Die Erfindung des Anderen |
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| Stiglegger, Marcus: Mediale Projektionen des Anderen. Indigene Kulturen im Genrekino, Springer 2026. | ||
| (Grafik: Springer) | ||
Es braucht erstaunlich wenig, um ein Bild aufzurufen, das jeder kennt: Ein Federschmuck, ein bemaltes Gesicht, Pferde vor einer Felslandschaft, Rauchzeichen am Horizont. Über Jahrzehnte hat das Kino aus solchen Versatzstücken eine Vorstellung indigener Kulturen zusammengesetzt, die mit den Menschen, auf die sie sich angeblich bezog, oft weit weniger zu tun hatte, als mit den Wünschen und Ängsten jener Gesellschaft, die diese Bilder produzierte. Der »Indianer« des klassischen Western war nie einfach eine Figur unter anderen. Er markierte eine Grenze. Jenseits von ihr begann das Wilde, Fremde, noch nicht Zivilisierte – und auf der anderen Seite konnte sich das weiße Nordamerika selbst betrachten.
Der Film- und Kulturwissenschaftler Marcus Stiglegger ist ein ausgewiesener Kenner des Genrekinos, dessen Geschichte, Ästhetik und Theorie er bereits als Herausgeber des beim Springer Verlags erschienenen »Handbuch Filmgenre« (2020) umfassend zusammengeführt hat. Sein neuer Band Mediale Projektionen des Anderen. Indigene Kulturen im Genrekino ist in der dortigen Reihe „Genrediskurse“ erschienen und untersucht, wie populäre Genres Vorstellungen kultureller Fremdheit hervorbringen und verfestigen oder auch lockern. Stiglegger setzt genau bei dieser Bilderproduktion an. Ihn interessiert weniger die inzwischen leicht zu beantwortende Frage, ob zahlreiche Darstellungen indigener Menschen aus heutiger Sicht stereotyp, rassistisch oder kolonial geprägt sind. Ergiebiger ist für ihn, wie diese Bilder überhaupt entstehen konnten, weshalb sie sich über Jahrzehnte hielten und welche Funktion sie innerhalb populärer Genres erfüllen. Der Titel ist dabei genau gewählt: Es geht um Projektionen, also um Bilder, in denen sich der Blickende mindestens ebenso deutlich verrät wie der Betrachtete. Für das Kino gilt das in besonderer Weise. Genres entstehen durch Wiederholung. Landschaften, Figuren, Konflikte und moralische Ordnungen werden so oft variiert, bis sie selbstverständlich erscheinen. Der Western besitzt darin eine beinahe exemplarische Stellung. Sein Raum ist von Beginn an politisch. Die »Frontier«, ein in den USA gründungshistorisch und ideologisch besetzter Begriff, trennt Zivilisation und Wildnis, Eigentum und vermeintlich herrenloses Land, Zukunft und Vergangenheit. Dass diese Grenzziehung historisch auf Vertreibung, Enteignung und Gewalt beruht, verschwand lange hinter dem Gründungsmythos einer Nation, die sich in den Westen ausdehnt. Der indigene Bewohner dieses Landes wurde dadurch zum dramaturgischen Problem: Seine bloße Anwesenheit widersprach bereits der Vorstellung eines Territoriums, das erst durch den weißen Siedler erschlossen werden müsse.
Stiglegger verfolgt diese Konstruktion vom klassischen Hollywood-Western bis zu jenen Filmen, in denen das Genre seine eigenen Voraussetzungen langsam gegen sich selbst richtet: In Robert Aldrichs Massai (1954) beginnt das über Jahrzehnte festgeschriebene Bild bereits zu kippen. John Fords Cheyenne (1964) nimmt schließlich jene Menschen in den Blick, die Fords eigenes Kino zuvor oft auf die Funktion des Angreifers reduziert hatte. Mit Soldier Blue (1970) und Little Big Man (1970) wird die Gewalt der amerikanischen Expansion endgültig zum Gegenstand einer revisionistischen Genrebewegung. Das Massaker, das früher als notwendiger Bestandteil der Eroberung erscheinen konnte, kehrt nun als historische Schuld zurück. Dass diese Filme während des Vietnamkrieges entstanden, ist keine Nebensächlichkeit. Vergangenheit und Gegenwart beginnen einander zu spiegeln; der Western wird zum Medium, in dem Amerika seine eigenen Gewaltbilder neu liest.
