| Deutschland 2025 · 100 min. · FSK: ab 12 Regie: Anna Roller Drehbuch: Leif Randt Kamera: Felix Pflieger Darsteller: Sylvaine Faligant, Jannis Niewöhner, Haley Louise Jones, Luna Wedler, Martina Gedeck u.a. |
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| Himmelspanoramen in Pastelltönen... | ||
| (Foto: DCM Film) | ||
In der Allegro-Grundschule in Berlin-Tiergarten spielt der Schriftsteller Leif Randt regelmäßig Badminton. Das inspirierte ihn zu dem Romantitel Allegro Pastell, der wie eine Synthese aus Musik und Bildender Kunst wirkt und ebenso ein Mode-Label zieren könnte. Das Pastell-Element entsteht durch den betörenden Sound von Leif Randts Sprache, der bereits 2011 beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb aufhorchen ließ. Er gewann damals den Ernst-Willner-Preis mit einem Auszug aus Schimmernder Dunst über Coby County. In dieser Dystopie geht es um einen Literaturagenten, dem in einer maritimen Wellness-Oase Unerklärliches zustößt.
Allegro Pastell ist dagegen ein ausdrücklicher Gegenwartsroman mit klar definierten Handlungsorten und ebensolchen Altersklassifikationen, bevor das alberne Generationen-Gerede aufkam: Bis 21 darf man sich demnach als »Junior/in« begreifen, das »Early Age« reicht von 21 bis 36, gefolgt vom »Mid Age« bis immerhin 63 Jahren. Die Berliner Schriftstellerin Tanja Arnheim wird im Buch dreißig und in Anna Rollers Film vierunddreißig Jahre alt. Tanja teilt mit ihrem Erfinder Leif Randt, 1983 in Frankfurt am Main geboren, den Beruf und die Leidenschaft für Badminton. Ihr Freund Jerome Daimler, der sie bei einer Lesung anspricht, hält sich hingegen am liebsten fernab der preußischen Metropole auf, in Maintal nördlich von Frankfurt. So entspinnt sich eine Fernbeziehung, die sich vor allem in Textnachrichten aus dem ICE kundtut, nachdem der »erste Sex ein Versprechen in sich trug«. Der Autor spricht von der »Verfilmung eines Briefromans«.
Seit dem Erscheinen ihres Debütromans »PanoptikumNeu«, in dem es um schwule Virtual-Reality-Fans geht, ist Tanja eine gefragte Expertin für eben diese Phänomene. Jerome Daimler wohnt im Bungalow seiner Eltern, die in dem Flachbau ihre dezidierten Designmöbel zurückgelassen haben, und joggt vor der Skyline der Bankentürme. »Berlin kann jeder, Frankfurt ist Kunst«, heißt es programmatisch im Roman. Der freie Webdesigner ist stolz darauf, trotz seines kreativen Berufs nie nach Berlin gezogen zu sein, dennoch denkt er viel über die hauptstädtischen Anziehungskräfte und die Schwächung des kulturellen Föderalismus nach. Dies tut er allerdings nur im Buch. Im Film müssen Symbole sprechen, und so ist stattdessen Jerome bei Apfelwein und Grüner Soße in einer Frankfurter Kneipe zu erleben. Jannis Niewöhner als wohl meistgebuchter jüngerer Beau des deutschen Films (Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull) interpretiert den hippen Hessen mit Bart, Halskette und Ohrringen ein wenig zu routiniert, beinahe gelangweilt. »Jerome im Film ist etwas jungenhafter und weniger esoterisch als Jerome im Buch, aber er hat dieselbe Schlagseite ins Spießige«, sagte Leif Randt in einem Interview. Allegro Pastell ist für die Münchner Regisseurin Anna Roller, Jahrgang 1993, der zweite Langfilm nach Dead Girls Dancing, ihrer Abschlussarbeit an der HFF.
