After the Hunt

USA/I 2025 · 139 min. · FSK: ab 12
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch:
Kamera: Malik Hassan Sayeed
Darsteller: Julia Roberts, Ayo Edebiri, Andrew Garfield, Michael Stuhlbarg, Chloë Sevigny u.a.
After the Hunt
Pflicht oder Wahrheit?
(Foto: Sony)

Die Sprache als Waffe der Gegenwart

Luca Guadagnino navigiert in seinem post-woken Thriller atemberaubend zwischen Ethik, Eros und epistemischer Unschärfe

Wer die letzten Filme von Luca Guad­a­gnino gesehen hat, weiß, dass Guad­a­gnino ein Regisseur ist, der keine Konti­nuität kennt – und darin äußerst konse­quent ist. Call Me by Your Name (2017), Bones and All (2022) und Chal­len­gers (2024) sind drei Filme, die unter­schied­li­cher kaum sein könnten: eine zärtliche Coming-of-Age-Geschichte, ein hinter­grün­diger Kanni­balen-Roadmovie und ein hoch­äs­the­ti­siertes Tennis-Melodram mit marxis­ti­schen Unter­tönen. Nun also After the Hunt (2025), urauf­ge­führt außer Konkur­renz bei den Film­fest­spielen von Venedig: ein Kammer­spiel in der akade­mi­schen Welt Yales, ein mora­li­sches Drama über Wahrheit, Macht und Mani­pu­la­tion.

Im Zentrum steht Alma Imhoff (Julia Roberts), Philo­so­phin, brillante Denkerin und viel­leicht sogar bald Profes­sorin mit Fest­an­stel­lung, eine Ehre, die nicht jedem verliehen wird. Alma verkör­pert den ameri­ka­ni­schen Traum in intel­lek­tu­eller Form: Leistung, Disziplin und Aufstieg sind ihr in Gesicht und Körper geschrieben. Ihr engster Konkur­rent um die Tenure ist Hank Gibson (Andrew Garfield), Freund, Kollege, und glei­cher­maßen eroti­sches wie intel­lek­tu­elles Spie­gel­bild. Alma lädt zu Beginn des Films einige ihrer besten Studie­renden zu einem Abend­essen ein – ein symbo­li­scher Raum, der Gemein­schaft sugge­riert, aber schon hier Brüche zeigt. Unter den Gästen ist auch Maggie Resnick (Ayo Edebiri), Dokto­randin, Ausnah­me­ta­lent und durch ihre afro­ame­ri­ka­ni­schen Wurzeln mögli­cher­weise sogar Iden­ti­täts­figur der nächsten Gene­ra­tion. Was an diesem Abend geschieht, bleibt – wie so oft bei Guad­a­gnino – in Ambi­va­lenz getaucht. Am nächsten Tag steht Maggie vor Alma und beschul­digt Hank der Verge­wal­ti­gung. Am Tag darauf erklärt Hank, Maggie habe ihre Disser­ta­tion plagiiert; er habe sie zur Rede gestellt, worauf sie hyste­risch reagiert habe. Zwei Erzäh­lungen, zwei Wahr­heiten, zwei Systeme mora­li­scher Deutung – und Alma, die zwischen Loyalität, Ratio­na­lität und insti­tu­tio­nellem Druck zerrieben wird.

Guad­a­gnino inter­es­siert sich weniger für das juris­ti­sche als für das epis­te­mi­sche Drama. After the Hunt fragt, was Wahrheit in einem Milieu bedeutet, in dem Diskurs und Dekon­struk­tion längst zur alltäg­li­chen Währung geworden sind. Der Schau­platz Yale ist nicht zufällig gewählt: Hier wird zwar Wahrheit gelehrt, aber selten geglaubt. Und so verwan­delt sich das Setting der Ivy-League-Univer­sität in ein Labor der Gegenwart, in dem das Post­fak­ti­sche, das Mora­li­sche und das Macht­po­li­ti­sche unun­ter­scheidbar werden.

