74. Festival de Cine de San Sebastián 2026
Mitgefühl als Ideologie und Erfahrung |
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| Arbeiten und füreinander sorgen: Tender Loving Care von Mike Leigh | ||
| (Foto: Filmfestival San Sebastián · Mike Leigh) | ||
»Die Tage sind schwül, oft stürmisch, irgendwann zeigt sich dann die Sonne und fegt den Himmel blau.« Vor 90 Jahren machte Thomas Mann in Le Lavandou, ein Stück westlich von Saint-Tropez, Urlaub. Die Räume im Hotel Les Roches findet er »elegant und einladend«; aber mitten im Sommer bekommt er Fieber, Erkältungssymptome und eine quälende Neuralgie im Arm. Auf der Rückreise in die Schweiz liest er die Zeitschrift »Le Matin«, die, wie er beim Zwischenaufenthalt in Valence am 21.
September 1936 notiert, »in Siegesnachrichten aus Spanien schwelgt, natürlich im Sinn der Nationalen, und mit Genugtuung feststellt, dass Deutschland und Italien entschlossen sind, dem Kommunismus ein Ende zu machen.«
Zur gleichen Zeit, in der letzten Woche des September 1936, wird der von den faschistischen Putschisten besetzte Alcázar in Toledo von republikanischen Truppen belagert. Der Fall der Festung scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.
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2008 gewann die heute 66-jährige türkische Regisseurin Yeşim Ustaoğlu die Goldene Muschel in San Sebastián für Pandora’s Box. Ich war damals in der Fipresci-Jury, und es lag mit an mir, dass sie diesen Preis nicht auch noch bekam. Zu sehr ein epigonales Nachbilden der Filme ihrer Landsleute Nuri Bilge Ceylan und Zeki Demirkubuz schien mir ihr Filmemachen
immer schon.
Und 18 Jahre später ist es nicht besser geworden: What Remains im Wettbewerb von San Sebastián ist formal eine handwerklich reife, in keiner Weise überraschende, sehr, sehr ruhige Meditation, eine Wiederholung des Immergleichen, der langen Kameraeinstellungen, der zu oft gesehenen sehnsuchtsvollen Blicke der Schauspieler ins Diffuse, Ferne.
In seiner Handlung das Nachdenken über die Notwendigkeit eines Menschen, zu sich selbst
zurückzufinden. Die verspürt – und dies getrennt voneinander – ein Künstler-Ehepaar. Sie ist Dichterin in einer Schaffenskrise, er ein Musiker, der sich in seinen musikwissenschaftlichen Forschungen mit allen möglichen Arten von Klängen und Musiktraditionen beschäftigt.
Man kann sagen: Dies ist ähnlich wie Gelbe Briefe ein Film, der durch die Konzentration auf die Probleme von Künstlern gesellschaftliche Fragen zum Thema macht, ohne sich ihnen wirklich zu stellen. Ein überaus elitärer Film über elitäre, privilegierte Leute, deren Gedanken um sich selbst kreisen, die sich dabei aber vormachen, stellvertretend für alle Verantwortung zu tragen und für alles verantwortlich zu sein. Eine Nabelschau.
So bricht die weibliche Hauptfigur auf und reist weg von einem Zuhause, das sie nicht wirklich als das ihre empfindet, wo sie sich in die Enge getrieben fühlt, ins Dorf ihrer Großmutter, um dort nach ihren familiären Wurzeln zu suchen. Doch Ustaoğlu filmt diese Reise in einer wechselnden und ausgewogenen Parallelerzählung zu jener, die ihr Mann unternimmt: Auch er macht sich – begleitet vom gemeinsamen Sohn – auf den Weg zu einem anderen, weit entfernten ländlichen Dorf, um seinen alten Vater und die Wunde wiederzufinden, die beide aufgrund des Todes des Bruders des Musikers mit sich tragen.
Es ist die x-te Geschichte über die Wiederherstellung weiblicher Identität und Emotionalität, über die Heilung urbaner Leiden durch die Kraft des Landes und der Traditionen, früher hätte man von Blut und Boden gesprochen. Zugegeben: Alles gewinnt an größerer Komplexität, indem die Regisseurin zwischen beiden Reisen hin und her montiert und dabei nach den Echos, Unterschieden und Resonanzen sucht, die beide Trips miteinander verbindet. Die Begegnung mit der Erinnerung an die
bereits verstorbene Großmutter auf der einen Seite und die Auseinandersetzung mit dem bereits erkrankten Vater auf der anderen führen die beiden Protagonisten jeweils zu einer – nicht gerade überraschenden – Katharsis. Der Film mündet in einen Epilog, in dem es spätestens zu viele poetische Exzesse und bedeutungsschwangere Leerstellen gibt.
Wo Nuri Bilge Ceylan immer gelingt, seinen gleichfalls schwerblütigen Szenarien durch seine Inszenierung Intensität und
erleichternden Humor zu geben, fehlt in diesem Fall beides.
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Für ganz andere Problemfelder des gegenwärtigen oder eigentlich schon vergangenen Autorenkinos steht der britische Regisseur Mike Leigh. Sein sozialmoralischer Naturalismus prägte durch wohltuend warmherzig-sentimentale Leidensgeschichten wie Naked, Secrets & Lies und Vera Drake das Bild des britischen Kinos der 90er und Nuller Jahre entscheidend mit, und alle, denen ein Ken Loach zu agitatorisch und ein Danny Boyle zu ästhetizistisch war, fanden bei Leigh ihren formalen Safe Space.
