Das Lachen wird uns noch vergehen |
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| Europa so wie einst Troya... | ||
| (Foto: Wonder Studios') | ||
Von Axel Timo Purr
Man muss kein Freund von Christopher Nolans pompöser Odyssee sein, um bei Elon Musks Gegenentwurf zunächst einmal fassungslos zu schlucken. Und sich damit ganz im Einklang mit dem vernichtenden Kritikecho zu befinden, das seit zwei Tagen durch die internationale Presse wabert. Die Schadenfreude über den Milliardär, der mit seiner KI-Software Grok Imagine zum Gegenschlag gegen Nolan und dessen woke Konzepte ausholt, ist groß und durchaus berechtigt.
Schließlich hatte Musk so großkotzig wie üblich angekündigt, noch vor Jahresende eine abendfüllende, historisch akkurate und Homers Kunst verpflichtete Verfilmung des antiken Epos zu präsentieren. Herausgekommen ist vorerst eine siebenminütige erste Episode, entstanden in Zusammenarbeit mit Wonder Studios und Regisseur Dev Walker. Es ist eine merkwürdig und erschütternd leblose Angelegenheit, die weniger an Kino als an einen überlangen Trailer erinnert, der verzweifelt versucht, ein großes Narrativ in eine Abfolge möglichst eindrucksvoller Bilder zu pressen. Oder an jene zahllosen schriftlichen Nacherzählungen antiker Epen, mit denen weltweit Generationen von Schülern für die griechische Antike begeistert werden sollten. Auch die einst populären Hörspielkurzfassungen großer literarischer Stoffe auf Schallplatten des Labels Europa kommen einem in den Sinn.
Musks Odysseus hingegen darf kaum mehr, als sich durch eine Abfolge dramaturgisch unverbundener Stationen zu bewegen: Seine vorgetäuschte Verrücktheit, mit der er sich dem Trojanischen Krieg entziehen will, die Entlarvung durch die Gefährdung seines Sohnes, der Abschied von Penelope, die Überfahrt nach Troja und schließlich der Sprung um zehn Jahre: Alles wird abgearbeitet, nichts entwickelt, was allerdings, nur in Kurzfassung, fast schon aberwitzig an Nolans Odyssee erinnert. Die Figuren besitzen weder Innenleben noch erkennbare Motivation. Selbst die Stimmen tönen, als hätten sie das Pathos des Monumentalfilms gleich zwei Mal am Tag gegurgelt, ohne jedoch dessen Bedeutung zu verstehen.
Der britische Guardian-Kritiker Peter Bradshaw vergleicht die dramatischen Momente mit den sinnlosen Bewegungen eines Bildschirmschoners und die Ästhetik mit antiken Call of Duty-Grafiken. David Mouriquand von Euronews schreibt von einem vollkommen seelenlosen Produkt, dessen künstlich geglättete Bilder ebenso befremden wie seine erzählerische Zusammenhanglosigkeit. Besonders genüsslich wird Musks Anspruch auf historische Authentizität auseinandergenommen, den seine eigene Produktion kaum einzulösen vermag.
Doch so bestürzend leblos diese sieben Minuten sind, so erschreckend überzeugend ist zugleich ihre technische Qualität. Flotten, Landschaften, Schlachten, Kostüme, Gesichter: Vieles, wofür noch vor wenigen Jahren gewaltige Budgets, Heerscharen von Spezialisten und monatelange Dreharbeiten erforderlich gewesen wären, lässt sich inzwischen mit Software generieren. Dass die Bilder noch immer an den entscheidenden Stellen auseinanderfallen, sollte keinesfalls darüber hinwegtäuschen, wie schnell die Technologie voranschreitet.
Und genau hier endet dann auch die Schadenfreude. Denn was Musk hier präsentiert, ist in China längst Teil einer industriellen Realität.
Dort hat sich in den vergangenen Monaten eine gigantische KI-generierte Mikrodrama-Industrie entwickelt. Es handelt sich um kurze, überwiegend für Smartphones produzierte Serien, deren einzelne Episoden häufig nur ein oder zwei Minuten dauern. Die Nähe zu Musks siebenminütiger Odyssee ist unübersehbar: Auch hier wird das Erzählen in kleinste Einheiten zerlegt, werden große Gefühle, Konflikte und Schauwerte in möglichst kurzer Zeit konsumierbar gemacht.
