07.05.2026

All you see is real!

Tom Chomont
Tom Chomont: Allein seine Filme machen schon ein ganzes Festival
(Foto: Kurzfilmtage Oberhausen · Tom Chomont)

Thema und Profil-Filme der 72. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Von Benedikt Guntentaler

93 Filme in vier Tagen habe ich auf dem dies­jäh­rigen Kurz­film­fest in Ober­hausen gesehen, zu viele, um noch einen klaren Überblick zu behalten und einen allge­meinen Bericht schreiben zu können. Zu unter­schied­lich fallen die einzelnen Werke aus, und das in jeder Hinsicht: Von Filmen, die nur wenige Sekunden dauern, über 40-Minüter, bis hin zu Lang­filmen im Omni­bus­format. Doku­men­tar­filme, Fiktion, Expe­ri­ment, Farbe und
Schwarz­weiß. Digitales Kino, analoges Kino, analoges Kino geschnitten auf dem Rechner, analoge Vorfüh­rungen, digitale Vorfüh­rungen von analogen Filmen, 16mm, 35mm, Laterna Magica: Es ist zu viel. Um dieses Übermaß zu bewäl­tigen, muss gekürzt werden, müssen Themen heraus­ge­schnitten werden, muss man kombi­nieren und auflösen. Zum Glück geben die Kurz­film­tage selbst ein Sujet, ein »Thema« vor, einen Anhalts­punkt, um sich diesem cine­as­ti­schen Wahnsinn zu nähern. Das Thema des dies­jäh­rigen Festivals: »based on true events?«

An diese Frage möchte ich mich anschließen, ausge­wählte Programme und sich daran anschließende Einzel­filme bespre­chen, die sich unter diesem Zeichen lesen lassen: Inwieweit bringt uns das Kino die Wahrheit näher, kann den Bildern vertraut werden, leitet viel­leicht gar die Fiktion eine Wahr­haf­tig­keit ein, die der Doku­men­tar­film von sich zu weisen scheint. Und, natürlich: Wie wird mit diesen Modi gespielt und expe­ri­men­tiert, wie nähert sich der Film formal dieser Gret­chen­frage an?

Künst­liche Intel­li­genz – Training der Bilder

Ein Thema drängt sich in diesem Zusam­men­hang besonders auf, wie es überhaupt in keiner Diskus­sion mehr wegzu­denken ist: KI, künst­liche Bilder, gepromp­tete Bilder. In Ober­hausen wird konse­quent und klug mit diesem Komplex umge­gangen, eine Podi­ums­dis­kus­sion schließt sich an die drei KI-Programme an: Training the Image. Die ersten beiden habe ich besucht, in beiden wurden reine KI-Filme von Doku­men­tar­filmen über künst­liche Intel­li­genz konter­ka­riert. Was auffällt: Obwohl sinnvoll im Programm platziert, sind die KI-Filme durch die Bank weg unin­ter­es­sant. The Machine Mono­lo­gues (2024) von Eli Cortiñas agiert noch recht geschickt, nimmt »echte« (reale?) Bilder in seine Prompts mit auf, erschafft ein zynisches Zusam­men­spiel aus echter und falscher Welt. Geben wir uns aber rein den Computer-Bildern hin, wird es schnell erwartbar: Zwar begeis­tert der visuelle Overkill mit seinen uncanny Anima­tionen, seinen Bild­feh­lern und Unge­reimt­heiten zunächst, wird aber schnell bere­chenbar. Immer die gleichen Bilder-Strudel, matte Ober­flächen, Übergänge, die jeder Logik entbehren. Doch nichts Rausch­haftes findet sich hier, es ist bloße Behaup­tung, ein Schock-Effekt, ein Schnell­schuss-Diskurs, der sich beständig wieder­holt. Auf den Punkt gebracht wird dieses ästhe­ti­sche One-Hit-Wonder (steht es umkom­men­tiert für sich) von Claudia Larchers KI-Film The End (2025), der in der sixpack­film Distri­bu­tors' Coll­ec­tion gezeigt wurde. Erneut ein Griff zum Zynismus, das Kino ist hier ein menschen­leerer Raum, die Zuschauer wurden durch KI-gene­rierte Projek­toren ersetzt. Film als reiner Selbst­zweck ohne jedes Kriterium, eine Selbst­be­s­tä­ti­gung ohne Fragen. Garniert werden die 8 Minuten von einem schmal­zigen Pop-Song, der das Ende des Kinos betrauert. Natürlich ebenfalls KI-generiert.

