25.06.2026
Cinema Moralia – Folge 393

Braucht Europa eine Kathedrale?

Rebecca Horn
Rebecca Horn auf dem Filmfest München
(Foto: MissingFilms | Martiina Haubrich)

Das Filmfest kann kommen. Und: Wie digitale Souveränität in Europa praktisch möglich wäre – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 393. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Ich habe eigent­lich nichts gegen meine Füße, aber Sandalen sind keine Schuhe, in denen Männer durchs Leben laufen sollten. Cary Grant hat es nicht getan, Bogart nicht und auch sonst keiner, dem man in diesen Dingen trauen sollte. Wer dem Sommer partout hallo sagen möchte, soll sich einen Campari bestellen oder wird andere Wege finden.«
– Michael Althen

Wer sich nicht für Fußball inter­es­siert und sich statt­dessen die nächsten zehn Tage im Filmfest einschließt, kommt garan­tiert als besserer Mensch wieder raus. Fast jede Erfahrung, die das Kino zu bieten hat, kann man da machen, Schlag auf Schlag. Außerdem ist es im Kino angenehm kühl. Also ab ins Dunkle, wer braucht schon Sonne?

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Fürs Filmfest München sechs persön­liche Tipps: Rebecca Horn. Die Seele der Dinge von Claudia Müller, ein kluger Doku­men­tar­film, der der großen, leider verstor­benen Universal-Künst­lerin, der zuletzt im Münchner Haus der Kunst eine große Ausstel­lung gewidmet war, neue, unbe­kannte Seiten abgewinnt. Und zum Beispiel ein paar schöne Szenen mit Donald Suther­land hat, der mit Rebecca Hahn zusam­men­ar­bei­tete.
Kalter Hund von der Münch­nerin Pauline Roen­ne­berg. Eine sehr münch­ne­ri­sche, unber­li­ne­ri­sche, bestimmt nicht typisch deutsche schwarze Fami­li­en­komödie, bei der kaum eine Figur unge­schoren davon kommt. Man darf lachen, muss aber nicht. Wer sich eingrooven will, dem empfehle ich den Podcast diese Woche mit der Regis­seurin.
Erzähl mir den Morgen von Ella Cies­linski, die in München studiert hat, und jetzt in Berlin lebt und einen beson­deren, span­nenden Kino­ge­schmack hat. Ihre Welt­pre­miere erzählt von einer Filme­ma­cherin und kreist um die univer­selle Frage: Wer will ich sein?
Wer hat schon mal einen Film aus Moldawien gesehen? Transit Times ist so ein Film – das facet­ten­reiche, poetische und über­ra­schende Porträt eines für uns voll­kommen unbe­kannten Landes, das immer nur politisch als Puffer­staat zwischen Russland und Europa gesehen wird, aber nicht in seiner Eigenheit.
Ana-Felicia Scutel­nicu hat bisher sehr eigen­wil­lige, erfolg­reiche Filme mit Laien gedreht. Diesmal arbeitete sie mit Schau­spie­lern – und das Ergebnis überzeugt. Ihr Film erzählt von Menschen 1997, sechs Jahre nach dem Zusam­men­bruch der UdSSR. Die Euphorie ist verflogen, aber auch diese Zeit liegt inzwi­schen so weit zurück, dass man sich in einen Traum versetzt fühlt.
Everytime von Sandra Wollner: Der Knaller aus Cannes. Atem­be­rau­bendes preis­ge­kröntes Kino. Antonioni lebt. Und die Sonne geht nie wieder unter.
Teenage Sex and Death at Camp Miasma. Der zweite Knaller, ebenfalls preis­ge­krönt. Linkes Kino gegen linke Tabus.

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Der Tribute für die Regis­seurin Jutta Brückner ist hoch­ver­dient und über­fällig. Vor ein paar Jahren bekam sie den Ehren­preis des deutschen Kriti­ker­ver­bandes, ansonsten ist diese Pionierin des deutschen Autoren­kinos zuletzt zu Unrecht etwas vergessen.

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Nicht jeder Film aus Cannes, der beim Filmfest läuft, ist es wert, gesehen zu werden. Eine persön­liche Warnung ausspre­chen möchte ich vor Gentle Monster. Leider. Und All of a Sudden ist viel lang­wei­liger als man es bei Lektüre mancher Film­kri­tiken glauben mag. Aber nur mancher.

