| Deutschland 2025 · 137 min. · FSK: ab 6 Regie: Simon Verhoeven Drehbuchvorlage: Joachim Meyerhoff Drehbuch: Simon Verhoeven Kamera: Jo Heim Darsteller: Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn, Anne Ratte-Polle, Tom Schilling u.a. |
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| Der »Lieberling« mit seinen »Liebsten«... | ||
| (Foto: Warner) | ||
Mit Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke legt Simon Verhoeven eine Literaturverfilmung vor, die sich bewusst der Zumutung des Innehaltens verschreibt. Der Titel, entlehnt aus Goethes Werther – »Ach diese Lücke! Diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle!« – markiert dabei weniger eine romantische Pose als vielmehr einen existenziellen Grundton: Es geht um Leerstelle, um Erwartung, um das tastende Suchen nach einer Form des Lebens, die weder ganz privat noch ganz künstlerisch ist. Der Film nimmt diesen Ton ernst, ohne ihn zu überhöhen, und findet darin seine stille, immer wieder nachhaltige Kraft.
Verhoeven, Sohn von Senta Berger, die er hier liebevoll und ein wenig Nepotismus-verdächtig zugleich ins Zentrum stellt – denn so zentral ist die Rolle der Großmutter in der literarischen Vorlage nicht angelegt – adaptiert mit Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke den dritten Teil von Joachim Meyerhoffs überaus erfolgreicher, autofiktionaler Romanreihe mit dem gleichnamigen Titel. Nach der überraschend geglückten Verdichtung der ersten beiden Bücher in Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war wählt dieser Film einen anderen Rhythmus. Er verzichtet auf narrative Straffung zugunsten von Ausdehnung, auf Pointe zugunsten von Atmosphäre. Diese Entscheidung ist ästhetisch konsequent: Die Lebensphase, von der hier erzählt wird, ist selbst eine der Dehnung, der Unsicherheit, des tastenden Probierens.
Im Mittelpunkt steht Joachim, überzeugend verkörpert von dem ansonsten eher im deutschen Fernsehen geerdeten Bruno Alexander, der überraschend an der renommierten Münchner Schauspielschule Otto Falckenberg aufgenommen wird und in die Villa seiner Großeltern Inge und Hermann zieht. Diese Großeltern – gespielt von Senta Berger und Michael Wittenborn – bilden das emotionale und moralische Zentrum des Films. Ihre Welt ist geprägt von Ritualen, Bildung, Ironie und einem Alkoholkonsum, der nicht als Exzess, sondern als kultivierte Selbstverständlichkeit erscheint. Wenn die Großmutter ihren Enkel immer wieder »Mein Lieberling« nennt, ist das kein bloßes Sprachornament, sondern Ausdruck einer eigentümlichen, zugleich liebevollen, vereinnahmenden, aber auch übergriffigen Nähe.
Bemerkenswert ist die Haltung, mit der der Film diesen »kultivierten Alkoholismus« betrachtet. Er wird weder verherrlicht noch moralisch verurteilt, sondern als Teil einer Lebensform gezeigt, die Widersprüche aushält. In einer Gegenwart, in der Alkohol im öffentlichen Diskurs inzwischen fast ausschließlich mit moralischer Strenge behandelt wird – man lese nur die inzwischen mindestens wöchentlich in der Süddeutschen Zeitung erscheinenden Warnungen jeder textlicher Couleur – wirkt diese Ambivalenz beinahe anachronistisch und gerade deshalb aufschlussreich. In ihrer Offenheit erinnert dieser Ansatz an Thomas Vinterbergs Der Rausch, ohne allerdings dessen radikale Versuchsanordnung und Schlussfolgerungen zu übernehmen. Auch bei Verhoeven und natürlich auch in der Vorlage von Meyerhoff ist Alkohol weniger Thema als Symptom, er ist vielmehr Ausdruck von Weltzugewandtheit, aber auch von Verdrängung.
Der Film erzählt zugleich von der Schauspielausbildung als einem Ort der Hoffnung und der Zumutung. Schauspiel erscheint als therapeutische Möglichkeit, als Versuch, sich selbst über Rollen näherzukommen – und zugleich als gnadenloser Beruf, der früh selektiert und verletzt. Diese Doppelbewegung wird mit großer Zurückhaltung inszeniert. Die später im Buch ausführlicher geschilderten deprimierenden Erfahrungen der Provinztheatertingelei und Meyerhoffs Zeit in Kassel bleiben hier nur angedeutet, fast ausgeblendet. Das mag man bedauern, doch es schärft den Fokus auf das familiäre Gefüge und auf die innere Bewegung der Hauptfigur.
Auffällig ist das breite Ensemble prominenter deutscher Schauspielerinnen und Schauspieler – darunter Tom Schilling als exaltierter Co-Regisseur an den Kammerspielen, außerdem Jella Haase, Laura Tonke, Devid Striesow, Anne Ratte-Polle, Karoline Herfurth und viele andere. Dieses Schaulaufen ist nicht immer frei von Eitelkeit und nervt immer wieder beträchtlich, doch es fügt sich dann auch wieder passend in die erzählte Welt ein: Theater als Raum der Selbstdarstellung, der Überzeichnung, des permanenten Beobachtetwerdens.
Im Vergleich zur literarischen Vorlage sind die komischen, bisweilen slapstickhaften Momente deutlich zurückgenommen. Wo Meyerhoff im Text oft ins Groteske formuliert, bleibt der Film kontrollierter, leiser. Diese Zurückhaltung kostet gelegentlich komödiantische Schärfe, gewinnt dafür aber an Melancholie. Der Ton ist getragen von jener paradoxen Mischung aus Freude und Traurigkeit, die den Text auszeichnet: eine Lebensbejahung, die um ihre eigene Fragilität weiß.
Hätte dem Film größere künstlerische Freiheit, weniger TV-Ästhetik, ja vielleicht sogar Exzess oder gar ein wenig Karl Ove Knausgård – dessen Romanreihe »Kämpfen« ja gewissermaßen die dunkle Seite der gleichen Medaille ist – gutgetan? Ich hätte mir das persönlich gewünscht, dennoch schreibe ich »Vielleicht«. Denn eine radikalere Lösung hätte das Vertrauen jener Leserinnen und Leser irritiert, die diese Romanreihe zu einem so großen Bestseller gemacht haben und die das Zielpublikum dieser Produktion sein dürften. Verhoeven entscheidet sich immerhin für einen Mittelweg – und überschreitet ihn auch dann und wann, aber meist etwas zu vorsichtig. Der Film bleibt dennoch nicht bei der bloßen Illustration der literarischen Vorlage stehen, sondern entwickelt eine eigene Bildsprache, die dem Theater wie dem familiären Innenraum gerecht wird.
So ist Verhoevens Adaption letztlich ein Film der Übergänge: vom Elternhaus in die Selbstständigkeit, von der Beobachtung zur Teilnahme, von der familiären Geborgenheit zur künstlerischen Eigenverantwortung. Verhoeven erklärt diese Übergänge nicht, er bebildert sie nicht zu plakativ – er lässt sie geschehen. Womit er der literarischen Vorlage dann auch, wenn auch nicht immer, gerecht wird. Wichtiger ist jedoch, dass Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke das Leitmotiv von Meyerhoff – zugleich lachen und leiden zu dürfen, ja zu müssen, beibehält – , ohne eines dem anderen zu opfern. Die Lücke bleibt bestehen. Aber sie wird bewohnbar.