Cinema Moralia – Folge 398
Die offenen Wunden der Erfahrung |
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| Jetzt im ARTE FilmFestival abfrufbar: Ina Weisses Zikaden | ||
| (Foto: Filmladen) | ||
»Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten.«
- Hannah Arendt, 1964 im Gespräch mit Günter Gaus in der Reihe »Zur Person«
Das oben stehende Zitat von Hannah Arendt zitierte die deutsche Autorin Shida Bazyar vorgestern in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Deutschen Buchpreises 2026 für ihren Roman »Die Lücken«. Ein sehr angemessenes Zitat und die wohltuende Erinnerung ausgerechnet von einer iranischstämmigen Autorin an das größte Menschheitsverbrechen für das Deutsche und der deutsche Staat verantwortlich sind. Diese Erinnerung ist besonders schmerzhaft in einem Moment, in dem in allen Bereichen der Gesellschaft oben und unten links und rechts und nicht zuletzt in der Mitte Antisemitismus wieder aufflammt. Er war das hat sich spätestens in den Tagen nach dem 7 Oktober gezeigt, aus Deutschland nie verschwunden. Im Kulturbetrieb wie im Politikbetrieb wie im Wirtschaftsbetrieb wie im Gasthaus.
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Heute vor drei Jahren ereignete sich das Massaker vom 7. Oktober, der größte Massenmord an Juden seit dem Zweiten Weltkrieg.
Die deutsche Kulturszene hat sich seitdem einschneidend verändert. Nichts ist besser geworden, im Gegenteil. Die Wunden sind offen.
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Man sollte Filme im Kino sehen. Aber wenn das nicht hinhaut, dann ist es manchmal besser, sie überhaupt zu sehen, als sie zu versäumen. Darum und nur darum empfehlen wir manchmal auch Filme aus dem Fernsehen, so in diesem Fall: Denn beim sogenannten »ARTE FilmFestival« gibt es 13 europäische und internationale Autorenfilme, die auf Festivals wie in Cannes, Venedig und Berlin ihre Premiere hatten.
Darunter Zikaden von Ina Weisse, Rote Sterne überm Feld von Laura Laabs und Des Teufels Bad von der Österreicherin Veronika Franz.
Wir empfehlen sie von Herzen.
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»Alles, was ich über die Welt zu wissen glaubte, brach in sich zusammen.« schreibt die in Berlin lebende Schriftstellerin Adi Kaslasy-Way über den 7. Oktober; »genau hier zerbrach meine tiefste Überzeugung: der Glaube, dass es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden, und dass selbst im Chaos des Krieges bestimmte Regeln herrschen. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden. ... ich sah, wie sich Zivilisten an den Ausschreitungen beteiligt und über unsere Ermordeten und Entführten gejubelt haben.« Und weiter: »Damals wurde mir klar, dass mit zweierlei Maß gemessen wird: Es gibt Regeln für Israelis und Juden und solche für alle übrigen Menschen. ... Deutschland schützt Juden zwar per Gesetz, lässt jedoch zu, dass sie im Namen der Meinungsfreiheit zur Zielscheibe werden.«
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Wie kann man eine Ahnung des Grauens vermitteln? Wie schreiben Filme Bilder und Geschichten (um)? Das ist immer wieder die Frage. Distanz führt zu Indifferenz, und Indifferenz lässt Polarisierung zu.
»Es hat eine Verschiebung der Diskurse stattgefunden«, berichtet der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger diese Woche im artechock-podcast. Im Gespräch mit mir stellt Stiglegger das von ihm herausgegebene Buch Holofiction. Die Ikonografie des Holocaust im Spielfilm zum gleichnamigen Film von Michal Kosakowski vor. Kosakowskis Film wird am kommenden Samstag in München auf dem Underdox-Festival wird am gleichen Tag (Samstag, den 10. Oktober von 14:00
bis 14:30 Uhr) von Stiglegger auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert, in Halle 3.0, Stand C69. In einem Essay im Filmdienst hat er seine Überlegungen dazu dargelegt.
Im Podcast spricht
Stiglegger über »das poetische Dilemma« der Darstellung des Holocaust und die Formensprache des Undenkbaren, über die Fiktionalisierung der Vergangenheit und den Diskurswechsel in der deutschen Erinnerungskultur. Der Film »Holofiction« sei ein Gegenmodell zu dem, was aktuell gefragt ist. Die Hälfte der Kulturinstitutionen, die angefragt wurden, so berichtet Stiglegger leider auch, habe Veranstaltungen zum Thema abgelehnt.
