20.10.2005

»Als wäre man schon immer da.«

Ein Gespräch mit Sängerin und Schauspielerin Meret Becker

Das deutsche Kino hat sich nie so richtig davon erholt, dass es einst seine expres­sio­nis­ti­schen Dämonen vertrieben hat, dass es seine Ursprünge als ein Schat­ten­spiel irgendwo zwischen Rummel­platz und Zirkus verdrängt hat. Drum tut es sich heute schwer, wirklich ange­mes­sene Rollen zu finden für eine Frau wie Meret Becker. Die das Dunkle und Verschro­bene liebt und lebt, und die – auch wenn sie schau­spie­le­risch keine Wünsche offen lässt – nicht selten verschwendet scheint an den heutigen Film.
All das, was sie da nur hin und wieder an Facetten zeigen darf, packt sie dafür in ihre Musik – sie hat zwei wunder­bare CDs gemacht, „Nachtmahr“ und „Fragiles“, deren Titel schon ein ziemlich tref­fendes Programm abgeben, und sie tritt immer wieder mit diversen Konzert­abenden auf, meist begleitet von Buddy Sacher und Peter Wilmans von „Ars vitalis“. Ihr neues Programm „Hølekin gen ...°“ (in München am 23.10.2005 im Prinz­re­gen­ten­theater) ist ein mitter­nachts­son­niges Prost in Richtung Helsinki.
Das folgende Interview fand in Mannheim in der Alten Feuer­wache statt, zwischen Sound­check und Auftritts­vor­be­rei­tung. Backstage schaute Beckers kleines Töch­ter­lein Lulu grade begeis­tert auf dem iBook Tod Brownings Freaks. So sehr es auch Hoffnung für die Zukunft gibt, wenn heute Kinder noch so früh einen so guten Geschmack haben und/oder anerzogen bekommen – es machte auch schlag­artig wieder klar, warum es schwierig bleiben dürfte mit Meret Becker und dem heutigen deutschen Film.

Mit Meret Becker sprach Thomas Willmann.

artechock: Sie haben zuletzt in 3° kälter von Florian Hoff­meister mitge­spielt. Wie kamen Sie zu dem Projekt, und wie war Ihre Reaktion darauf, dass der Film in Locarno einen Preis als bester Erst­lings­film bekommen hat?

Meret Becker: Es fiel jemand aus, dann wurde ich gefragt. Das kam glaube ich über Alexander Beyer, der war besetzt. Ich spiele seine Freundin. Und wir sind privat befreundet, und dann wurde ich da irgendwie rein­ge­holt. Und der Regisseur hatte mich glaube ich vorher schon mal in Betracht gezogen, aber dann zunächst doch eine andere genommen.
Es ist ulkig, wenn man so redet über deutsche Filme und ihre Probleme. Bei den Inter­views sagte ein Jour­na­list, jetzt wäre das wieder so ein tragi­scher deutscher Film... Der Regisseur sagte: Ich wollt’s gern tragisch, tut mir leid. Ich wurde aller­dings etwas wütender – weil ich dachte: Der Jour­na­list sieht gar nicht, dass der Film eine Sprache gefunden hat für sich. Und das finde ich das Wichtige. Er hat konti­nu­ier­lich eine Sprache gespro­chen – ob man das mag oder nicht, ist dahin­ge­stellt. Dadurch bekennt er Farbe. Und das ist sowas, was mir ganz oft beim deutschen Film fehlt. Wo dann irgenwie hinge­schmu­melt wird. Immer wenn der deutsche Film nämlich so eine Farbe für sich gefunden hat, dann machen wir eigent­lich ganz schön geile Filme, finde ich.
Ansonsten ist es natürlich toll, dass wir da – grad nach so'ne Bemer­kungen, die natürlich auch nur ein Deutscher gesagt hat, die Ausländer fanden das alle super – ist es natürlich toll, dann mit so einem Jaguar belohnt zu werden. Da hab' ich echt »Hurrah« geschrien.

artechock: Haben Sie nicht dennoch manchmal das Gefühl, dass ein anderes Land Ihnen besser liegen könnte? Dass z.B. das fran­zö­si­sche Kino eher Ihre Heimat wäre?

Becker: Ja, ja, ist es auch. Wobei ich sagen muss: Ich finde generell WELTOFFEN zu sein wichtig. Der russische Film ist auch super­span­nend, der serbische Film natürlich, also Kusturica, oder eben auch der finnische Film, Kauris­mäki natürlich (lacht), also das sind für mich so Halb­götter.

artechock: Sie haben auch eine Fange­meinde in Japan. Wie kommt das?