Hier liegt eine der wesentlichen Qualitäten von Stigleggers Buch: Filmgeschichte erscheint nicht als einfacher Weg von »falschen« zu »richtigen« Bildern. Die Genres verändern ihre Perspektiven, ohne ihre Vergangenheit vollständig abzulegen. Selbst der revisionistische Western bleibt auf jene Ikonografie angewiesen, die er kritisiert. Auch der »gute Indianer«, der edle, naturverbundene Gegenentwurf zur verdorbenen weißen Zivilisation, ist schließlich eine Projektion. Das »Othering« verschwindet nicht unbedingt, wenn sich die moralischen Vorzeichen umkehren. Manchmal wird lediglich aus dem bedrohlichen Fremden ein idealisiertes Fremdes. Gerade deshalb ist der Begriff des Anderen für Stiglegger entscheidend. Er bezeichnet keinen unveränderlichen Personentyp, sondern eine kulturelle Operation. Eine Gemeinschaft bestimmt sich selbst, indem sie festlegt, was außerhalb ihrer Ordnung liegt. Postkoloniale Theorien von Edward Said bis Homi K. Bhabha liefern hierfür den begrifflichen Hintergrund, doch Stiglegger lässt das Buch erfreulicherweise nicht in einem theoretischen Vokabular erstarren. Die Modelle werden immer wieder an die konkreten Mechanismen populärer Genres zurückgebunden. Das ist wichtig, weil sich koloniale Vorstellungen im Kino selten als ausformulierte Ideologie präsentieren. Sie stecken in Blickrichtungen, Dramaturgien und Räumen, in der Frage, wer handeln darf und wer lediglich erscheint.
Der Abenteuerfilm führt diese Logik über den amerikanischen Westen hinaus. Fremde Länder werden dort seit jeher als Räume der Verfügbarkeit inszeniert. Sie warten darauf, entdeckt, durchquert, kartografiert oder erobert zu werden. Schon die Wortwahl verrät, aus welcher Perspektive diese Geschichten erzählt werden: »Unentdeckt« ist ein Land schließlich nur für denjenigen, der seine Bewohner nicht als Teil der eigenen Geschichte anerkennt. Der Abenteurer dringt in eine Welt ein, die der Film als exotisch, gefährlich und archaisch codiert und die dadurch umso stärker zur Bühne seiner eigenen Bewährung wird. Dass die koloniale Expansion nicht bloß den historischen Hintergrund solcher Erzählungen bildet, sondern deren Erzählstruktur geprägt hat, arbeitet Stiglegger überzeugend heraus. Die Landschaft wird zum Versprechen, die einheimische Bevölkerung zum Hindernis, Helfer oder Spektakel. Von dort führt ein durchaus folgerichtiger, wenn auch weiter Weg zum italienischen Genrekino und seinen besonders exzessiven Varianten kolonialer Imagination. Gerade der Kannibalenfilm der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre verdichtet das alte Bild des »Wilden« bis ins Groteske.
Diese Widersprüche bewahren »Mediale Projektionen des Anderen« vor einer allzu bequemen Sortierung der Filmgeschichte. Stiglegger interessiert sich erkennbar nicht für jene Form rückwirkender moralischer Inventur, bei der alte Filme nach heutigen Kriterien abgeurteilt und anschließend entweder freigesprochen oder ausgesondert werden. Das wäre auch zu einfach. Bilder entstehen in historischen Konstellationen, und gerade problematische Bilder verraten häufig besonders viel über die Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat. Man muss John Ford nicht von den kolonialen Voraussetzungen des Western freisprechen, um zu erkennen, dass sich innerhalb seines Werks selbst eine Veränderung vollzieht. Ebenso wenig reicht es aus, einen Kannibalenfilm als rassistisch zu etikettieren, wenn gerade zu untersuchen wäre, welche Vorstellungen von Zivilisation und Fremdheit seine Provokationen ermöglichen.
