Lässt sich Macondo verfilmen? |
![]() |
|
| Der Mensch kann seine Vergangenheit erkennen und sich dennoch nicht von ihr befreien... | ||
| (Foto: Netflix) | ||
Von Abil Hasanov
Manche Bücher lassen beim Lesen Bilder entstehen. Andere widersetzen sich dem auf seltsame Weise. Man kann sie sich vorstellen, aber kaum zeigen.
Hundert Jahre Einsamkeit gehört zu diesen Büchern.
Schon der erste Satz verrät, warum. Oberst Aureliano Buendía wird viele Jahre später vor einem Erschießungskommando stehen und sich an den fernen Tag erinnern, an dem sein Vater ihn das Eis entdecken ließ.
In einem einzigen Satz blicken wir aus der Zukunft in die Vergangenheit.
Noch bevor der Roman seinen zweiten Satz erreicht, hat die Zeit ihre gewohnte Richtung verloren.
Márquez selbst hat der Verfilmung dieser Welt nie zugestimmt. Obwohl er dem Kino eng verbunden war und selbst Drehbücher schrieb, verkaufte er zu Lebzeiten nie die Filmrechte an „Hundert Jahre Einsamkeit“. Erst nach seinem Tod wurde eine Adaption mit Zustimmung seiner Familie möglich. Zu den zentralen Bedingungen gehörte, dass auf Spanisch und in Kolumbien gedreht werden sollte.
Netflix stand also nicht einfach vor der Aufgabe, einen berühmten Roman in eine Serie zu verwandeln.
Die Frage war schwieriger:
Lässt sich eine Welt, die in der Sprache existiert, in Bilder übersetzen? Und die noch schwerere: Bleibt Macondo noch Macondo, sobald man es zeigt?
Wer vom magischen Realismus spricht, bleibt meist am Wort „magisch“ hängen. Bei Márquez aber zählt das zweite Wort mehr: Realismus.
In seiner Welt geschieht Unmögliches, doch niemand hält es für unmöglich.
Tote kehren zurück. Eine Schlaflosigkeitsepidemie raubt den Menschen das Gedächtnis. Blumen regnen vom Himmel. Eine Frau fährt in den Himmel auf.
Márquez präsentiert nichts davon als Spezialeffekt, der den Leser verblüffen soll. Je unglaublicher das Geschehen, desto ruhiger bleibt die Stimme des Erzählers.
Darin liegt das Geheimnis des magischen Realismus: Das Wunder weiß nicht, dass es ein Wunder ist.
Genau hier beginnt die Schwierigkeit für das Kino.
In der Literatur genügt ein Satz, um einen Menschen gen Himmel steigen zu lassen. Der Leser erschafft in diesem Satz seinen eigenen Himmel. Die Kamera dagegen muss wählen: die Farbe des Himmels, die Richtung des Lichts, die Bewegung des Körpers, den Ausdruck des Gesichts.
Das Wort eröffnet Möglichkeiten.
Die Kamera legt fest.
Deshalb ist die Verfilmung von „Hundert Jahre Einsamkeit“ weniger die Kunst, Ereignisse zu zeigen, als die Kunst, sie nicht zu sehr zu zeigen.
Die Drehbuchautorin Camila Brugés sagt, Márquez' Stimme lasse sich ohne seine eigenen Worte nicht in audiovisuelle Sprache übertragen. Deshalb spricht in der Serie ein Erzähler wörtlich übernommene Passagen aus dem Roman. So sehr sich das Kino mit Bild, Ton, Musik und Schauspiel der Poetik des Romans zu nähern versucht, muss es doch zu seinen Sätzen zurückkehren, um den Tonfall des Autors zu bewahren.
Márquez' Welt kann man zeigen. Márquez' Satz nicht – man kann ihn nur hörbar machen.
Wo die Sprache des Kinos nicht hinreicht, leiht es sich die Sprache des Romans.
Zu den wichtigsten Entscheidungen der Serie gehört, Macondo nicht in einen exotischen Fantasieort zu verwandeln.
Diese Welt beginnt mit Erde. Mit Schlamm, Holz, Wasser, Hitze, Schweiß, Tieren, menschlichen Körpern.
In der ersten Staffel bewahren Alex García López und Laura Mora diese Stofflichkeit, im zweiten Laura Mora und Carlos Moreno. Das Wunderbare wird Macondos Wirklichkeit nicht aufgesetzt; es soll aus ihr hervorgehen.
