28.10.2026

Die Einsamkeit ist der Film und die Welt

Nowhere to Lay My Eyes
Die Welt filmen
(Foto: Viennale · Hong Sang-soo)

Hong Sang-soo kehrt auf der Viennale mit »Nowhere to Lay My Eyes« zum Farbfilm zurück und präsentiert einen seiner melancholischsten und schönsten Filme

Von Benedikt Guntentaler

»Expe­ri­men­tal­filme? Was ist das?« Ratlos blickt die Mutter (Choi Myung-gil, sie gibt ihr Hong-Debüt) auf die Leiden­schaft ihrer Tochter Sanghee (Kim Min-hee). Die ist gemeinsam mit ihrem Bruder (Shin Seok-ho) auf der Insel Jeju zu Besuch. Dort betreibt die Mutter ein Restau­rant und unterhält ein paar Wohnungen, die sie vermietet. Abgelegen scheint dieser Ort, das GPS-System verirrt sich, die promi­nenten Tümpel sind zuge­wachsen. Dennoch scheint es wirt­schaft­lich gut zu laufen, Sanghees Mutter hat eine neue Touris­ten­woh­nung frisch einrichten lassen, italie­ni­sches Designer-Sofa inklusive, man müsse die Gäste schließ­lich anlocken. Das Haus steht direkt neben ihrem eigenen, das sie mit ihrem Freund (Hong-Routinier Kwon Hae-hyo), einem Doku­men­tar­filmer, bewohnt. Praktisch, so können die beiden Kinder dort ihr Quartier aufschlagen, zu nahe braucht man sich bei dem doch recht pflicht­mäßigen Fami­li­en­be­such also nicht zu kommen.

Das wäre das erste Thema von Nowhere To Lay My Eyes: die entrückte, viel­leicht schon entfrem­dete Familie. Höflich­keits­flos­keln werden ausge­tauscht, artig wird gesiezt, der Freund der Mama zurück­hal­tend mit »Herr« ange­spro­chen. Dazwi­schen die Versuche der Mutter, sich ihren Kindern anzu­n­ähern, letztlich Angebote zur Rückkehr: Ein zuge­wach­senes Grund­stück hat sie ihnen gekauft, ihrer Tochter macht sie ein Joban­gebot im eigenen Betrieb.
Dabei wurde Jonghee doch schon beinahe ersetzt, durch Juwon (Park Mi-so), die Tochter des Freundes. Sie verhalten sich wie das Original und eine verblasste Kopie: Hat Jonghee noch Malerei studiert (um in ihrem Abschluss auf Film zu wechseln), versucht Juwon ihre Depres­sionen durch das Abmalen geliebter Werke zu über­winden. Ein ganzes Atelier hat sie dafür bekommen, und doch verstehen die (Stief-)Eltern nichts davon. Der Vater packt sie ermun­ternd an den Schultern, man merkt sofort: Da ist nichts, kein Vers­tändnis, weder für Tochter noch für die Kunst.

Das ist dann – wie so oft bei Hong – das zweite Thema des Films: Die Kunst (als Malerei und Film), insbe­son­dere ihre Hervor­brin­gung und ihr Anspruch. »Imitiert« Juwon das Schaffen anderer, geht Jonghee noch direkter vor, filmt mit ihrer Mini-Digital-Kamera Alltäg­li­ches, Dinge die sie spontan entdeckt, die ihr etwas bedeuten. Kurze Expe­ri­men­tal­filme entstehen, die sie anschließend auf YouTube postet. Juwon ist faszi­niert davon, genauso wie von ihrer neuen Schwester, der ersten Person, mit der sie aufrichtig sprechen kann. Auf der Terrasse kommt es zu einer Schlüs­sel­szene, einem langen Dialog, für den der tosende Wind sich kurz legt, die Natur den Atem anhält: Dass es die Ewigkeit nicht gibt, das habe sie erst vor kurzem verstanden, niemand hat es ihr je gesagt. Jonghee entgegnet in aller Ernst­haf­tig­keit: Das sei nur ein Wort, jene Ewigkeit, und dieses Wort gilt es loszu­lassen. Was man dabei empfindet, ist echt, und die Erin­ne­rung (also auch jenes Wort) nicht.

