24.09.2026

Nach der Kreuzigung kommt die Hölle

Fauda - 5. Staffel
Das Ende der Fiktion...
(Foto: Netflix)

Die fünfte Staffel von „Fauda“ verliert nach dem 7. Oktober ihre alte Ambivalenz und erzählt gerade dadurch, wie politische Realität die Kunst verändert und die Wahrnehmung eines ganzen Konflikts verschiebt

Von Axel Timo Purr

In der ersten Folge der fünften Staffel von „Fauda“wird gebetet. Eli und sein bedui­nisch-arabi­scher Freund Abu Musah, genannt Salem, sitzen in Marseille neben­ein­ander, der eine Muslim, der andere Jude, und wenden sich gleich­zeitig an ihren jewei­ligen Gott. Es ist eine jener kleinen Szenen, wie „Fauda“ sie in seinen besten Momenten immer wieder gefunden hat: Religion trennt hier nicht, sie verbindet. Zwei Männer sprechen verschie­dene Gebete und tun doch dasselbe. Für einen Augen­blick scheint darin sogar die Möglich­keit einer anderen Welt auf.

Auch am Ende der fünften Staffel wird gebetet. Doch diesmal sind es nur noch jüdische Gebete. Eli ist tot, an seinem Grab wird um Frieden gebeten, und Doron spricht und spricht, ohne dass das Gebet den Trost spendet, den es spenden könnte. Was er unmit­telbar danach tut, lässt den Frieden dann noch einmal uner­reich­barer erscheinen als zuvor. Die narrative Klammer von elf Folgen, die „Fauda“ zwischen diese beiden Gebete setzt, könnte kaum trost­loser sein.

Viel­leicht musste es so kommen. Die vierte Staffel endete mit einem Bild, das beinahe einer Kreu­zi­gung ihrer Prot­ago­nisten glich. Schwer verwundet lagen Doron, Eli, Steve und Sagi nach dem Angriff neben­ein­ander auf dem Boden. Wer nach einer Kreu­zi­gung auf Aufer­ste­hung gehofft hatte, bekommt nun statt­dessen eine Höllen­fahrt.

Denn die fünfte Staffel von „Fauda“ ist über weite Strecken nicht mehr jene Serie, die „Fauda“ einmal war. Ihre große Qualität bestand von Beginn an nicht einfach in ihrer enormen Spannung oder in den virtuosen Under­cover-Opera­tionen der israe­li­schen Mista’aravim-Einheit. Es war vielmehr das manchmal fast schwin­del­erre­gende Wechseln der Perspek­tive. Kaum hatte man sich einge­richtet in der Gewiss­heit, zu wissen, wer Täter und wer Opfer war, rückte die Serie näher an die andere Seite heran. Sie gab auch ihren paläs­ti­nen­si­schen Figuren Eltern und Kinder, Begehren und Ängste, Loya­li­täten und Verrat. Empathie bedeutete hier nie Zustim­mung. Aber sie machte einfache mora­li­sche Gewiss­heiten schwer.

Das war keines­wegs unum­stritten. „Fauda“ ist seit seinem Start 2015 eine israe­li­sche Serie mit israe­li­scher Kern­per­spek­tive geblieben, entwi­ckelt von Lior Raz und dem Nahost­jour­na­listen Avi Issacharoff, die ihre eigenen Erfah­rungen in israe­li­schen Einheiten in die Serie einbrachten. Gerade aus paläs­ti­nen­si­scher Perspek­tive wurde ihr deshalb immer wieder vorge­worfen, israe­li­sche Gewalt zu norma­li­sieren und paläs­ti­nen­si­sche Lebens­wirk­lich­keiten nur so weit sichtbar zu machen, wie sie für die israe­li­sche Geschichte benötigt werden.

Doch spätes­tens mit der dritten Staffel entwi­ckelte „Fauda“ daraus eine Doppel­helix aus Empathie und gnaden­losem analy­ti­schem Kalkül. Mit dem jungen paläs­ti­nen­si­schen Boxer Bashar Hamdan rückte eine Figur ins Zentrum, deren Radi­ka­li­sie­rung nicht einfach voraus­ge­setzt, sondern als tragi­sches Coming-of-Age erzählt wurde. Israelis und Paläs­ti­nenser erschienen als poli­ti­sche Gegner und zugleich als tragische Wahl­ver­wandte, kulturell und sprach­lich oft näher beiein­ander, als ihre Ideo­lo­gien es zuließen.

