74. Festival de Cine de San Sebastián 2026
Wenn die Sonne sehr tief liegt... |
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| El fantasma ist ein ganz toller, großartiger Film... | ||
Die Sonne liegt tief am Samstagnachmittag. Noch ein letzter Sommertag – so ist es immer wieder, wenn man hier in San Sebastián ist: man steigt ins Flugzeug und landet im Winter. Fünf Monate Dunkelheit stehen bevor, und dann wird alles irgendwann wieder auftauen.
Wie immer möchte man eigentlich hierbleiben, möchte jeden Moment auskosten.
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Am Abend wurden die Preise verliehen. Es lief auf meine Vorahnung hinaus: Alles auf Mike Leigh, der zum letzten Mal mit seinem letzten Film und damit auch für sein Lebenswerk geehrt werden soll. Warum denn einem jungen Menschen, der noch Zukunft hat, noch Neues schaffen wird, uns überraschen könnte, einen Preis geben, wenn man auch 80-jährige auszeichnen kann. Irgendsoetwas muss sich die Jury um den zugegeben auch recht langweiligen Regisseur Ira Sachs wohl gedacht haben.
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Es gibt natürlich auch spannende, überraschende, junggebliebene und ästhetisch interessante Achtzigjährige!
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»Adiós, adiós, me voy, me voy« (»Leb wohl, leb wohl, ich gehe, ich gehe«) – das sagte Laura Paredes in Trenque Lauquen, dem meisterlichen Film von Laura Citarella, und paraphrasierte damit ein populäres argentinisches Lied. Die Regisseure und Regisseurinnen des argentinischen Filmkollektivs »El Pampero« scheinen Gefallen am Verschwinden, an schwer greifbaren und rätselhaften Figuren, an ungelösten Geheimnissen gefunden zu haben. Nun widmet sich Ignacio Masllorens in El fantasma, der in Venedig Premiere hatte und in den »Horizontes Latinos« des Festivals läuft, der Kunst der Sechziger Jahre und der Figur des Rubén Santantonín und von ihm ausgehend anderen Künstlern der argentinischen Avantgarde der Sechziger Jahre.
El fantasma ist ein ganz toller, großartiger Film, der sich in gewissem Sinn selbst zum Thema macht und in seinem Verlauf vollkommen überraschend ist. Denn zunächst glaubt man an einen Fake-Dokumentarfilm, bevor einem schwant, dass es sich doch vielleicht ganz anders verhalten könnte, dass die Figuren in diesem Film zumindest teilweise real sind.
So ist es. Santantonín gab es tatsächlich, und David Lamelas gibt es noch immer. Der 80-jährige Pop-Dandy, der hier in immer neuer großartiger Kleidung sich selbst spielt, und außerdem der Co-Regisseur des Films ist, oder vielleicht auch nur (?) des Films in diesem Film. Dieses Puzzle, dieses Labyrinth, bei dem man nicht anders kann, als an Borges zu denken und das von der Wirklichkeit zur Fiktion und wieder zurückführt, wird durch die Figuren zweier junger Produzentinnen vervollständigt, die mit einem Dokumentarfilm über eben jenen Santantonín beauftragt werden, der – wie könnte es anders sein – tatsächlich verschwand, nachdem er ein kurzes umfangreiches Werk geschaffen hatte, das er kurz vor seinem offenbar nicht ganz unfreiwilligen Unfalltod selbst verbrannte, aber immerhin zuvor photographierte. Was von hier an eine Satire auf die Kunstwelt, eine Detektivkomödie oder sogar eine mehr oder weniger wahrheitsgetreue Dokumentarfiktion sein könnte, wird zu etwas völlig anderem: einem Film über ein Thema, das nicht existiert.
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»Jede Erklärung besteht darin, einer Sache eine Wunde zuzufügen«, hatte Santantonín ungefähr so niedergeschrieben, ein Satz, der Lamelas verfolgt, während er immer tiefer in das Universum dieses Jemand eindringt, der nicht mehr da ist. Und diese Aussage, die für sich allein schon den Sinn jeder Kritik – auch dieser hier – oder jeder Interpretation abschaffen könnte, wird zu einem organischen Bestandteil des Films von Masllorens und Lamelas, der sich im Verlauf selbst
auffrisst. Die Nachforschungen sind ziellos und zu wenig nütze. Die Ausstellung, in die man den Dokumentarfilm aufnehmen möchte, braucht diesen nicht.
