| Deutschland 2026 · 110 min. · FSK: ab 6 Regie: Andreas Dresen Drehbuch: Andreas Dresen, Laila Stieler Kamera: Michael Hammon Darsteller: Dagmar Manzel, Joachim Król, Anna von Seld, Liane Düsterhöft u.a. |
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| Beziehungsinventur vom Feinsten... | ||
| (Foto: Pandora / Die FilmAgentinnen) | ||
Alte Liebe rostet nicht, heißt es. Andreas Dresens neuer Film stellt diese Behauptung auf den Prüfstand. Denn nach Jahren der Ehe setzt sich einiges an: Gewohnheiten und Enttäuschungen, alte Affären und neue Kränkungen, Erinnerungen an verpasste Möglichkeiten und jene kleinen Verletzungen, die man irgendwann nicht mehr ausräumt, weil sie längst Teil der gemeinsamen Geschichte geworden sind.
Lore und Harry geht es nach vierzig Jahren Ehevollzug nicht anders. Sie, gespielt von Dagmar Manzel, arbeitet noch als Bibliothekarin; er, Joachim Król, ist Rentner und widmet einen beträchtlichen Teil seiner Zeit seinem Garten. Ihre Tochter Julia will zum dritten Mal heiraten, diesmal einen Westdeutschen, der Harry mit seinem neureichen Selbstbewusstsein alles andere als sympathisch ist. Harry will deshalb nicht zur Hochzeit. Lore hält dagegen. Und das nicht nur bei diesem Thema, so dass sich Dresens Film sehr schnell mitten in jenem stillen Kleinkrieg befindet, den nur Menschen miteinander führen können, die sich so gut kennen, dass jede Bemerkung eine Vorgeschichte besitzt.
Dresen und seine langjährige Drehbuchautorin Laila Stieler haben den gleichnamigen Bestseller von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder verfilmt. Allerdings mit einem bemerkenswerten Eingriff in dessen biografisches Fundament. In der Vorlage sind Lore und Harry beziehungsweise Lore und ihre Ehegeschichte wesentlich durch Westdeutschland, Studentenbewegung, Gegenkultur und die gesellschaftlichen Aufbrüche der 1968er geprägt. Dresen und Stieler schreiben diesen Hintergrund aus dem Stoff heraus und ersetzen ihn durch ostdeutsche Lebensgeschichte. Die DDR ist bei ihnen nicht Kulisse, sondern jene verschwundene Welt, in der die Beziehung entstanden ist und aus der beide Erfahrungen, Verletzungen und Erwartungen in die Gegenwart mitgenommen haben.
Damit bekommt auch der Titel eine zusätzliche, vermutlich unbeabsichtigte Pointe. Denn Eine alte Liebe hieß bereits 1959 ein Film von Frank Beyer über ein Ehepaar nach dreißig gemeinsamen Jahren. Dort geriet die Ehe im gesellschaftlichen Wandel der jungen DDR in die Krise; Frieda engagierte sich für die LPG, während ihr Mann August mit Kollektivierung und persönlichem Bedeutungsverlust haderte. Bei Dresen sind aus dreißig vierzig Jahre geworden, und die DDR ist nicht mehr Gegenwart, sondern Vergangenheit. Aber verschwunden ist sie deshalb nicht. Sie gehört zum Sediment dieser Ehe.
Und vielleicht erklärt das auch Harrys auffällig heftige Reaktion auf die bevorstehende dritte Hochzeit seiner Tochter. Natürlich sieht er zunächst einen wohlhabenden Westdeutschen, dessen Existenz an sich schon ihm zuwider ist. Aber man kann darin noch etwas anderes erkennen: die Angst eines Mannes, der schon einmal erlebt hat, wie die eigene Welt von einer vermeintlich erfolgreicheren übernommen, bewertet und schließlich abgewickelt wurde. Dass nun ausgerechnet seine Tochter sich diesem Mann anvertraut, könnte für Harry unbewusst eine Wiederholung jener Erfahrung im Privaten bedeuten. Dass es bereits ihre dritte Ehe ist, beruhigt ihn dabei keineswegs, im Gegenteil. Wieder soll etwas Neues beginnen, wieder wird behauptet, diesmal werde alles besser. Harry hat seine Erfahrungen mit solchen Versprechen gemacht.
Ohnehin ist Alte Liebe ein Film über Sedimente. Über das, was bleibt, wenn die großen Gefühle längst in den Alltag eingesickert sind. Lore und Harry rechnen miteinander ab, aber sie können ihre gemeinsame Rechnung nicht mehr auseinanderdividieren. Irgendwann steht die Frage im Raum, wie das eigene Leben wohl verlaufen wäre, hätte man den anderen nie getroffen. Es ist eine der grausamsten Fragen, die man nach vierzig gemeinsamen Jahren stellen kann. Und zugleich eine, auf die es eigentlich keine Antwort mehr gibt.
Dass Dresen solche Situationen beherrscht, überrascht nicht. Seit jeher interessiert ihn weniger das außergewöhnliche Ereignis als der Augenblick, in dem sich im Gewöhnlichen plötzlich etwas öffnet. Ein Satz, eine Geste, ein Schweigen reichen dann aus, um die sorgfältig errichtete Ordnung des Alltags für einen Moment durchlässig werden zu lassen. Dagmar Manzel und Joachim Król sind dafür nahezu ideale Darsteller. Sie spielen Lore und Harry nicht als großes altes Liebespaar, sondern als zwei Menschen, die sich gelegentlich kaum noch ertragen können und deren Verbundenheit gerade deshalb glaubwürdig bleibt.