Kommt die Weimarer Republik und die mit ihr verbundene Erfahrung einer scheiternden Demokratie also zurück? Schleichend, auf Samtpfoten? Ist sie gar schon da?
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Darüber reden Marcus Stiglegger und ich dann gleich einen Tag später, am kommenden Sonntag ab 17 Uhr in der »Caligari FilmBühne« in Wiesbaden. Den Hintergrund dazu bildet das Kino dieser ersten deutschen Republik, der wohl größten Epoche des deutschen Films – und die berühmte These des Filmtheoretikers und Historikers Siegfried Kracauer, nach der das Kino ein Seismograph für das Kollektive Unbewusste einer Gesellschaft ist, und sich insofern eine Linie des Zusammenhangs und der Prognose durch Kunstwerke Von Caligari zu Hitler ziehen lässt.
Den Anlass bildet wiederum das 100. Jubiläum dieses besonderen Kinoortes, einer der wenigen vollständig erhaltenen Kinobauten der Stummfilmzeit im Rhein-Main-Gebiet, der 1926 als »Ufa-Palast« mit über 950 Plätzen erbaut wurde.
Im Rahmen einer sehr schönen, vielfältigen und hochkarätigen Jubiläumsreihe wird dort am Sonntag auch mein eigener
Dokumentarfilm Von Caligari zu Hitler gezeigt. Eine seltene Gelegenheit, den Film wieder einmal auf der Leinwand zu sehen.
Und eine Gelegenheit, um über die Schatten Weimars am Horizont unserer Gegenwart und über Kracauers These zu diskutieren.
Der in Deutschland besonders beliebten Behauptung »Von Caligari führt kein Weg zu Hitler«, so der Filmhistoriker Thomas Koebner, wurde zwar schon um 1980 von anderen Filmhistorikern wie Hans Helmut Prinzler und Malte Ludin widersprochen: »Es wird [im Buch (RS)] nachgewiesen, dass der Nationalsozialismus seine Quellen auch da hatte, wo er weder von bürgerlichen noch von unbürgerlichen Historikern vermutet wird: in den Phantasmagorien und Alpträumen einer Gesellschaft, die vor lauter ungelösten Problemen, latenten Konflikten und offenen Kämpfen drohte, in Stücke zu brechen.«
Oh weh, das könnte ja etwas für heute bedeuten. Was sind denn unsere Phantasmagorien und Alpträume?
Dass es »5 vor 33« ist, glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass Hitler schon um die Ecke kommt. Aber die Signale, gerade aus dem deutschen Osten, sind fatal. Demokratieverdrossenheit und Ohnmachtserfahrung paaren sich. Wir können etwas tun. Wir sollten es aber auch. Wir sollten gesichert rechtsextreme Parteien verbieten. Wir sollten Parteien mit antisemitischen Kandidaten und Mitgliedern nicht wählen und entsprechende Vorwürfe nicht kleinreden, sondern verfolgen. Wir müssen Kulturkämpfe führen, und die Freiheit und Vielfalt von Meinung, Presse und Wissenschaft achten und verteidigen. Das sind Forderungen an die Demokraten. Sie müssen sich zusammenreißen und auf Gemeinsamkeiten und das Verteidigenswerte besinnen. Die anderen werden das nicht tun. Sie wollen zerstören. Wie das geht, und das dazu nicht nur Rechtsextreme beitrugen, hat man in Weimar gesehen.
Ich freue mich auf die Diskussion in Wiesbaden und auf Leserbesuch!
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»Ich analysiere die deutschen Filme von 1918 bis 1933 so, dass sie mir präzise Angaben über die während jener Epoche vorherrschenden Dispositionen der Deutschen gestatten. Das Ganze ist ein Versuch, der entscheidenden seelischen Vorgänge habhaft zu werden, die sich damals tief unter der Oberfläche divergierender Ideologien in Deutschland abspielten.«
Siegfried Kracauer in einem Brief an Hermann Hesse über sein Konzept.
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Über den Dokumentarfilm Naza hatten wir vorige Woche berichtet. Viele, auch ich halten ihn für agitatorisch. In jedem Fall wird er überaus kontrovers diskutiert.