Umso schöner, beängs­ti­gender und inter­es­santer sind die Companion-Pieces des Programms, insbe­son­dere Their Eyes (2024) von Nicolas Gourault und Imitation Machines (2025) von Alexander Bartsch. Gourault zeigt uns detail­liert den Arbeits­pro­zess von Online-Mikro­ar­bei­tern aus den Phil­ip­pinen und Venezuela. Sie bear­beiten ihnen zuge­schickte Bilder, schneiden jedes Objekt darauf aus, färben es ein und benennen es: Vege­ta­tion, Auto, Straßen­schilder (»Object«), Straße etc. Nur bei den Menschen wird es kompli­zierter. Diese verlangen nach einer spezi­fi­schen Klas­si­fi­zie­rung, Auto­ri­täts­per­sonen bekommen ein anderes Tag als Passanten. Obdach­lose, die von einer Plane oder Decke verhüllt sind, genießen dabei ein ganz beson­deres Standing: Sie sind genauso »Objekte« wie eine der zigtau­send Ampeln, man kann ihr Gesicht ja nicht sehen…

Benutzt werden diese Anfer­ti­gungen als Training für selbst­fah­rende Autos, ganze Städte – in diesem Fall Los Angeles – werden anhand der Einzel­bilder erschlossen. Der Film zeigt uns diese digitalen Stadt­bilder, beinhaltet als Schlüs­sel­szene eine digitale Kame­ra­fahrt durch das bunte, gelabelte Los Angeles, bevor Gourault zu doku­men­ta­ri­schen, realen, letzt­end­lich aber genauso wirk­li­chen Bildern aus den Heimat­städten der Arbeiter schneidet. Zwei Welten tun sich auf, werden gegen­ein­ander gestellt. Exis­tieren tun sie beide, im Kino wie auch außerhalb, mit dem Fort­schritt der selbst­fah­renden Autos werden immer mehr Metro­polen einge­färbt werden, über­la­gert sich die künst­liche und »echte« Welt zusehends.

In Imitation Machines wird in nur 6 Minuten auf ein in NRW entwi­ckeltes Gefängnis-Über­wa­chungs­system einge­gangen: Die Zellen werden gefilmt, eine Künst­liche Intel­li­genz beob­achtet die Bewe­gungen der Inhaf­tierten. Sie ist auf poten­ti­elle Selbst­mord­ver­suche getrimmt, soll bei erhöhter Gefahr ein Warn­si­gnal senden. Das System wurde nicht verbaut, das Projekt abgesetzt. Im anschließenden Q&A erzählt Regisseur Bartsch von den Schwie­rig­keiten, dieses Projekt mit der Kamera zu begleiten: Erst drei Jahre später – nach dem Projekt-Abbruch – durfte er filmen, und so sehen wir ein Reenact­ment der Über­wa­chung. Eine Mitar­bei­terin verübt zwei gespielte Selbst­morde, einmal mit einem Messer, einmal mit einem Gürtel am Heiz­körper. Befremd­lich und unheim­lich sind die Über­wa­chungs­bilder von diesen beiden Szenarien, prozen­tual werden die »Objekte« (Mensch und Messer) laufend berechnet, der Computer unter­nimmt perma­nente Reality-Checks. Bartsch kommt weiterhin darauf zu sprechen, dass es wohl um die Kürzung von Budgets für Mental-Health-Einrich­tungen im Gefängnis geht, das Programm im Ernstfall eingreifen kann, eine gesunde, prophy­lak­ti­sche, natürlich zeit­in­ten­si­vere Betreuung eingekürzt werden kann. Denn, so Bartsch: Im Gefängnis gibt es keinen wirk­li­chen Selbst­mord, es ist immer die Insti­tu­tion, die tötet. Mit den Programmen würde selbst diese Entschei­dung entfallen, ganz gleich, wie es um die Inhaf­tierten bestellt ist, die äußere, sichtbare Realität, die Ober­fläche wird zur letzten und einzigen Kontroll­in­stanz. Über­wa­chungs­bilder, bestehend aus Aktionen und Reak­tionen, eine sehr kleine Wirk­lich­keit, eine traurige und depres­sive.

