Das deutsche Kino hat sich nie so richtig davon erholt, dass es einst seine expressionistischen Dämonen vertrieben hat, dass es seine Ursprünge als ein Schattenspiel irgendwo zwischen Rummelplatz und Zirkus verdrängt hat. Drum tut es sich heute schwer, wirklich angemessene Rollen zu finden für eine Frau wie Meret Becker. Die das Dunkle und Verschrobene liebt und lebt, und die – auch wenn sie schauspielerisch keine Wünsche offen lässt – nicht selten verschwendet
scheint an den heutigen Film.
All das, was sie da nur hin und wieder an Facetten zeigen darf, packt sie dafür in ihre Musik – sie hat zwei wunderbare CDs gemacht, „Nachtmahr“ und „Fragiles“, deren Titel schon ein ziemlich treffendes Programm abgeben, und sie tritt immer wieder mit diversen Konzertabenden auf, meist begleitet von Buddy Sacher und Peter Wilmans von „Ars vitalis“. Ihr neues Programm „Hølekin gen ...°“ (in München am
23.10.2005 im Prinzregententheater) ist ein mitternachtssonniges Prost in Richtung Helsinki.
Das folgende Interview fand in Mannheim in der Alten Feuerwache statt, zwischen Soundcheck und Auftrittsvorbereitung. Backstage schaute Beckers kleines Töchterlein Lulu grade begeistert auf dem iBook Tod Brownings Freaks. So sehr es auch Hoffnung für die Zukunft gibt, wenn heute
Kinder noch so früh einen so guten Geschmack haben und/oder anerzogen bekommen – es machte auch schlagartig wieder klar, warum es schwierig bleiben dürfte mit Meret Becker und dem heutigen deutschen Film.
Mit Meret Becker sprach Thomas Willmann.
artechock: Sie haben zuletzt in 3° kälter von Florian Hoffmeister mitgespielt. Wie kamen Sie zu dem Projekt, und wie war Ihre Reaktion darauf, dass der Film in Locarno einen Preis als bester Erstlingsfilm bekommen hat?
Meret Becker: Es fiel jemand aus, dann wurde ich gefragt. Das kam glaube ich über Alexander Beyer, der war besetzt. Ich spiele seine Freundin. Und wir sind privat befreundet, und dann wurde ich da irgendwie reingeholt. Und der Regisseur hatte mich glaube ich vorher schon mal in Betracht gezogen, aber dann zunächst doch eine andere genommen.
Es ist ulkig, wenn man so redet über deutsche Filme und ihre Probleme. Bei den Interviews sagte ein
Journalist, jetzt wäre das wieder so ein tragischer deutscher Film... Der Regisseur sagte: Ich wollt’s gern tragisch, tut mir leid. Ich wurde allerdings etwas wütender – weil ich dachte: Der Journalist sieht gar nicht, dass der Film eine Sprache gefunden hat für sich. Und das finde ich das Wichtige. Er hat kontinuierlich eine Sprache gesprochen – ob man das mag oder nicht, ist dahingestellt. Dadurch bekennt er Farbe. Und das ist sowas, was mir ganz oft beim
deutschen Film fehlt. Wo dann irgenwie hingeschmumelt wird. Immer wenn der deutsche Film nämlich so eine Farbe für sich gefunden hat, dann machen wir eigentlich ganz schön geile Filme, finde ich.
Ansonsten ist es natürlich toll, dass wir da – grad nach so'ne Bemerkungen, die natürlich auch nur ein Deutscher gesagt hat, die Ausländer fanden das alle super – ist es natürlich toll, dann mit so einem Jaguar belohnt zu werden. Da hab' ich echt »Hurrah« geschrien.
artechock: Haben Sie nicht dennoch manchmal das Gefühl, dass ein anderes Land Ihnen besser liegen könnte? Dass z.B. das französische Kino eher Ihre Heimat wäre?
Becker: Ja, ja, ist es auch. Wobei ich sagen muss: Ich finde generell WELTOFFEN zu sein wichtig. Der russische Film ist auch superspannend, der serbische Film natürlich, also Kusturica, oder eben auch der finnische Film, Kaurismäki natürlich (lacht), also das sind für mich so Halbgötter.
artechock: Sie haben auch eine Fangemeinde in Japan. Wie kommt das?