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»Zu jeder Sache muss man sofort ein Bekenntnis ablegen« – Jan Josef Liefers im Gespräch mit Paul Ronz­heimer. Der Schau­spieler erklärt dort, warum jeder Cent gekürztes Kultur­geld zuviel ist, und das Schlimmste, was die Bundes­re­gie­rung tun kann. Er erklärt auch, warum es nicht richtig ist, wenn man argu­men­tiert, dass, wo (angeblich) »alle sparen müssen«, doch auch die Kultur sparen muss.
Er erklärt schließ­lich auch, warum ihm die einsei­tige Wokeness der deutschen Filmszene auf die Nerven geht.

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Eine »Europäi­sche Medi­en­platt­form« fordert der schwarz-rote Koali­ti­ons­ver­trag. Aber keiner weiß, was das eigent­lich sein soll, die Ideen schwanken zwischen selbst­or­ga­ni­sierten »inter­ak­tiven« Modellen und einer Art trans­na­tio­naler Mediathek. Aber soll eine solche Medi­en­platt­form nur zugäng­lich machen, was es eh schon gibt, oder soll sie auch selber produ­zieren, also zum Beispiel zu »arte« für ganz Europa werden, ja, in die Welt expan­dieren? Das ist zum Beispiel eine der zentralen Fragen, die mitt­ler­weile nicht nur von Medi­en­po­li­ti­kern, sondern auch von Initia­tiven »von unten« verfolgt werden. Disku­tiert wurden sie neulich beim »Medi­en­po­li­ti­schen Kongress 2026« der Berliner Landes­ver­tre­tung des Bundes­lands Baden-Würt­tem­berg.

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Jeden­falls bloß keine Kathe­drale. Also keine zu großen, zu teuren, zu lang­fris­tigen und »auf dem Reißbrett« entwor­fenen Vorhaben. Darauf zumindest konnten sich scheinbar alle Teil­nehmer des Kongresses einigen. Aber warum eigent­lich nicht? Immerhin sind Kathe­dralen eines der wenigen Bauwerke, die vom Mittel­alter heute noch stehen geblieben sind. Kathe­dralen sind robust, groß und nach­haltig, sie machen was her, bieten Platz für alle und verschie­dene Altäre und Seiten­flügel für jeden Geschmack, oft sogar einen Kreuzgang als Meeting Point, aber immer zusam­men­ge­fasst unter einem gemein­samen Dach – das wäre doch alles gar nicht so schlecht für die ange­strebte Medi­en­platt­form.

Das Problem ist viel­leicht eher, dass die Demo­kra­tien in ihrem derzei­tigen Zustand gar nicht in der Lage wären, eine Kathe­drale zu bauen. Darum fürchten sie schon die bloße Idee. Denn jeder entspre­chende Plan würde zerredet und dann in den pari­tä­tisch und divers besetzen Gremien so lange klein­ge­schmir­gelt, bis am Schluss nur noch ein großer Sand­haufen übrig bliebe.

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In der Praxis prägt Angst das Denken vieler Akteure: Angst vor der eigenen Courage, Angst vor den Konsu­menten, die auch Wähler sind, und angeblich mehr­heit­lich gegen den Ausbau der öffent­lich-recht­li­chen Sender einge­stellt seien, und vor allem Gebühren vermeiden wollen. Aber hat es nicht gerade in der Schweiz eine bemer­kens­werte Volks­ab­stim­mung gegeben, die das Gegenteil zu belegen scheint? Die dortige von rechts­po­pu­lis­ti­schen Kreisen veran­lasste soge­nannte »Halbie­rungs­in­itia­tive« zur Kürzung und Deckelung der Rund­funk­ge­bühren wurde bei einer Volks­ab­stim­mung am 8. März mit sehr deut­li­cher Mehrheit von über 60 Prozent abgelehnt. So ist die Finan­zie­rung der Schwei­ze­ri­schen Radio- und Fern­seh­ge­sell­schaft (SRG) dauerhaft gesichert.

