Dokumentationen wiederkehrenden Widerstandes |
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| Serbien, Georgien: Fragments on resistance von Levan Tskhovrebadze und Ani Kiladze | ||
| (Foto: goEast | Levan Tskhovrebadze & Ani Kiladze) | ||
Von Paula Ruppert
Revolution, die: auf radikale Veränderung der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ausgerichteter, gewaltsamer Umsturz[versuch], aus dem Spätlateinischen revolutio = das Zurückwälzen, -drehen, zu lateinisch revolutum.
Revolution: Der Begriff sowie seine Definition und Herkunft sind allgemein bekannt. Doch gemeinsam mit den radikalen Umstürzen dreht sich, seit es technisch möglich ist, noch etwas: die Filmrolle. Wie bei der diesjährigen Ausgabe des goEast deutlich wurde, ist gerade bei den jüngeren Revolutionen die (Video-)Kamera und mit ihr Film und Kino ein integraler Bestandteil. Und so setzte sich das goEast dieses Jahr einen Themenschwerpunkt: »Revolution!«
In fast allen Sektionen des Festivals wurde auf dieses Thema Bezug genommen. Auch das Symposium, das alljährlich mit Vorträgen, Panels und Filmvorführungen zum Austausch und Nachdenken anregt, stand unter dem Thema »Filmische Strategien des Widerstands« und beinhaltete unter anderem Vorträge zu einer in den letzten Jahren entwickelten Filmsprache im ukrainischen Kino und inoffiziellen Filmen in der DDR, um nur zwei Beispiele des sehr breit aufgestellten und vielfältigen Programms zu nennen. In der dieses Jahr neu hinzugekommenen Kategorie »Kaleidoskop« wurde noch ein spezieller Länderfokus gesetzt, auf Georgien.
In der Republik im Südkaukasus wird seit 2023 gegen die nach Russland orientierte Regierung demonstriert; seit der umstrittenen Parlamentswahl 2024 werden die Proteste systematisch unterdrückt, Menschen werden aus politischen Gründen inhaftiert. Das Nationale Georgische Filmcenter wurde politisch gleichgeschaltet, woraufhin Filmschaffende als Reaktion darauf ein eigenes, unabhängiges Georgisches Filminstitut gründeten. In einer Podiumsdiskussion sprachen die Regisseurin und Präsidentin des Georgischen Filminstituts Salomé Alexi, ebenfalls Vorsitzende der internationalen goEast-Wettbewerbs-Jury, der Politikwissenschaftler Gaga Gogoladze sowie der Arzt und Zeitzeuge Reinhard Kaul-Seeger im Detail über die Situation und Entwicklung in Georgien, aus politischer und gesellschaftlich-künstlerischer Sicht gleichermaßen.
In dem dazugehörigen Filmprogramm kamen die in dem Gespräch aufgegriffenen Punkte der Politik und Kunst zusammen: Der Film Prisoners of Conscience beleuchtet in elf Kurzfilmen von elf unterschiedlichen Regisseurinnen und Regisseuren elf politische Gefangene, die infolge der Proteste in Georgien inhaftiert wurden. Durch die sehr unterschiedliche Gestaltung der einzelnen Episoden entstehen individuelle Portraits, die zeigen, wie die politische Lage einzelne Personen und mit ihnen die ganze Gesellschaft trifft – Studenten gleichermaßen wie Künstler oder Angehörige der aserbaidschanischen Minderheit. Was durch alle Portraits durchklingt, ist jedoch eine leise, hartnäckige Stimme der Hoffnung, die auch die Proteste antreibt; es ist die Hoffnung auf ein freies Leben in dem Land, das die eigene Heimat ist, das man liebt und für das man kämpft.
Diese Hoffnung ist auch über Ländergrenzen hinweg verbindend, wie ein weiterer Film außerhalb des »Kaleidoskop«-Fokus auf Georgien zeigt. Im Kurzfilmprogramm der goShorts unter dem Thema »Revolutions per minute« verband Fragments on resistance von Levan Tskhovrebadze und Ani Kiladze die Proteste in Georgien mit den Studentenprotesten in Serbien. In Nachrichten schreiben sie einander über den Verlauf der Proteste, über die eigenen Gedanken, Gefühle und Ängste, während Bilder demonstrierender Menschenmassen aus beiden Ländern den Zustand zwischen Hoffnung und Angst auf größerer Ebene widerspiegeln.
Auf eine ganz andere Art und Weise befinden sich die Bewohner des ehemaligen Sanatoriums Kartli in einem Spannungsfeld zwischen Angst, Hoffnung – und Wut. In dem riesigen heruntergekommenen Gebäude haben 200 Familien aus Abchasien ein Zuhause gefunden, das eigentlich nur temporär hätte sein sollen. Drei Jahrzehnte später ist das Haus mehr als renovierungsbedürftig, ein riesiger Riss breitet sich über mehrere Stockwerke aus, Feuchtigkeit und bröckelnder Putz sind Normalität. Als einer der Bewohner aus Protest Selbstmord begeht, organisieren sich die Bewohner – allen voran die Bewohnerinnen –, um endlich neue Wohnungen zu bekommen. The Kartli Kingdom (Regie: Tamar Kalandadze, Julien Pebrel) verwendet Archivmaterial, um den geschichtlichen Hintergrund zu beleuchten und ist gleichzeitig nah an den einzelnen Menschen der Gegenwart und zeigt durch sie, wie das zerfallende Gebäude trotz allen Mängeln das Zuhause ist und wie nicht alle bereit sind, es zu verlassen – denn mit dem Verlassen zerbricht eine Gemeinschaft, die ein gemeinsames Trauma und ein Neuanfang verbindet.
Einen kompletten Gegensatz zu den von Widerstand verschiedener Art geprägten Filmen stellt The wind blows wherever it wants (Regie: Ivan Boiko) dar. Schafherden bahnen sich ihren Weg durch die Berge Tuschetiens, drängen sich mal an engen Pässen, verlieren sich dann wieder in der Weite der Täler. Ohne Dialoge folgt der Film den Herden und ihren Schäfern, die bei Schnee wie bei Sonnenschein unermüdlich wandern. Manchmal wünscht man sich zwar etwas weniger Musik, um die Bilder noch mehr genießen zu können, doch dem Sog des Films kann man von der ersten Minute an nicht entkommen. The wind blows wherever it wants zeigt das, was in den anderen georgischen Beiträgen zum diesjährigen goEast gesucht, erhofft und angestrebt wird, weshalb die Menschen auf die Straße gehen und weshalb die Filmschaffenden ein eigenes Filminstitut gegründet haben: grenzenlose Freiheit in einem Land, dessen Schönheit atemberaubend ist.