Cinema Moralia – Folge 393
Braucht Europa eine Kathedrale? |
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| Rebecca Horn auf dem Filmfest München | ||
| (Foto: MissingFilms | Martiina Haubrich) | ||
»Ich habe eigentlich nichts gegen meine Füße, aber Sandalen sind keine Schuhe, in denen Männer durchs Leben laufen sollten. Cary Grant hat es nicht getan, Bogart nicht und auch sonst keiner, dem man in diesen Dingen trauen sollte. Wer dem Sommer partout hallo sagen möchte, soll sich einen Campari bestellen oder wird andere Wege finden.«
– Michael Althen
Wer sich nicht für Fußball interessiert und sich stattdessen die nächsten zehn Tage im Filmfest einschließt, kommt garantiert als besserer Mensch wieder raus. Fast jede Erfahrung, die das Kino zu bieten hat, kann man da machen, Schlag auf Schlag. Außerdem ist es im Kino angenehm kühl. Also ab ins Dunkle, wer braucht schon Sonne?
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Fürs Filmfest München sechs persönliche Tipps: Rebecca Horn. Die Seele der Dinge von Claudia Müller, ein kluger Dokumentarfilm, der der großen, leider verstorbenen Universal-Künstlerin, der zuletzt im Münchner Haus der Kunst eine große Ausstellung gewidmet war, neue, unbekannte Seiten abgewinnt. Und zum Beispiel ein paar schöne Szenen mit Donald Sutherland hat, der mit Rebecca Hahn zusammenarbeitete.
Kalter Hund von
der Münchnerin Pauline Roenneberg. Eine sehr münchnerische, unberlinerische, bestimmt nicht typisch deutsche schwarze Familienkomödie, bei der kaum eine Figur ungeschoren davon kommt. Man darf lachen, muss aber nicht. Wer sich eingrooven will, dem empfehle ich den Podcast diese Woche mit der Regisseurin.
Erzähl mir den Morgen von Ella Cieslinski, die in München studiert hat, und jetzt in Berlin lebt und einen besonderen, spannenden Kinogeschmack
hat. Ihre Weltpremiere erzählt von einer Filmemacherin und kreist um die universelle Frage: Wer will ich sein?
Wer hat schon mal einen Film aus Moldawien gesehen? Transit Times ist so ein Film – das facettenreiche, poetische und überraschende Porträt eines für uns vollkommen unbekannten Landes, das immer nur politisch als Pufferstaat zwischen Russland und Europa gesehen wird, aber nicht in seiner Eigenheit.
Ana-Felicia Scutelnicu hat bisher sehr
eigenwillige, erfolgreiche Filme mit Laien gedreht. Diesmal arbeitete sie mit Schauspielern – und das Ergebnis überzeugt. Ihr Film erzählt von Menschen 1997, sechs Jahre nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Die Euphorie ist verflogen, aber auch diese Zeit liegt inzwischen so weit zurück, dass man sich in einen Traum versetzt fühlt.
Everytime von Sandra Wollner: Der Knaller aus Cannes. Atemberaubendes preisgekröntes Kino. Antonioni lebt. Und die
Sonne geht nie wieder unter.
Teenage Sex and Death at Camp Miasma. Der zweite Knaller, ebenfalls preisgekrönt. Linkes Kino gegen linke Tabus.
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Der Tribute für die Regisseurin Jutta Brückner ist hochverdient und überfällig. Vor ein paar Jahren bekam sie den Ehrenpreis des deutschen Kritikerverbandes, ansonsten ist diese Pionierin des deutschen Autorenkinos zuletzt zu Unrecht etwas vergessen.
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Nicht jeder Film aus Cannes, der beim Filmfest läuft, ist es wert, gesehen zu werden. Eine persönliche Warnung aussprechen möchte ich vor Gentle Monster. Leider. Und All of a Sudden ist viel langweiliger als man es bei Lektüre mancher Filmkritiken glauben mag. Aber nur mancher.
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»Zu jeder Sache muss man sofort ein Bekenntnis ablegen« – Jan Josef Liefers im Gespräch mit Paul Ronzheimer. Der Schauspieler erklärt dort, warum jeder Cent gekürztes Kulturgeld zuviel ist, und das Schlimmste, was die Bundesregierung tun kann. Er erklärt auch, warum es nicht richtig ist, wenn man argumentiert, dass, wo (angeblich) »alle sparen müssen«, doch auch die Kultur sparen muss.
Er erklärt
schließlich auch, warum ihm die einseitige Wokeness der deutschen Filmszene auf die Nerven geht.
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Eine »Europäische Medienplattform« fordert der schwarz-rote Koalitionsvertrag. Aber keiner weiß, was das eigentlich sein soll, die Ideen schwanken zwischen selbstorganisierten »interaktiven« Modellen und einer Art transnationaler Mediathek. Aber soll eine solche Medienplattform nur zugänglich machen, was es eh schon gibt, oder soll sie auch selber produzieren, also zum Beispiel zu »arte« für ganz Europa werden, ja, in die Welt expandieren? Das ist zum Beispiel eine der zentralen Fragen, die mittlerweile nicht nur von Medienpolitikern, sondern auch von Initiativen »von unten« verfolgt werden. Diskutiert wurden sie neulich beim »Medienpolitischen Kongress 2026« der Berliner Landesvertretung des Bundeslands Baden-Württemberg.