Diese Entscheidung ist wesentlich. Denn um an Macondos Zauber zu glauben, muss man zuerst an seine Erde glauben.
Mitunter droht der visuelle Reichtum der Serie sogar zum Selbstzweck zu werden: Eine Einstellung ist so schön komponiert, dass der Zuschauer eher das Bild betrachtet als das Geschehen. Insgesamt aber vermeiden die Macher es, den magischen Realismus in eine bunte Effektschau zu verwandeln. Das Außergewöhnliche bleibt meist eingebettet in den Alltag der Menschen, die es erleben.
Das ist ein möglicher Weg, sich Márquez' Prosa zu nähern. Aber keine vollständige Lösung.
Als das Kino nach Macondo kommt, glauben die Bewohner den Filmen wie dem Leben selbst. Taucht ein Schauspieler, um dessen Tod sie in einem Film geweint haben, im nächsten quicklebendig in einer anderen Rolle auf, fühlen sie sich betrogen. Die Spielregeln des Kinos können sie nicht akzeptieren.
Die Netflix-Verfilmung verlangt vom Zuschauer, genau diese Spielregeln anzunehmen. Susana Morales spielt die junge Úrsula, Marleyda Soto die spätere. Das Gesicht wechselt, und wir glauben dennoch, dass es dieselbe Úrsula ist.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später hat sich die Lage umgekehrt: Dass eine Figur mit einem anderen Gesicht zurückkehrt, ertrugen die Bewohner Macondos nicht – wir hingegen glauben gerade dank dieser Spielregeln an Macondo selbst.
Jeder Leser des Romans hat sein eigenes Macondo.
In der Vorstellung des einen sieht das Haus der Buendías anders aus, in der eines anderen ist der Kastanienbaum größer. Úrsulas Gesicht, Melquíades' Blick, die Breite der Straßen, die Farbe der Häuser – nichts davon ist endgültig festgelegt.
Literatur lässt dem Leser Leerstellen.
Das Kino füllt sie.
Sobald wir die Serie sehen, stehen die Breite der Straßen, die Wände der Häuser, die Kleidung und die Gesichter der Menschen fest.
Das ist der Preis jeder Verfilmung. Bei „Hundert Jahre Einsamkeit“ ist er jedoch höher. Denn die Kraft des Romans liegt nicht nur in dem, was er erzählt, sondern in der Freiheit, die er der Vorstellungskraft des Lesers lässt.
Roger Ebert berührte dieses Problem 2007, als er über die Verfilmung von Márquez' Die Liebe in den Zeiten der Cholera schrieb: Die Menschen, die in unserer Vorstellung leben, werden zu Schauspielern, die Orte unserer Träume zu konkreten Drehorten.
Die Netflix-Serie löst dieses Problem nicht. Sie kann es auch nicht lösen.
Der Bildschirm gibt uns Macondo.
Der Roman erschafft es in uns.
Das ist nicht dieselbe Erfahrung.
„Hundert Jahre Einsamkeit“ gilt gewöhnlich als Roman über die Einsamkeit.
Das stimmt.
Aber es reicht nicht.
Die große Tragödie der Familie Buendía besteht nicht nur darin, dass die Menschen einander nicht erreichen. Sie leben in Wiederholungen.
Die Namen wiederholen sich. Die Charaktere wiederholen sich. Lieben, Leidenschaften, Fehler, Kriege und Niederlagen wiederholen sich.
Die Aurelianos und José Arcadios wirken, als würde dasselbe Schicksal in verschiedenen Körpern erneut erprobt.
Die Zeit ist hier keine gerade Linie.
Sie ist ein Kreis.
Vielleicht eine Spirale.
Der Mensch glaubt voranzugehen und findet sich nach einer Weile dort wieder, wo schon ein anderer vor ihm stand.
Auch darin liegt eines der großen Probleme der Serie. Der Roman verschränkt das Leben mehrerer Generationen so, dass der Leser Namen, Schicksale und Epochen bisweilen verwechselt.
Diese Verwirrung ist kein Mangel. Sie gehört zur Idee des Romans.
Der Bildschirm dagegen muss Figuren und Zeitsprünge deutlicher markieren, damit der Zuschauer nicht völlig die Orientierung verliert. Damit macht die Serie den Roman in gewissem Sinn verständlicher.
