17.09.2026
Cinema Moralia – Folge 397

Die Zukunft ist offen

Der Tod wird kommen
(Foto: W-film Filmproduktion)

Kino als Versuchslabor: Weimar, Weimer und Hochhäusler – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 397. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Venedig ist vorbei, die letzten Berichte der dies­jäh­rigen Edition findet man nebenan im Venedig-Special, und schon geht es heute nach San Sebastián. Dort eröffnet am Freitag das letzte große A-Festival des Jahres.
San Sebastián ist immer mein Lieb­lings­fes­tival gewesen, in der perfekten Mischung aus dem Glanz des Ortes, dem guten Essen und der Frei­zeit­qua­lität der Stadt, sowie dem Film­pro­gramm mit seinen zwei Wett­be­werben, deren durch­schnitt­liche Qualität viel besser ist als die vom in manchem vergleich­baren Locarno. Überhaupt wird San Sebastián in Deutsch­land immer unter­schätzt.
Und zur Not hat man immer die Retro­spek­tive – in diesem Jahr zu dem fran­zö­si­schen Filme­ma­cher und Roman­autor José Giovanni – sowie die Sektionen »Hori­zontes Latinos« und »Made in Spain«, in denen man alle latein­ame­ri­ka­ni­schen und spani­schen Filme des Jahres nachholen kann, so man denn möchte.
Auch von hier werden wir in Form eines regel­mäßigen Tagebuchs und mit Podcasts berichten.

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Ist es fünf vor 1933? Manche befürchten das und ganz abtun lässt sich diese Befürch­tung nicht. Passend dazu startet jetzt in der ARD die fünfte Staffel von »Babylon Berlin«, in der immerhin drei der begab­testen deutschen Film­re­gis­seure ihrer Gene­ra­tion das, was sie im Kino offenbar nicht machen konnten oder durften, für das Fernsehen verwirk­li­chen.

Das Bemer­kens­werte an der Serie ist die Mischung aus sehr freiem Umgang mit der Geschichte und einigen geradezu aber­wit­zigen Erfin­dungen und der gleich­zei­tigen Fakten­treue – Weimar ersteht tatsäch­lich für kurze Augen­blicke immer wieder mal wieder auf in dieser Staffel.

Dass die Übergänge zwischen Kino und Fernsehen heute längst fließend geworden sind, das sieht man gerade hier, weil die Regis­seure vieles aus der deutschen Film­ge­schichte aufgreifen, teilweise eins zu eins über­nehmen. Wie den unheil­schwan­geren abstrakten, von Walter Ruttmann desi­gneten »Falken­traum« der Krimhild aus Fritz Langs Die Nibe­lungen, der hier einfach noch mal zu sehen ist, jetzt von anderem Unheil kündend.

Im »SWR Forum« hatte ich jetzt das Vergnügen, eine drei­viertel Stunde lang mit einer Film­wis­sen­schaft­lerin und einem Histo­riker über den Film zu sprechen. Ab morgen Vormittag steht das Gespräch hier online.

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Paral­lelen zu Weimar werden wir in den nächsten Wochen öfter ziehen müssen. Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt finden am Wochen­ende auch in Meck­len­burg-Vorpom­mern und Berlin Wahlen statt. Schon in der Weimarer Zeit waren einzelne regionale Erfolge Blau­pausen für die Nazi-Mach­ter­grei­fung im ganzen Reich.

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Die größten Gegner des öffent­lich-recht­li­chen Rundfunks sitzen in der AfD. Wenn jetzt auch bei demo­kra­ti­schen Parteien Tendenzen laut werden, die in höfli­cheren Worten in eine ähnliche Richtung gehen, dann ist das gefähr­lich.

Ausge­rechnet Kultur­staats­mi­nister Wolfram Weimer macht sich jetzt entspre­chende Gedanken und bespielt damit das Terrain der Demo­kra­tie­feinde.