Als Leif Randts Roman im Spätwinter 2020 erschien, dämmerte bereits die Pandemie herauf und mit ihr ein lähmendes Gefühl der Unsicherheit. Allegro Pastell erzählt in drei Teilen beziehungsweise Phasen vom hitzerekordverdächtigen Frühling 2018 bis zum Sommer 2019, also aus einer nahen und doch fernen, da krisenarmen Vergangenheit, die noch nichts von Covid, dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine oder einem wiedergewählten US-Präsidenten Trump wusste. Reflektiert wird in Anna Rollers Film, der in intensiver Zusammenarbeit mit Leif Randt als Drehbuchautor entstand, bei vorwärtsdrängenden Vibes fast immer nur die Beziehung zwischen Tanja, gespielt von der Französin Silvaine Faligant, und Jerome, jedoch kaum der rasende Stillstand einer selbstzufriedenen Wohlstandsgesellschaft. Doch gerade seine implizite Zeitdiagnostik macht den Roman »Allegro Pastell« zu einem visionären Werk. Es spiegelt ein sanftes, fröhliches Deutschland der lackierten Oberflächen und fern von existenziellen Nöten. Dieses wird von Menschen bevölkert, die auf vorbildliche Weise den Trend zur Achtsamkeit internalisiert haben und sich ständig entschuldigen, vorzugsweise auf Englisch.
Wenn es zu Differenzen kommt, dann sind Jerome und Tanja höchstens »diffus sauer« aufeinander – »Life is good«, haucht sie in die Nacht. Die Tochter einer Psychologin diskutiert ihre Beziehungsprobleme mit der eigenen Mutter. Sie wird von Martina Gedeck gespielt, die wie Silvaine Faligant vor Drehbeginn eine brachiale Blondfärbung über sich ergehen lassen musste. Wenn das als ironisches Stilmittel gemeint war, ist es danebengegangen. Auch andere Einfälle überzeugen nicht: So besucht Jerome seine Mutter, eine Engländerin, die in Lissabon lebt. Dort trifft er zum zweiten Mal zufällig auf seine »unerfüllte Grundschulliebe« Marlene Seidl (Haley Louise Jones), eine – im Gegensatz zur elitären Tanja – bodenständige Schönheit mit Migrationshintergrund. Angesichts dieses verwirrenden erotischen Angebots bekommt der Protagonist den Kopf frei, indem er vor der malerischen Kulisse des Tejo joggt. Dieser Handlungsstrang wirkt recht konstruiert, auch wenn die Nöte der Regisseurin zu verstehen sind, die erklärte: »Der Roman und der Film können ironisch auf die Figuren blicken, aber der Cast muss in sie hineinschlüpfen.«
In Allegro Pastell geht es weniger darum, jemanden zu lieben als vielmehr um die Frage, wie man sich dabei fühlt, befeuert durch die mannigfachen Kommunikationsplattformen, auf denen jede Emotion sofort gnadenlos reflektiert wird. So leistet sich Tanja einen Seitensprung mit einem genderfluiden Doktoranden mit Lidstrich und Haarklammern, den sie aber prompt wieder vergisst. Selbstbezogenheit und emotionale Kälte tarnen sich mit Wohlfühl-Floskeln wie den unzählig aufploppenden »Okays«. Randts heißgeliebte Anglizismen erfahren durch Silvaine Faligants französischen Akzent einen interessanten Verfremdungseffekt. Aber ist tatsächlich alles o.k.? Tanjas Schwester Sarah leidet unter einer so schweren Depression, dass sie sich freiwillig in eine Klinik einweisen lässt.
Der Roman Allegro Pastell (Verlag Kiepenheuer & Witsch) sickert beim Lesen unmerklich ins Bewusstsein ein, bis die eigene Wirklichkeit verdächtig bonbonfarben erscheint. Anna Roller delegiert die titelgebenden Pastelltöne an diverse Himmelspanoramen. Ganz zum Schluss jedoch wirft Felix Pfliegers zurückhaltende Kamera einen Blick in die Berliner U-Bahn-Station Kurfürstendamm. Dort lässt Tanja ihre Tränen fließen, vor einer Kachelwand, deren Maigrün ins Rosa diffundiert. So ist dieser hervorragend ausgestattete, ambitionierte Film aus einer nicht allzu fernen unbeschwerten Vergangenheit vor allem eines: eine klare Leseempfehlung.