Wo alle hinsehen |
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| Wann wird der Wunsch, einen Menschen zu schützen, zum Verlangen, über ihn zu herrschen? | ||
| (Foto: Amazon MGM Studios) | ||
Von Abil Hasanov
Bevor ein Mensch für andere zur Quelle der Angst wird, hat er manchmal selbst lange in Angst gelebt. Carrie White ist ein Mädchen, das alle ansehen und das doch niemand wirklich sieht. Man mustert ihre Kleidung, lacht über ihr Schweigen, verzeiht ihr nicht, dass sie anders ist, und demütigt sie, nur um sich ein paar Sekunden lang zu amüsieren. Die anderen vergessen diese Sekunden, in Carries Erinnerung aber leben sie weiter. Vielleicht ein Leben lang.
Am 3. November 1976 kam Brian De Palmas Verfilmung von Stephen Kings Roman Carrie in die amerikanischen Kinos. Knapp fünfzig Jahre später, am 7. Oktober 2026, erschien bei Amazon Prime Video Mike Flanagans achtteilige Serie. Dazwischen wurde der Roman noch zweimal adaptiert: 2002 als Fernsehfilm, 2013 erneut fürs Kino. Den Wandel eines halben Jahrhunderts zeigt jedoch am deutlichsten der Vergleich zwischen dem Film von 1976 und der Serie von 2026.
Die Schulen haben sich verändert, die Kameras sind kleiner geworden, und neue Mittel, andere zu verletzen, sind entstanden. Die zentrale Frage aber bleibt dieselbe: Was geschieht im Inneren eines Menschen, der sich nirgends mehr vor den Blicken der anderen verbergen kann?
Stephen Kings erster Roman, 1974 erschienen, ist nicht nur die Geschichte eines Mädchens mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Er ist auch ein Roman darüber, wie eine Tragödie erzählt wird. King schildert die Ereignisse nicht allein aus der Sicht seiner Figuren, sondern montiert Zeitungsberichte, wissenschaftliche Studien, Zeugenaussagen und andere Dokumente in den Text. Der Leser begegnet unterschiedlichen Stimmen, die ein bereits geschehenes Ereignis zu begreifen versuchen. Damit verschiebt der Autor zugleich die Position des Lesers: Wir verfolgen nicht nur Carries Schicksal, sondern stehen einer Gesellschaft gegenüber, die nach Erklärungen sucht. Die Frage lautet nicht allein, was geschehen ist, sondern auch, wer darüber spricht, wem geglaubt wird, wer bestimmt, welche Erinnerung gültig bleibt, und wer die Verantwortung für das Geschehene trägt.
Brian De Palma verzichtet weitgehend auf diese dokumentarische Struktur des Romans und vertraut stattdessen dem Bild, vor allem aber dem Blick. Die berühmte Duschszene zeigt, wie der Regisseur mit der Wahrnehmung des Publikums arbeitet. Die Kamera gleitet durch den Raum, die Bewegungen sind verlangsamt, die Körper wirken zunächst wie Teil einer ruhigen, beinahe unwirklichen Welt. Doch diese äußere Harmonie täuscht. De Palma erzeugt einen beunruhigenden Widerspruch: Die Kamera stellt die Schutzlosigkeit eines Mädchens aus und macht das Publikum zugleich zum Komplizen eines Blicks, der diese Schutzlosigkeit betrachtet. Darin liegt die ästhetische Kraft des Films, vielleicht aber auch seine umstrittenste Seite.
Mike Flanagans neue Serie nähert sich dem Geschehen mit einer anderen Erzählweise. Notrufe zu Beginn und später eingefügte Zeugenaussagen lassen die Ereignisse zunächst nur bruchstückhaft erkennen. Diese Entscheidung erinnert an die dokumentarische Erzählform des Romans. Bündelte De Palma die Wirkung im Bild selbst, so interessiert sich die neue Serie neben dem Bild auch dafür, was Menschen über das Geschehene erzählen. Die Vergangenheit wird nicht nur gezeigt, sondern aus vielen Stimmen neu zusammengesetzt.
Dieser Ansatz bleibt nicht auf den Anfang beschränkt. Montagen von Fernsehnachrichten und Interviewaufnahmen kehren im Verlauf der Serie wieder und machen deutlich, dass ein Ereignis nicht nur erlebt, sondern später auch erzählt, gedeutet und unterschiedlich erinnert wird. Doch diese Form erhält in der Gegenwart eine zusätzliche Bedeutung, denn heute kann fast jeder Bilder aufnehmen und weiterverbreiten.
