30.04.2026

How Do You Spell This World?

Dagie Brundert
Das Wäsche-Orakel in Dagie Brunderts Audry Lornacle
(Foto: Kurzfilmtage Oberhausen · Dagie Brundert)

Die 72. Kurzfilmtage Oberhausen untersuchen das Verhältnis von Realität und Fiktion: Programmüberblick und ein kurzer Streifzug durch den deutschen Wettbewerb

Von Dunja Bialas

Von außen betrachtet, hat sich nicht viel geändert, seit Madeleine Bernstorff als künst­le­ri­sche und Susannah Pollheim als kauf­män­ni­sche Leiterin letztes Jahr die tradi­ti­ons­rei­chen Kurz­film­tage Ober­hausen über­nommen haben. In der Nachfolge von Lars Henrik Gass, der fast drei Jahr­zehnte das Festival leitete, treten sie eindeutig in seine Fußstapfen. So wurden die Programm­sek­tionen mit den Wett­be­werben (inter­na­tional, deutsch, NRW), das Thema, die Profile und das Podium als Programm­punkte beibe­halten, ebenso natürlich das Kinder­pro­gramm. Es finden sich ein Retro-Programm, Archiv- und Verleih-Showcases und ein mehr­tä­giges Seminar für aufstre­bende Kurator*innen.

Von unserem Besuch letztes Jahr aber wissen wir: Es hat sich sehr viel geändert in Ober­hausen: atmo­sphärisch. Dies in zweierlei Richtung. Zum einen ist mit dem Weggang von Gass ein wenig die produk­tive intel­lek­tu­elle Anspan­nung wegge­fallen, unter der der Besuch des Festivals zu einem mehr oder minder anstren­genden Nach­denken über Diskurs wurde. Ande­rer­seits aber ist auch die emotio­nale Ange­spannt­heit abge­fallen. Insgesamt also ist alles etwas chilliger, die Zügel weniger streng angezogen.

Inhalt­lich wird von Bernstorff das hohe Niveau, das Gass vorge­geben hat, weiter­ge­führt. Täglich wird ab 10 Uhr im Festival Space zu einem Thema disku­tiert, dieses Jahr ist es die brisante KI, Humor und TikTok. Letzteres ist, wenn man über den Kurzfilm, seine Gegen­wartsäs­thetik und die ökono­mi­sche Verwert­bar­keit von Bildern nachdenkt, ein Thema, das sich nahezu aufdrängt. Wirk­lich­keit von Fake und Illusion zu trennen, ist sicher­lich eine Heraus­for­de­rung der heutigen Zeit. Konse­quen­ter­weise fragt das dies­jäh­rige »Thema«, ein Deep Dive in eine ästhe­ti­sche Frage­stel­lung, der entlang zahl­rei­cher Film­bei­spiele nach­ge­gangen wird: »based on true events?«

Unter­sucht wird das Verhältnis von Realität und Fiktion im (doku­men­ta­ri­schen) Film. Der Bogen wird dabei geschlagen von den Anfängen der Film­ge­schichte bis zu den Bildern der gene­ra­tiven KI. Erinnert wird an Propa­gan­da­filme und daran, dass bereits der unga­ri­sche Film­kri­tiker Béla Bálazs für den Doku­men­tar­film formu­liert hat: »Die einzelnen Bilder sind nur die Wirk­lich­keit. Wahrheit oder Lüge kann nur die Montage hervor­bringen.« Auch James Benning wusste: All docu­men­ta­ries are lies. Wenn nun aber das »Sem« des doku­men­ta­ri­schen Films, die kleinste bedeu­tungs­tra­gende Einheit, also das Bild, mit der KI den Status des Wirk­li­chen verliert, wird der Para­dig­men­wechsel manifest.

