| USA 2025 · 156 min. Regie: Phil Lord, Christopher Miller Drehbuch: Drew Goddard Kamera: Greig Fraser Darsteller: Ryan Gosling, Sandra Hüller, Milana Vayntrub, Ken Leung, Liz Kingsman u.a. |
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| Ein immer wieder ambivalenter Paarlauf: Sandra Hüller als Eva Stratt und Ryan Gosling als Ryland Grace... | ||
| (Foto: Sony) | ||
Es beginnt mit einem der ältesten Motive der Literatur überhaupt: Ein Mensch erwacht allein, abgeschnitten von der Welt, gezwungen, aus dem Nichts heraus zu verstehen, wo er ist, wer er ist und was er tun muss, um zu überleben. In Der Astronaut – Project Hail Mary öffnet Ryland Grace – gespielt von Ryan Gosling – die Augen und findet sich nicht auf einer Insel wieder, sondern auf einem Raumschiff irgendwo im Tau-Ceti-System, Lichtjahre von der Erde entfernt, ohne Erinnerung, ohne Kontext, mit zwei toten Crewmitgliedern an seiner Seite und nur einer vagen Ahnung davon, dass seine Existenz etwas mit dem möglichen Ende der Menschheit zu tun haben könnte.
Damit setzt der Film ein Narrativ fort, das seit Daniel Defoes 1719 erschienenen Robinson Crusoe bestens funktioniert hat: die Robinsonade, jene literarische Versuchsanordnung, in der der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen wird und in der sich zeigt, dass Zivilisation letztlich nur eine fragile Schicht ist, die sich jederzeit wieder neu erfinden muss. Andy Weirs Roman Project Hail Mary ist genau eine solche Robinsonade, nur dass die Insel hier interstellar ist und die Werkzeuge nicht Axt und Segel, sondern Molekularbiologie, Mathematik, Physik und Geduld heißen. Dass ausgerechnet dieser Stoff schon verkauft wurde, bevor das Buch überhaupt erschienen war – Metro-Goldwyn-Mayer sicherte sich die Rechte mehr als ein Jahr vor Veröffentlichung und zahlte dafür einen siebenstelligen Betrag – erzählt nebenbei eine zweite Geschichte: Die Rettung der Welt ist einmal mehr ein zentrales Narrativ unserer Gegenwart geworden, eine Fantasie, die Hollywood und Literatur gleichermaßen beschäftigt, vielleicht weil wir seit Jahren das diffuse Gefühl haben, genau damit beschäftigt zu sein – mit dem Versuch, eine Welt zu retten, deren Zerfall nicht nur durch die Zerstörung unserer Umwelt, sondern auch politisch längst begonnen hat.
Der Roman von Andy Weir wurde 2021 sofort ein Bestseller und knüpfte an seinen Erfolg von Der Marsianer – Rettet Mark Watney an, mit dessen Verfilmung Ridley Scott zeigte, dass Science Fiction auch im Blockbusterkino ein Genre wissenschaftlichen Denkens sein kann. In Scotts Film – so wie in Weirs literarischer Vorlage – war der Weltraum eine radikale
Versuchsanordnung: Der Mensch ist allein, und wenn er überlebt, dann nur, weil er versteht, rechnet, experimentiert, irrt, neu beginnt. Ein Universum, das fast an die nüchterne Science Fiction von Stanisław Lem erinnerte, an jene Geschichten um Kommander Pirx und ein gottverlassenes Weltall, in dem allein Erkenntnis die eigentliche Heldentat ist.
Zwar ist auch The
Martian eine Robinsonade, aber Der Astronaut – Project Hail Mary ist es noch einmal mehr, steht doch hier nicht nur das Individuum auf dem Prüfstand, sondern die ganze Menschheit. Vielleicht geht auch deswegen die Verfilmung von Phil Lord und Chris Miller, einem Regieduo, das mit The Lego Movie und Spider-Man: Into the Spider-Verse bewiesen hat, dass sie Popkultur und Erzählrhythmus virtuos beherrschen, einen anderen Weg als ihn Ridley Scott gegangen ist. Denn statt einer in der literarischen Vorlage durchaus angelegten kosmischen Tragödie wird hier ein Abenteuerfilm inszeniert mit immer wieder deftigen komödiantischen Einlagen, die an Vorgänger wie die Guardians of the Galaxy Filme des Marvel Cinematic Universe erinnern. Und stellenweise ist es dann fast ein Science-Fiction-Familienfilmspektakel, das näher bei Steven Spielbergs E.T. – Der Außerirdische verortet ist als bei Christopher Nolans Interstellar, obwohl die Ausgangslage – eine Mission zur Rettung der Erde – durchaus den Stoff für eine existenzielle Reflexion unserer Gegenwart im Stil von Christopher Nolan geboten hätte.
Vielleicht liegt genau hier die erste Irritation dieser Verfilmung. Weirs Roman lebt von Details: von Experimenten, Gedankengängen, technischen Monologen, Sackgassen und von der fast kindlichen Freude daran, die Welt zu verstehen. Viele dieser Momente fehlen oder erscheinen nur noch als schnelle Andeutung. Das Drehbuch von Drew Goddard, der bereits Weirs Marsianer adaptiert hatte, scheint sich häufig dafür zu entscheiden, Ereignisse eher zu referieren als auszuspielen. Szenen, die im Buch ganze Kapitel füllen, erscheinen im Film manchmal wie Zusammenfassungen, so als hätte jemand Angst, dass dem Publikum Geduld oder Konzentration fehlen könnten. Das Narrativ wirkt dadurch immer wieder ein extrem beschleunigt, fast wie eine Inhaltsangabe eines viel reicheren Textes – und doch funktioniert auch dieser Weg, bleibt der Film merkwürdigerweise spannend.