1976 hatte die Demütigung einen festen Ort: den Schulflur, das Klassenzimmer, eine Gruppe von Menschen, die sich um jemanden schart und über ihn lacht. 2026 kann die Demütigung diesen Ort verlassen. Dafür genügt ein Handy.
Flanagans Serie macht die Gewalt des digitalen Zeitalters zu einem zentralen Thema von Carries Geschichte. Die Demütigung eines Menschen bleibt nicht mehr auf den Ort beschränkt, an dem sie geschieht. Sie kann zum Bild werden, sich verbreiten und immer wieder durchlebt werden. Das ist mehr als eine bloße Modernisierung des Romans. De Palma zeigte, wie ein Mensch unter den Blicken einer Gruppe vereinsamt; die neue Adaption erkundet dagegen eine Welt, in der diese Gruppe keine räumlichen Grenzen mehr kennt. Um Carrie zu verletzen, müssen die anderen nicht mehr vor ihr stehen. Sie können weit weg sein und bleiben doch in ihrem Leben gegenwärtig: durch ein Video, einen Kommentar oder ein Bild, das sich nicht mehr zurückholen lässt.
In der Umkleideszene der ersten Folge wird dieser Unterschied zu konkreter Filmsprache. Die Montage wechselt zwischen Carries verängstigtem Gesicht und den Mitschülerinnen, die sie verspotten. Einige halten ihre Handys auf sie gerichtet. Die hellen Kacheln und die kühlen Blau- und Weißtöne des Raumes verstärken den Gegensatz zwischen der Schutzlosigkeit des Mädchens und dem Verhalten der Gruppe. Der Raum selbst scheint nichts von dem Schmerz zu wissen, der sich in ihm abspielt. In einzelnen Einstellungen nähert sich die Kamera Carries Perspektive: Die anderen stehen vor ihr, während sie selbst immer mehr in den Mittelpunkt aller Blicke gerät.
De Palma versetzte das Publikum in der berühmten Duschszene zunächst in die Position eines Beobachters, der von außen auf Carrie blickt. In der neuen Serie dagegen schaut das Publikum nicht nur auf die Gedemütigte, sondern steht für einen Augenblick an ihrer Stelle. Das Kino hat schon immer Bilder eingesetzt, um Angst zu erzeugen. In der neuen „Carrie“ wird das Bild selbst zu einer Quelle der Angst.
Hier steht die Adaption allerdings vor einer schwierigen Aufgabe. Soziale Medien machen ein Werk nicht automatisch zeitgemäß, und Handys im Bild ergeben noch keine neue Filmsprache. Flanagans Ansatz überzeugt vor allem dort, wo er zeigt, wie die Demütigung eines Einzelnen zum kollektiven Schauspiel wird. Die digitale Umgebung ist hier keine Kulisse, sondern ein Instrument der Macht, die Menschen übereinander ausüben.
Dennoch wäre es falsch, die Technik zum Hauptschuldigen der Grausamkeit zu erklären. Das Handy macht niemanden grausam, es verschafft der vorhandenen Grausamkeit lediglich eine größere Bühne. Ob man hilft oder filmt, entscheidet der Mensch. Demütigung ist alt. Neu ist, dass sie außerhalb des menschlichen Gedächtnisses weiterlebt und andere sie jederzeit wieder in Umlauf bringen können. Früher hatte die Grausamkeit Zeugen. Heute hat sie auch ein Archiv.
In De Palmas Film genügt Sissy Spacek oft ein einziger Blick. In ihrem Gesicht wechseln sich Angst, Verwunderung und eine leise, unausgesprochene Hoffnung ab. Dieses zurückhaltende Spiel macht ihre Figur ungewöhnlich eindringlich. Carrie erscheint nicht einfach als unschuldiges Opfer; hinter ihrer Unsicherheit spürt man eine andere Welt, die sich dem Publikum nie ganz erschließt. Spacek spielt eine Figur, deren Innenleben verschlossen bleibt.
