24.09.2026

Wie weiterleben, trotz Schuld und Vergangenheit

The Big Risk
Classe tous risques
(Foto: Filmfestival San Sebastián · Albert Serra)

José Giovannis Männergeschichten in der Retrospektive – San Sebastian-Notizen, 3. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Die Retro­spek­tive macht schon noch mal mehr Spaß, wenn man da erstmal drin sitzt und ein paar Filme gesehen hat. Man wird eine Gemeinde, eine Gang, man spricht mit den Kuratoren, trifft immer die gleichen Leute, ein paar ganz junge und die meisten in der zweiten Hälfte ihres Lebens.

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Neulich habe ich es schon kurz skizziert: Die Biografie von José Giovanni (1923-2004) scheint geradezu dafür geschrieben worden zu sein, zu einem Gangs­ter­film zu werden. Bevor er Schrift­steller, Dreh­buch­autor und Film­re­gis­seur wurde, hieß er Joseph Damiani und war als junger Mann während der Zeit der deutschen Besatzung mit krimi­nellen und kolla­bo­ra­tio­nis­ti­schen Kreisen verbunden. Er war dabei kein bloßer Mitläufer. Als Mitglied der PPF (Parti Populaire Français) von Jacques Doriot, einer Partei mit ideo­lo­gisch faschis­ti­scher Ausrich­tung, stand er mit dem »Schutz­korps« in Verbin­dung, einer Orga­ni­sa­tion, die mit den deutschen Behörden zusam­men­ar­bei­tete. 1946 wurde er wegen »Kolla­bo­ra­tion mit dem Feind« zu immerhin zwanzig Jahren Zwangs­ar­beit verur­teilt. Hinzu kam zwei Jahre später ein Todes­ur­teil wegen seiner Betei­li­gung an drei Raub-Morden, die er gemeinsam mit seinem Bruder Paul und anderen nach der Befreiung begangen hatte. Diese Strafe wurde später in Haft umge­wan­delt, und Giovanni blieb elf Jahre und sechs Monate im Gefängnis, bis zu seiner Begna­di­gung 1956.

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Männer­bünde, mal Freund­schaften, oft eher Zweck­ge­mein­schaften, stehen im Zentrum vieler seiner Filme. Ebenso Krimi­nelle und Outsider, auch poli­ti­sche; zum Tode Verur­teilte und Mörder, Gefäng­nis­aus­bre­cher und Flüchtige, und die Ähnlich­keiten der beiden Systeme Polizei und Gangs­tertum, das in seinem Wech­sel­spiel seit Fritz Langs M nicht mit ähnlicher Brillanz und Schlüs­sig­keit gerade auch in seinen Entspre­chungen auf die Leinwand gebracht wurde, wie etwa in Le deuxième souffle von Jean Pierre Melville und in Henri Verneuls Le Clan des Siciliens, für die Giovanni in beiden Fällen das Drehbuch schrieb.

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Giovannis Vergan­gen­heit und sein offen­sicht­li­ches Hadern mit ihr machen die außer­or­dent­liche Beharr­lich­keit vers­tänd­lich, mit der sich sein Werk auf allen Ebenen – Romane, Dreh­bücher für andere, eigene Regie­ar­beiten – um einige Themen dreht: Schuld, Verur­tei­lung, Gefängnis, Loyalität, Verrat und schließ­lich die Möglich­keit der Erlösung.
Ehrbe­griffe und ein gewisser Elita­rismus, überhaupt tradi­tio­na­lis­ti­sche Vorstel­lungen sind ebenfalls wichtig.

Bezeich­nen­der­weise verwan­delt Giovanni sein Leben aber nicht unmit­telbar in offen auto­bio­gra­fi­sche Werke. Er trans­for­miert es vielmehr und verklärt es nicht selten zu einer Mytho­logie des verfolgten Menschen, der versucht – immer gegen »die Systeme« –, seine Würde zu bewahren, wenn diese, vulgo »die Gesell­schaft« ihn bereits verur­teilt hat.