Becker: Wir haben über Ars vitalis dort einen Bekannten, der ist Schauspieler, der heißt Issei Ogata. Der hat die öfter eingeladen. Und als ich da mit Pina Bausch gespielt habe, haben sie mich angeguckt und beschlossen, sie würden das zu einer Fernsehshow mit Ogata einladen wollen.
Und dann kamen natürlich auch viele Leute, weil ich mit den „Einstürzenden Neubauten“ gearbeitet habe, und die sind in Japan sehr
bekannt. Wobei sie mit Japan gebrochen haben... – also, Japan mit ihnen.
artechock: Es gibt den schönen Beach Boys-Song „I just wasn’t born for these times“. Man hat den Eindruck, dass der auf Sie gut zutreffen könnte.
Becker: (Lacht) Ja, in gewissen Hinsichten schon. Andererseits denke ich mir dann wieder: Jede Zeit hat ihre Für und Widers. Es gibt Sachen, die sind toll, die gab’s vor ein paar Jahren noch nicht. Computer zum Beispiel, was für mich ganz herrlich ist, um Musik zu machen. Nicht, dass ich jetzt Retortenmusik mache, aber als Schnittwerkzeug ist das für mich super. Das zu lernen mit Bandmaschinen, die hin- und her- und umzudrehen und ich weiß nicht was... puh. Würde ich auch hinkriegen. Aber da bin ich schon froh.
artechock: Zu Ihrem neuen Programm eine potentiell blöde Frage: Waren Sie schon in Finnland?
Becker: Nein. Das Finnland, um das es geht, ist eher ein emotionaler Ort.
artechock: Also ist das eher, wie wenn Lars von Trier Filme über Amerika macht und bewusst nicht hinfährt, weil es ihm um den Mythos geht?
Becker: Genau. Oder wie wenn Karl May über Winnetou erzählt.
artechock: Woher kam aber die Idee, etwas »in Gedanken an Finnland« (wie der Untertitel des Abends heißt) zu machen?
Becker: Das ist ja immer komisch mit Veranstaltungen: Man soll ganz früh schon sagen, wie der Titel des Programms ist, und was man macht. Man weiß es alles noch überhaupt nicht, aber man muss so früh buchen. Dann haben wir uns also getroffen. Und wir kennen einen Finnen, der hat uns das Wort Hølekin Kølekin beigebracht, zum Trinken. Und wir saßen in einem Restaurant und sagten irgendwie »Prost«, und dann sagte Buddy »Hølekin Kølekin«, und da dachten wir, ach, das ist aber eigentlich schön, das Wort. »Kølekin« fanden wir ein bisschen zu sehr nach »Kölsch« klingend, aber »Hølekin« fanden wir schön. Und dann kamen wir auf »gen«, so ein altmodisches Wort, und eine Gradzahl klingt immer schön, das klingt auch nach Seefahrt. Und es ist nur ein Weg, es ist nicht unbedingt der Ort selber, sondern es ist ein Weg dahin.
artechock: Die Gradzahl im Titel wir für jede Tourstadt eigens angepasst, dass das »Prost« immer von dort geografisch korrekt nach Helsinki weist. Wer hat sich die Mühe gemacht?
Becker: Peter, im Internet. (Lacht) Das hat eine Weile gedauert, bis wir raus hatten, wie man das rechnet. Wir haben auch verschiedene Seemänner angefragt, aber Peter hatte dann irgendwann eine Internetseite gefunden, wo man das recherchieren kann.
artechock: Aber nochmal zurück zur Idee: Warum musste der Toast ausgerechnet Richtung Finnland gehen?
Becker: Finnland ist eigentlich ein Thema, das uns sowieso beschäftigt. Erstmal haben die eine Tangokultur, wie man weiß – was sehr obskur ist, finde ich. (Lacht) Dann sind sie von der Mentalität her einfach ulkige Leute, finde ich – und auch sehr angenehme Leute. Die nordischen Länder liegen mir und uns allen sowieso sehr. Dann haben die natürlich eine große Trinkkultur, und wunderschöne Landschaft, und die Nordlichter, und so'ne Sachen. Und Schnee ist etwas, was ich gerne mag, und auch, dass es ein halbes Jahr dunkel und ein halbes Jahr hell ist. Das gibt natürlich schon ganz schön viel Punkte.
artechock: Und wie wird aus diesen Punkten ein Programm?