De Palma verstärkt dieses Spiel durch Licht, Kamerabewegungen und den Wechsel von Nahaufnahmen und Totalen. Zeitlupe, Montage und Splitscreen lassen die Grenze zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit gelegentlich verschwimmen. So wirkt die übernatürliche Kraft nicht wie ein bloßer Spezialeffekt, sondern verändert die Sprache des Films.
In der neuen Serie spielt Summer H. Howell die Titelrolle. Ihre Carrie ist keine bloße Wiederholung von Spaceks Figur. Howell drückt die Schutzlosigkeit ihrer Heldin nicht nur durch Angst aus; in ihrer Darstellung liegen auch Neugier, Naivität und der Wunsch, sich der Welt zu öffnen. Auch die Ausgangslage der Figur ist eine andere. Nach Jahren in der abgeschlossenen Welt ihrer Familie trifft das Mädchen auf das raue soziale Gefüge der Schule. Diese Veränderung gibt Carries Einsamkeit eine neue Bedeutung: Während ihre Isolation in De Palmas Film wie ein seit Langem bestehender Zustand erscheint, wird in der neuen Fassung der Wunsch, aus dieser Isolation auszubrechen und Beziehungen zu anderen aufzubauen, zu einer treibenden Kraft der Geschichte.
Eine Szene im Klassenzimmer macht diese Seite der Figur besonders deutlich. Carrie versucht, mit Mitschülerinnen ins Gespräch zu kommen. Die Kamera wechselt zwischen ihrem Gesicht und den Reaktionen der anderen Mädchen. Zunächst spricht Carrie zurückhaltend, dann huscht ein vorsichtiges Lächeln über ihr Gesicht, bevor die Unsicherheit zurückkehrt. Howell lässt diese Veränderungen beinahe unmerklich entstehen. Gerade das macht ihr Spiel stark: Carrie fürchtet nicht nur die anderen, sondern hofft zugleich, von ihnen angenommen zu werden.
Das bringt die Figur dem Publikum näher, hat allerdings einen ästhetischen Preis: Die beunruhigende Unbestimmtheit von Spaceks Carrie verliert in Howells offenerer, emotionalerer Darstellung etwas an Kraft.
Auch die Mutterfiguren unterscheiden sich deutlich. Piper Laurie verleiht Margaret White in De Palmas Film eine fast bühnenhafte Strenge. Ihr Glaube bestimmt Stimme, Haltung und Mimik; mitunter wirkt sie wie eine Gestalt aus einer finsteren religiösen Vorstellungswelt. Die Kraft beider Darstellungen wurde 1977 auch mit Oscar-Nominierungen gewürdigt: Spacek als beste Hauptdarstellerin, Laurie als beste Nebendarstellerin.
Samantha Sloyan, die Margaret in der neuen Serie spielt, rückt die inneren Widersprüche der Figur stärker in den Vordergrund. Ihre Margaret ist nicht nur eine Mutter, die Verbote ausspricht, sondern eine Gefangene ihrer eigenen Ängste, die sie im Namen der Liebe an ihre Tochter weitergibt.
Eine Küchenszene macht diesen Widerspruch greifbar. Mutter und Tochter sitzen in warmem Licht am Tisch, Pflanzen und Alltagsgegenstände vermitteln zunächst Geborgenheit. Doch während Carrie angespannt zuhört, spricht Margaret von Feinden und deren Taktiken, als müsse sich ihre Tochter auf einen Kampf vorbereiten. Die häusliche Wärme steht im Gegensatz zur Sprache der Bedrohung. Der Schrecken entsteht hier nicht durch übernatürliche Kräfte, sondern aus der Selbstverständlichkeit, mit der eine Mutter ihrer Tochter die Welt als Feindesland beschreibt.
Eine andere Szene zeigt Margaret vor einer versammelten Gruppe von Erwachsenen in der Turnhalle. Sie stellt sich als Mutter einer Schülerin vor und spricht von ihrer eigenen Hilflosigkeit. Die Kamera wechselt von der Totalen des Saals zu einer näheren Einstellung ihres Gesichts. Zu Hause versucht Margaret, das Leben ihrer Tochter zu kontrollieren; hier muss sie selbst um Unterstützung bitten. Dieser Gegensatz verleiht der Figur eine Komplexität, die über das Bild einer ausschließlich von religiöser Strenge bestimmten Mutter hinausgeht.