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Jedenfalls bloß keine Kathedrale. Also keine zu großen, zu teuren, zu langfristigen und »auf dem Reißbrett« entworfenen Vorhaben. Darauf zumindest konnten sich scheinbar alle Teilnehmer des Kongresses einigen. Aber warum eigentlich nicht? Immerhin sind Kathedralen eines der wenigen Bauwerke, die vom Mittelalter heute noch stehen geblieben sind. Kathedralen sind robust, groß und nachhaltig, sie machen was her, bieten Platz für alle und verschiedene Altäre und Seitenflügel für jeden Geschmack, oft sogar einen Kreuzgang als Meeting Point, aber immer zusammengefasst unter einem gemeinsamen Dach – das wäre doch alles gar nicht so schlecht für die angestrebte Medienplattform.
Das Problem ist vielleicht eher, dass die Demokratien in ihrem derzeitigen Zustand gar nicht in der Lage wären, eine Kathedrale zu bauen. Darum fürchten sie schon die bloße Idee. Denn jeder entsprechende Plan würde zerredet und dann in den paritätisch und divers besetzen Gremien so lange kleingeschmirgelt, bis am Schluss nur noch ein großer Sandhaufen übrig bliebe.
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In der Praxis prägt Angst das Denken vieler Akteure: Angst vor der eigenen Courage, Angst vor den Konsumenten, die auch Wähler sind, und angeblich mehrheitlich gegen den Ausbau der öffentlich-rechtlichen Sender eingestellt seien, und vor allem Gebühren vermeiden wollen. Aber hat es nicht gerade in der Schweiz eine bemerkenswerte Volksabstimmung gegeben, die das Gegenteil zu belegen scheint? Die dortige von rechtspopulistischen Kreisen veranlasste sogenannte »Halbierungsinitiative« zur Kürzung und Deckelung der Rundfunkgebühren wurde bei einer Volksabstimmung am 8. März mit sehr deutlicher Mehrheit von über 60 Prozent abgelehnt. So ist die Finanzierung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) dauerhaft gesichert.
Vor allem aber gibt es unter den europäischen Medienpolitikern Angst vor dem Kampf mit den US-Konzernen, den man mit der Gründung einer Medienplattform aufnehmen müsste. Der europäische »digital markets act« bietet dafür im Prinzip viele Möglichkeiten und gibt der Europäischen Kommission starke juristische und medienpolitische Instrumente an die Hand. Die Kommission kann formelle Untersuchungen und Verfahren einleiten, sie kann Geldbußen und Zwangsgelder verhängen,
und sie kann dauerhafte politische Auflagen beschließen, wie den Verkauf von Unternehmensteilen, das Verbot bestimmter Geschäftsmodelle und in letzter Konsequenz die »nukleare Option« einer Konzern-Zerschlagung.
Aber es sind vor allem Anhänger des ökonomischen Neoliberalismus, die sich solchen möglichen Maßnahmen verweigern. Man hat Angst, sich mit den US-amerikanischen Medienplattformen anzulegen.
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Trotzdem kann man sich auch auf europäischer Ebene in medienpolitischen Fragen nicht mehr lange um die echten Probleme herumdrücken: Die einseitige Konzernmacht, das Qualitätsdumping und die daraus folgenden mittelfristigen Gefahren für die Demokratie. Man muss sich einigen – das ist das Problem in Deutschland wie in Europa. Entscheidungsfreudiges Durchregieren wäre darum eigentlich auch für demokratische Akteure angesagt, bevor es die anderen machen. Wenn die Demokratie nämlich nicht mehr in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen, die den kleinstmöglichsten Kompromissnenner übersteigen, stehen andere schon bereit.
Um die politischen Akteure anzutreiben, haben sich darum inzwischen verschiedene Initiativen gebildet: Ein »European Public Social Network« drängt die Kommission in Brüssel zum Handeln, eine europäische Bürgerinitiative hat sich gebildet, der im Prinzip jeder EU-Bürger beitreten kann.
Tatsächlich braucht Europa aber noch mehr: Nämlich eine Art europäische Medienverteidigungsgemeinschaft, die auch finanziell gut ausgestattet ist, und nicht nur als Abwehrbollwerk, sondern als Gestalter öffentlichen Raums auftritt. Anstatt militärisch aufzurüsten, sollte man vielleicht medienpolitisch aufrüsten. Nur ein Leopard-Panzer weniger in die Ukraine und das Geld dafür in den Medienpolitik – das wäre eine großartige medienpolitische Initiative.
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Wie eine solche europäische Medienverteidigungsgemeinschaft in der Praxis aussehen könnte, skizzierte der Berliner auf der Veranstaltung der Berliner Medienwissenschaftler Christian Neuberger (FU-Berlin).