Und darin liegt das Paradox: „Hundert Jahre Einsamkeit“ allzu klar zu machen heißt, ihm etwas von seinem Geheimnis zu nehmen.
Zu den interessantesten dramaturgischen Entscheidungen der Serie gehört, Úrsulas Position zu stärken.
Das Drehbuchteam hat dies als bewusste Wahl erklärt: Die Erzählung bleibt kollektiv, doch Úrsula wird zum zentralen Blickpunkt, der die Ereignisse zusammenhält.
Diese Entscheidung ist der Logik des Romans nicht fremd.
Die Männer der Familie Buendía wollen die Welt verändern.
José Arcadio Buendía jagt Entdeckungen nach. Aureliano zieht in den Krieg. Andere folgen Reichtum, Leidenschaft, Macht und ihren Träumen.
Úrsula hingegen erhält das Leben.
Dass das Haus nicht verfällt.
Dass die Kinder groß werden.
Dass es zu essen gibt.
Dass die Familie weiterbesteht.
Während die Männer glauben, Geschichte zu machen, bewahrt Úrsula das Haus, in dem diese Geschichte überleben kann.
Hier spielt die Kamera eine ihrer eigenen Stärken aus. Müdigkeit, Blicke, Schweigen und Altern, die im langen Zeitfluss des Romans leicht übersehen werden, werden auf dem Bildschirm zu Körper. Durch Úrsulas verschiedene Lebensalter wird die Zeit nicht mehr am Kalender gemessen, sondern an Gesicht und Körper.
Hundert Jahre schreiben sich in ein menschliches Gesicht.
Macondos Anfang ist beinahe mythisch.
Dann erreicht die Welt den Ort.
Die Eisenbahn kommt. Die Elektrizität kommt. Das Kino kommt. Fremde kommen. Die Bananengesellschaft kommt.
Auf den ersten Blick sind all das Zeichen des Fortschritts.
Doch bei Márquez ist Fortschritt nie nur Fortschritt.
Die Eisenbahn verbindet Macondo mit der Welt, aber dieselben Schienen bringen auch andere Kräfte in die Stadt. Ausländisches Kapital verspricht Reichtum und Arbeit; ihm folgen Ausbeutung und Gewalt.
So öffnet sich die Familiensaga zum historischen Gedächtnis Kolumbiens.
In der gerade zu Ende gegangenen zweiten Staffel der Serie ist dieser Wandel noch härter spürbar. Der beinahe utopische Raum des ersten Macondo weitet sich, der Lärm nimmt zu, die Stadt wird voller, und sie verliert ihre ursprüngliche Unschuld. Der Fortschritt weicht allmählich dem Verfall.
Der entscheidende Punkt aber ist das Massaker im Umfeld der Bananengesellschaft.
Nicht zufällig heißt die sechste Folge des zweiten Teils „Eran más de tres mil“ – „Es waren mehr als dreitausend“. Es ist der Satz, den José Arcadio Segundo im Roman ausspricht und den ihm niemand glaubt. Die Serie macht ihn zum Titel einer Episode und vollzieht damit einen Akt der Erinnerung.
Denn nach dem Massaker verläuft der Kampf nicht mehr nur zwischen den Toten und ihren Mördern.
Ein anderer Kampf beginnt: zwischen dem Ereignis und seiner Leugnung.
José Arcadio Segundo erinnert sich.
Die Welt um ihn herum beginnt zu vergessen.
Das Furchtbarste ist nicht allein die Gewalt, sondern ihr Vergessen.
Nach einer Weile versucht die offizielle Wahrheit, den Platz der Erinnerung einzunehmen. Der Satz „So etwas ist nie geschehen“ wird zur zweiten Gewalt nach den Kugeln.
Hier bleibt „Hundert Jahre Einsamkeit“ nicht im Jahr 1967.
Macondo ist nicht mehr nur eine Stadt.
Jeder Ort, an dem um Erinnerung gekämpft wird, ist ein wenig Macondo.
Das Projekt, an dem Márquez' Söhne Rodrigo García und Gonzalo García Barcha als ausführende Produzenten beteiligt sind, versucht, diese Welt in der Sprache und Geografie ihres Ursprungs neu zu errichten.
Doch Treue ist an sich noch kein Erfolg; manchmal wird sie sogar zum Problem. Wird ein Roman mit allzu großer Ehrfurcht verfilmt, kann das Kino seine eigene Sprache verlieren.