Männer­körper, Doppel­be­lich­tungen und Stille

Nicht alle Filme des Programms sind derart politisch und nieder­schmet­ternd, zwei Worte, die sich im Laufe des Festivals zusam­men­ge­schlossen haben, kaum noch vonein­ander getrennt gedacht werden können. Es gab auch eine breite Auswahl an Expe­ri­men­tal­filmen, die sich unter dem breiten Begriff des Film-Poème zusam­men­fassen lassen. Besonders eindrück­lich fällt dabei die Werkschau von Tom Chomont aus. 40 Kurzfilme hat der New Yorker Avant­garde-Regisseur zwischen den 60er- und 80er-Jahren gedreht, 20 konnten in Ober­hausen bestaunt werden, alle wurden sie auf 16mm vorge­führt, aufge­teilt auf vier Rollen. Nur die ersten beiden besitzen eine Tonspur, der Rest ist stumm, läuft unbe­irrbar und seltsam entrückt durch den größten Ober­hauser Saal, die Lichtburg. Viele der Filme dauern nur wenige Minuten, schnell verliert man den Überblick, welches der Werke man gerade sieht. Zehn Jahre an künst­le­ri­scher Arbeit verschmelzen in diesem hervor­ra­genden Programm, sprechen aus der Dunkel­heit zum Zuseher. Es sind erotische Filme, gerade die frühen ergötzen sich an nackten, schönen Männer­kör­pern, die durch schnelle Schnitte und exzessive Doppel­be­lich­tungen entfremdet werden. Eine sinnliche, außer­welt­liche Psyche­delik entfaltet sich, die motivisch durch das ganze Programm leitet. Schwarz­weiß und Farbe wechseln sich ab, Bilder schieben sich über­ein­ander, Körper und Gesichter – stets behaftet mit einer nach­denk­li­chen Sehnsucht – spiegeln und trans­for­mieren sich. Beinahe psycho­ana­ly­tisch versucht man dieses Werk zu verstehen, Chomonts andau­ernden Weg in die Abstrak­tion nach­zu­voll­ziehen. Als dann im letzten Film der dritten Rolle eine Schnit­zerei ersicht­lich wird, scheint es über­deut­lich: LSD steht da geschrieben, in Holz geritzt. Und so lassen sich diese zwanzig Filme ebenso gut als Drogen­trip lesen, als Stei­ge­rung und Variation eines genialen Psychonauten. In dieser Lesart sind die letzten beiden Filme (die gesamte Rolle vier) die sich anschließende Selbst­re­fle­xion, beide sind deutlich langsamer, zeugen von einer final entrückten Welt­an­sicht, einem Erfor­schen der Wirk­lich­keit mit gestörtem, wunder­schönem Blick; einem der schon viel gesehen hat, der den Exzess, die Verzer­rung, das luzide Begehren selbst erlebt hat.

In zwei der Filme ist Robert Beavers zu sehen, ein weiterer Anknüp­fungs­punkt, der Tom Chomonts Expe­ri­men­tal­filme im queeren New York der späten 60er final einschreibt, und die sich ohnehin aufdrän­genden Vergleiche zu einem frühen Edward Owens besiegelt.

Ein Programm, so gut, selten und schön, dass es bereits ein ganzes Festival recht­fer­tigt.

Vorge­stellt wurde es vom ameri­ka­ni­schen Filme­ma­cher und Essayist Ross Lipman, der sich für die aufwen­dige Restau­rie­rung der Filme verant­wort­lich zeigt und eine Brücke zu einer verwandten Reihe schlägt.