In kreativer und eigenständiger Weise griff Neuberger die Hauptthesen des dieses Jahr verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas zum »Strukturwandel der Öffentlichkeit« auf, und formulierte sie in die Zukunft gerichtet auf die europäische Situation um. Die
Medienpolitik in Europa, so Neuberger, müsse ihre defensive Grundhaltung ablegen. Medien, Texte, Filme, Plattformen könnten auch als attraktive Softpower begreifen, mit der sich Werte und Lebensweisen global vorführen und verbreiten lassen. Den »European way of life«.
Diese Idee europäischer Softpower und ihrer Institutionen gewinnt in den letzten Monaten, in denen sich Europa geopolitisch konsolidiert, zunehmend an Bedeutung: Nur eine von Sonntagsreden über Völkerrecht und »regelbasierte« Ordnung garnierte Militarisierung wird Europa als außenpolitischen Akteur immer weiter an den Rand des Geschehens drängen.
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Neuberger skizzierte zunächst eine krisenhafte Ausgangslage: Eine »transnationale europäische Öffentlichkeit« gebe es zur Zeit nicht. Gerade die größeren EU-Staaten denken noch immer in nationalstaatlichen Kategorien. »Es fehlen Paneuropäische Medien. Es fehlt eine konsequente europäische Ausrichtung der Politik-Berichterstattung der jeweiligen nationalen Medien.« Es fehle auch ein gemeinsamer europäischer Diskurs.
Eine europäische Öffentlichkeit müsse aber das Ziel auch aller Medienpolitik sein: das Abstreifen nationaler Verengungen des Denkens und des Geschmacks und der Fixierungen auf Standortpolitik.
Als Beispiel nannte Neuberger den in Berlin stattfindenden europäischen »Gipfel für Digitale Souveränität« am 18. November 2025. Das Ziel, dass Europa die Spielregeln der digitalen Welt selbst mitbestimmen will, scheint klar. Aber wie das geschehen könnte, ist derzeit völlig offen. Europa ist einstweilen Spielball zwischen den USA und Asien.
Neuberger empfahl für den Umgang mit den gern beschworenen »europäischen Werten« und dem von ihm selbst ins Spiel gebrachten Begriff des »European way of life« einen weniger »appellhaften«, stärker »analytischen« Umgang.
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Schon um diesen Umgang diskursiv zu verhandeln, also für eine Debatte um die Zukunft Europas, müsse eine Debattenplattform für – ganz im Sinne Habermas' – rationale herrschaftsfreie Meinungsbildung institutionell verankert werden. Es geht in einem ersten Schritt um Zugang und um das Organisieren und Kuratieren von Diskussionen. Neuberger nannte als konkretes praktisches Beispiel solcher Initiativen die »radiosphere« (Radiocentric platform).
Das langfristige Ziel eines »European public space« für die Digitale Öffentlichkeit des gemeinsamen Europa, der in der Lage sein wird, die lokalen und nationalen Öffentlichkeiten zusammenbringen, enthält für Neuberger mehrere Elemente: Ein »journalistisch kuratierter Kernbereich« müsse die klassische Aufgabe der Informationsvermittlung erfüllen. Darüber hinaus brauche man Möglichkeiten des Diskurses und dessen Moderation. Des weiteren Medien-Archive. Aufgabe einer solchen Plattform sollte auch die »Kontextualisierung« der Themen und Debatten sein.
Für ein derart ehrgeiziges Vorhaben ist für Neuberger klar: »Es braucht Geldgeber; es braucht Kuratoren; es braucht die diskursive Prüfung von Inhalten.«
Nur durch den gezielten Aufbau einer solchen digital organisierten, transnationalen europäischen Öffentlichkeit und ihrer Institutionen, durch den gezielten Aufbau von europäischen Medien, lässt sich für Neuberger der grassierenden Aushöhlung der Demokratie und dem Aufstieg rechtsextremer Parteien entgegenarbeiten.
Denn auch »Kommunikatives Handeln« (Jürgen Habermas) ist vor allem Handeln.
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Robert Suckale (1943-2020), deutscher Kunsthistoriker und Mittelalterforscher, schrieb über die gotischen Kathedralen:
»Die gotische Architektur ist Ergebnis höchst komplexer Vorgänge... Wir begegnen einer außerordentlich dynamischen Gesellschaft, die auf fast allen Gebieten Neues versuchte. Die Welt der Gotik war weder so heil, wie manche glauben, noch war ihre Kirchenbaukunst nur Glaubenssache. Religion und Politik waren ... vermengt; der Kirchenbau ist immer auch
öffentlicher Bau. ... Wir sehen die gotische Architektur eher als einen sinnfälligen Ausdruck des Aufbruchs Frankreichs und dann Europas im 12. und 13. Jahrhundert, als Teil dieses Neubeginns, dem wir neben einer neuen Rationalität in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auch die Neublüte der Wissenschaften und Künste verdanken.«
Europa braucht neue Kathedralen.
Anmerkung der Redaktion: Der zweite Teil des Textes zur Europäischen Medienplattform wurde bereits auf »Telepolis« veröffentlicht.