The Assistant

Czlowieka do wszystkiego

Polen/GB 2025 · 124 min.
Regie: Wilhelm Sasnal, Anka Sasnal
Drehbuchvorlage: Robert Walser
Drehbuch:
Kamera: Wilhelm Sasnal
Darsteller: Piotr Trojan, Andrzej Konopka, Agnieszka Zulewska u.a.
The Assistant
Gemälde kommentieren das Geschehen
(Foto: Wilhelm Sasnal)

Kino der Kunst

Der polnische Maler Wilhelm Sasnal hat für »The Assistant« mit der Kamera gefilmt und mit dem Pinsel gemalt. Im Rahmen der LV-Ausstellung »Grey Eyes« kommt Wilhelm Sasnal zur Vorführung seiner Robert-Walser-Verfilmung nach München

Es mangelt an nichts im Hause des Erfinders Karl Tobler – außer am Erfolg. Und obwohl der finan­zi­elle Ruin in greif­barer Nähe ist, stellt er den Assis­tenten Joseph Marti ein, der ihm zur Hand gehen soll – der Schweizer Schrift­steller Robert Walser hat mit »Der Gehülfe« den kleinen Ange­stellten ein Denkmal geschaffen.

Zugleich huldigt der Roman einer Existenz, in der die Güte, die Strenge, die Veraus­ga­bung und Verschwen­dung allem Übel der Welt trotzen. Geschrieben hat Walser den Roman 1907 in Berlin, als sich die moderne Welt schon abzeich­nete – die Indus­tria­li­sie­rung war da, das Fin-de-Siècle mit seiner melan­cho­li­schen Grund­stim­mung hallte noch nach, Marinetti, der Mussolini-Flüsterer, sollte sein Manifest des Futu­rismus erst ein Jahr nach Erscheinen des Romans verfassen. Es klaffte eine Lücke in der Welt­ge­wiss­heit: altes Kaiser­reich oder moderne Republik, Kolonien oder »Hotten­tot­ten­wahl«, Restau­ra­tion oder Avant­garde? Es war die Gleich­zei­tig­keit des Ungleich­zei­tigen.

Diese Synchronie, das Verwun­schen­sein einer in sich versenkten Zeit und eine absurd anmutende Sorg­lo­sig­keit ange­sichts der exis­ten­zi­ellen Bedrohung, findet sich auf magische Weise in der Verfil­mung The Assistant wieder, die der polnische Maler Wilhelm Sasnal mit seiner Frau Anka geschaffen hat. Im Hause des Erfinders Tobler gehen alle Uhren unter­schied­lich – das gilt auch für den Film: Viele Anachro­nismen und Stör­mo­mente schälen die Erzählung aus der Historie heraus, schaffen Irri­ta­ti­ons­mo­mente und Momente einer wunder­baren, weil unwahr­schein­li­chen Wirk­lich­keit.

Die nahezu expe­ri­men­telle Erzähl­weise erinnert an den Stil Robert Walsers und an die Filme von Krzysztof Zanussi oder Andrzej Żuławski. Die histo­ri­sche Ausge­stal­tung der Bilder und der Blick auf die verrückten Uhren wecken Gedanken an Cyril Schäu­blins Unruh. Die unzähm­bare Inge­niö­sität des Erfinders lässt den größen­wahn­sin­nigen Archi­tekten aus Brady Corbets The Brutalist auferstehen, den Sasnal zwar gesehen hat, der ihn aber nicht mehr beeinflussen konnte – lediglich ein halbes Jahr liegt zwischen Corbets und seinem Film.