»How do you spell this word?«, fragt Yulia Lokshina in ihrem gleich­na­migen Film. Eine junge russische Lehrerin hat vor einer Schul­klasse die Invasion der Ukraine kriti­siert und wurde prompt denun­ziert. Sie flieht nach Berlin und versucht mit einer Schul­klasse »ihren Fall« nach­zu­voll­ziehen. Lokshina filmt in Schwarz­weiß, in extremen Close-ups, fängt die Gesten der Schü­le­rinnen und Schüler ein und mit ihnen die Unver­s­tän­dig­keit und auch das Erstaunen der Kinder. Sie sprechen Auszüge aus dem Bericht der Lehrerin, auf Englisch, über­setzen das Gelesene ins Deutsche, sprechen mit einer leichten Distanz. Lokshinas Film stellt sich nicht nur dem Rätsel des Schick­sals der Lehrerin, auch fragt sie nach dem Blick der jungen Gene­ra­tion auf die Welt­po­litik, wie sie die Zusam­men­hänge erkennen könnte, das Interesse gewinnen kann. Und bleibt doch – obwohl ein Film in der didak­ti­schen Eingren­zung des Lehrer­zim­mers – schwebend, unbe­stimmt, nicht wissend. Fragend, wie sein Titel.

Das Schwe­bende hat sich auch Felix Hermann für seine Auto­fik­tion Je croyais que la vie était un poème (I Thought Life Was a Poem) gewählt. Der Titel kündigt alles an: die Ich-Perspek­tive, den Lebens­traum, das Poetische, die Enttäu­schung. Eine Mutter (Camille Tricaud) hat sich mit ihrem Neuge­bo­renen in ein Haus an einem Fluss zurück­ge­zogen. In einem Brief an ihre Tochter Lila schreibt sie: Sie sei allein mit dem Kind, im ersten halben Jahr werde nur sie sich um sie kümmern, der Vater werde arbeiten, danach würden sie die Rollen tauschen. Sie streunt durch den Ort, sieht Menschen bei unauf­ge­regten Tätig­keiten zu. Beginnt dann einmal ein Gespräch, der erste Kontakt mit einem Erwach­senen seit langem, sie schwimmt im Fluss. Rita Hajjar hat diesen ruhigen, atmo­sphäri­schen Film auf 16mm einge­fangen, die Körnig­keit des Bildes flirrt mit den Blättern der Bäume am See.

Cana Bilir-Meier setzt sich in Ein neues Wort mit der Suche in den 1970er-Jahren nach einem anderen Wort für »Gast­ar­beiter« ausein­ander. Die Vorschläge (insgesamt waren es um die 30.000 Vorschläge) sind haar­sträu­bend: Bedarfs­ar­beiter, Bundes­auf­bau­bürger, Deutsch­land­ar­beiter, Erlediger, Indus­tri­elle Reser­ve­armee und so geht es weiter auf dem Bodensatz der deutschen Menta­lität. Bilir-Meier zeigt einer Gruppe den Original-Beitrag des WDR, der das Ausschreiben bewirbt. Alle, die zusehen, sind alt genug, um in den 70er-Jahren bereits Erwach­sene gewesen zu sein, es sind Frauen, Männer, ehemalige »Arbeits­mi­granten« aus der Türkei, so nennt sie Cana Bilir-Meier. Sie sind Teil der damaligen Gene­ra­tion – betroffen und Betrof­fene. Dann werden sie Teil einer Musik­stunde, über­schreiben ein Lied, das man im Kinder­garten singt, mit den Hass-Worten der Einsen­dungen. Ein zynischer Moment in der Geschichte. Und daran denkend, wie heute über Migration gespro­chen wird: ist dies auch ein gespens­ti­scher Moment, zu dem die Rotter­damer Film­künst­lerin Lichun Tseng abstrakte Bilder aufblitzen lässt.

Auch Audry Lornacle or 14 Days in DJ’s House haben wir schon gesehen. Dagie Brunderts Film ist ange­sie­delt in Derek Jarmans Cottage in einem Flecken in England, wo es die schönsten Kiesel gibt. Und auf die aller­schönste Weise verball­hornt sie Laundry Oracle in ihrem Titel, das sie auf den Wiesen hinter dem Haus entdeckt, wo Nachbarin Audry täglich neue Wäsche im Wind flattern lässt. Betörend sind die Super-8-Bilder, der leichte Gitar­ren­sound und die Stimme, mit der die Off-Erzäh­lerin ihren Reise­be­richt einmal in Deutsch, dann in Englisch einspricht.

Ober­hausen ist auch hier sich treu geblieben, im Doku­men­ta­ri­schen auch das Expe­ri­men­telle zu suchen. Es zu befragen, könnte am Ende ertrag­rei­cher sein als jede Frage für den Chatbot.