Gelegentlich wird diese große historische Spannweite allerdings selbst zum Problem: Auf wenig mehr als 130 Seiten führt Stiglegger von postkolonialer Theorie über Frontiermythologie und Hollywood bis zum europäischen Abenteuer- und Exploitationkino. Manche Verbindung überzeugt eher als Denkbewegung denn als vollständig ausgearbeitete Analyse. Gerade einzelne Filme hätten eine genauere Betrachtung ihrer Form vertragen. Denn die politische Bedeutung eines Bildes erschöpft sich nicht in dem, was es zeigt. Entscheidend ist ebenso, wie es gezeigt wird, wie ein Körper in den Raum gesetzt wird, aus wessen Perspektive eine Begegnung erscheint oder wie etwa Kameraposition, Schnitt, Montage und Ton eine Bedrohung oder Idealisierung erst herstellen. Wo das Buch solche ästhetischen Prozesse konkretisiert, ist es am stärksten; andernorts bleibt die Genregeschichte dichter als die Filmanalyse. Noch grundsätzlicher stellt sich eine zweite Frage: Wer die Geschichte der medialen Projektionen indigener Kulturen untersucht, richtet den Blick zwangsläufig erneut auf jene westlichen Bilder, durch die diese Kulturen jahrzehntelang definiert wurden. Stiglegger ist sich dieses Problems bewusst, und Begriffe wie »visual sovereignty« weisen auf die Möglichkeit einer Gegenbewegung hin: auf Filme und Serien, in denen indigene Künstler die Kontrolle über die eigenen Bilder zurückgewinnen. Trotzdem bleibt diese Selbstrepräsentation gegenüber der Analyse von Hollywood und europäischem Genrekino eher am Rand. Das ist durch den Gegenstand des Buches erklärbar, hinterlässt aber eine produktive Leerstelle, ja einen Ausblick: Nach der Geschichte des fremden Blicks könnte (müsste?) jene der eigenen Bilder folgen.
Vielleicht liegt gerade darin die Aktualität dieses Buches: Die alten Stereotype sind keineswegs einfach verschwunden. Häufig haben sie nur ihre Erscheinungsform verändert. Der aggressive »Wilde« kann ebenso eine koloniale Fantasie sein wie der »spirituelle Naturmensch«, der fern jeder Moderne in einer vermeintlich ursprünglichen Welt lebt. In beiden Fällen wird Individualität zugunsten einer Funktion ausgelöscht, die das Gegenüber für die eigene kulturelle Erzählung erfüllen soll. Stigleggers Buch zeigt deshalb vor allem, wie schwer sich Bilder abschütteln lassen, sobald sie sich in das kollektive Vorstellungsvermögen eingeschrieben haben. Das Genrekino ist dafür ein besonders ergiebiger Ort, weil seine Mythen gerade durch Festigung wirksam werden. Genres verlangen nach Repertoires, der Western brauchte seine Frontier, der Abenteuerfilm sein unbekanntes Land, der Kannibalenfilm seine Vorstellung des Archaischen. Immer wieder dient das Fremde dazu, das Eigene überhaupt erst sichtbar zu machen.
»Mediale Projektionen des Anderen« versteht diese Geschichte weder als Sammelsurium überholter Stereotype noch als Anklageschrift gegen das Genrekino. Das ist die eigentliche Qualität des Buches. Stiglegger nimmt die politischen Implikationen populärer Bilder ernst, ohne ihre Analyse durch ein vorschnelles Urteil zu ersetzen. Gerade weil Filme ihre Ideologien nicht nur aussprechen, sondern in Landschaften, Körper und Geschichten einschreiben, lohnt es sich, genauer hinzusehen.
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Stiglegger, Marcus: Mediale Projektionen des Anderen. Indigene Kulturen im Genrekino, Springer 2026.