In zwei Programmen wurden die Filme Charlotte Pryces geehrt, britische Expe­ri­men­tal­film­re­gis­seurin und Lebens­ge­fährtin Lipmans. In beiden wurden fünf, respek­tive sechs Filme gezeigt, an die sich eine Laterna-Magica-Perfor­mance anschließt. Alle ihre Filme sind hervor­ra­gend; kurze, asso­zia­tive, analog gedrehte Erzäh­lungen. Mal verfolgen sie klare Geschichten, mal sind sie visuelle Versuchs­an­ord­nungen, gekoppelt an ein vorge­ge­benes Thema (zwei wunder­bare Lewis-Caroll-Varia­tionen ergeben sich daraus). Die Filme operieren in drei Modi: Analog ohne Ton, analog mit Ton, analog mit Ton, aller­dings digital geschnitten. Es ist also immer auch ein formales Spiel, die Frage der Darstel­lung thront über all ihren Werken, der Zugriff auf die Wirk­lich­keit und ihrer inner­fil­mi­schen Spie­ge­lung. Jedes Werk funk­tio­niert in sich geschlossen, die text­las­tigen Filme besitzen einen bezau­bernden Märchen­cha­rakter, die abstrak­teren Tonfilme eine bisweilen bedroh­liche, immer affi­zie­rende Unge­stüm­heit, und die Stumm­filme einen expe­ri­men­tellen, konzen­trierten Hang zur reinen Beob­ach­tung. Vereint werden sie alle von einer Faszi­na­tion für Licht, Beleuch­tung, Refle­xionen.

Nur passend also die Hinwen­dung Pryces zur Laterna Magica, jener frühen Kino-Maschine, bei der das Licht sich über­deut­lich durch die kleinen Scha­blonen frisst. Mit einer digitalen Audiospur unterlegt, bedient Pryce die Laterne choreo­gra­fisch abge­stimmt, erzählt ihre Geschichte in Echtzeit. Zuweilen schlei­chen sich Verfrem­dungen ein, sie streicht mit einer Feder über die Bilder, ein Prisma multi­pli­ziert die durch das Licht gewor­fenen Abbil­dungen – wie eine über­le­bens­große Version von Pink Floyds »The Piper of the Gates of Dawn«-Album-Cover muten diese Momente an. Hand­ge­machtes Kino lässt sich hier bestaunen, ein sich in Echtzeit entwi­ckelndes, trans­pa­rentes, maschi­nelles Kunstwerk, das in seiner Redu­ziert­heit eine Wirk­lich­keit erahnen lässt, die die Montage im »gewöhn­li­chen« Film verzerrt: Jedes einzelne Kino-Bild ist echt, und es lässt sich nie berühren, bleibt immer Abbild seiner selbst, vergrößert und empfangen von der sterilen Leinwand, diesem weißen Quadrat, das sich ins Unend­liche verändern lässt, das beständig lügt, und uns dadurch eine Wahrheit empfangen lässt, die sich verflüch­tigt, über­schrieben wird vom nächsten Film, der immer kommt.

Und so sind sie letzt­end­lich alle real, alle echt und alle wirklich, diese aber­tau­sende Bilder, die in Ober­hausen gezeigt wurden. Auch die KI-Bilder, auch die Compu­ter­ani­ma­tionen. Weil sie über sich selbst hinaus­weisen, auf eine Wirk­lich­keit abzielen, die sie untrennbar umgibt, die nur illu­so­risch ausge­blendet werden kann im schwarzen Kinosaal. Weil sie sich fort­setzen und weiter gedacht werden, sich einnisten im Kopf der Zuseher, weil sie über­tragen werden auf andere Werke, und letzt­end­lich auf die dann wirklich wirkliche Realität. Weil wir in diesen Bildern zu leben beginnen, am meisten dann, wenn sie sich selbst und damit uns hinter­fragen. Alexander Kluge wird im ausführ­li­chen Festival-Katalog gleich mehrfach zitiert: »Alle Tools sind Instru­mente, sie sind aber zugleich Lebewesen. … Wenn Menschen­ar­beit in ihnen steckt, sind sie keine toten Instru­mente, so viel ist gewiss«. Jedes Bild ist echt, und jene, die lügen, müssen entzif­fert werden. Verant­wort­lich dafür ist allein der Betrachter, ein Festival kann nur darauf hinweisen, kann – wie dieses Jahr in Ober­hausen – durch sorg­fäl­tiges Kura­tieren die Diffe­renzen, Leer­stellen und Mysterien greifbar machen, die einzelnen Filme in Dialog setzen. Erst dann kann eine Wahrheit entstehen, zwischen all den Bildern und Posi­tionen, zwischen dem Realen und dem Fiktiven, dem Doku­men­ta­ri­schen und dem Digital-Künst­li­chen. Und zwischen der Leinwand und dem eigenen Geist, diesem untrenn­baren Gespann der perma­nenten Verun­si­che­rung, das die Wahrheit erkennt, indem sie sie konsti­tu­iert.