How Do You Spell This World? |
![]() |
|
| Das Wäsche-Orakel in Dagie Brunderts Audry Lornacle | ||
| (Foto: Kurzfilmtage Oberhausen · Dagie Brundert) | ||
Von Dunja Bialas
Von außen betrachtet, hat sich nicht viel geändert, seit Madeleine Bernstorff als künstlerische und Susannah Pollheim als kaufmännische Leiterin letztes Jahr die traditionsreichen Kurzfilmtage Oberhausen übernommen haben. In der Nachfolge von Lars Henrik Gass, der fast drei Jahrzehnte das Festival leitete, treten sie eindeutig in seine Fußstapfen. So wurden die Programmsektionen mit den Wettbewerben (international, deutsch, NRW), das Thema, die Profile und das Podium als Programmpunkte beibehalten, ebenso natürlich das Kinderprogramm. Es finden sich ein Retro-Programm, Archiv- und Verleih-Showcases und ein mehrtägiges Seminar für aufstrebende Kurator*innen.
Von unserem Besuch letztes Jahr aber wissen wir: Es hat sich sehr viel geändert in Oberhausen: atmosphärisch. Dies in zweierlei Richtung. Zum einen ist mit dem Weggang von Gass ein wenig die produktive intellektuelle Anspannung weggefallen, unter der der Besuch des Festivals zu einem mehr oder minder anstrengenden Nachdenken über Diskurs wurde. Andererseits aber ist auch die emotionale Angespanntheit abgefallen. Insgesamt also ist alles etwas chilliger, die Zügel weniger streng angezogen.
Inhaltlich wird von Bernstorff das hohe Niveau, das Gass vorgegeben hat, weitergeführt. Täglich wird ab 10 Uhr im Festival Space zu einem Thema diskutiert, dieses Jahr ist es die brisante KI, Humor und TikTok. Letzteres ist, wenn man über den Kurzfilm, seine Gegenwartsästhetik und die ökonomische Verwertbarkeit von Bildern nachdenkt, ein Thema, das sich nahezu aufdrängt. Wirklichkeit von Fake und Illusion zu trennen, ist sicherlich eine Herausforderung der heutigen Zeit. Konsequenterweise fragt das diesjährige »Thema«, ein Deep Dive in eine ästhetische Fragestellung, der entlang zahlreicher Filmbeispiele nachgegangen wird: »based on true events?«
Untersucht wird das Verhältnis von Realität und Fiktion im (dokumentarischen) Film. Der Bogen wird dabei geschlagen von den Anfängen der Filmgeschichte bis zu den Bildern der generativen KI. Erinnert wird an Propagandafilme und daran, dass bereits der ungarische Filmkritiker Béla Bálazs für den Dokumentarfilm formuliert hat: »Die einzelnen Bilder sind nur die Wirklichkeit. Wahrheit oder Lüge kann nur die Montage hervorbringen.« Auch James Benning wusste: All documentaries are lies. Wenn nun aber das »Sem« des dokumentarischen Films, die kleinste bedeutungstragende Einheit, also das Bild, mit der KI den Status des Wirklichen verliert, wird der Paradigmenwechsel manifest.
»How do you spell this word?«, fragt Yulia Lokshina in ihrem gleichnamigen Film. Eine junge russische Lehrerin hat vor einer Schulklasse die Invasion der Ukraine kritisiert und wurde prompt denunziert. Sie flieht nach Berlin und versucht mit einer Schulklasse »ihren Fall« nachzuvollziehen. Lokshina filmt in Schwarzweiß, in extremen Close-ups, fängt die Gesten der Schülerinnen und Schüler ein und mit ihnen die Unverständigkeit und auch das Erstaunen der Kinder. Sie sprechen Auszüge aus dem Bericht der Lehrerin, auf Englisch, übersetzen das Gelesene ins Deutsche, sprechen mit einer leichten Distanz. Lokshinas Film stellt sich nicht nur dem Rätsel des Schicksals der Lehrerin, auch fragt sie nach dem Blick der jungen Generation auf die Weltpolitik, wie sie die Zusammenhänge erkennen könnte, das Interesse gewinnen kann. Und bleibt doch – obwohl ein Film in der didaktischen Eingrenzung des Lehrerzimmers – schwebend, unbestimmt, nicht wissend. Fragend, wie sein Titel.
Das Schwebende hat sich auch Felix Hermann für seine Autofiktion Je croyais que la vie était un poème (I Thought Life Was a Poem) gewählt. Der Titel kündigt alles an: die Ich-Perspektive, den Lebenstraum, das Poetische, die Enttäuschung. Eine Mutter (Camille Tricaud) hat sich mit ihrem Neugeborenen in ein Haus an einem Fluss zurückgezogen. In einem Brief an ihre Tochter Lila schreibt sie: Sie sei allein mit dem Kind, im ersten halben Jahr werde nur sie sich um sie kümmern, der Vater werde arbeiten, danach würden sie die Rollen tauschen. Sie streunt durch den Ort, sieht Menschen bei unaufgeregten Tätigkeiten zu. Beginnt dann einmal ein Gespräch, der erste Kontakt mit einem Erwachsenen seit langem, sie schwimmt im Fluss. Rita Hajjar hat diesen ruhigen, atmosphärischen Film auf 16mm eingefangen, die Körnigkeit des Bildes flirrt mit den Blättern der Bäume am See.
Cana Bilir-Meier setzt sich in Ein neues Wort mit der Suche in den 1970er-Jahren nach einem anderen Wort für »Gastarbeiter« auseinander. Die Vorschläge (insgesamt waren es um die 30.000 Vorschläge) sind haarsträubend: Bedarfsarbeiter, Bundesaufbaubürger, Deutschlandarbeiter, Erlediger, Industrielle Reservearmee und so geht es weiter auf dem Bodensatz der deutschen Mentalität. Bilir-Meier zeigt einer Gruppe den Original-Beitrag des WDR, der das Ausschreiben bewirbt. Alle, die zusehen, sind alt genug, um in den 70er-Jahren bereits Erwachsene gewesen zu sein, es sind Frauen, Männer, ehemalige »Arbeitsmigranten« aus der Türkei, so nennt sie Cana Bilir-Meier. Sie sind Teil der damaligen Generation – betroffen und Betroffene. Dann werden sie Teil einer Musikstunde, überschreiben ein Lied, das man im Kindergarten singt, mit den Hass-Worten der Einsendungen. Ein zynischer Moment in der Geschichte. Und daran denkend, wie heute über Migration gesprochen wird: ist dies auch ein gespenstischer Moment, zu dem die Rotterdamer Filmkünstlerin Lichun Tseng abstrakte Bilder aufblitzen lässt.
Auch Audry Lornacle or 14 Days in DJ’s House haben wir schon gesehen. Dagie Brunderts Film ist angesiedelt in Derek Jarmans Cottage in einem Flecken in England, wo es die schönsten Kiesel gibt. Und auf die allerschönste Weise verballhornt sie Laundry Oracle in ihrem Titel, das sie auf den Wiesen hinter dem Haus entdeckt, wo Nachbarin Audry täglich neue Wäsche im Wind flattern lässt. Betörend sind die Super-8-Bilder, der leichte Gitarrensound und die Stimme, mit der die Off-Erzählerin ihren Reisebericht einmal in Deutsch, dann in Englisch einspricht.
Oberhausen ist auch hier sich treu geblieben, im Dokumentarischen auch das Experimentelle zu suchen. Es zu befragen, könnte am Ende ertragreicher sein als jede Frage für den Chatbot.