Wenig später wird dieser Moment gespie­gelt, die Mutter fragt Jonghee, ob sie sich an ihre Kindheit erinnern könne, wie nah sie sich körper­lich waren, an all die Umar­mungen. Die Tochter entgegnet: »Ja, deswegen bist du noch immer meine Mutter.«

Aus diesen leicht entrückten Spie­ge­lungen und Wieder­ho­lungen setzt Hong seinen Film zusammen, verbunden mit seiner gewohnten Mise-en-Scène. Dennoch wirkt Nowhere To Lay My Eyes noch einmal freier als seine letzten (allesamt meis­ter­li­chen) Werke. Die Insel als abge­schie­dener, beinahe fantas­ti­scher Raum und die offen­sicht­liche Fami­li­en­kon­stel­la­tion erlaubt es seinen Figuren, sich nie entwi­ckeln zu müssen, gleich­zeitig von jeglicher didak­ti­schen Symbol­träch­tig­keit befreit zu sein. Vielmehr gibt es eine natür­liche Verbin­dung zwischen diesen fünf einsamen Menschen, ein bestän­diges Annähern und Wegdriften, das frei und ziellos bleiben darf, weil es überhaupt nirgends ankommen kann. Dazwi­schen immer wieder Versuche, die Welt zu greifen, diese Welt, die doch irgendwie kaputt erscheint, in der etwas irrepa­rabel fehlt, unwie­der­bring­lich abhanden gekommen ist. Während die mate­ri­ellen Ansprüche allesamt zu scheitern scheinen, lediglich an die ausfüh­rende Person gebunden sind, wird ein berüh­rendes, aufrich­tiges Zutrauen in die Kunst gelegt.

In die Kunst als Lüge, wie es an einer Stelle heißt, in die Kunst als geteiltes Privates, als purer Ausdruck, und als Blick auf die Welt. Als Kommu­ni­ka­tion und Vermittler ohne Botschaft und Wahrheit. Das schließt auch die kopierten Gemälde ein: Als wir am Ende des Films einen von Jonghees kurzen Filmen sehen, erkennen wir darin eine Variante von Hongs eigenem Kurzfilm Small Flower (2022). Das Gegen­satz­paar Kopie und Origi­na­lität wird aufgelöst, wird vereint in einer Geste des Eingriffs in die Welt, in den Versuch der Neu-Perspek­ti­vie­rung und Verän­de­rung.

Über diese Poeti­sie­rung des Jetzt wird dann auch der Expe­ri­men­tal­film von der doku­men­ta­ri­schen Form abge­grenzt. Dem Doku­men­tar­film geht der Freund der Mutter nach, 10 Jahre lang hat er Jugend­liche in Japan mit der Kamera begleitet. Seine Filme folgen der ruhigen, bestän­digen Kontem­pla­tion. Auch hier lässt sich keine objektive Wahrheit finden, entsteht die Erkenntnis subjektiv. Glei­cher­maßen poesielos kann er mit den Werken der Töchter nichts anfangen, wie er überhaupt außerhalb der Welt posi­tio­niert scheint. Das bestän­dige, nüchterne Betrachten bildet eine weitere Entfrem­dung ab, ein Dane­ben­stehen ohne Hang zur (Selbst-)Trans­for­ma­tion. Die Kunst gehört bei Hong den Verzwei­felten, die dennoch etwas wagen, die sich in die Welt hinein­pro­ji­zieren.

Es ist eine roman­ti­sche, letzt­end­lich hoff­nungs­volle Geste, die es diesem wunder­schönen Film erlaubt, in seiner Melan­cholie zu verweilen, ohne redundant zu werden, ohne sich fest­zu­setzen.

Das gilt genauso für Hong Sang-soo, dessen Kino so mühelos und in sich ruhend über jedem Festival dieser Welt schwebt, dass man es kaum noch mit anderen Filmen verglei­chen möchte. Das immer anders wirkt, sich beständig fort­schreibt, ohne sein Instru­men­ta­rium verändern zu müssen. Das mit Pixeln und Zooms eine eigene Sprache geformt hat, aus der mit Nowhere To Lay My Eyes nun ein erneutes Meis­ter­s­tück hervor­ge­gangen ist.