Schon die Sprache war Teil dieser Poetik. Arabisch und Hebräisch markierten Iden­ti­täten und ließen sie zugleich inein­an­der­fließen. Die israe­li­schen Under­cover-Agenten sprechen Arabisch, arabische Gruß­for­meln wandern in ihren privaten Alltag, „Habibi“ wird auch unter jüdischen Männern zur selbst­ver­s­tänd­li­chen Anrede. Die Grenze zwischen den Welten verlief durch die Figuren selbst.

Und diese Ambi­va­lenz hatte eine erstaun­liche Wirkung außerhalb Israels. Raz berich­tete schon 2020, selbst politisch weit rechts stehende Israelis hätten ihm erzählt, durch „Fauda“ erstmals Empathie für Paläs­ti­nenser entwi­ckelt zu haben; umgekehrt hätten ihm Paläs­ti­nenser gesagt, sie empfänden durch die Serie erstmals Mitgefühl mit Israelis. Das ist die Aussage eines der Macher und kein empi­ri­scher Nachweis gesell­schaft­li­cher Versöh­nung. Doch dass „Fauda“ gerade in der arabi­schen Welt ein unge­wöhn­li­ches Publikum erreichte, lässt sich gut belegen. Die Khaleej Times bezeich­nete die Serie 2020 als eine „Brücke zwischen Arabern und Juden“ und berich­tete, „Fauda“ sei in den Verei­nigten Arabi­schen Emiraten zeitweise die meist­ge­se­hene Serie gewesen.

Einer Fern­seh­serie deshalb gleich die Wirkung der Abraham-Abkommen zuzu­schreiben wäre vermessen. Bemer­kens­wert bleibt aber, dass eine Repor­terin der emira­ti­schen „Khaleej Times“ damals nach Tel Aviv reiste, um Raz zu treffen, und dass dieser von Begeg­nungen mit Paläs­ti­nen­sern, Iranern, Syrern, Libanesen, Kuwaitis und Emiratis berich­tete, die wenige Jahre zuvor kaum vorstellbar gewesen wären. Populäre Kultur kann Wahr­neh­mungs­räume öffnen, bevor Politik sie betritt.

Die vierte Staffel trieb dieses Prinzip über Israel und die paläs­ti­nen­si­schen Gebiete hinaus. Plötzlich wurde Molenbeek zum Schau­platz. Der israe­lisch-paläs­ti­nen­si­sche Konflikt erschien nicht länger als regio­naler Binnen­kon­flikt, sondern als ein Geflecht, das längst nach Europa und bis in den Iran reichte. Selbst dort verwei­gerte sich die Serie noch den einfachsten Zuord­nungen.

Und auch das arabische Publikum blieb dabei. Staffel 4 erreichte 2023 Platz eins der Netflix-Charts im Libanon und die Top Ten in den Verei­nigten Arabi­schen Emiraten, Katar und Jordanien.

Am Ende dieser vierten Staffel blieb aller­dings nur noch die Kreu­zi­gung.

Und dann kam der 7. Oktober.

Die Autoren hatten zu diesem Zeitpunkt längst mit Staffel fünf begonnen. Lior Raz hat später von einer verwor­fenen Idee erzählt, die im Rückblick beinahe unheim­lich wirkt: Terro­risten sollten eine ganze israe­li­sche Ortschaft über­fallen, Menschen entführen und Israel zu Verhand­lungen zwingen. Issacharoff hielt die Idee damals für zu unrea­lis­tisch. Dann geschah der 7. Oktober – in einer Dimension, die das zuvor als unglaub­würdig Verwor­fene weit übertraf.

Viel­leicht liegt genau darin der Schlüssel zu dieser Staffel: Die poli­ti­sche Realität hat eine Fiktion überholt, die deren eigene Autoren zuvor für unglaub­würdig hielten. Die bis dahin entwi­ckelte Geschichte wurde aufge­geben bezie­hungs­weise grund­le­gend umge­schrieben. Eine Serie, die von der poli­ti­schen Wirk­lich­keit des Nahen Ostens lebt, könne, so Issacharoff heute, das größte Ereignis in Israel seit Jahr­zehnten nicht igno­rieren.

Nach diesem Ereignis ist von der alten Ambi­guität wenig übrig.