Bemerkenswert an Sloyans Spiel ist gerade, wie nah das Bedürfnis nach Kontrolle und die eigene Verletzlichkeit beieinanderliegen. Je stärker Margaret in das Leben ihrer Tochter eingreift, desto fester glaubt sie, sie zu beschützen. Doch verstehen heißt nicht verzeihen.
In der Mutter-Tochter-Beziehung, die Howell und Sloyan gestalten, treffen zwei Ängste aufeinander. Die Tochter fürchtet die Welt und will sie doch kennenlernen; die Mutter glaubt, die Welt zu kennen, und hält ihre Tochter deshalb von ihr fern. Die eine sucht Freiheit, die andere hält diese Freiheit für eine Gefahr. Beide sprechen von Schutz, aber nur eine von ihnen darf bestimmen, was Schutz bedeutet. Darin liegt die psychologische Kraft dieser Beziehung. Selbst wenn das Publikum die Angst der Mutter versteht, kann es ihr Verhalten nicht rechtfertigen.
Wann wird der Wunsch, einen Menschen zu schützen, zum Verlangen, über ihn zu herrschen? Das ist eine der interessantesten Fragen der neuen Adaption.
Brian De Palmas Carrie – Des Satans jüngste Tochter dauert 98 Minuten. Der Film ist dicht gebaut, die Bilder treiben aufeinander zu, und selbst in Momenten, in denen scheinbar nichts geschieht, wächst die Spannung. De Palma versucht nicht, jede Figur bis ins Letzte zu erklären. Er lässt Leerstellen, und gerade diese Leerstellen beunruhigen.
Flanagans Serie umfasst acht Folgen. Flanagan ist Drehbuchautor und Showrunner; er inszenierte die ersten beiden und die letzten beiden Folgen. Bei den übrigen vier führten Kate Siegel, Axelle Carolyn, Kyra Sedgwick und Hiromi Kamata Regie.
Das Format erlaubt es, Nebenfiguren ausführlicher zu entwickeln, Beziehungen aus verschiedenen Perspektiven zu zeigen und das soziale Umfeld zu entfalten, das der Kinofilm nur knapp umreißt. Das ist einer der wichtigsten Vorzüge der Serie. Die Gewalt an der Schule erscheint nicht mehr nur als Konflikt zwischen Carrie und ihren Peinigern. Auch das Schulklima selbst, die Reaktionen der Erwachsenen und das Verhalten der übrigen Schülerinnen und Schüler tragen zu ihrer Entstehung bei. Dass Figuren wie Chris Hargensen und Sue Snell mehr Raum bekommen, macht die unterschiedlichen Seiten dieser Beziehungen sichtbar.
So verlangt die Serie vom Publikum nicht bloß zu entscheiden, wer gut und wer böse ist. Sie zeigt, dass auch Schweigen der Grausamkeit Vorschub leisten kann, und vertieft damit den moralischen Gehalt des Stoffes.
Doch die achtteilige Struktur hat neben ihren Stärken auch Schwächen. Die Spannung von Kings knappem Roman hält De Palmas Film nahezu ununterbrochen aufrecht. In Flanagans Serie dagegen verliert sich diese Spannung bisweilen in den ausführlicher erzählten Beziehungen und zusätzlichen Handlungssträngen. So gewinnt die Serie psychologisch an Tiefe, bewahrt aber nicht immer ihre dramaturgische Dichte.
Daraus entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch: Flanagan erweitert die menschlichen Beziehungen, die in De Palmas Film im Hintergrund bleiben, verliert dabei jedoch etwas von dem, was den alten Film besonders auszeichnet – seinen inneren Rhythmus.
Gleichzeitig eröffnet die längere Form Möglichkeiten, die eine konzentrierte Kinofassung kaum in dieser Breite nutzen könnte. Das zeigt sich besonders im Wechsel zwischen den unterschiedlichen Bildwelten. Die engen, psychologisch aufgeladenen Einstellungen in den häuslichen Szenen stehen neben den öffentlichen Bildern der Nachrichtensendungen und den großen Räumen der Schulveranstaltungen.
Eine Ballsequenz führt diesen Gegensatz auch visuell weiter. Das kühle Blau der Festdekoration und die leuchtenden Sterne schaffen eine feierliche Atmosphäre. Die Kamera wechselt zwischen dem Saal und den Gesichtern der Anwesenden. Sie interessiert sich nicht nur für die Person im Mittelpunkt, sondern ebenso für die Reaktionen der Menschen, die zuschauen. So wird die festliche Inszenierung zugleich zu einer Untersuchung darüber, was es bedeutet, im Blickfeld aller zu stehen. Carrie wird immer wieder betrachtet, aber nur selten wird gefragt, was sie selbst sieht.
