30.04.2026

Dokumentationen wiederkehrenden Widerstandes

Fragments on resis­tance von Levan Tskho­v­re­badze und Ani Kiladze
Serbien, Georgien: Fragments on resistance von Levan Tskhovrebadze und Ani Kiladze
(Foto: goEast | Levan Tskho­v­re­badze & Ani Kiladze)

Revolutionen und Widerstand können viele Formen annehmen – auch filmisch. Welche, das zeigte und diskutierte das diesjährige goEast, das Festival des mittel- und osteuropäischen Films, unter anderem mit einem Schwerpunkt auf Georgien

Von Paula Ruppert

Revo­lu­tion, die: auf radikale Verän­de­rung der bestehenden poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse ausge­rich­teter, gewalt­samer Umsturz[versuch], aus dem Spät­la­tei­ni­schen revolutio = das Zurück­wälzen, -drehen, zu latei­nisch revolutum.

Revo­lu­tion: Der Begriff sowie seine Defi­ni­tion und Herkunft sind allgemein bekannt. Doch gemeinsam mit den radikalen Umstürzen dreht sich, seit es technisch möglich ist, noch etwas: die Filmrolle. Wie bei der dies­jäh­rigen Ausgabe des goEast deutlich wurde, ist gerade bei den jüngeren Revo­lu­tionen die (Video-)Kamera und mit ihr Film und Kino ein inte­graler Bestand­teil. Und so setzte sich das goEast dieses Jahr einen Themen­schwer­punkt: »Revo­lu­tion!«

In fast allen Sektionen des Festivals wurde auf dieses Thema Bezug genommen. Auch das Symposium, das alljähr­lich mit Vorträgen, Panels und Film­vor­füh­rungen zum Austausch und Nach­denken anregt, stand unter dem Thema »Filmische Stra­te­gien des Wider­stands« und beinhal­tete unter anderem Vorträge zu einer in den letzten Jahren entwi­ckelten Film­sprache im ukrai­ni­schen Kino und inof­fi­zi­ellen Filmen in der DDR, um nur zwei Beispiele des sehr breit aufge­stellten und viel­fäl­tigen Programms zu nennen. In der dieses Jahr neu hinzu­ge­kom­menen Kategorie »Kalei­do­skop« wurde noch ein spezi­eller Länder­fokus gesetzt, auf Georgien.

In der Republik im Südkau­kasus wird seit 2023 gegen die nach Russland orien­tierte Regierung demons­triert; seit der umstrit­tenen Parla­ments­wahl 2024 werden die Proteste syste­ma­tisch unter­drückt, Menschen werden aus poli­ti­schen Gründen inhaf­tiert. Das Nationale Geor­gi­sche Film­center wurde politisch gleich­ge­schaltet, woraufhin Film­schaf­fende als Reaktion darauf ein eigenes, unab­hän­giges Geor­gi­sches Film­in­stitut gründeten. In einer Podi­ums­dis­kus­sion sprachen die Regis­seurin und Präsi­dentin des Geor­gi­schen Film­in­sti­tuts Salomé Alexi, ebenfalls Vorsit­zende der inter­na­tio­nalen goEast-Wett­be­werbs-Jury, der Poli­tik­wis­sen­schaftler Gaga Gogoladze sowie der Arzt und Zeitzeuge Reinhard Kaul-Seeger im Detail über die Situation und Entwick­lung in Georgien, aus poli­ti­scher und gesell­schaft­lich-künst­le­ri­scher Sicht glei­cher­maßen.