Becker: Wir haben über Ars vitalis dort einen Bekannten, der ist Schau­spieler, der heißt Issei Ogata. Der hat die öfter einge­laden. Und als ich da mit Pina Bausch gespielt habe, haben sie mich angeguckt und beschlossen, sie würden das zu einer Fern­seh­show mit Ogata einladen wollen.
Und dann kamen natürlich auch viele Leute, weil ich mit den „Eins­tür­zenden Neubauten“ gear­beitet habe, und die sind in Japan sehr bekannt. Wobei sie mit Japan gebrochen haben... – also, Japan mit ihnen.

artechock: Es gibt den schönen Beach Boys-Song „I just wasn’t born for these times“. Man hat den Eindruck, dass der auf Sie gut zutreffen könnte.

Becker: (Lacht) Ja, in gewissen Hinsichten schon. Ande­rer­seits denke ich mir dann wieder: Jede Zeit hat ihre Für und Widers. Es gibt Sachen, die sind toll, die gab’s vor ein paar Jahren noch nicht. Computer zum Beispiel, was für mich ganz herrlich ist, um Musik zu machen. Nicht, dass ich jetzt Retor­ten­musik mache, aber als Schnitt­werk­zeug ist das für mich super. Das zu lernen mit Band­ma­schinen, die hin- und her- und umzu­drehen und ich weiß nicht was... puh. Würde ich auch hinkriegen. Aber da bin ich schon froh.

artechock: Zu Ihrem neuen Programm eine poten­tiell blöde Frage: Waren Sie schon in Finnland?

Becker: Nein. Das Finnland, um das es geht, ist eher ein emotio­naler Ort.

artechock: Also ist das eher, wie wenn Lars von Trier Filme über Amerika macht und bewusst nicht hinfährt, weil es ihm um den Mythos geht?

Becker: Genau. Oder wie wenn Karl May über Winnetou erzählt.

artechock: Woher kam aber die Idee, etwas »in Gedanken an Finnland« (wie der Unter­titel des Abends heißt) zu machen?

Becker: Das ist ja immer komisch mit Veran­stal­tungen: Man soll ganz früh schon sagen, wie der Titel des Programms ist, und was man macht. Man weiß es alles noch überhaupt nicht, aber man muss so früh buchen. Dann haben wir uns also getroffen. Und wir kennen einen Finnen, der hat uns das Wort Hølekin Kølekin beigebracht, zum Trinken. Und wir saßen in einem Restau­rant und sagten irgendwie »Prost«, und dann sagte Buddy »Hølekin Kølekin«, und da dachten wir, ach, das ist aber eigent­lich schön, das Wort. »Kølekin« fanden wir ein bisschen zu sehr nach »Kölsch« klingend, aber »Hølekin« fanden wir schön. Und dann kamen wir auf »gen«, so ein altmo­di­sches Wort, und eine Gradzahl klingt immer schön, das klingt auch nach Seefahrt. Und es ist nur ein Weg, es ist nicht unbedingt der Ort selber, sondern es ist ein Weg dahin.

artechock: Die Gradzahl im Titel wir für jede Tourstadt eigens angepasst, dass das »Prost« immer von dort geogra­fisch korrekt nach Helsinki weist. Wer hat sich die Mühe gemacht?

Becker: Peter, im Internet. (Lacht) Das hat eine Weile gedauert, bis wir raus hatten, wie man das rechnet. Wir haben auch verschie­dene Seemänner angefragt, aber Peter hatte dann irgend­wann eine Inter­net­seite gefunden, wo man das recher­chieren kann.

artechock: Aber nochmal zurück zur Idee: Warum musste der Toast ausge­rechnet Richtung Finnland gehen?

Becker: Finnland ist eigent­lich ein Thema, das uns sowieso beschäf­tigt. Erstmal haben die eine Tango­kultur, wie man weiß – was sehr obskur ist, finde ich. (Lacht) Dann sind sie von der Menta­lität her einfach ulkige Leute, finde ich – und auch sehr angenehme Leute. Die nordi­schen Länder liegen mir und uns allen sowieso sehr. Dann haben die natürlich eine große Trink­kultur, und wunder­schöne Land­schaft, und die Nord­lichter, und so'ne Sachen. Und Schnee ist etwas, was ich gerne mag, und auch, dass es ein halbes Jahr dunkel und ein halbes Jahr hell ist. Das gibt natürlich schon ganz schön viel Punkte.

artechock: Und wie wird aus diesen Punkten ein Programm?