Schon in der Haft und erst recht nach seiner Entlas­sung aus dem Gefängnis fand Giovanni im Schreiben eine Möglich­keit zur persön­li­chen Reso­zia­li­sie­rung, oder viel­leicht besser formu­liert: zu einem persön­lich Wieder­aufbau. Denn in die Gesell­schaft wollte der Mann offenbar nie. Sein erster bedeu­tender Roman, Le trou, entstand noch unmit­telbar aus seiner Gefäng­nis­er­fah­rung und erzählte von einem Flucht­ver­such aus La Santé. Jacques Becker verfilmte ihn 1960 unter Mitarbeit Giovannis. Le trou ist dabei weit mehr als ein Film über einen Gefäng­nis­aus­bruch, denn er macht – nicht ganz unähnlich zu Robert Bresson in Ein zum Tode Verur­teilter ist entflohen etwa zur selben Zeit – die gemein­same Arbeit der Häftlinge zu einer mora­li­schen Frage. Die Männer graben, kalku­lieren, warten und vertrauen einander. Freiheit erscheint als etwas, das nur durch Soli­da­rität erreicht werden kann. Das Gefängnis, das in Giovannis Biografie ein Ort der Bestra­fung gewesen war, verwan­delt sich im Film in einen Raum, in dem es noch möglich ist, auf den eigenen Willen zu behaupten und in Form von inner­welt­li­cher Askese und Selbst­dis­zi­pli­nie­rung Freiheit zu erfahren.

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In vielen dieser Filme fällt auch auf, wie groß die Soli­da­rität nicht nur der Filme­ma­cher, sondern vor allem der prole­ta­ri­schen und klein­bür­ger­li­chen Figuren in diesen Filmen mit Krimi­nellen, auch Schwer­kri­mi­nellen ist. Der Feind, das sind nicht die Gangster – denn man kennt die Verhält­nisse, weiß, warum sie Gangster werden mussten oder geworden sind – sondern es ist die Polizei, der Reprä­sen­tant des ausbeu­te­ri­schen Staates und des ausbeu­te­ri­schen Kapitals.
Hier machen diese Filme in der Retro­spek­tive die riesige Kluft deutlich, die uns Heutige von einer Welt trennt, die noch bis in die 80er Jahre, viel­leicht sogar die 90er hinein in Filmen aus Frank­reich, Italien, und Hollywood präsent war, und ihrem Publikum. Während heute die gesell­schaft­lich verord­nete Moral und ein engerer poli­ti­scher Rahmen kaum abwei­chende Ansichten, oder zumindest öffent­lich ausge­tra­genen Streit über Gangs­tertum noch zulassen kann.

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Von da an wird Giovanni zu einem der großen Autoren des fran­zö­si­schen Polizei- und Gangs­ter­genres und wechselt hier ständig zwischen Roman und Drehbuch. Classe tous risques, 1960 von Claude Sautet verfilmt, und Le deuxième souffle, 1966 von Jean-Pierre Melville, sind zwei der bedeu­tenden Werke, die aus seinen Romanen hervor­ge­gangen sind. In ihnen zeichnet sich bereits jenes Universum ab, das Giovanni während seiner gesamten Laufbahn weiter­ent­wi­ckeln wird. Wir sehen Männer, die außerhalb des Gesetzes leben, sich aber – ähnlich wie Samurai – einem Kodex der Treue verpflichtet fühlen; Männer, für die Freund­schaft und das gegebene Wort mehr wert sind als alle Insti­tu­tionen.
Classe tous risques, Sautets Debüt ist in dieser Hinsicht besonders aufschluss­reich. Abel Davos, gespielt von Lino Ventura, wird nicht einfach als ein verfolgter Verbre­cher darge­stellt. Er ist ein Mann, der einer Welt angehört, die gerade verschwindet. Seine früheren Gefährten beginnen, ihn im Stich zu lassen, und die eigent­liche Tragödie besteht darin, zu erkennen, dass der Kodex der Soli­da­rität, der seinem Leben Sinn verliehen hatte, nicht mehr funk­tio­niert. Giovanni macht den fran­zö­si­schen »Polar« auf diese Weise zu einer Reflexion über den Verlust von Zugehö­rig­keit. Melville führt diese Logik in Le deuxième souffle in eine beinahe abstrakte Dimension. Gu, ebenfalls von Ventura gespielt, ist gerade nach Jahren aus dem Gefängnis geflohen, doch seine Freiheit ist von Anfang an zum Scheitern verur­teilt. Was er akzep­tiert: »Ich habe gespielt. Ich habe verloren, keiner hat schuld.« Er will nur seine Bilanz mit dem Schicksal ausglei­chen. Ehre, Loyalität und Schweigen bilden die Regeln eines Univer­sums, in dem der Tod für die meisten Figuren unaus­weich­lich zu sein scheint. Melville stili­siert das, was Giovanni als erzäh­le­ri­sches Material entwi­ckelt hatte, denn er verwan­delt den mora­li­schen Kodex der Verbre­cher in eine regel­rechte Liturgie.

