tränen.

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