Vor allem aber gibt es unter den europäi­schen Medi­en­po­li­ti­kern Angst vor dem Kampf mit den US-Konzernen, den man mit der Gründung einer Medi­en­platt­form aufnehmen müsste. Der europäi­sche »digital markets act« bietet dafür im Prinzip viele Möglich­keiten und gibt der Europäi­schen Kommis­sion starke juris­ti­sche und medi­en­po­li­ti­sche Instru­mente an die Hand. Die Kommis­sion kann formelle Unter­su­chungen und Verfahren einleiten, sie kann Geldbußen und Zwangs­gelder verhängen, und sie kann dauer­hafte poli­ti­sche Auflagen beschließen, wie den Verkauf von Unter­neh­mens­teilen, das Verbot bestimmter Geschäfts­mo­delle und in letzter Konse­quenz die »nukleare Option« einer Konzern-Zerschla­gung.
Aber es sind vor allem Anhänger des ökono­mi­schen Neoli­be­ra­lismus, die sich solchen möglichen Maßnahmen verwei­gern. Man hat Angst, sich mit den US-ameri­ka­ni­schen Medi­en­platt­formen anzulegen.

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Trotzdem kann man sich auch auf europäi­scher Ebene in medi­en­po­li­ti­schen Fragen nicht mehr lange um die echten Probleme herum­drü­cken: Die einsei­tige Konzern­macht, das Quali­täts­dum­ping und die daraus folgenden mittel­fris­tigen Gefahren für die Demo­kratie. Man muss sich einigen – das ist das Problem in Deutsch­land wie in Europa. Entschei­dungs­freu­diges Durch­re­gieren wäre darum eigent­lich auch für demo­kra­ti­sche Akteure angesagt, bevor es die anderen machen. Wenn die Demo­kratie nämlich nicht mehr in der Lage ist, Entschei­dungen zu treffen, die den kleinst­mög­lichsten Kompro­miss­nenner über­steigen, stehen andere schon bereit.

Um die poli­ti­schen Akteure anzu­treiben, haben sich darum inzwi­schen verschie­dene Initia­tiven gebildet: Ein »European Public Social Network« drängt die Kommis­sion in Brüssel zum Handeln, eine europäi­sche Bürger­initia­tive hat sich gebildet, der im Prinzip jeder EU-Bürger beitreten kann.

Tatsäch­lich braucht Europa aber noch mehr: Nämlich eine Art europäi­sche Medi­en­ver­tei­di­gungs­ge­mein­schaft, die auch finan­ziell gut ausge­stattet ist, und nicht nur als Abwehr­boll­werk, sondern als Gestalter öffent­li­chen Raums auftritt. Anstatt mili­tärisch aufzu­rüsten, sollte man viel­leicht medi­en­po­li­tisch aufrüsten. Nur ein Leopard-Panzer weniger in die Ukraine und das Geld dafür in den Medi­en­po­litik – das wäre eine groß­ar­tige medi­en­po­li­ti­sche Initia­tive.

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Wie eine solche europäi­sche Medi­en­ver­tei­di­gungs­ge­mein­schaft in der Praxis aussehen könnte, skiz­zierte der Berliner auf der Veran­stal­tung der Berliner Medi­en­wis­sen­schaftler Christian Neuberger (FU-Berlin).
In kreativer und eigen­s­tän­diger Weise griff Neuberger die Haupt­thesen des dieses Jahr verstor­benen Philo­so­phen Jürgen Habermas zum »Struk­tur­wandel der Öffent­lich­keit« auf, und formu­lierte sie in die Zukunft gerichtet auf die europäi­sche Situation um. Die Medi­en­po­litik in Europa, so Neuberger, müsse ihre defensive Grund­hal­tung ablegen. Medien, Texte, Filme, Platt­formen könnten auch als attrak­tive Softpower begreifen, mit der sich Werte und Lebens­weisen global vorführen und verbreiten lassen. Den »European way of life«.

Diese Idee europäi­scher Softpower und ihrer Insti­tu­tionen gewinnt in den letzten Monaten, in denen sich Europa geopo­li­tisch konso­li­diert, zunehmend an Bedeutung: Nur eine von Sonn­tags­reden über Völker­recht und »regel­ba­sierte« Ordnung garnierte Mili­ta­ri­sie­rung wird Europa als außen­po­li­ti­schen Akteur immer weiter an den Rand des Gesche­hens drängen.

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Neuberger skiz­zierte zunächst eine krisen­hafte Ausgangs­lage: Eine »trans­na­tio­nale europäi­sche Öffent­lich­keit« gebe es zur Zeit nicht. Gerade die größeren EU-Staaten denken noch immer in natio­nal­staat­li­chen Kate­go­rien. »Es fehlen Paneu­ropäi­sche Medien. Es fehlt eine konse­quente europäi­sche Ausrich­tung der Politik-Bericht­erstat­tung der jewei­ligen natio­nalen Medien.« Es fehle auch ein gemein­samer europäi­scher Diskurs.