Becker: Wir assoziiern zusammen musikalisch Dinge und suchen alle Musiken raus: Buddy hat eine Traditional-CD gehabt, und eine Tango-CD, und ich hab' ein Trinklied rausgesucht und auch ein paar Lieder geschrieben, und hab' gesagt ein paar Country-Lieder fände ich schön, das passt nach Finnland. Sind ja auch so eine Art Cowboys, mit ihren Rentieren.
Ja, und dann mach ich immer eine Dramaturgie. Ich hab das Programm unterteilt in einen
dunklen Teil und einen hellen Teil, den Winterteil und den Sommerteil. Für uns intern als Idee ist aber, dass der dunkle Teil natürlich tagsüber ist und der helle Teil natürlich nachts (lacht) – wir sind immer müde. Vom ganzen Gefühl her wollten wir einfach so eine Ruhe reinbringen. Als wäre man schon immer da. So wie bei diesem Film Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss – als würde man immer noch Musik machen, die ganze Zeit. Und deswegen sind wir auch
als Erste auf der Bühne, bevor überhaupt das Publikum reinkommt.
artechock: Wer sind Ihre musikalischen Lieblinge, Vorbilder?
Becker: Kurt Weill auf jeden Fall. Harmonisch betrachtet finde ich das mit das Schönste. Satie. Aber auch Debussy, mit dem ich mich gar nicht so gut auskenne, oder Ravel. Das sind Klänge, die ich gerne mag – wo ich natürlich NIE hinkommen werde, weil ich bin ja kein gelernter Pianist oder Komponist. Aber diese Reibung mag ich gerne: Sie klingen sehr sentimental und bleiben dann doch immer spröde und brüchig. Genauso wie Eissler.
Und
heutzutage sind das auf jeden Fall Leute wie Kate Bush, Tom Waits. Mit Jazz bin ich mit groß geworden, den mag ich auch sehr gerne. Townes Van Zandt mag ich gerne, und Gillian Welsh: Folk-Musik im schönsten Sinne – wenn die Zeit nicht mehr so wegrennt, das habe ich gerne.
artechock: Ihre Kunst ist oft ein ziemlich fragiles Nachtschattengewächs. Ist es schwierig, das notwendige Gefühl auf Tour Abend für Abend zu reproduzieren?
Becker: Mal mehr, mal weniger. Bei der Tour zur letzten CD »Fragiles« war es schwierig, weil das so eine Spannung hate. Das war so durcharrangiert, dass es für einen selber überraschend war, was für einen Bogen das jedesmal hatte. Aber das heißt natürlich auch: Keinen Fehler, keine Nebengeräusche machen, um diese Spannung zu halten.
Hier ist es wesentlich entspannter, und das wollten wir eben auch haben – das wir zwischendurch
trinken dürfen, und ich erzähle manchmal irgendeinen Blödsinn über Finnland, obwohl ich keine Ahnung habe... Das macht Spaß. Wir versuchen hier wirklich, einfach MUSIK zu machen. Spätestens ab dem zweiten Teil machen wir einfach nur Musik. (Lacht) Der erste hat noch so ein bisschen was in Richtung »Fragiles« – wobei wir auch versuchen, das wegzupusten: Dieses »Heilige« da. (Lacht)
artechock: Wird es bald mal wieder eine neue CD geben?
Becker: Jetzt ist erstmal so eine Art Zwischen-CD von mir geplant, wobei wir hier schon ein paar Songs davon spielen, und zu überlegen ist, ob ich die live so reinnehme – eigentlich wollte ich die alleine machen. Es ist eine sehr persönliche CD, deswegen dachte ich mir, ich mach die mal ganz alleine. Aber vielleicht müssen Buddy und Peter doch drauf, weil sie wirklich so schön spielen...
Und jetzt ist ja grade endlich meine Filmmusik
zu Pipermint rausgekommen. Nach zwei Jahren Kampf ist es jetzt so weit.