Ab morgen bin ich mutig

Deutschland 2025 · 80 min. · FSK: ab 0
Regie: Bernd Sahling
Drehbuch:
Kamera: Jürgen Ehle
Darsteller: Jonathan Köhn, Darius Pascu, Cheyenne Aaliyah Roth, Anna Bahners, Elijas Amerein u.a.
Ab morgen bin ich mutig
Wann ist die Filmförderung so mutig wie dieser Film?
(Foto: RealFiction · Zeitgeistfilme)

Die Hormongewitter der ersten Schwärmerei

Ein Must See des deutschen Kinderkinos: Bernd Sahling ist ein mitreißender Liebesfilm für Kids gelungen

»Habt den Mut, Euch zu zeigen! Habt den Mut zu träumen!« Mit diesem Appell ermuntert die Lehrerin Frau Bender die sechste Klasse, aus sich heraus­zu­gehen, als sie ihnen im Zeichen­un­ter­richt die Aufgabe stellt, ein Selbst­por­trät zu erstellen. Der zwölf­jäh­rige Karl inter­pre­tiert die Aufgabe eigen­willig, denn statt das eigene Gesicht zu erkunden, beob­achtet er im Spiegel heimlich lieber die hübsche Mitschü­lerin Lea, in die er verliebt ist. Doch der intro­ver­tierte stille Junge ist auch schüch­tern und weiß nicht, wie er der tanz­be­geis­terten Lea seine Gefühle offen­baren kann, ohne sich zu blamieren. Zumal Lea das größte Mädchen der Klasse ist und mindes­tens einen halben Kopf größer als er.

Zum Glück hat der Sohn einer Schau­spie­lerin und eines Foto­grafen einen coolen älteren Bruder namens Tom, der in einer Schü­ler­band Gitarre spielt. Tom gibt gute Ratschläge und empfiehlt ihm, mit Lea etwas zu unter­nehmen. Als Marta, die Mutter der Brüder, zu einer Schau­spiel-Tournee aufbricht, ringt sich Karl dazu durch, per Klas­sen­chat Lea in die provi­so­ri­sche Dunkel­kammer einzu­laden, die er sich im Bade­zimmer einge­richtet hat. Die Leiden­schaft für das Bilder-Schießen und -Entwi­ckeln hat er von seinem Vater geerbt, der getrennt von der Familie liebt. Als auf dem Foto­pa­pier in der Entwick­lungs­schale allmäh­lich ein Bild von Toms Band sichtbar wird, zeigt sich Lea beein­druckt von Karls Können: »Das ist ja wie Zauberei!«

Doch der Zeitdruck steigt, denn Lea wird nach den Sommer­fe­rien die Schule wechseln. Karl bleibt nur noch die Fahrt zum Land­schul­heim, wo die die Klasse ein Schul­pro­jekt umsetzen soll. Sie hat sich mehr­heit­lich für einen Werk­statt­film zum Thema »Verliebt« entschieden. Dank seiner Vorkennt­nisse darf Karl die Kamera führen, sein Kumpel Jacob unter­s­tützt ihn dabei. Lea und ihre Mitschü­lerin Klara, die das Thema vorge­schlagen hat, führen dazu kurze Inter­views mit Menschen im Pfle­ge­heim, auf der Straße und aus der eigenen Klasse. Karl erkennt, dass auch andere so ihre Probleme mit den ersten Schmet­ter­lingen im Bauch haben.

Schon die Kame­rafüh­rung zeigt, dass der Kinder­film­autor und -Regisseur Bernd Sahling Kinder als Figuren und Darstel­lende ernst nimmt. Der Kame­ra­mann Piotr Rosołowski filmt das Geschehen fast durchweg auf der Augenhöhe der Heran­wach­senden und bleibt zugleich oft nah an den jungen Darstel­lern. Auch ist der große Erfah­rungs­schatz Sahlings nicht zu übersehen, der mit 64 Jahren zu den versier­testen deutschen Kinder­film­ma­chern gehört.

Der 1961 in Naumburg geborene Filme­ma­cher assis­tierte noch zu DDR-Zeiten renom­mierten DEFA-Regis­seuren wie Rolf Losansky und Helmut Dziuba, reali­sierte kurze und lange Kinder­do­ku­men­tar­filme wie Alles wird gut (1990) und Ednas Tag (2008) und profi­lierte sich mit national und inter­na­tional prämierten Kinder­spiel­filmen wie Die Blind­gänger (2004) und Kopfüber (2012). Seit 2004 leitet er Film­werks­tätten mit Heran­wach­senden in mehreren europäi­schen Ländern.