Auch dass der Erzähler zu Márquez' Sätzen zurückkehrt, ist ein Zeichen dieser Spannung: Rettung oder Kapitulation?
Vielleicht beides.
Ohne Erzähler ginge ein wesentlicher Teil der Stimme des Romans verloren. Mit ihm aber verfällt das Kino bisweilen in die Gewohnheit, noch einmal in Worten zu sagen, was es selbst zeigen könnte.
Deshalb lässt sich der Wert einer Verfilmung nicht allein an der Frage messen: „Wie treu ist sie dem Roman?“
Interessanter ist die Frage: Findet das Kino seine eigene Sprache, ohne den Geist des Romans zu verraten? Die Antwort ist nicht eindeutig.
An manchen Stellen ersetzt die Serie Márquez' Unbestimmtheit durch ein konkretes Bild und verliert dabei etwas vom Zauber des Romans. An anderen verleiht gerade die Stofflichkeit des Bildes – Erde, Körper, Regen, Alter, verfallende Häuser, die Zeit, die sich in Gesichtern ablagert – Márquez' Welt eine andere Kraft.
Das ist kein Sieg über den Roman. Auch keine Niederlage. Es ist ein langes Gespräch einer Kunstform mit einer anderen.
Am Ende von „Hundert Jahre Einsamkeit“ kehrt alles zum Anfang zurück.
Das Schicksal der Buendías wird gelebt und zugleich gelesen. In Melquíades' Pergamenten existiert ihr hundertjähriges Leben längst. Der letzte Aureliano nähert sich beim Lesen seinem eigenen Schicksal.
Der Abstand zwischen Lesen und Leben verschwindet.
Dann schließt Márquez die Tür.
Den zu hundert Jahren Einsamkeit verurteilten Geschlechtern wird keine zweite Chance auf Erden gewährt.
Die Verfilmung kann dieser Szene nicht ausweichen. Im „Gran Final“, das nach den sieben Folgen der zweiten Staffel eigens präsentiert wurde und das Laura Mora inszeniert hat, erreicht das Problem, das die Adaption von Anfang an mit sich trägt, seinen äußersten Punkt: Während Aureliano Babilonia Melquíades' Pergamente liest, verschmelzen die Zeit der Schrift und die gelebte Zeit. Er liest nicht mehr bloß Vergangenes; im gelesenen Text findet er seine eigene Gegenwart und sein nahendes Ende.
Die Kamera steht vor einer unmöglichen Aufgabe: dieses Verschwinden, das sich im Wort vollzieht, in ein Bild zu verwandeln.
Macondos Untergang lässt sich zeigen. Dass er längst geschrieben war, kann nur der Text sagen – und dieser Wahrheit kann keine Verfilmung entgehen.
In der Netflix-Verfilmung selbst liegt jedoch eine seltsame Ironie. Die Welt, die Márquez nie auf die Leinwand ließ, kehrt nach seinem Tod in anderer Gestalt zurück.
Márquez gibt den Buendías keine zweite Chance.
Dem Leser aber – und nun dem Zuschauer – gibt er sie.
Macondo entsteht kein zweites Mal; wir kehren ein zweites Mal dorthin zurück. Diesmal nicht durch die Zwischenräume von Márquez' Sätzen, sondern durch die Straßen, Häuser und Gesichter, die die Kamera zeigt.
Hier stehen sich zwei verschiedene Gedächtnisse gegenüber.
Das Gedächtnis der Figuren rettet sie nicht. Úrsula sieht, wie Namen, Charaktere, Leidenschaften und Fehler in der Familie wiederkehren. José Arcadio Segundo erinnert sich an das Massaker, das die anderen vergessen haben. Doch Erinnern genügt nicht, um den Kreis zu durchbrechen.
Erinnerung hält die Wiederholung nicht auf, aber sie macht sie sichtbar.
Darin liegt Márquez' Grausamkeit: Der Mensch kann seine Vergangenheit erkennen und sich dennoch nicht von ihr befreien.
Unser Gedächtnis folgt einer anderen Logik. Es kann die Buendías nicht retten. Aber es kann uns in ihre versunkene Welt zurückführen.
Vielleicht passt Macondo deshalb weder ganz zwischen die Seiten eines Buches noch ganz in den Rahmen eines Bildschirms.
Márquez zerstört es.
Wir aber hören nicht auf, dorthin zurückzukehren