Cinema Moralia – Folge 397
Die Zukunft ist offen |
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| (Foto: W-film Filmproduktion) | ||
Venedig ist vorbei, die letzten Berichte der diesjährigen Edition findet man nebenan im Venedig-Special, und schon geht es heute nach San Sebastián. Dort eröffnet am Freitag das letzte große A-Festival des Jahres.
San Sebastián ist immer mein Lieblingsfestival gewesen, in der perfekten Mischung aus dem Glanz des Ortes, dem guten Essen und der Freizeitqualität der Stadt, sowie dem Filmprogramm mit seinen zwei Wettbewerben,
deren durchschnittliche Qualität viel besser ist als die vom in manchem vergleichbaren Locarno. Überhaupt wird San Sebastián in Deutschland immer unterschätzt.
Und zur Not hat man immer die Retrospektive – in diesem Jahr zu dem französischen Filmemacher und Romanautor José Giovanni – sowie die Sektionen »Horizontes Latinos« und »Made in Spain«, in denen man alle lateinamerikanischen und spanischen Filme des Jahres nachholen kann, so man denn möchte.
Auch
von hier werden wir in Form eines regelmäßigen Tagebuchs und mit Podcasts berichten.
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Ist es fünf vor 1933? Manche befürchten das und ganz abtun lässt sich diese Befürchtung nicht. Passend dazu startet jetzt in der ARD die fünfte Staffel von »Babylon Berlin«, in der immerhin drei der begabtesten deutschen Filmregisseure ihrer Generation das, was sie im Kino offenbar nicht machen konnten oder durften, für das Fernsehen verwirklichen.
Das Bemerkenswerte an der Serie ist die Mischung aus sehr freiem Umgang mit der Geschichte und einigen geradezu aberwitzigen Erfindungen und der gleichzeitigen Faktentreue – Weimar ersteht tatsächlich für kurze Augenblicke immer wieder mal wieder auf in dieser Staffel.
Dass die Übergänge zwischen Kino und Fernsehen heute längst fließend geworden sind, das sieht man gerade hier, weil die Regisseure vieles aus der deutschen Filmgeschichte aufgreifen, teilweise eins zu eins übernehmen. Wie den unheilschwangeren abstrakten, von Walter Ruttmann designeten »Falkentraum« der Krimhild aus Fritz Langs Die Nibelungen, der hier einfach noch mal zu sehen ist, jetzt von anderem Unheil kündend.
Im »SWR Forum« hatte ich jetzt das Vergnügen, eine dreiviertel Stunde lang mit einer Filmwissenschaftlerin und einem Historiker über den Film zu sprechen. Ab morgen Vormittag steht das Gespräch hier online.
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Parallelen zu Weimar werden wir in den nächsten Wochen öfter ziehen müssen. Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt finden am Wochenende auch in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin Wahlen statt. Schon in der Weimarer Zeit waren einzelne regionale Erfolge Blaupausen für die Nazi-Machtergreifung im ganzen Reich.
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Die größten Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sitzen in der AfD. Wenn jetzt auch bei demokratischen Parteien Tendenzen laut werden, die in höflicheren Worten in eine ähnliche Richtung gehen, dann ist das gefährlich.
Ausgerechnet Kulturstaatsminister Wolfram Weimer macht sich jetzt entsprechende Gedanken und bespielt damit das Terrain der Demokratiefeinde.
Zugleich erklärt er im ZEIT-Podcast vollmundig: »Wir werden nicht mehr erleben, dass die AfD noch mal so ein Ergebnis bekommt, nirgends und nie.«
Weimer geht davon aus, dass die CDU auch in die nächste Bundestagswahl mit Friedrich Merz als Kanzlerkandidaten gehe: »Die CDU wird mit Friedrich Merz antreten.«
Auf die Frage, ob er den Weg in die Politik noch einmal gehen würde, sagte er: »Ich würde es noch mal wählen. Aber auch nur, wenn ich jetzt den Kampf gegen die AfD gewinne.«
Er wolle nicht, »dass unser Land jetzt nach rechts abrutscht«.
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Ein Sieg der AfD bei den ostdeutschen Wahlen hätte gravierende Folgen zumindest für den MDR.
Denn die AfD will den Rundfunk umkrempeln.
Nach den Vorstellungen der AfD soll sich ein stärker regional verankerter »Grundfunk« auf Nachrichten, Berichte, Bildungsangebote sowie Informationen zum Verbraucherschutz konzentrieren. Regionalfernsehen und regionale Hörfunkangebote sollen erhalten bleiben. Die regionalen Programme sollen nach den Vorstellungen der Fraktion für
höchstens drei Stunden täglich zu einem bundesweiten Programm zusammengeschaltet werden. Die Programme sollen werbefrei sein.
Der Rundfunkbeitrag wird allerdings nicht im MDR-Staatsvertrag geregelt, sondern in einem eigenen Staatsvertrag aller Länder. Eine Kündigung des MDR-Staatsvertrags allein würde den Rundfunkbeitrag deshalb voraussichtlich nicht automatisch entfallen lassen. Hinzu kommt, dass das Bundesverfassungsgericht 2021 entschieden hatte, dass der Rundfunkbeitrag bis zu einer neuen Entscheidung der Länder in der damals festgelegten Höhe weiter erhoben wird.
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Wer es nicht aus Berlin raus schafft, kann sich immerhin die Filme des (in Berlin lebenden) Münchner Regisseurs Christoph Hochhäusler ansehen. Sie laufen bis zum 24.9. im Kino Arsenal.
Ich mag die meisten seiner Filme, ich mag seine Liebe zum Genre, seine Fähigkeit und Willensstärke, zum Eigenen zu stehen und sich manchen Versuchungen der Branche zu verweigern und auch das Don-Quichotehafte Ankämpfen gegen Chimären und Festhalten an manchen Träumen, die vielleicht so schon immer
von gestern waren. Ich hätte auch gerne einige seiner unvollendeten Projekte gesehen wie ein Mabuse-Projekt, an dem er vor langer Zeit einmal gearbeitet hat.
Man kann die Filme auch als Fallstudien dessen sehen, was wir lange Zeit Berliner Schule genannt haben – auch wenn gerade Hochhäusler einer von denen war, der öffentlich sagte, dass er nicht so genannt werden wollte, obwohl er doch für fast alle Beobachter einer der Hauptprotagonisten dieser Gruppe ist.
Was da immer erkennbar ist, das ist, dass Hochhäusler ein Filmemacher ist, der wie nur wenige – vielleicht nur wie Dominik Graf und Jan Bonny – in Dialog mit der eigenen Gegenwart tritt, mit dem eigenen Land und mit der deutschen Filmgeschichte, nicht wie etwa Christian Petzold mit einer zusammenfantasierten europäischen, inklusive ein paar archivarischer Hollywood-Referenzen.
Hollywood und des europäische Autorenkino führen in Hochhäuslers Filmen eher ein Schattendasein. Dafür spielen seine Filme wirklich in Deutschland.
Vielleicht ändert sich das aber, denn sein letzter, hervorragender Film – Der Tod wird kommen –, der im Titel ein Cesare-Pavese-Gedicht zitiert und in Belgien gedreht wurde, könnte für die zweite Hälfte seines Werks noch eine andere Dimension eröffnen. Solche Figuren, solche Räume und solche philosophischen Geschichten der Männer und Frauen des 20. Jahrhunderts hat man seit Melville im europäischen Kino selten gesehen.