Ein weiterer Diskussionsbeitrag ist nun der Film Naza: The Real Story von Roi Danino, Ariel Averbuch und Hagay Gutman, der leider nur im Internet zu sehen ist. Kinos zeigen ihn nicht.
Es handelt sich um einen etwa 49-minütigen israelischen Dokumentarfilm, der ebenfalls vor allem aus Interviews mit israelischen IDF-Kommandeuren, Geheimdienstoffizieren und Soldaten besteht, die über
ihre Erfahrungen im Gazakrieg berichten. Gedreht wurden die Interviews wie in NAZA von Yuval Abraham und Rachel Szor nachts auf Dächern in Tel Aviv.
Auch hier gibt es Anonymität – insofern muss man dem Film zum Teil ähnliche Mängel vorhalten. Allerdings wird viel mehr dokumentiert: Man sieht nämlich Bilder aus dem Krieg selbst, Waffen und Tunnelschächte die in Wohnhäusern, Schulen, Moscheen, einem Krankenhaus getant wurden; Geiseln, die in zivilen Häusern festgehalten
wurden; die Regeln und Genehmigungsverfahren für israelische Luftangriffe. Die Website formuliert das Programm ziemlich eindeutig: »It is their account, in their own words. Watch it, then decide what you think.«
Das ist wichtig: Der Film behauptet nicht, eine neutrale Gesamtgeschichte des Krieges zu liefern. Er präsentiert ausdrücklich die Perspektive derjenigen Israelis, die den Krieg geführt haben.
Der Film ist keineswegs eine Produktion einer klassischen Dokumentarfilmredaktion, sondern ein Schnellprodukt, das sich offen als publizistischer Gegenangriff versteht. Genau wie schon Jean Luc Godard argumentierte: Die beste Kritik eines Film ist ein anderer Film.
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Ein anderes Kino wird 50. Das Nürnberger »Casablanca« feiert Geburtstag. Ich war dort zweimal mit meinen Filmen zu Gast und weiß, dass dies ein wunderbarer und sehr besonderer Ort ist, ein Glücksfall für jeden Film und Filmemacher.
Seit 17 Jahren führen Matthias Damm und der Verein CASA e.V. das Haus. Dass es das Kino noch gibt, ist der engagierten
Nachbarschaft und dem Verein CASA e.V. zu verdanken, die mit einem Jahresbeitrag und viel ehrenamtlichem Engagement ein Kino mit drei Sälen und anspruchsvollem, klugem Programm in der Nachbarschaft am Leben halten.
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Wieder mal ein Saarländer. Seit 23 Jahren, seit 2004 ist der Jurist Peter Dinges Vorstand der Filmförderanstalt FFA. Eine viel zu lange, überlange Amtszeit, die man institutionell begrenzen müsste – schon prinzipiell aus Gründen demokratischer Sauberkeit, und um Filz vorzubeugen. Dinges hat in dieser Zeit vier Bundeskanzler und fünf Kulturstaatsminister (üb)erlebt. Wie viel er inhaltlich getan und erreicht hat, ist je nach Auge der Betrachter Ansichtssache. In jedem Fall ist es jetzt aber doch mal genug, und Dinges muss gehen. Gerüchten zufolge hatte er sich im Sommer voller Tatendrang bereits auf den Sitz des Intendanten beim Saarländischen Rundfunk beworben – erfolglos.
Die Dinges-Nachfolge ist schon in trockenen Tüchern: Das Präsidium der FFA hat – einstimmig, was sonst? – den CDU-Bundestagsabgeordneten Marco Wanderwitz für den Posten vorgeschlagen. Sollte der Verwaltungsrat am 15. Oktober 2026 den Vorschlag annehmen, wird er Dinges im kommenden Jahr nachfolgen. Wanderwitz hat sich, so wird gemeldet, als Bundestagsabgeordneter im Kulturausschuss sehr für die Belange der Kinos und das Zukunftsprogramm eingesetzt. Er hat die Reform des Filmförderungsgesetzes (FFG) begleitet und sollte insofern eine gute Kenntnis der Förderinstrumente der FFA haben.
Das ist ja schon mal schön zu wissen.
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In der Debatte um (vor allem nachträgliche) Filmzensur in der Bundesrepublik scheint es doch noch einen Rest Vernunft zu geben.