Zugleich erklärt er im ZEIT-Podcast voll­mundig: »Wir werden nicht mehr erleben, dass die AfD noch mal so ein Ergebnis bekommt, nirgends und nie.«
Weimer geht davon aus, dass die CDU auch in die nächste Bundes­tags­wahl mit Friedrich Merz als Kanz­ler­kan­di­daten gehe: »Die CDU wird mit Friedrich Merz antreten.«
Auf die Frage, ob er den Weg in die Politik noch einmal gehen würde, sagte er: »Ich würde es noch mal wählen. Aber auch nur, wenn ich jetzt den Kampf gegen die AfD gewinne.« Er wolle nicht, »dass unser Land jetzt nach rechts abrutscht«.

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Ein Sieg der AfD bei den ostdeut­schen Wahlen hätte gravie­rende Folgen zumindest für den MDR.
Denn die AfD will den Rundfunk umkrem­peln.
Nach den Vorstel­lungen der AfD soll sich ein stärker regional veran­kerter »Grundfunk« auf Nach­richten, Berichte, Bildungs­an­ge­bote sowie Infor­ma­tionen zum Verbrau­cher­schutz konzen­trieren. Regio­nal­fern­sehen und regionale Hörfunk­an­ge­bote sollen erhalten bleiben. Die regio­nalen Programme sollen nach den Vorstel­lungen der Fraktion für höchstens drei Stunden täglich zu einem bundes­weiten Programm zusam­men­ge­schaltet werden. Die Programme sollen werbefrei sein.

Der Rund­funk­bei­trag wird aller­dings nicht im MDR-Staats­ver­trag geregelt, sondern in einem eigenen Staats­ver­trag aller Länder. Eine Kündigung des MDR-Staats­ver­trags allein würde den Rund­funk­bei­trag deshalb voraus­sicht­lich nicht auto­ma­tisch entfallen lassen. Hinzu kommt, dass das Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt 2021 entschieden hatte, dass der Rund­funk­bei­trag bis zu einer neuen Entschei­dung der Länder in der damals fest­ge­legten Höhe weiter erhoben wird.

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Wer es nicht aus Berlin raus schafft, kann sich immerhin die Filme des (in Berlin lebenden) Münchner Regis­seurs Christoph Hoch­häusler ansehen. Sie laufen bis zum 24.9. im Kino Arsenal.
Ich mag die meisten seiner Filme, ich mag seine Liebe zum Genre, seine Fähigkeit und Willens­stärke, zum Eigenen zu stehen und sich manchen Versu­chungen der Branche zu verwei­gern und auch das Don-Quicho­te­hafte Ankämpfen gegen Chimären und Fest­halten an manchen Träumen, die viel­leicht so schon immer von gestern waren. Ich hätte auch gerne einige seiner unvoll­endeten Projekte gesehen wie ein Mabuse-Projekt, an dem er vor langer Zeit einmal gear­beitet hat.

Man kann die Filme auch als Fall­stu­dien dessen sehen, was wir lange Zeit Berliner Schule genannt haben – auch wenn gerade Hoch­häusler einer von denen war, der öffent­lich sagte, dass er nicht so genannt werden wollte, obwohl er doch für fast alle Beob­achter einer der Haupt­prot­ago­nisten dieser Gruppe ist.

Was da immer erkennbar ist, das ist, dass Hoch­häusler ein Filme­ma­cher ist, der wie nur wenige – viel­leicht nur wie Dominik Graf und Jan Bonny – in Dialog mit der eigenen Gegenwart tritt, mit dem eigenen Land und mit der deutschen Film­ge­schichte, nicht wie etwa Christian Petzold mit einer zusam­men­fan­ta­sierten europäi­schen, inklusive ein paar archi­va­ri­scher Hollywood-Refe­renzen.

Hollywood und des europäi­sche Autoren­kino führen in Hoch­häus­lers Filmen eher ein Schat­ten­da­sein. Dafür spielen seine Filme wirklich in Deutsch­land.

Viel­leicht ändert sich das aber, denn sein letzter, hervor­ra­gender Film – Der Tod wird kommen –, der im Titel ein Cesare-Pavese-Gedicht zitiert und in Belgien gedreht wurde, könnte für die zweite Hälfte seines Werks noch eine andere Dimension eröffnen. Solche Figuren, solche Räume und solche philo­so­phi­schen Geschichten der Männer und Frauen des 20. Jahr­hun­derts hat man seit Melville im europäi­schen Kino selten gesehen.