Becker: Wir asso­zi­iern zusammen musi­ka­lisch Dinge und suchen alle Musiken raus: Buddy hat eine Tradi­tional-CD gehabt, und eine Tango-CD, und ich hab' ein Trinklied raus­ge­sucht und auch ein paar Lieder geschrieben, und hab' gesagt ein paar Country-Lieder fände ich schön, das passt nach Finnland. Sind ja auch so eine Art Cowboys, mit ihren Rentieren.
Ja, und dann mach ich immer eine Drama­turgie. Ich hab das Programm unter­teilt in einen dunklen Teil und einen hellen Teil, den Winter­teil und den Sommer­teil. Für uns intern als Idee ist aber, dass der dunkle Teil natürlich tagsüber ist und der helle Teil natürlich nachts (lacht) – wir sind immer müde. Vom ganzen Gefühl her wollten wir einfach so eine Ruhe rein­bringen. Als wäre man schon immer da. So wie bei diesem Film Nur Pferden gibt man den Gnaden­schuss – als würde man immer noch Musik machen, die ganze Zeit. Und deswegen sind wir auch als Erste auf der Bühne, bevor überhaupt das Publikum reinkommt.

artechock: Wer sind Ihre musi­ka­li­schen Lieblinge, Vorbilder?

Becker: Kurt Weill auf jeden Fall. Harmo­nisch betrachtet finde ich das mit das Schönste. Satie. Aber auch Debussy, mit dem ich mich gar nicht so gut auskenne, oder Ravel. Das sind Klänge, die ich gerne mag – wo ich natürlich NIE hinkommen werde, weil ich bin ja kein gelernter Pianist oder Komponist. Aber diese Reibung mag ich gerne: Sie klingen sehr senti­mental und bleiben dann doch immer spröde und brüchig. Genauso wie Eissler.
Und heut­zu­tage sind das auf jeden Fall Leute wie Kate Bush, Tom Waits. Mit Jazz bin ich mit groß geworden, den mag ich auch sehr gerne. Townes Van Zandt mag ich gerne, und Gillian Welsh: Folk-Musik im schönsten Sinne – wenn die Zeit nicht mehr so wegrennt, das habe ich gerne.

artechock: Ihre Kunst ist oft ein ziemlich fragiles Nacht­schat­ten­ge­wächs. Ist es schwierig, das notwen­dige Gefühl auf Tour Abend für Abend zu repro­du­zieren?

Becker: Mal mehr, mal weniger. Bei der Tour zur letzten CD »Fragiles« war es schwierig, weil das so eine Spannung hate. Das war so durch­ar­ran­giert, dass es für einen selber über­ra­schend war, was für einen Bogen das jedesmal hatte. Aber das heißt natürlich auch: Keinen Fehler, keine Neben­geräu­sche machen, um diese Spannung zu halten.
Hier ist es wesent­lich entspannter, und das wollten wir eben auch haben – das wir zwischen­durch trinken dürfen, und ich erzähle manchmal irgend­einen Blödsinn über Finnland, obwohl ich keine Ahnung habe... Das macht Spaß. Wir versuchen hier wirklich, einfach MUSIK zu machen. Spätes­tens ab dem zweiten Teil machen wir einfach nur Musik. (Lacht) Der erste hat noch so ein bisschen was in Richtung »Fragiles« – wobei wir auch versuchen, das wegzu­pusten: Dieses »Heilige« da. (Lacht)

artechock: Wird es bald mal wieder eine neue CD geben?

Becker: Jetzt ist erstmal so eine Art Zwischen-CD von mir geplant, wobei wir hier schon ein paar Songs davon spielen, und zu überlegen ist, ob ich die live so reinnehme – eigent­lich wollte ich die alleine machen. Es ist eine sehr persön­liche CD, deswegen dachte ich mir, ich mach die mal ganz alleine. Aber viel­leicht müssen Buddy und Peter doch drauf, weil sie wirklich so schön spielen...
Und jetzt ist ja grade endlich meine Filmmusik zu Pipermint raus­ge­kommen. Nach zwei Jahren Kampf ist es jetzt so weit.