Das Einzige, was zählt, ist ein inzwischen nicht mehr existierendes Werk, der Geist einiger künstlerischer Objekte. Jeder künstlerische Anspruch ist ein solcher Geist von etwas, das nicht existieren kann, und über das man nicht sprechen kann, ohne es dabei zugleich zu verfälschen. Niemand kann irgendetwas erklären.
Doch
wie die überaus würdige, kluge Figur des Lamelas zeigt, ist dies kein Indiz des Nihilismus, sondern ganz im Gegenteil: Die Hoffnung besteht im Versprechen, dass sie niemals eintritt. Und gerade daraus entsteht ihre Schönheit und Großzügigkeit.
Auf einem Festival, das – wie alle Festivals – voll ist von Filmen, die vorgeben, die Welt zu erklären oder, schlimmer noch, sie sogar zu retten, ist die Anwesenheit von El fantasma im Programm mehr als ein frischer Wind: Sie ist ein Sturm der Erlösung und Ehrlichkeit.
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Ausgehend von dem gleichnamigen Roman von Hernán Ronsino, jedoch mit einer gewissen Entwirrung der verschachtelten zeitlichen Struktur der literarischen Vorlage, gliedert der neue Film des Argentiniers Benjamin Naishtat (verantwortlich für den bemerkenswerten Rojo, 2018, der ebenfalls auf dem Festival von San Sebastián gezeigt wurde) seine Story in drei verschiedene historische Zeitebenen.
Der Prolog spielt 1956 und nimmt Bezug auf ein reales und tragisches Ereignis der bewegten politischen Geschichte Argentiniens: die Hinrichtungen von José León Suárez, der »Operación Masacre« (so Rodolfo Walsh 1957. Wir begegnen Kommissar Ramón Folcada, der in die Morde und die willkürlichen Verhaftungen verwickelt ist, die von der Maschinerie der neuen Militärdiktatur betrieben werden.)
Der Hauptteil spielt 1957 in der Ortschaft Chivilcoy, wo eine Gruppe von Jugendlichen ihr Coming of Age erlebt. Alle sind verliebt in »la Negra« Miranda, die Ehefrau des Kommissars Folcada. Der dritte Teil springt ins Jahr 1984 und zeigt die Rückkehr eines dieser Jugendlichen, »Flaco«, in seine Heimatstadt, gerade aus dem Gefängnis entlassen, nun jedoch mit der schweren Last der Niederlage und des Ressentiments beladen.
Die verratene Freundschaft im Namen von unerfüllbaren Wünschen und moralischer Korruption, und die politische Gewalt eines Landes, das von einem Schock zum nächsten zu taumeln scheint – bis hin zu dem faschistischen und populistischen Wahn eines von sich selbst eingenommenen Verrückten, von heute –, sind die zentralen Themen, die unter einer Struktur verlaufen, der es nicht gut gelingt, die drei zeitlichen Fragmente organisch miteinander zu verbinden.
Ein unübersehbarer Bezug auf die düstere Gegenwart des Landes liegt in der Entwicklung, die »Flaco« durchmacht – von der leidenschaftlichen Naivität der Jugend bis zu jener tiefsten Finsternis, die er in dem Abschnitt von 1984 mit sich trägt, als er Rache für das sucht, was ihn ins Gefängnis gebracht hat. Der Film schwankt zwischen nordamerikanischen Einflüssen, politischem Anklagekino, einer Teenagerkomödie und sogar gewissen Anklängen an Wong Kar-wais Erinnerungstraumkino – die Filmmusik stammt bezeichnenderweise von Shigeru Umebayashi.
Das Ergebnis ist trotz einzelner Momente, denen es gelingt, flüchtige Lichtblicke der Wahrheit einzufangen, ein Film, der nicht gescheitert ist, aber im Gegensatz zu Rojo schnell vergessen werden wird.
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»Die Kunst ist mein Leben, meine Familie und mein Vaterland.« so David Lamelas. So kann ich es auch sagen: El cinema es mi familia, es mi patria.