29.10.2026

Das Lachen wird uns noch vergehen

Elon Musk's Odyssee
Europa so wie einst Troya...
(Foto: Wonder Studios')

Elon Musks KI-generierte „Odyssee“ ist ein dramaturgisches Desaster. Doch hinter den sieben Minuten künstlicher Langeweile verbirgt sich eine technische Revolution, die in China bereits Tausende Filmschaffende unter Druck setzt

Von Axel Timo Purr

Man muss kein Freund von Chris­to­pher Nolans pompöser Odyssee sein, um bei Elon Musks Gegen­ent­wurf zunächst einmal fassungslos zu schlucken. Und sich damit ganz im Einklang mit dem vernich­tenden Kritik­echo zu befinden, das seit zwei Tagen durch die inter­na­tio­nale Presse wabert. Die Scha­den­freude über den Milli­ardär, der mit seiner KI-Software Grok Imagine zum Gegen­schlag gegen Nolan und dessen woke Konzepte ausholt, ist groß und durchaus berech­tigt.

Schließ­lich hatte Musk so groß­kotzig wie üblich angekün­digt, noch vor Jahres­ende eine abend­fül­lende, histo­risch akkurate und Homers Kunst verpflich­tete Verfil­mung des antiken Epos zu präsen­tieren. Heraus­ge­kommen ist vorerst eine sieben­minü­tige erste Episode, entstanden in Zusam­men­ar­beit mit Wonder Studios und Regisseur Dev Walker. Es ist eine merk­würdig und erschüt­ternd leblose Ange­le­gen­heit, die weniger an Kino als an einen über­langen Trailer erinnert, der verzwei­felt versucht, ein großes Narrativ in eine Abfolge möglichst eindrucks­voller Bilder zu pressen. Oder an jene zahllosen schrift­li­chen Nach­er­zäh­lungen antiker Epen, mit denen weltweit Gene­ra­tionen von Schülern für die grie­chi­sche Antike begeis­tert werden sollten. Auch die einst populären Hörspiel­kurz­fas­sungen großer lite­ra­ri­scher Stoffe auf Schall­platten des Labels Europa kommen einem in den Sinn.

Musks Odysseus hingegen darf kaum mehr, als sich durch eine Abfolge drama­tur­gisch unver­bun­dener Stationen zu bewegen: Seine vorge­täuschte Verrückt­heit, mit der er sich dem Troja­ni­schen Krieg entziehen will, die Entlar­vung durch die Gefähr­dung seines Sohnes, der Abschied von Penelope, die Überfahrt nach Troja und schließ­lich der Sprung um zehn Jahre: Alles wird abge­ar­beitet, nichts entwi­ckelt, was aller­dings, nur in Kurz­fas­sung, fast schon aber­witzig an Nolans Odyssee erinnert. Die Figuren besitzen weder Innen­leben noch erkenn­bare Moti­va­tion. Selbst die Stimmen tönen, als hätten sie das Pathos des Monu­men­tal­films gleich zwei Mal am Tag gegurgelt, ohne jedoch dessen Bedeutung zu verstehen.

Der britische Guardian-Kritiker Peter Bradshaw vergleicht die drama­ti­schen Momente mit den sinnlosen Bewe­gungen eines Bild­schirm­scho­ners und die Ästhetik mit antiken Call of Duty-Grafiken. David Mouri­quand von Euronews schreibt von einem voll­kommen seelen­losen Produkt, dessen künstlich geglät­tete Bilder ebenso befremden wie seine erzäh­le­ri­sche Zusam­men­hang­lo­sig­keit. Besonders genüss­lich wird Musks Anspruch auf histo­ri­sche Authen­ti­zität ausein­an­der­ge­nommen, den seine eigene Produk­tion kaum einzu­lösen vermag.

Doch so bestür­zend leblos diese sieben Minuten sind, so erschre­ckend über­zeu­gend ist zugleich ihre tech­ni­sche Qualität. Flotten, Land­schaften, Schlachten, Kostüme, Gesichter: Vieles, wofür noch vor wenigen Jahren gewaltige Budgets, Heer­scharen von Spezia­listen und mona­te­lange Dreh­ar­beiten erfor­der­lich gewesen wären, lässt sich inzwi­schen mit Software gene­rieren. Dass die Bilder noch immer an den entschei­denden Stellen ausein­an­der­fallen, sollte keines­falls darüber hinweg­täu­schen, wie schnell die Tech­no­logie voran­schreitet.

Und genau hier endet dann auch die Scha­den­freude. Denn was Musk hier präsen­tiert, ist in China längst Teil einer indus­tri­ellen Realität.

Dort hat sich in den vergan­genen Monaten eine gigan­ti­sche KI-gene­rierte Mikro­drama-Industrie entwi­ckelt. Es handelt sich um kurze, über­wie­gend für Smart­phones produ­zierte Serien, deren einzelne Episoden häufig nur ein oder zwei Minuten dauern. Die Nähe zu Musks sieben­minü­tiger Odyssee ist unüber­sehbar: Auch hier wird das Erzählen in kleinste Einheiten zerlegt, werden große Gefühle, Konflikte und Schau­werte in möglichst kurzer Zeit konsu­mierbar gemacht.