Leighs neuer Film Tender Loving Care ist ein Werk des offenen Abschieds. Es ist der Regisseur, der hier Farewell sagt, der im Wissen um seine Autoimmunerkrankung (mit der Leigh in der Öffentlichkeit sehr offen umgeht) seinen Film als letzten Film entworfen hat: Mit klarem Blick bündelt er noch einmal seine wichtigsten Motive und zieht eine still verheerende Bilanz des Zustands unserer Humanität.
Der Film endet mit der Einstellung eines Mannes, der dem
Regisseur auffallend ähnlich sieht und der mit offenkundiger Wut direkt in die Kamera blickt, und bestätigt diesen Gedanken.
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Die Handlung: Zwei befreundete Sozialarbeiterinnen ziehen zusammen und müssen sich mit Liebesbeziehungen und alternden Eltern auseinandersetzen, während sie sich still und selbstverständlich um alle Menschen in ihrem Umfeld kümmern.
Ein großer Teil des Films spielt sich in diesen Begegnungen ab: zwischen den beiden Frauen, zwischen ihnen und der Elterngeneration, den Patienten oder zwischen allen. Nostalgische Gespräche, in denen Anekdoten wiederaufleben, Geschichten aus dem Alltag, schlichte Scherze und einfache Klagen vermischen sich mit deutlich dramatischeren Situationen, mit denen die beiden Frauen in ihrem Beruf konfrontiert sind, wenn sie es mit Menschen oder Familien zu tun haben, die schwere Zeiten durchmachen. Immer mit einem Lächeln gehen Amy und Rosie durchs Leben und bieten genau jene Art von »tender loving care«, die der Titel verspricht. Und wenn die Dinge plötzlich eine schlimme Wendung nehmen, werden gerade diese Empathie, Wärme und selbstlose Hingabe umso sichtbarer.
Der Regisseur bringt sein Thema wortgewaltig zum Ausdruck, bleibt in seiner visuellen Herangehensweise aber auffallend flach. Er hat kein Interesse an irgendetwas, das den Zuschauer aus dem Gleichgewicht bringen könnte – keine unerwarteten Wendungen der Handlung, keine überflüssigen Nebenhandlungen. Das einzige wirkliche Anliegen des Films besteht, abgesehen von der Beobachtung der oft etwas ruppigen direkten Art, in der die beiden Frauen versuchen, anderen zu helfen – Fehler eingeschlossen –, darin, ein Mitgefühl zu zeigen, das bei Leigh zur Ideologie wird.
Immerhin, aber zu wenig, spricht Mike Leigh dagegen von Solidarität und vom Verfall des Wohlfahrtsstaates, von den Kürzungen der Mittel im öffentlichen Gesundheitswesen und bei den sozialen Diensten, vom Rückzug des Staates zugunsten des Privaten.
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Ema spricht mit den Toten. Sie kann sie hören und sie hört ihnen zu, wenn sie sich beschweren, wenn sie jammern, sie tröstet sie, damit sie endlich irgendwann Frieden haben können – und sie ist, seien wir ehrlich, das Ganze auch ein bisschen leid. Seit ihrer Kindheit lebt sie mit ihrer merkwürdigen Gabe, seit sie sie zum ersten Mal erkannt hat. Für sie sind die Toten einfach da, wie die Lebenden, nur ein wenig durchsichtiger, und damit hat sie sich längst abgefunden. Ebenso abgefunden scheint sie sich mit einer weitaus härteren Realität zu haben: Das Haus ihrer kürzlich verstorbenen Mutter, in das sie aus dem Hipsterviertel Recoleta hingezogen ist (natürlich begleitet vom Geist ihrer Mutter), liegt direkt gegenüber einer Sozialwohnungssiedlung in Buenos Aires – im Viertel Piedra Buena im Stadtteil Villa Lugano –, wo sich jeden Tag wilde, gefährliche Dinge ereignen. Anders als die meisten ihrer Nachbarn, die zu den Waffen greifen und nach einem harten Durchgreifen rufen, hat Ema gelernt, mit all dem zu leben. Gut, böse, reich, arm, lebendig, tot: In ihrem Kopf stehen alle auf derselben Ebene.
Unter der Regie von Pablo Larraín und nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Mariana Enríquez macht »Mis muertos tristes« tatsächlich etwas sehr Eigenes:
Der Film wirkt wie aus der Grauzone und passend für diesen Regisseur. Denn Larraín neigt dazu, die Welt als Mischung aus sozialem Realismus und etwas zu betrachten, das eher dem Makabren, dem Undurchsichtigen, dem schlichtweg Schrecklichen entspricht. Die Filmografie des chilenischen Regisseurs, von Post Mortem bis El Conde, hat nie lediglich mit der Grauzone zwischen Leben und Tod geflirtet – sie lebt geradezu darin, eingehüllt in eine ausgesprochen todesselige, morbide Atmosphäre.
Die ausgedehnten Wohnblocks und der riesige Wassertank von Piedra Buena verleihen der Serie jene raue, fotografisch unbequeme Textur, die für Larraíns Arbeit so typisch ist. Anders als die glänzende, formal polierte Ästhetik der meisten Netflix-Serien und -Filme ist »Mis muertos tristes« unverkennbar das Werk eines Autorenfilmers. Der Film ist aus langen, geschmeidigen Einstellungen gebaut, mit einer derart reduzierten Bildgestaltung, dass es beinahe so aussieht, als sei die Farbkorrektur vollständig weggelassen worden (also genau jene Art von Dingen, die Instagram-Filter normalerweise glätten würden), und an Schauplätzen, die stärker an die Bewegung des argentinischen Neuen Kinos der 2000er-Jahre erinnern als an alles, was der chilenische Regisseur zuvor gemacht hat.
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Mit anderen Worten: Sehenswert und oft richtig gut. Auf »Mis muertos tristes« werden wir noch ausführlicher zurückkommen.