Und das kann man der fünften Staffel natürlich vorwerfen. Man kann sogar sagen, dass sie die schwächste Staffel von „Fauda“ ist. Doch dieses Urteil stimmt nur unter den ästhe­ti­schen Voraus­set­zungen einer Welt vor dem 7. Oktober 2023. Denn zugleich ist sie auch die faszi­nie­rendste Staffel dieser Ausnah­me­serie.

Nicht weil sie besser wäre, sondern weil man selten so unmit­telbar beob­achten kann, wie poli­ti­sche Realität die Poetik eines fiktio­nalen Werkes beschä­digt, verändert und zu einer Reaktion zwingt. Die fünfte Staffel ist weniger ein Thriller über den israe­lisch-paläs­ti­nen­si­schen Konflikt als eine intro­spek­tive Therapie, viel­leicht sogar eine Katharsis für eine verwun­dete israe­li­sche Gesell­schaft. Und diese Therapie geht auf Kosten jener Ambi­guität, von der „Fauda“ einmal lebte.

Dass dies keine bloße Inter­pre­ta­tion ist, bestä­tigen die Macher inzwi­schen beinahe selbst. Schreiben sei für ihn eine Form der Katharsis, sagt Raz; mit „Fauda“ versuche man, durch Schreiben, Drehen und Spielen die eigenen Wunden zu heilen. Issacharoff beschreibt die Arbeit an der fünften Staffel noch unmit­tel­barer: „It allowed me to breathe again.“ Schmerz und Wut konnten in ein Drehbuch verwan­delt werden.

»Nach dem 7. Oktober war alles anders. Das kriegst du nicht mehr raus«, sagt Steve in der sechsten Folge. Man kann diesen Satz beinahe als poeto­lo­gi­sches Programm der gesamten Staffel verstehen.

Auch die Figuren sind Versehrte. Doron beginnt die Staffel in Therapie. Eli hat seine Familie verloren. Steve bleibt irgend­wann nur noch die bittere Fest­stel­lung: »Ich bin der Letzte, wie in so einer beschis­senen Reality Show.« Selbst Gabi, der ewige Strip­pen­zieher, bekommt von Dorons Frau vorge­worfen, dass diese Männer für ihn niemals Familie gewesen seien, sondern Menschen, die er benutzt habe.

Kurz scheint es zunächst, als wolle die Serie dennoch zu ihren vertrauten Mustern zurück­kehren. Doron begegnet in Marseille Anne, gespielt von Mélanie Laurent, einer selbst versehrten Französin, die sich radi­ka­li­siert hat. Wieder scheint jene unmög­liche Nähe zur anderen Seite möglich, die „Fauda“ seit seinen Anfängen begleitet. Wieder könnte Doron sich ausge­rechnet in eine Frau hinein­be­wegen, die auf der anderen Seite des Konflikts steht.

Doch diesmal verwei­gert die Serie ihr eigenes Muster.

Das ist mögli­cher­weise wichtiger, als es zunächst aussieht. Denn die alte „Fauda“-Poetik ist noch vorhanden, aber nur noch als Erin­ne­rung. Die Serie weiß noch, wie sie früher erzählt hätte. Sie kann oder will es nur nicht mehr.

Dann kommen die Folgen sieben und acht.

Vor ihrer Ausstrah­lung warnte yes die eigenen Zuschauer ausdrück­lich. Wer die Rekon­struk­tion des 7. Oktober nicht ertragen könne, dürfe beide Episoden über­springen; die weitere Handlung lasse sich trotzdem verstehen. Die Folgen wurden später sogar frei zugäng­lich gemacht, weil yes ihnen ausdrück­lich eine gesell­schaft­liche Bedeutung als drama­ti­sche Ausein­an­der­set­zung mit dem 7. Oktober zuschrieb.

Drama­tur­gisch stimmt das mit dem Über­springen. Für das Vers­tändnis dieser Staffel stimmt es keines­falls. Denn für zwei Folgen hört „Fauda“ beinahe auf, „Fauda“ zu sein. Der Thriller tritt zurück, an seine Stelle tritt die Rekon­struk­tion. Wir erleben noch einmal den Morgen des 7. Oktober, die Überfälle, das Versagen der Sicher­heits­struk­turen und Elis verzwei­felten Versuch, seine Familie zu erreichen. Gerade weil die Serie nicht versucht, jedes bekannte Grauen noch einmal zu zeigen, wird dieses Re-enactment beinahe uner­träg­lich. Die Fiktion rückt so dicht an die doku­men­tierte Wirk­lich­keit heran, dass sich beides kaum noch vonein­ander lösen lässt.