Nach Angaben der Financial Times waren bereits im ersten Quartal 2026 rund 95 Prozent der etwa 128.000 veröf­fent­lichten chine­si­schen Kurz­dramen KI-generiert. Allein im März wurden laut New York Times nahezu 50.000 neue KI-Micro­dramas auf Douyin hoch­ge­laden. Was noch vor Kurzem Schau­spieler, Kame­ra­leute, Beleuchter, Cutter und Ausstatter erfor­derte, kann heute teilweise von Einzel­per­sonen am Computer produ­ziert werden.

Die Konse­quenzen sind drastisch. Schau­spieler berichten von ausblei­benden Rollen­an­ge­boten, Produk­ti­ons­crews werden aufgelöst, Schnitt­ab­tei­lungen auf einen Bruchteil ihrer früheren Größe reduziert. Besonders bitter daran ist, dass manche Darsteller ihre Gesichter, Stimmen und indi­vi­du­ellen Ausdrucks­weisen für digitale Repliken zur Verfügung stellen sollen, die anschließend ihre eigene Arbeit ersetzen.

Die chine­si­sche Entwick­lung zeigt, dass die entschei­dende Frage längst nicht mehr lautet, ob KI bereits große Filmkunst hervor­bringen kann. Sondern ob sie billig genug ist, um einen erheb­li­chen Teil der bishe­rigen Film­pro­duk­tion wirt­schaft­lich über­flüssig zu machen. Die Antwort darauf fällt schon heute erschre­ckend eindeutig aus. Denn zwar hat Peter Bradshaw recht, wenn er in Musks Odyssee vor allem ein Produkt erkennt, dessen finan­zi­eller Vorteil in einem grotesken Miss­ver­hältnis zu seinem künst­le­ri­schen Wert steht. Doch genau dieses Miss­ver­hältnis könnte zum Problem werden. Denn die Film­in­dus­trie war noch nie ausschließ­lich ein Ort künst­le­ri­scher Ambi­tionen. Sie ist ebenso eine Industrie der Kalku­la­tion, der Risi­ko­mi­ni­mie­rung und der möglichst gewinn­brin­genden Wieder­ho­lung bewährter Formeln.

Dass Musks sieben Minuten nach Angaben der betei­ligten Produk­ti­ons­firma von einem drei­köp­figen Team in weniger als zwei Wochen herge­stellt wurden, für Kosten im fünf­stel­ligen Dollar­be­reich, ist deshalb womöglich die wesent­lich beun­ru­hi­gen­dere Nachricht als ihre ästhe­ti­sche Erbärm­lich­keit. Und mehr noch: Dass solche Kalku­la­tionen längst nicht mehr nur das kommer­zi­elle Kino bestimmen, zeigte sich gerade erst auf den 60. Inter­na­tio­nalen Hofer Filmtagen. Dort feierte Anca Miruna Lăză­rescus neun­minü­tiger Science-Fiction-Kurzfilm Carpe Diem seine Welt­pre­miere, eine hybride Produk­tion, die tradi­tio­nelle Insze­nie­rung mit KI-gene­rierten Bildern und Hinter­gründen verbindet. Gerade einmal 15.000 Euro soll der Film gekostet haben – statt der rund 400.000 Euro, die für eine konven­tio­nelle Reali­sie­rung veran­schlagt wurden. Dass selbst im unab­hän­gigen Kurzfilm, fernab von Holly­woods Milli­ar­den­bud­gets und Chinas indus­tri­eller Seri­en­pro­duk­tion, inzwi­schen in solchen Dimen­sionen gedacht wird, zeigt, wie tief­grei­fend der Wandel bereits ist. Und wie wenig es hilft, sich über die ästhe­ti­schen Unzu­läng­lich­keiten von Musks Odyssee lustig zu machen.

Zumindest Deutsch­land und Europa dürften aufgrund ihrer lang­sa­meren KI-Trans­for­ma­tion aller­dings noch etwas mehr Zeit haben als China oder Hollywood, um sich mit den Konse­quenzen ausein­an­der­zu­setzen. Dass dies aller­dings keines­wegs ein beru­hi­gender Vorsprung ist, zeigt die im Juni veröf­fent­lichte Studie Europe 2031 – Was auf dem Spiel steht, wenn wir die KI-Revo­lu­tion verschlafen. Die Autoren entwerfen darin das Szenario eines Konti­nents, der durch seine tech­no­lo­gi­sche Rücks­tän­dig­keit zunehmend die Kontrolle über seine wirt­schaft­liche und poli­ti­sche Zukunft verliert. Was die Sache noch einmal kompli­zierter macht, denn wer hat dann überhaupt noch das Geld für große, tradi­tio­nell entwi­ckelte Filmkunst? Und Europa ist dann viel­leicht nichts anderes beschieden als das tragische Schicksal Troyas zu repro­du­zieren.