Wilhelm Sasnal mag an Walsers Erfinder wie auch am fleißigen Gehilfen etwas entdeckt haben, das ihn an seine eigene Arbeits­weise erinnert. Nicht so sehr die Werks­ori­gi­na­lität leitet ihn in seiner Malerei. Oft liegen seinen bisweilen comic­artig anmu­tenden Bildern Vorlagen aus anderen Kontexten, poli­ti­schen und histo­ri­schen, zugrunde. Die Ikono­gra­phie verfremdet er durch Aktua­lität – und so ähnlich hat er es auch mit dem »Mann für alles«, wie der Film im polni­schen Original heißt (Człowieka do wszyst­kiego), gemacht. Der lebt zwar im begin­nenden letzten Jahr­hun­dert, könnte aber auch einer der Jobber von heute sein, die von Tätigkeit zu Tätigkeit ziehen, immer auf der vergeb­li­chen Suche nach einer Bleibe (der Anstel­lung) und in der Hoffnung, ein gutes Arbeits­klima vorzu­finden.

Für Marti Joseph trifft das allemal zu. Besetzt wurde er mit Piotr Trojan, der ihm ein gewisses Alter verleiht, passend zu der Zeit, als selbst junge Menschen schon alt aussahen, außerdem ist der 40-jährige Assistent auch eine Inkar­na­tion für die Ausweg­s­lo­sig­keit seiner Situation. Andrzej Konopka spielt den groß­zü­gigen und sich ruinie­renden Tobler mit großer Gelas­sen­heit.

Der Maler Wilhelm Sasnal hat selbst die Kamera geführt. Er filmt mit analogem Material und kostet die Textur des Filmkorns aus, das sich in den in zarten Grün- und Rosétönen gehal­tenen Räumen ausbreitet und eine angenehme Patina verströmt. Für den Film hat er außerdem eine eigene Gemäl­de­serie geschaffen, die unauf­dring­lich an den Wänden hängt und das Geschehen zu kommen­tieren scheint. Im Esszimmer findet sich an der Wand eine zusam­men­ge­schlun­gene Figur vor einem Glas – eine Replik von Pablo Picassos »The Absinthe Drinker« (1901). Im Schlaf­zimmer hängt über dem ehelichen Bett eine Nach­emp­fin­dung von Georges Braques zahl­rei­chen kubis­ti­schen Still­leben, in dem sich die Perspek­tiven verschoben haben. In seinem Zimmer betrachtet Marti ein Schwarz­weiß-Foto eines Mannes, vermut­lich ein Selbst­por­trait, eigent­lich aber das Motiv von »The Smiths« (1984). Die Bilder verleihen der Handlung eine verwun­schene, rätsel­hafte Atmo­sphäre.

Es gibt noch einige Replika mehr im Haushalt Tobler. Sasnal erzählt im Interview mit dem Londoner »Apollo Magazine«, dass er die Gemälde auch als soziales Distink­ti­ons­merkmal der Haus­herren betrachtet: »I painted works that I thought this wealthy – or wannabe wealthy – family would have collected in order to show off.« Im Amster­damer Stedelijk gab es eine Ausstel­lung mit seinen Film-Gemälden, betitelt »Painting Props«.
Die Bilder jedoch lediglich als Requisite zu betrachten, die es im zweiten Leben ins Museum geschafft haben, würde die zugrun­de­lie­gende kreative Strategie durch­kreuzen. Über den – ebenfalls polni­schen – Stedelijk-Kurator Adam Szymczyk lernte Sasnal überhaupt erst Robert Walser kennen, erzählt er, und von Beginn an war klar, dass »die Gemälde zum Film« ausge­stellt werden würden. Die Kunst des Kinos ist bei Wilhelm Sasnal eben immer auch ein Kino der Kunst – mit seinen gefilmten Gemälden und den Bildern seines Films.

Film­vor­füh­rung mit Gespräch: THE ASSISTANT
Donnerstag, 3. September 2026, 20 Uhr
, Theatiner Filmkunst

In Zusam­men­ar­beit mit dem Espace Louis Vuitton.
Wilhelm Sasnal ist zu Gast!

Ausstel­lung: »Wilhelm Sasnal – Grey Eyes« noch bis 12.9.2026. Espace Louis Vuitton München, Maxi­mi­li­anstr. 2a.
Roman: Robert Walser, »Der Gehülfe«, Bruno Cassirer Berlin, 1908.