Zumindest bei Frauen, vor allem denen, die aus der Filmbranche kommen, und etwas mehr von der Sache verstehen als eine fachfremde,
kunstferne Öffentlichkeit und ein paar Juristen. In der Deutschen Kinemathek wurde jedenfalls jetzt über Wim Wenders' Film »Falsche Bewegung« – ästhetisch ein ödes, zu recht vergessenes Durchschnittswerk – und über die Forderung der Schauspielerin Nastassja Kinski debattiert, eine Szene mit ihr nachträglich zensieren zu dürfen. Darf und soll man Filme, die aus
heutiger Sicht als beanstandenswert eingeschätzt werden, nachträglich ändern?
Es sind wie erwähnt die Frauen, die dem in jeder Hinsicht ungeschickt agierenden Wenders hier öffentlich beispringen. »Auch das Verstörende gehört zum Filmerbe ... Wie sollen wir unsere Geschichte verstehen, wenn wir alles Kontroverse nachträglich entfernen? Wir müssen die Fähigkeit entwickeln, mit historischen Zumutungen zu leben.« argumentierte sehr zutreffend die Film- und Medienwissenschaftlerin Lisa Gotto. Wie oft solle man Filme denn verändern dürfen, wenn man deren
Präsentation von Geschlechts-, Sexismus- oder Antisemitismusfragen für nicht mehr akzeptabel hält, um sie aktuellen Sensibilitäten anzupassen? »Alle 10 Jahre? Alle 30 Jahre?!«
Auch die feministische Filmpionierin Jutta Brückner hält es für einen Fehler, dass Wenders seinen Film nun doch um des lieben Friedens willen nachträglich bearbeitet hat: »Durch das Wegschneiden der Bilder, in denen Kinskis Figur Mignon vom Hauptdarsteller des Films erst geohrfeigt und dann
gestreichelt wird, fehle der Geschichte 'eine entscheidende Dimension: die von Wilhelms problematischer Sexualität«, berichtet Andreas Kilb in der FAZ »In der Darstellung dieser von Unreife und Unsicherheit geprägten Sexualität steckt für Brückner, die 1941 geboren ist und somit zur gleichen Generation
wie Wenders gehört, der zeitgeschichtliche Wert von 'Falsche Bewegung'. Der Film erzähle neben seinen Anspielungen auf den Nationalsozialismus auch eine Schlüsselgeschichte über Geschlechterverhältnisse in der Nachkriegszeit aus männlicher Perspektive. Durch die Entfernung der Mignon-Nacktszene werde er nun 'auf die alte Geschichte von Vätern und Söhnen' reduziert.« Man hätte, so Brückner, »die Irritation aushalten«.
Auf dem Podium war es, so der Perlentaucher, nur »der eher fachfremde« Journalist Ronen Steinke, der auch Jurist ist und den ich als SZ-Autor ansonsten sehr schätze, der die Frage zumindest im Falle der Darstellung von Minderjährigen eindeutig bejahte »und ein großes Ausmisten der Archive einforderte.«
Auch auf Facebook weiß Steinke über Kinski, dass »der Regisseur Wim
Wenders sie in eine Sexszene reinquatschte.« Als ob nicht auch in den Siebziger Jahren elterliche Zustimmung erforderlich gewesen ist.
Auf die Freiheit der Kunst und Unabhängigkeit von Künstlern scheint Steinke keinen großen Wert zu legen, jedenfalls nicht, wenn es um Kinder geht.
Aber die Irritation auszuhalten, diese Fähigkeit ist in unserer Republik der Empfindlichkeiten und Safe Spaces für alles und jeden immer schwächer ausgeprägt.
Sie wird aber in ganz anderen, wichtigeren Fragen in Zukunft vonnöten sein.
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Noch ein kurzer Hinweis: Die Berliner Filmhochschule DFFB feiert ihr 60-jähriges Bestehen. In der kommenden Woche gibt es im Rahmen des Jubiläumsprogramms eine dreitägige Konferenz, organisiert vom langjährigen Kritikerkollegen, dem Filmregisseur Frederic Jaeger. Das Programm gibt es hier, vielleicht gelingt es uns auch, zu berichten.
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Die »Frankfurter Rundschau« schreibt über die – deutsche, nichtjüdische – Studentin Carolin Bohl, sie »stirbt am 7. Oktober im Kibbuz«. Ein schäbiger Euphemismus. Sie ist ermordet worden.
Kommt Weimar doch zurück? Ist es gar schon da?
(to be continued)