Danach versucht „Fauda“, wieder Thriller zu werden. Und tatsäch­lich gelingt das gegen Ende noch einmal mit jener alten, fast körper­li­chen Wucht. Ein Anschlag am israe­li­schen Gedenktag für die gefal­lenen Soldaten wird zur großen Suspense-Maschine. Für einen Moment steht „Fauda“ von den Toten auf.

Nur um anschließend umso trost­loser zu enden.

Kurz zuvor fällt aller­dings noch ein Satz, der weit über die Handlung hinaus­weist. Nach der Befragung Annes sagt Gabi: „Ich werde die Europäer nie verstehen.“

Man kann ihn als einen der üblichen „Fauda“-Seiten­hiebe auf ein Europa verstehen, dessen rechts­staat­liche, büro­kra­ti­sche Terror­bekämp­fung die Serie schon in der vierten Staffel dem israe­li­schen Prag­ma­tismus gegen­ü­ber­ge­stellt hatte. Doch nach dem 7. Oktober klingt der Satz anders. Er bezeichnet inzwi­schen einen Wahr­neh­mungs­ab­grund.

Europa und Israel blicken auf den 7. Oktober, den folgenden Krieg in Gaza und dessen Opfer zunehmend aus unter­schied­li­chen Erfah­rungs- und Deutungs­räumen. Gabys Satz ist deshalb weniger poli­ti­sche Analyse als Symptom. Und gerade darin zeigt er, wie schwer eine poli­ti­sche Lösung dieses Konflikts geworden ist: Nicht nur über Terri­to­rien, Grenzen oder Sicher­heits­ga­ran­tien wird gestritten. Schon darüber, welche Geschichte überhaupt erzählt wird, besteht keine Einigkeit mehr.

Viel­leicht ist deshalb dieses Mal gar nicht das Span­nendste, was die fünfte Staffel erzählt. Span­nender ist, was mit „Fauda“ geschehen ist – und was „Fauda“ in den Gesell­schaften auslöst, die diese Serie sehen.

In Israel wurde Staffel fünf nicht lediglich zur erfolg­reichsten „Fauda“-Staffel. Nach Angaben von yes war sie die meist­ge­se­hene Staffel irgend­einer Serie in der Geschichte des Senders. Bemer­kens­wert ist dabei, dass selbst israe­li­sche Kritiker ihre Verengung keines­wegs übersehen haben. Wut, Demü­ti­gung, Vertrau­ens­ver­lust und das Verlangen nach Vergel­tung wurden gerade als Ausdruck dessen gelesen, was die Serie über die israe­li­sche Gesell­schaft nach dem 7. Oktober sichtbar macht.

Damit wird die ästhe­ti­sche Schwäche der Staffel zugleich zu ihrem Gegen­stand. Die verlorene Ambi­va­lenz erzählt selbst etwas über den Zustand einer Gesell­schaft, der Ambi­va­lenz momentan kaum noch möglich erscheint.

Fast noch inter­es­santer ist jedoch, was auf der anderen Seite geschieht.

Denn auch arabische Kritiker diagnos­ti­zieren zunächst denselben ästhe­ti­schen Bruch. Eine liba­ne­si­sche Analyse der Beirut Times formu­liert ihn geradezu muster­gültig: In den früheren Staffeln hätten Israelis und Paläs­ti­nenser jeweils Motive, Angst und Schmerz besessen; in Staffel fünf habe sich dagegen der „mora­li­sche Ausgangs­punkt“ verschoben. Die Geschichte beginne nicht mehr mit Besatzung, Mili­tär­ope­ra­tionen oder dem paläs­ti­nen­si­schen Alltag, sondern mit dem 7. Oktober. Der Israeli erscheine zuerst als Opfer, dann als Verfolger und schließ­lich als Rächer.