Besonders Manzel findet für Lore einen wunderbar trockenen Ton. In ihrem »Ach, Harry« kann je nach Situation eine ganze Ehe liegen: Zuneigung, Erschöpfung, Nachsicht, Ärger und die Erkenntnis, dass sich dieser Mann vermutlich nicht mehr ändern wird. Überhaupt sind es die kleinen Augenblicke, in denen Alte Liebe am stärksten ist. Vor allem jene Blicke auf den anderen, die liebevoll werden, sobald der andere gerade nicht hinsieht. Vielleicht ist das nach vierzig Jahren die ehrlichste Form von Romantik, die noch möglich ist.
Daneben steht das Altern selbst, und Dresen verweigert ihm jede Beschönigung. Lore und Harry fahren abwechselnd zu Lores Mutter ins Altenheim. Sie kann nicht mehr sprechen und wird gerade deshalb zur idealen Zuhörerin. Beide erzählen ihr Dinge, die sie einander nicht sagen können. Das Schweigen der alten Frau schafft einen Raum der Wahrheit. Als Lore der Mutter beim Baden schließlich unter Tränen gesteht, sie würde sich einfach gern einmal wieder über etwas freuen, wird aus der Ehegeschichte für einen Moment etwas Grundsätzlicheres: die Angst davor, dass das Leben nicht mit einer Katastrophe endet, sondern langsam seine Möglichkeiten verliert.
Auch die Toten mischen sich unter die Lebenden. Etwa eine alte Liebe Lores, ein Lyriker, den sie auf einer der Lesungen, die sie veranstaltet, kennengelernt hatte. Vergangene Beziehungen werden noch einmal gegen die Gegenwart gehalten, Erinnerungen gegen Entscheidungen, Möglichkeiten gegen das tatsächlich gelebte Leben. Nichts davon führt zu einer endgültigen Bilanz. Gerade darin liegt die Klugheit des Films. Vierzig Jahre lassen sich nicht in Gewinn und Verlust aufteilen.
Allerdings vertraut das Drehbuch seinen Figuren nicht immer vollständig. Manche Dialoge sind zu sehr Dialog, manche Pointe klingt zu pointiert. Wenn Sätze fallen wie »Wer nicht abspringt, lernt nicht fliegen«, hört man für einen Moment weniger Lore oder Harry als einen Satz aus einem vergilbten Poesiealbum. Die manchmal unerträgliche Leichtigkeit der literarischen Vorlage bleibt in solchen Momenten spürbar. Dresens Kino ist eigentlich dort besser, wo Menschen nicht in Sentenzen sprechen, sondern stolpern, schweigen oder etwas Banales sagen, hinter dem sich das Entscheidende verbirgt.
Dazu passt ein witziger Eingriff in die Vorlage. Wo bei Heidenreich und Schroeder Martin Walser bei einer Lesung auftaucht und dabei einnickt, dürfen bei Dresen Christoph Hein und Clemens Meyer in herrlich unwürdigen Cameoauftritten erscheinen. Auch hier wird aus dem westdeutschen Literaturbetrieb der Vorlage ein ostdeutscher Resonanzraum. Dresen und Stieler vollziehen damit im Kleinen noch einmal jene Verschiebung, die ihre gesamte Adaption bestimmt: Aus einer Beziehungsgeschichte, deren politische Sozialisation in der alten Bundesrepublik und den Aufbrüchen der 68er liegt, wird eine Geschichte zweier Menschen, deren gemeinsame Vergangenheit in einem untergegangenen Land liegt.
Alte Liebe ist deshalb auch kein Film über die beruhigende Vorstellung, dass eine lange Ehe am Ende alle Konflikte übersteht. Dafür ist er zu genau und bisweilen zu gnadenlos. Und doch bleibt Dresen diesmal ein Stück zu weit auf sicherem Terrain. Die politische und biografische Tiefenschärfe seines vielleicht besten Films Gundermann (2018), in dem die DDR-Vergangenheit gerade deshalb so gegenwärtig war, weil sie sich einfachen Urteilen entzog, erreicht Alte Liebe nicht. Und auch die Drastik und den Mut von Wolke 9 (2008), Dresens bemerkenswert ungeschütztem Film über Liebe, Begehren und Sexualität im Alter, sucht man hier vergebens. Wo Wolke 9 seinen alten Körpern und ihren Bedürfnissen eine damals geradezu provokante Selbstverständlichkeit zugestand, bleibt Alte Liebe stärker im Wort, in der Erinnerung und in der vertrauten Ordnung des Beziehungsalltags. Das macht ihn nicht weniger wahrhaftig, aber etwas weniger brisant. Seine Stärke liegt an anderer Stelle: in den Wunden der gemeinsam verbrachten Jahre, die nicht geheilt werden und von denen manche nicht einmal geschlossen sind. Versöhnung wäre ohnehin das falsche Wort für das, was Lore und Harry miteinander verbindet.
Es ist eher etwas Unordentlicheres und deshalb Glaubwürdigeres: die Erkenntnis, dass der andere zum eigenen Leben gehört, mitsamt allem, was man ihm vorwirft. Dass Liebe nach vierzig Jahren vielleicht weniger darin besteht, einander unentwegt anzusehen, als darin, den anderen noch immer anzusehen, wenn er es gerade nicht bemerkt. Oder mit ihm zu tanzen, abseits der eigentlichen Feier, und durch Körpersprache das anzudeuten, für das Worte nicht mehr reichen.