Insgesamt bewegt sich die Serie zwischen intimer psychologischer Beobachtung und einer aufwendigen visuellen Inszenierung. Das erweitert ihre Ausdrucksmöglichkeiten, birgt aber auch die Gefahr, dass die persönliche Tragödie der Hauptfigur zeitweise hinter der Größe des Geschehens zurücktritt. Am stärksten bleibt die Serie dort, wo sie das Grauen nicht nur im Übernatürlichen, sondern auch in gewöhnlichen menschlichen Beziehungen sucht.
Eine längere Geschichte ist nicht zwangsläufig eine tiefere. Manchmal wird das Verhalten einer Figur klarer, doch diese Klarheit nimmt ihr auch einen Teil ihres Geheimnisses.
„Carrie“ aber beruht auf einem Widerspruch, der sich nicht leicht auflösen lässt: Wir verstehen den Schmerz eines Menschen. Aber rechtfertigt dieses Verständnis jede Antwort, die er auf diesen Schmerz gibt?
King bietet dem Leser keine bequeme Antwort. De Palma verwandelt diese Ungewissheit in Bilder, die zugleich Mitleid und Angst wecken. Flanagans Serie wiederum bemüht sich um mehr Verständnis für ihre Figuren. Dieser humanistische Ansatz ist eine ihrer größten Stärken, schwächt aber stellenweise die Schärfe der Frage nach moralischer Verantwortung ab. Es ist wichtig, die Ursachen menschlichen Handelns zu erklären. Doch wo Erklärung zur Entschuldigung wird, verliert die Tragödie einen Teil ihres moralischen Gewichts.
De Palma verdichtet das Grauen, Flanagan weitet es aus. Die Stärke des einen liegt in dem, was er nicht zeigt; die Stärke des anderen darin, dass er Figuren und Beziehungen mehr Raum gibt, die im Kinofilm nur angedeutet werden. Doch der Unterschied zwischen Film und Serie liegt nicht nur in der Länge. Hier begegnen sich zwei verschiedene ästhetische Denkweisen.
Fünfzig Jahre nach De Palmas Film ist „Carrie“ noch immer aktuell. Nicht weil die Menschen plötzlich grausamer geworden wären, sondern weil sich die Möglichkeiten verändert haben, Grausamkeit zu zeigen, zu vervielfältigen und zu verbreiten.
Der interessanteste Unterschied zwischen den drei Werken liegt aber darin, wie sie das Verhältnis von Gewalt, Wahrnehmung und Verantwortung gestalten. In Kings Roman versuchen Menschen im Nachhinein zu begreifen, was sie nicht verhindern konnten. In De Palmas Film spürt das Publikum unmittelbar die Gewalt, die aus dem Blick der anderen entsteht. Die neue Serie wirft eine weitere Frage auf: Wann wird das Hinsehen selbst zur Beteiligung?
Ein Mensch kann gedemütigt werden, andere können dabei zusehen, wieder andere die Bilder davon verbreiten. Und danach können alle behaupten, mit dem Geschehen nichts zu tun zu haben. Genau hier gewinnt Kings Geschichte eine neue gesellschaftliche Bedeutung. Carries übernatürliche Kräfte sind Fiktion. Die Lust daran, einen anderen Menschen zu demütigen, ist es nicht.
Die eigentliche Frage ist heute vielleicht nicht, ob Flanagans Serie besser oder werktreuer ist. Wichtiger ist, was diese Bilder über ihre jeweilige Zeit erzählen. 1976 zeigte die Filmkamera, wie ein Mensch gedemütigt wird. 2026 filmen Menschen die Demütigung anderer mit ihren eigenen Kameras. Früher saß das Publikum im Dunkel des Kinosaals und blickte auf die Leinwand. Heute kann es selbst Bilder erzeugen, sie weitergeben und so zur Fortsetzung des Geschehens werden.
Vielleicht ist das die beunruhigendste Veränderung: Aufgezeichnet wird nicht mehr nur das Grauen. Auch das Zuschauen ist Teil des Grauens geworden.