In dem dazu­gehö­rigen Film­pro­gramm kamen die in dem Gespräch aufge­grif­fenen Punkte der Politik und Kunst zusammen: Der Film Prisoners of Consci­ence beleuchtet in elf Kurz­filmen von elf unter­schied­li­chen Regis­seu­rinnen und Regis­seuren elf poli­ti­sche Gefangene, die infolge der Proteste in Georgien inhaf­tiert wurden. Durch die sehr unter­schied­liche Gestal­tung der einzelnen Episoden entstehen indi­vi­du­elle Portraits, die zeigen, wie die poli­ti­sche Lage einzelne Personen und mit ihnen die ganze Gesell­schaft trifft – Studenten glei­cher­maßen wie Künstler oder Angehö­rige der aser­bai­dscha­ni­schen Minder­heit. Was durch alle Portraits durch­klingt, ist jedoch eine leise, hart­nä­ckige Stimme der Hoffnung, die auch die Proteste antreibt; es ist die Hoffnung auf ein freies Leben in dem Land, das die eigene Heimat ist, das man liebt und für das man kämpft.

Diese Hoffnung ist auch über Länder­grenzen hinweg verbin­dend, wie ein weiterer Film außerhalb des »Kalei­do­skop«-Fokus auf Georgien zeigt. Im Kurz­film­pro­gramm der goShorts unter dem Thema »Revo­lu­tions per minute« verband Fragments on resis­tance von Levan Tskho­v­re­badze und Ani Kiladze die Proteste in Georgien mit den Studen­ten­pro­testen in Serbien. In Nach­richten schreiben sie einander über den Verlauf der Proteste, über die eigenen Gedanken, Gefühle und Ängste, während Bilder demons­trie­render Menschen­massen aus beiden Ländern den Zustand zwischen Hoffnung und Angst auf größerer Ebene wider­spie­geln.

Auf eine ganz andere Art und Weise befinden sich die Bewohner des ehema­ligen Sana­to­riums Kartli in einem Span­nungs­feld zwischen Angst, Hoffnung – und Wut. In dem riesigen herun­ter­ge­kom­menen Gebäude haben 200 Familien aus Abchasien ein Zuhause gefunden, das eigent­lich nur temporär hätte sein sollen. Drei Jahr­zehnte später ist das Haus mehr als reno­vie­rungs­be­dürftig, ein riesiger Riss breitet sich über mehrere Stock­werke aus, Feuch­tig­keit und bröckelnder Putz sind Norma­lität. Als einer der Bewohner aus Protest Selbst­mord begeht, orga­ni­sieren sich die Bewohner – allen voran die Bewoh­ne­rinnen –, um endlich neue Wohnungen zu bekommen. The Kartli Kingdom (Regie: Tamar Kaland­adze, Julien Pebrel) verwendet Archiv­ma­te­rial, um den geschicht­li­chen Hinter­grund zu beleuchten und ist gleich­zeitig nah an den einzelnen Menschen der Gegenwart und zeigt durch sie, wie das zerfal­lende Gebäude trotz allen Mängeln das Zuhause ist und wie nicht alle bereit sind, es zu verlassen – denn mit dem Verlassen zerbricht eine Gemein­schaft, die ein gemein­sames Trauma und ein Neuanfang verbindet.

Einen kompletten Gegensatz zu den von Wider­stand verschie­dener Art geprägten Filmen stellt The wind blows wherever it wants (Regie: Ivan Boiko) dar. Schaf­herden bahnen sich ihren Weg durch die Berge Tusche­tiens, drängen sich mal an engen Pässen, verlieren sich dann wieder in der Weite der Täler. Ohne Dialoge folgt der Film den Herden und ihren Schäfern, die bei Schnee wie bei Sonnen­schein uner­müd­lich wandern. Manchmal wünscht man sich zwar etwas weniger Musik, um die Bilder noch mehr genießen zu können, doch dem Sog des Films kann man von der ersten Minute an nicht entkommen. The wind blows wherever it wants zeigt das, was in den anderen geor­gi­schen Beiträgen zum dies­jäh­rigen goEast gesucht, erhofft und ange­strebt wird, weshalb die Menschen auf die Straße gehen und weshalb die Film­schaf­fenden ein eigenes Film­in­stitut gegründet haben: gren­zen­lose Freiheit in einem Land, dessen Schönheit atem­be­rau­bend ist.