Die Einsamkeit ist der Film und die Welt |
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| Die Welt filmen | ||
| (Foto: Viennale · Hong Sang-soo) | ||
»Experimentalfilme? Was ist das?« Ratlos blickt die Mutter (Choi Myung-gil, sie gibt ihr Hong-Debüt) auf die Leidenschaft ihrer Tochter Sanghee (Kim Min-hee). Die ist gemeinsam mit ihrem Bruder (Shin Seok-ho) auf der Insel Jeju zu Besuch. Dort betreibt die Mutter ein Restaurant und unterhält ein paar Wohnungen, die sie vermietet. Abgelegen scheint dieser Ort, das GPS-System verirrt sich, die prominenten Tümpel sind zugewachsen. Dennoch scheint es wirtschaftlich gut zu laufen, Sanghees Mutter hat eine neue Touristenwohnung frisch einrichten lassen, italienisches Designer-Sofa inklusive, man müsse die Gäste schließlich anlocken. Das Haus steht direkt neben ihrem eigenen, das sie mit ihrem Freund (Hong-Routinier Kwon Hae-hyo), einem Dokumentarfilmer, bewohnt. Praktisch, so können die beiden Kinder dort ihr Quartier aufschlagen, zu nahe braucht man sich bei dem doch recht pflichtmäßigen Familienbesuch also nicht zu kommen.
Das wäre das erste Thema von Nowhere To Lay My Eyes: die entrückte, vielleicht schon entfremdete Familie. Höflichkeitsfloskeln werden ausgetauscht, artig wird gesiezt, der Freund der Mama zurückhaltend mit »Herr« angesprochen. Dazwischen die Versuche der Mutter, sich ihren Kindern anzunähern, letztlich Angebote zur Rückkehr: Ein zugewachsenes Grundstück hat sie ihnen gekauft, ihrer Tochter macht sie ein Jobangebot im eigenen Betrieb.
Dabei wurde
Jonghee doch schon beinahe ersetzt, durch Juwon (Park Mi-so), die Tochter des Freundes. Sie verhalten sich wie das Original und eine verblasste Kopie: Hat Jonghee noch Malerei studiert (um in ihrem Abschluss auf Film zu wechseln), versucht Juwon ihre Depressionen durch das Abmalen geliebter Werke zu überwinden. Ein ganzes Atelier hat sie dafür bekommen, und doch verstehen die (Stief-)Eltern nichts davon. Der Vater packt sie ermunternd an den Schultern, man merkt sofort: Da ist nichts, kein
Verständnis, weder für Tochter noch für die Kunst.
Das ist dann – wie so oft bei Hong – das zweite Thema des Films: Die Kunst (als Malerei und Film), insbesondere ihre Hervorbringung und ihr Anspruch. »Imitiert« Juwon das Schaffen anderer, geht Jonghee noch direkter vor, filmt mit ihrer Mini-Digital-Kamera Alltägliches, Dinge die sie spontan entdeckt, die ihr etwas bedeuten. Kurze Experimentalfilme entstehen, die sie anschließend auf YouTube postet. Juwon ist fasziniert davon, genauso wie von ihrer neuen Schwester, der ersten Person, mit der sie aufrichtig sprechen kann. Auf der Terrasse kommt es zu einer Schlüsselszene, einem langen Dialog, für den der tosende Wind sich kurz legt, die Natur den Atem anhält: Dass es die Ewigkeit nicht gibt, das habe sie erst vor kurzem verstanden, niemand hat es ihr je gesagt. Jonghee entgegnet in aller Ernsthaftigkeit: Das sei nur ein Wort, jene Ewigkeit, und dieses Wort gilt es loszulassen. Was man dabei empfindet, ist echt, und die Erinnerung (also auch jenes Wort) nicht.
Wenig später wird dieser Moment gespiegelt, die Mutter fragt Jonghee, ob sie sich an ihre Kindheit erinnern könne, wie nah sie sich körperlich waren, an all die Umarmungen. Die Tochter entgegnet: »Ja, deswegen bist du noch immer meine Mutter.«
Aus diesen leicht entrückten Spiegelungen und Wiederholungen setzt Hong seinen Film zusammen, verbunden mit seiner gewohnten Mise-en-Scène. Dennoch wirkt Nowhere To Lay My Eyes noch einmal freier als seine letzten (allesamt meisterlichen) Werke. Die Insel als abgeschiedener, beinahe fantastischer Raum und die offensichtliche Familienkonstellation erlaubt es seinen Figuren, sich nie entwickeln zu müssen, gleichzeitig von jeglicher didaktischen Symbolträchtigkeit befreit zu sein. Vielmehr gibt es eine natürliche Verbindung zwischen diesen fünf einsamen Menschen, ein beständiges Annähern und Wegdriften, das frei und ziellos bleiben darf, weil es überhaupt nirgends ankommen kann. Dazwischen immer wieder Versuche, die Welt zu greifen, diese Welt, die doch irgendwie kaputt erscheint, in der etwas irreparabel fehlt, unwiederbringlich abhanden gekommen ist. Während die materiellen Ansprüche allesamt zu scheitern scheinen, lediglich an die ausführende Person gebunden sind, wird ein berührendes, aufrichtiges Zutrauen in die Kunst gelegt.
In die Kunst als Lüge, wie es an einer Stelle heißt, in die Kunst als geteiltes Privates, als purer Ausdruck, und als Blick auf die Welt. Als Kommunikation und Vermittler ohne Botschaft und Wahrheit. Das schließt auch die kopierten Gemälde ein: Als wir am Ende des Films einen von Jonghees kurzen Filmen sehen, erkennen wir darin eine Variante von Hongs eigenem Kurzfilm Small Flower (2022). Das Gegensatzpaar Kopie und Originalität wird aufgelöst, wird vereint in einer Geste des Eingriffs in die Welt, in den Versuch der Neu-Perspektivierung und Veränderung.
Über diese Poetisierung des Jetzt wird dann auch der Experimentalfilm von der dokumentarischen Form abgegrenzt. Dem Dokumentarfilm geht der Freund der Mutter nach, 10 Jahre lang hat er Jugendliche in Japan mit der Kamera begleitet. Seine Filme folgen der ruhigen, beständigen Kontemplation. Auch hier lässt sich keine objektive Wahrheit finden, entsteht die Erkenntnis subjektiv. Gleichermaßen poesielos kann er mit den Werken der Töchter nichts anfangen, wie er überhaupt außerhalb der Welt positioniert scheint. Das beständige, nüchterne Betrachten bildet eine weitere Entfremdung ab, ein Danebenstehen ohne Hang zur (Selbst-)Transformation. Die Kunst gehört bei Hong den Verzweifelten, die dennoch etwas wagen, die sich in die Welt hineinprojizieren.
Es ist eine romantische, letztendlich hoffnungsvolle Geste, die es diesem wunderschönen Film erlaubt, in seiner Melancholie zu verweilen, ohne redundant zu werden, ohne sich festzusetzen.
Das gilt genauso für Hong Sang-soo, dessen Kino so mühelos und in sich ruhend über jedem Festival dieser Welt schwebt, dass man es kaum noch mit anderen Filmen vergleichen möchte. Das immer anders wirkt, sich beständig fortschreibt, ohne sein Instrumentarium verändern zu müssen. Das mit Pixeln und Zooms eine eigene Sprache geformt hat, aus der mit Nowhere To Lay My Eyes nun ein erneutes Meisterstück hervorgegangen ist.