Eine europäi­sche Öffent­lich­keit müsse aber das Ziel auch aller Medi­en­po­litik sein: das Abstreifen natio­naler Veren­gungen des Denkens und des Geschmacks und der Fixie­rungen auf Stand­ort­po­litik.

Als Beispiel nannte Neuberger den in Berlin statt­fin­denden europäi­schen »Gipfel für Digitale Souver­ä­nität« am 18. November 2025. Das Ziel, dass Europa die Spiel­re­geln der digitalen Welt selbst mitbe­stimmen will, scheint klar. Aber wie das geschehen könnte, ist derzeit völlig offen. Europa ist einst­weilen Spielball zwischen den USA und Asien.

Neuberger empfahl für den Umgang mit den gern beschwo­renen »europäi­schen Werten« und dem von ihm selbst ins Spiel gebrachten Begriff des »European way of life« einen weniger »appell­haften«, stärker »analy­ti­schen« Umgang.

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Schon um diesen Umgang diskursiv zu verhan­deln, also für eine Debatte um die Zukunft Europas, müsse eine Debat­ten­platt­form für – ganz im Sinne Habermas' – rationale herr­schafts­freie Meinungs­bil­dung insti­tu­tio­nell verankert werden. Es geht in einem ersten Schritt um Zugang und um das Orga­ni­sieren und Kura­tieren von Diskus­sionen. Neuberger nannte als konkretes prak­ti­sches Beispiel solcher Initia­tiven die »radio­sphere« (Radio­cen­tric platform).

Das lang­fris­tige Ziel eines »European public space« für die Digitale Öffent­lich­keit des gemein­samen Europa, der in der Lage sein wird, die lokalen und natio­nalen Öffent­lich­keiten zusam­men­bringen, enthält für Neuberger mehrere Elemente: Ein »jour­na­lis­tisch kura­tierter Kern­be­reich« müsse die klas­si­sche Aufgabe der Infor­ma­ti­ons­ver­mitt­lung erfüllen. Darüber hinaus brauche man Möglich­keiten des Diskurses und dessen Mode­ra­tion. Des weiteren Medien-Archive. Aufgabe einer solchen Plattform sollte auch die »Kontex­tua­li­sie­rung« der Themen und Debatten sein.

Für ein derart ehrgei­ziges Vorhaben ist für Neuberger klar: »Es braucht Geldgeber; es braucht Kuratoren; es braucht die diskur­sive Prüfung von Inhalten.«

Nur durch den gezielten Aufbau einer solchen digital orga­ni­sierten, trans­na­tio­nalen europäi­schen Öffent­lich­keit und ihrer Insti­tu­tionen, durch den gezielten Aufbau von europäi­schen Medien, lässt sich für Neuberger der gras­sie­renden Aushöh­lung der Demo­kratie und dem Aufstieg rechts­extremer Parteien entge­gen­ar­beiten.
Denn auch »Kommu­ni­ka­tives Handeln« (Jürgen Habermas) ist vor allem Handeln.

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Robert Suckale (1943-2020), deutscher Kunst­his­to­riker und Mittel­al­ter­for­scher, schrieb über die gotischen Kathe­dralen:
»Die gotische Archi­tektur ist Ergebnis höchst komplexer Vorgänge... Wir begegnen einer außer­or­dent­lich dyna­mi­schen Gesell­schaft, die auf fast allen Gebieten Neues versuchte. Die Welt der Gotik war weder so heil, wie manche glauben, noch war ihre Kirchen­bau­kunst nur Glau­bens­sache. Religion und Politik waren ... vermengt; der Kirchenbau ist immer auch öffent­li­cher Bau. ... Wir sehen die gotische Archi­tektur eher als einen sinn­fäl­ligen Ausdruck des Aufbruchs Frank­reichs und dann Europas im 12. und 13. Jahr­hun­dert, als Teil dieses Neube­ginns, dem wir neben einer neuen Ratio­na­lität in Politik, Gesell­schaft und Wirt­schaft auch die Neublüte der Wissen­schaften und Künste verdanken.«
Europa braucht neue Kathe­dralen.

Anmerkung der Redaktion: Der zweite Teil des Textes zur Europäi­schen Medi­en­platt­form wurde bereits auf »Telepolis« veröf­fent­licht.