Noch erstaun­li­cher ist eine ägyp­ti­sche Kritik. Die ersten vier Staffeln, schreibt „Al-Masry Al-Youm“, hätten noch wie Botschaften Israels „an die Araber“ funk­tio­niert. Die fünfte Staffel wirke dagegen wie ein inner­is­rae­li­sches Gespräch, beinahe wie Selbst­trös­tung: wütender, rachsüch­tiger und weniger raffi­niert als früher. Der 7. Oktober habe nicht nur Politik und Gesell­schaft erschüt­tert, sondern offenbar auch jene Künstler verändert, die ihn zu verar­beiten versuchen.

Paläs­ti­nen­sisch geprägte Kritik zieht aus demselben Befund eine sehr viel härtere Konse­quenz. Al-Quds al-Arabi wirft der Staffel vor, selbst jenen „dünnen Faden“ aufge­geben zu haben, durch den frühere Staffeln Paläs­ti­nenser wenigs­tens als Menschen sichtbar machten: Israe­li­sches Leiden erhält Gesichter, Familien und zwei beinahe doku­men­ta­ri­sche Episoden, während das paläs­ti­nen­si­sche Leiden des folgenden Krieges außerhalb des narra­tiven Blick­feldes bleibt.

Das Erstaun­liche daran ist die Über­ein­stim­mung vor dem Dissens.

Israe­li­sche, liba­ne­si­sche, ägyp­ti­sche und paläs­ti­nen­sisch geprägte Kritiker sehen denselben Verlust. Sie unter­scheiden sich darin, was er bedeutet.

Für die israe­li­sche Perspek­tive wird er zum Ausdruck des Traumas; für die arabische wird er zur Frage danach, wer in dieser Geschichte überhaupt noch gesehen wird.

Und dann geschieht etwas, das diese einfache Gegenü­ber­stel­lung noch einmal kompli­zierter macht: Die arabische Welt schaut die Serie trotzdem.

Nach ihrem inter­na­tio­nalen Netflix-Start erreichte Staffel fünf erneut Platz eins im Libanon und hohe Plat­zie­rungen unter anderem in Jordanien, Katar, Bahrain, den Verei­nigten Arabi­schen Emiraten, Oman und Kuwait.

Was diese Zahlen bedeuten, wissen wir nicht. Eine Chart­po­si­tion misst Aufmerk­sam­keit, keine Zustim­mung. Viel­leicht sehen manche aus Empathie, andere aus Wider­spruch, wieder andere aus Neugier darauf, wie Israel sich selbst erzählt.

Gerade darin liegt jedoch das Faszi­nie­rende.

Denn schon Staffel vier hatte im Libanon Platz eins erreicht. Die arabische Faszi­na­tion für „Fauda“ überlebt also sogar jenen ästhe­ti­schen Bruch, der die Serie ihrer früheren Fähigkeit beraubt hat, beide Seiten annähernd gleich intensiv anzusehen.

Viel­leicht liegt darin ein kleiner Rest jener Hoffnung, die die Serie selbst kaum noch besitzt.

Denn die fünfte Staffel erzählt nicht mehr über­zeu­gend beide Seiten eines Konflikts. Aber ungewollt erzählt sie etwas anderes mit außer­or­dent­li­cher Präzision: wie schwer es nach einem histo­ri­schen Trauma wird, die andere Seite überhaupt noch zu sehen.

Dana formu­liert das israe­li­sche Gefühl in der elften Folge: »Die Luft des Versagens atmet das ganze Land. Wir haben es alle nicht kommen sehen.«

Diese Luft atmet auch die gesamte fünfte Staffel.

Und dann wird am Ende noch einmal gebetet.

„Und sprecht Amen.“

Es ist ein Gebet für die Toten. Aber vor allem ist es ein Flehen um Frieden. Für wenige Minuten scheint „Fauda“ noch einmal an die Möglich­keit zu glauben, mit der die Staffel begonnen hatte: dass Menschen unter­schied­lich beten und dennoch dasselbe erhoffen können.

Doch Doron verlässt das Grab und tut etwas anders.

Zwischen den beiden Gebeten liegt eine ganze Staffel. Zwischen ihnen liegt der 7. Oktober. Zwischen ihnen liegen Gaza, Israel und eine arabische und westliche Welt, die zunehmend verschie­dene Geschichten desselben Konflikts erzählen.

Und zwischen ihnen liegt viel­leicht auch die erschüt­terndste Erkenntnis dieser fünften Staffel von „Fauda“: Man kann um Frieden beten und trotzdem unfähig geworden sein, ihn sich noch vorzu­stellen.