Vielleicht liegt das dann an den atmosphärischen Entscheidungen, etwa bei der Musik. Der Film greift überraschend auf Stücke wie Pata Pata von Miriam Makeba zurück oder – als kleine ironische Reverenz an den Roman – auf Two of Us der Beatles, obwohl die Beatles im Buch eine erheblich stärkere Präsenz habe. Und dann gibt es die wunderbare, improvisierte Karaoke-Szene, in der Sandra Hüller Harry Styles’ Sign of the Times interpretiert und über dessen Entstehung Ryan Gosling und Sandra Hüller in einem Behind-the-Scenes-Interview mit viel Spaß berichten – eine Szene, die sich weit vom Buch entfernt und doch zu den schönsten Momenten des Films gehört, vielleicht gerade deshalb, weil sie für einen Augenblick das Erzählen anhält und den Figuren erlaubt, einfach nur da zu sein. Und zu der auch gehört, dass mit ironischem Witz auch Hüllers DDR-Sozialisierung eingebettet wird. Doch nicht alles, was Musik ist, ist hier gut. Denn weitaus weniger überzeugend wirkt das pathetische orchestrale Score, das zu viele Szenen emotional totkommentiert. Die Regisseure scheinen ihrem Material nicht ganz zu trauen und ersetzen die stille Spannung wissenschaftlicher Neugier durch musikalische Dringlichkeit und pompöses Blabla.
Ähnlich ambivalent wirkt die Besetzung von Eva Stratt durch Sandra Hüller. Es gibt Szenen, in denen Hüller großartig ist, etwa in der schon erwähnten Karaoke-Szene oder in der Ausübung ihres eigentlichen Charakters als Krisenmanagerin der ganzen Welt: präzise, trocken, fast humorlos. Dennoch ist sie hier nicht die komplexe, „harte“ Sandra Hüller, die sie in so vielen anderen Rollen hat sein dürfen, man denke an The Zone of Interest, Anatomie eines Falls oder ihre Rolle in Rose, für den sie auf der diesjährigen Berlinale mit dem silbernen Bären ausgezeichnet wurde. In Der Astronaut – Project Hail Mary wirkt sie überraschend weichgezeichnet und immer wieder etwas fehl am Platz, kommen einem vielleicht passendere Alternativbesetzungen wie Cate Blanchett, Jodie Foster Charlotte Rampling in den Sinn. Die Figur im Roman ist eine radikal funktionale Technokratin, jemand, der moralische Komplexität gerade durch wissenschaftliche Klarheit erzeugt. Der Film versucht, ihr zusätzliche Facetten zu geben, doch das Ergebnis bleibt vage und irritiert immer wieder, auch inhaltlich. In einer Szene fragt Grace sie, ob sie an Gott glaube. Ihre Antwort: „Ist besser als das Gegenteil.“ Dieser Satz wirkt seltsam fremd im Universum von Andy Weir, dessen Romane gerade zeigen, dass menschliche Erkenntnis auch ohne metaphysische Instanzen funktionieren kann. Vielleicht ist diese kleine Verschiebung auch ein Kommentar zur Gegenwart, in der religiöse Narrative wieder stärker in öffentliche Debatten hineinwirken, vielleicht ist es aber auch nur eine dramaturgische Absicherung.
Und doch bleibt eine der zentralen Ideen des Romans erhalten: die Begegnung mit dem Außerirdischen Rocky – der dieser Robinsonade damit auch ihren „Freitag“ beschert und sie komplettiert – die im Buch eine faszinierende Studie über Kommunikation ist, über das langsame Lernen einer fremden Sprache, über den Versuch, eine Brücke zwischen völlig unterschiedlichen Denkweisen zu bauen. Auch hier verkürzt der Film vieles, aber er verliert den Kern dieser Idee nicht ganz.
Vielleicht lässt sich die filmische Adaption von Der Astronaut – Project Hail Mary deshalb am besten als Gegenstück zu Der Marsianer – Rettet Mark Watney sehen. Ridley Scotts Film zeigte ein Universum, in dem der Mensch allein ist und nur durch Denken überlebt, ein Kino der Erkenntnis, in dem selbst die spektakulären Bilder nie Selbstzweck waren. Lord und Miller erzählen dagegen eine andere Geschichte: eine, in der der Mensch nicht mehr allein ist, in der Begegnung wichtiger ist als Isolation, in der Abenteuer und Emotionen stärker betont werden als Erkenntnisprozesse.
Als Buchverfilmung funktioniert dieser Ansatz nur teilweise. Zu viel von dem, was Weirs Roman ausmacht – seine Geduld, seine intellektuelle Präzision, seine fast liebevolle Freude an wissenschaftlichen, nerdigen Spielereien geht verloren. Doch als Film, ohne die literarische Vorlage im Kopf, entsteht etwas anderes: ein großes, manchmal erstaunlich zärtliches Science-Fiction-Abenteuer, das seine Figuren ernst nimmt, auch wenn es sie gelegentlich mit Humor betrachtet, und das trotz seiner Länge von 156 Minuten nie langweilig wird. Vielleicht liegt dann auch genau darin die eigentümliche, immer wieder schwer zu fassende Qualität dieses Films: dass er sich zwischen zwei Möglichkeiten bewegt und keine davon vollständig einlöst – zwischen der Robinsonade des Denkens und dem Spektakel des Blockbusters, zwischen wissenschaftlicher Neugier und emotionaler Unterhaltung. Ob das ein Scheitern ist oder nur eine Verschiebung der Perspektive, lässt sich kaum entscheiden, mehr noch, als der Film selbst diese Entscheidung bewusst offen zu lassen scheint.