Kein Wunder, wenn die jungen Darsteller sehr natürlich agieren und ihre Dialoge nie gekün­s­telt oder aufge­setzt wirken. Vor allem Jonathan Köhn, der als Prot­ago­nist Karl in fast allen Szenen auftritt, meistert die großen Heraus­for­de­rungen seiner schwie­rigen Rolle souverän. Vor der Kamera betätigt er sich nicht nur glaubhaft als Fotograf, Kame­ra­mann und Editor, sondern auch als Poet. Und er macht all die Unsi­cher­heiten, Aufre­gungen und Rück­schläge der ersten Schwär­merei auf anrüh­rende Weise anschau­lich. Aber auch Cheyenne Aaliyah Roth als Lea, Darius Pascu als Tom, Elijas Amerein als Jacob und Anna Bahners als Klara punkten mit ihren markanten Auftritten.

Erwach­sene spielen im Film allen­falls Neben­rollen, die durchweg solide besetzt sind. Anders als in vielen anderen deutschen Kinder­filmen werden sie hier nicht als Papp­ka­me­raden gezeichnet, sondern als ernst­zu­neh­mende Bezugs­per­sonen der Minder­jäh­rigen.

Bemer­kens­wert ist, wie konse­quent Sahling Spektakel und Hektik, Abenteuer und über­mäßige Dramatik meidet und sich dafür auf Alltags­schil­de­rungen und das Gefühls­leben der Heran­wach­senden konzen­triert. Bereits in der Expo­si­tion etabliert er mit den Impres­sionen aus dem Behelfs­fo­to­labor eine reizvolle Meta-Ebene. Denn Karl nutzt bemer­kens­wert clever erst die Foto­ka­mera, dann die Video­ka­mera als Vehikel, um seiner Angebeten näher zu kommen. Dabei bleibt es aber nicht, denn Karl avanciert mit Unter­s­tüt­zung von Jacob bei dem Schul­film­pro­jekt zur enga­gierten Leitfigur, die sich auch noch am Schnitt­com­puter bewährt.

Neben den visuellen Medien spielt in Ab morgen bin ich mutig auch die Musik eine wichtige Rolle. Die deutsch­spra­chigen Texte der Indie-Band REEB reflek­tieren facet­ten­reich die Gefühls­lagen von Teenagern wie Tom, die dyna­mi­schen Auftritte der Band kommen bei der Ziel­gruppe im Film gut an und dürften auch im Kino für Feel-Good-Momente sorgen.

Für eine weitere Prise Authen­ti­zität sorgen einige auto­bio­gra­phi­sche Splitter, die in Sahlings Drehbuch einge­flossen sind. Wenn Karl bei einem Schuster Turn­schuhe mit hohen Sohlen entdeckt und mitnehmen darf, geht der kuriose Einfall auf eine Erfahrung l Sahlings zurück, der als Junge lange in ein größeres Mädchen verliebt war.

Die stil­si­chere Insze­nie­rung, die in ihrer sommer­li­chen Leich­tig­keit an Joya Thomes Kinder­spiel­film Königin von Niendorf erinnert, leistet sich nur marginale Schwächen. So bilden Karl und Tom während der Abwe­sen­heit der Eltern ein starkes Team, das die Liebe zum Pizza-Essen teilt. Auch wenn sich beide nahe­stehen und wech­sel­seitig unter­s­tützen, bleiben Konflikte nicht aus. Umso irri­tie­render wirkt es, wenn dann ein wichtiger Streit der Brüder über die Nutzung eines Liebes­ge­dichts von Karl für ein Lied von Toms Band unauf­gelöst versandet.

Unter dem Strich zählt Ab morgen bin ich mutig zu den stärksten deutschen Kinder­filmen der letzten Jahr­zehnte. Dabei sah es lange nicht gut aus für das bescheiden budge­tierte Projekt, das eine lange und schwie­rige Entste­hungs­ge­schichte hinter sich hat. Am Ende musste es ohne jede Fern­seh­be­tei­li­gung auskommen, obwohl in Deutsch­land abend­fül­lende Spiel­filme in aller Regel nur mit Hilfe von Fern­seh­sen­dern reali­siert werden können. Umso pein­li­cher ist das Armuts­zeugnis für all die Sender, die es verschmäht haben, dieses Filmjuwel zu unter­s­tützen. Weltweit hat es bereits eine beein­dru­ckende Tournee auf einschlä­gigen Film­fes­ti­vals absol­viert und auf dem Schlingel-Festival in Chemnitz gerade den Preis der Europäi­schen Kinder­film­ver­ei­ni­gung ECFA gewonnen.