Nach Angaben der Financial Times waren bereits im ersten Quartal 2026 rund 95 Prozent der etwa 128.000 veröffentlichten chinesischen Kurzdramen KI-generiert. Allein im März wurden laut New York Times nahezu 50.000 neue KI-Microdramas auf Douyin hochgeladen. Was noch vor Kurzem Schauspieler, Kameraleute, Beleuchter, Cutter und Ausstatter erforderte, kann heute teilweise von Einzelpersonen am Computer produziert werden.
Die Konsequenzen sind drastisch. Schauspieler berichten von ausbleibenden Rollenangeboten, Produktionscrews werden aufgelöst, Schnittabteilungen auf einen Bruchteil ihrer früheren Größe reduziert. Besonders bitter daran ist, dass manche Darsteller ihre Gesichter, Stimmen und individuellen Ausdrucksweisen für digitale Repliken zur Verfügung stellen sollen, die anschließend ihre eigene Arbeit ersetzen.
Die chinesische Entwicklung zeigt, dass die entscheidende Frage längst nicht mehr lautet, ob KI bereits große Filmkunst hervorbringen kann. Sondern ob sie billig genug ist, um einen erheblichen Teil der bisherigen Filmproduktion wirtschaftlich überflüssig zu machen. Die Antwort darauf fällt schon heute erschreckend eindeutig aus. Denn zwar hat Peter Bradshaw recht, wenn er in Musks Odyssee vor allem ein Produkt erkennt, dessen finanzieller Vorteil in einem grotesken Missverhältnis zu seinem künstlerischen Wert steht. Doch genau dieses Missverhältnis könnte zum Problem werden. Denn die Filmindustrie war noch nie ausschließlich ein Ort künstlerischer Ambitionen. Sie ist ebenso eine Industrie der Kalkulation, der Risikominimierung und der möglichst gewinnbringenden Wiederholung bewährter Formeln.
Dass Musks sieben Minuten nach Angaben der beteiligten Produktionsfirma von einem dreiköpfigen Team in weniger als zwei Wochen hergestellt wurden, für Kosten im fünfstelligen Dollarbereich, ist deshalb womöglich die wesentlich beunruhigendere Nachricht als ihre ästhetische Erbärmlichkeit. Und mehr noch: Dass solche Kalkulationen längst nicht mehr nur das kommerzielle Kino bestimmen, zeigte sich gerade erst auf den 60. Internationalen Hofer Filmtagen. Dort feierte Anca Miruna Lăzărescus neunminütiger Science-Fiction-Kurzfilm Carpe Diem seine Weltpremiere, eine hybride Produktion, die traditionelle Inszenierung mit KI-generierten Bildern und Hintergründen verbindet. Gerade einmal 15.000 Euro soll der Film gekostet haben – statt der rund 400.000 Euro, die für eine konventionelle Realisierung veranschlagt wurden. Dass selbst im unabhängigen Kurzfilm, fernab von Hollywoods Milliardenbudgets und Chinas industrieller Serienproduktion, inzwischen in solchen Dimensionen gedacht wird, zeigt, wie tiefgreifend der Wandel bereits ist. Und wie wenig es hilft, sich über die ästhetischen Unzulänglichkeiten von Musks Odyssee lustig zu machen.
Zumindest Deutschland und Europa dürften aufgrund ihrer langsameren KI-Transformation allerdings noch etwas mehr Zeit haben als China oder Hollywood, um sich mit den Konsequenzen auseinanderzusetzen. Dass dies allerdings keineswegs ein beruhigender Vorsprung ist, zeigt die im Juni veröffentlichte Studie Europe 2031 – Was auf dem Spiel steht, wenn wir die KI-Revolution verschlafen. Die Autoren entwerfen darin das Szenario eines Kontinents, der durch seine technologische Rückständigkeit zunehmend die Kontrolle über seine wirtschaftliche und politische Zukunft verliert. Was die Sache noch einmal komplizierter macht, denn wer hat dann überhaupt noch das Geld für große, traditionell entwickelte Filmkunst? Und Europa ist dann vielleicht nichts anderes beschieden als das tragische Schicksal Troyas zu reproduzieren.