Julia Roberts, in einer ihrer eindring­lichsten Rollen seit Jahren, spielt Alma mit einer Mischung aus Intel­lek­tua­lität, leiser Verzweif­lung und neuro­ti­scher Gefühl­lo­sig­keit. Ihr Gesicht, vom hellen Licht der Univer­si­täts­büros oder der morgend­li­chen Sonne im Bett über­strahlt, scheint in manchen Szenen so trans­pa­rent und fragil, dass einen die Härte oder die analy­ti­sche Schärfe ihrer Aussagen immer wieder über­ra­schen. Andrew Garfield spielt Hank als wandelnde Ambi­guität – charis­ma­tisch, über­griffig und gekränkt. Ayo Edebiri als Maggie ist ähnlich zwie­spältig angelegt: ihre Verletz­lich­keit hat etwas Unbe­re­chen­bares, fast Stra­te­gi­sches. Und Michael Stuhlbarg als Almas Psycho­the­ra­peuten-Ehemann Frederik Imhoff wirkt wie das träge mora­li­sche, stets für ironische Komik zustän­dige Gewissen, das zu spät begreift, dass er längst Teil des Expe­ri­ments ist und dass es auch für ihn trotz aller Bereit­schaft zu (selbst-)analy­ti­schem Drill aus dem thriller-artigen Setting kein Entkommen gibt.

Während Alexander Paynes The Holdovers (2023) – dieses zu Unrecht über­se­hene kleine Meis­ter­werk – mit zärt­li­cher Melan­cholie vom Bildungs­system als Ort des mensch­li­chen Schei­terns erzählte, wählt Guad­a­gnino ein sehr anderes Narrativ. Wo Payne in die Vergan­gen­heit blickte und selbst in der pädago­gi­schen Kälte der 1970er-Jahre so etwas wie mensch­liche Wärme fand, wendet sich Guad­a­gnino der Gegenwart zu – einer Gegenwart, in der Nähe und Wahrheit durch mora­li­sche Rhetorik ersetzt worden sind. The Holdovers machte traurig, weil er Mitgefühl trans­po­nierte; After the Hunt macht unruhig, weil es an Mitgefühl mangelt.

Formal nähert sich der Film der Versuchs­an­ord­nung eines mora­li­schen Labors. Guad­a­gnino nutzt die Archi­tektur Yales als psycho­lo­gi­schen Reso­nanz­raum: unter­kühlte, pseu­do­his­to­ri­sche Büros, herme­ti­sche Fakul­täts­räume und ein perma­nentes Gefühl der Über­wa­chung. Die Kamera bleibt oft auf Distanz, beob­achtet aus dem Halb­schatten, und bleibt selbst dann der ruhige Beob­achter, wenn sich alle nur denkbaren mensch­li­chen Dsyfunk­tio­na­li­täten Bahn brechen. In den Dialogen schwingt stets ein akade­mi­scher Jargon mit, um zu zeigen, wie sich Ethik und Rhetorik, Wahrheit und Form in der akade­mi­schen Welt gegen­seitig neutra­li­sieren. Die Sprache als Waffe der Gegenwart.

Das Drehbuch operiert wie eine philo­so­phi­sche Abhand­lung über die Dialektik von Macht und Moral. Guad­a­gnino und seine Dreh­buch­au­torin Nora Garrett verweben Almas Fach­ge­biet – die Moral­phi­lo­so­phie – direkt in die Handlung: Hannah Arendt, Kant und Foucault flirren durch die Dialoge, mal als Zitat, dann als Denkform, die das Handeln bestimmt. Je näher der Film dem Kern der Wahrheit kommt, desto weniger bleibt davon übrig. Vor allem in einer der letzten Szenen, als Alma gegenüber einer offen­sicht­lich woken Studentin die Kontrolle verliert und sich für einen Moment ein Kampf der Gene­ra­tionen und Klassen entspinnt, der einer ähnlichen Schlag­logik folgt wie in Guad­a­gninos groß­ar­tigem Tennis­film Chal­len­gers.

After the Hunt ist kein simplexer Kommentar zu MeToo, sondern eher ein Echo zur gesell­schaft­li­chen Über­emp­find­lich­keit, in der Moral selbst zur Waffe wird. Guad­a­gnino wagt, was fast unmöglich scheint: Er erzählt ein moralisch vermintes Terrain, ohne es zu entschärfen. Die Frage, wer Täter und wer Opfer ist, bleibt bis zuletzt offen. MeToo ist ähnlich grau definiert wie die klas­sen­re­le­vanten Gräben, die sich immer wieder in diesem Film auftun. Darin liegt dann auch die eigent­liche Stärke dieses Films: Er zwingt sein Publikum, Position zu beziehen, und entzieht ihm im selben Moment die Grundlage dafür.

Selbst das Ende ist eine Grauzone. Almas Gesicht ist so unbewegt, erschöpft und durch­sichtig wie immer. Hat sie gewonnen, aber nichts erreicht, oder hat sie verloren, dafür aber etwas gelernt? Macht, Moral und Wissen elimi­nieren sich gegen­seitig, bis nur Leere bleibt – eine akade­mi­sche Leere, die Wahrheit postu­liert.