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Als Giovanni Ende der sechziger Jahre beginnt, selbst Regie zu führen, versucht er, die Kontrolle über dieses Universum an sich zu ziehen. Seine Insze­nie­rung ist weniger raffi­niert als die von Becker, Sautet oder Melville, besitzt aber eine direkte und physische Qualität. Die Gewalt lastet auf den Körpern, und die Figuren scheinen eher durch ihre Hand­lungen als durch ihre Reden definiert zu sein.

Sein bedeu­tendster Film, Dernier domicile connu (1970), führt eine entschei­dende Verän­de­rung ein. Lino Ventura spielt einen integren Poli­zisten, der dafür bestraft wird, dass er sich den Inter­essen der Mächtigen entge­gen­stellt. Der ehemalige Verur­teilte, der Geschichten über mit dem Gesetz konfron­tierte Verbre­cher erzählt hatte, stellt nun einen Vertreter des Gesetzes einer Insti­tu­tion gegenüber, die nicht mehr gerecht handelt. Der Konflikt besteht nicht mehr einfach darin, der Polizei zu entkommen, sondern darin zu erkennen, dass auch die Insti­tu­tion den Einzelnen immer verraten wird, dass sie der eigent­liche Feind ist. Diese Umkehrung findet in Deux hommes dans la ville (1973) ihre expli­zi­teste Formu­lie­rung. Alain Delon spielt Gino, einen ehema­ligen Straf­täter, der nach dem Gefängnis versucht, sein Leben neu aufzu­bauen, während Jean Gabin einen Erzieher verkör­pert, der an die Wieder­ein­glie­de­rung glaubt. Der Film verab­schiedet sich weit­ge­hend von der Mytho­logie des Gangsters, um eine poli­ti­sche und mora­li­sche Frage zu stellen: Kann eine Gesell­schaft akzep­tieren, dass ein Mensch aufhört, das zu sein, was er einmal war? Giovanni, der Gefängnis und Todes­zelle persön­lich kennen­ge­lernt hatte, verwan­delt hier die persön­liche Frage und die Erfahrung der Verur­tei­lung in ein Plädoyer gegen die Todes­strafe.

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Der Mann, der wegen Kolla­bo­ra­tion und schwerer Verbre­chen verur­teilt worden war, widmet schließ­lich einen wichtigen Teil seines Werks Figuren, die versuchen, ihrer Vergan­gen­heit zu entkommen, und stellt die Möglich­keit infrage, dass eine Gesell­schaft sie für immer verur­teilt. Es wäre nicht ange­messen und über­in­ter­pre­tiert, dieses Kino als auto­bio­gra­fi­sches Geständnis oder als bewusste Sühne zu inter­pre­tieren. Zumal Giovanni bis kurz vor seinem Leben­s­ende mit der Öffent­lich­keit, die er gar nicht mal klamm­heim­lich, sondern ganz offen immer verachtet hat, nicht ehrlich war und über seine Vergan­gen­heit gelogen hat.

Doch zwischen Erfahrung und Phantasie besteht durchaus eine tiefe Konti­nuität. Die Figuren in Giovannis Filmen sind häufig schuldig, gewalt­tätig, margi­na­li­siert oder ambi­va­lent. Was ihn inter­es­siert, ist die Frage, was vom Verbre­cher übrig bleibt, nachdem er seine Strafe verbüßt hat. In seinen frühen Filmen liegt die Antwort in Freund­schaft und Ehren­kodex; später in der Möglich­keit der Wieder­ein­glie­de­rung. Giovannis Erlösung besteht nicht darin, die Vergan­gen­heit auszu­lö­schen. Sie besteht darin, Figuren auf der Leinwand zu zeigen, die sie trotz allem mit sich tragen und dennoch versuchen, weiter­zu­leben.