Kaleidoskop des östlichen Kinos |
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| (Foto: goEast · Ivana Mladenović) | ||
Von Paula Ruppert
Jedes Jahr aufs Neue verwandelt sich die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden mit dem goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films in eine Hochburg des ost- und mitteleuropäischen Kinos. Dieses Jahr stand zum ersten Mal Rebecca Heiler an der Spitze, die nach Heleen Gerritsen die Leitung des Festivals übernahm. Und auch wenn es dadurch selbstverständlich ein paar Änderungen beim Ablauf des Festivals gab, blieb der Kern erhalten: Man fand sich auf einem herzlichen und offenen Festival wieder, dessen neue Sektion »Kaleidoskop« eigentlich auf das gesamte Programm zutrifft. Wieder einmal sah man sich mit einer thematischen, geographischen und genreüberspannenden Vielfalt konfrontiert, die einen wünschen ließ, in mehreren Kinos gleichzeitig sitzen zu können.
Ein besonderer Beitrag zum diesjährigen Kurzfilmwettbewerb »goShorts«, dessen Filme um den RheinMain Kurzfilmpreis konkurrierten, war das Stop-Motion-Puppentrick-Erwachsenenmärchen The care package (Regie: Vera Shysh) aus Belarus. Ein langbeiniges Wesen aus mit Proviant gefüllten Zellophantüten klettert aus dem Fenster eines Hauses, streift durch verschneite Plattenbaustraßen und gelangt über die Gefängnismauern in die Zelle eines politischen Gefangenen. Inspiriert vom Brief einer Freundin der Regisseurin an ihren inhaftierten Bruder ist dieses dunkle Märchen für Erwachsene mit dem zum Leben erwachten Care-Package eine eindrückliche Darstellung der Situation der Gefangenen und ihrer Familien, die oft nur durch die mit Proviant gefüllten Pakete miteinander in Kontakt treten können.
Ebenso dunkel, aber leider in der Realität zu verorten, ist der Gewinner der Goldenen Lilie, Clouds move with great speed von Roman Ostrovskyi. Der Regisseur filmt als Freiwilliger an der Front in der Ukraine seine Einsätze. Er dokumentiert die Unmenschlichkeit des Krieges, indem er die Menschen in den Mittelpunkt stellt, ihre Geschichten von ihnen selbst erzählen lässt oder einfach nur zuschaut und den Kriegsalltag zeigt. Der Film verzichtet auf großartige Emotionalisierung, versucht vielmehr, die Bilder und Worte der ProtagonistInnen für sich selbst sprechen zu lassen, was ihn besonders hart, aber umso wichtiger macht.
Mit den nachhaltigen Folgen eines vergangenen Krieges beschäftigt sich der hybride Dokumentarfilm The beauty of the donkey unter der Regie von Dea Gjinovci, der von 3sat ausgewählt wurde, um im Folgejahr im Umfeld des goEast-Festivals im 3sat-Programm präsentiert zu werden. Die Regisseurin begibt sich mit ihrem Vater auf die Reise in dessen Heimatdorf im Kosovo, das er noch vor dem Krieg verlassen musste. Der Film mischt dokumentarische Szenen mit Episoden aus der Kindheit des Vaters, die von den Dorfbewohnern in einem Nachbau des – aufgrund des Krieges nicht mehr stehenden – väterlichen Hauses theatralisch nachgespielt werden. Dabei wird auf die offene Darstellung von physischer Gewalt bewusst verzichtet; vielmehr soll gezeigt werden, was alles einst war und durch den Krieg zerstört wurde, wie ein Krieg die Zukunft nimmt.
So gut wie ohne Plan für ihre Zukunft ist die Protagonistin Stela in dem rumänischen Spielfilm Sorella di clausura von Ivana Mladenović, die auch den Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden für die Beste Regie erhielt. Stelas Lebensinhalt gilt der alternden jugoslawischen Pop-Ikone Boban, den sie heiß und innig verehrt. Dabei nehmen ihre Huldbezeigungen zum Teil herrlich groteske Ausmaße an, und auch wenn sie eine durchaus anstrengende Zeitgenossin zu sein scheint, wird die Figur nie ins Lächerliche gezogen. Ihre Versuche, mit Boban Kontakt aufzunehmen, der Finanzkrise zu trotzen und böse Facebook-Kommentare an Bobans angebliche Geliebte zu schreiben, ebenfalls Popsängerin, münden in einer Freundschaft mit besagter Geliebten und formen sich zu einem herrlich (schwarz-)humorigen und sehr schön gefilmten Werk über ein kompliziertes und kaum kontrolliertes Leben.
Besonders viel Kontrolle wiederum hat Miecia – und sie kann und will sie nicht aufgeben. Miecia ist die Königin von Łeba in The queen and the smokehouse (Regie: Iga Lis), der den neuen vom DFF-Patrons’ Circle gestifteten Publikumspreis sowie eine Lobende Erwähnung der internationalen Jury erhielt. Sie betreibt seit 40 Jahren am Strand eine Fischräucherei und ist weithin bekannt und geliebt. Vor allem ihr gleichermaßen rauer und fordernder, aber auch humorvoller Charakter besticht durch die Leinwand, auch wenn das Verhältnis zu ihren wesentlich jüngeren Angestellten nicht unbedingt immer sehr herzlich scheint.
Noch ein anderer Dokumentarfilm mit dem Fokus auf die ältere Generation gewann gleich zwei Preise: Outliving Shakespeare (Regie: Inna Sahakyan und Ruben Ghazaryan) aus Armenien erhielt gleichermaßen den goEast Dokumentarfilmpreis wie den Fipresci Dokumentarfilm-Preis. Im Zentrum stehen die Bewohnerinnen und Bewohner eines armenischen Pflegeheims, die in der heiminternen Theatergruppe das Stück »Shakespeares Sünden« proben und aufführen möchten. Dabei weiß man gar nicht, was dramatischer ist – das Theaterstück oder all die größeren und kleineren Liebesgeschichten, Streitigkeiten, Sehnsüchte, Kabbeleien und Albernheiten der Bewohner. Dabei werden die einzelnen Persönlichkeiten sehr herzlich und zärtlich gezeichnet, sodass jede Minute des Films Spaß macht – man weiß nie, was die nächste Szene bringt.
Was die nächste Station in ihrem Leben bringt, weiß die Teppichweberin Turdugul im kirgisischen Drama Black Red Yellow (Regie: Aktan Arym Kubat) erst, wenn sie ankommt. Sie zieht als Nomadin kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion von Auftrag zu Auftrag und wird für einige Zeit Teil des Lebens ihrer AuftraggeberInnen; diese wiederum werden auch Teil ihres Lebens. Als sie sich bei einem ihrer Aufträge in den Hausherrn verliebt, lässt sie diese Begegnung ihr Leben lang nicht mehr los. Black Red Yellow ist dabei mehr als eine filmische Reise in die Vergangenheit; vielmehr ist es eine Auseinandersetzung mit einer reichen Kultur und Tradition, deren Erhaltung den Menschen manchmal große Opfer abverlangt. Dabei ist alles von der weitläufigen Steppe bis zum im Weben begriffenen Teppich so schön gefilmt, dass man gar nicht mehr aus der Welt des Films auftauchen möchte.
Auftauchen möchte man auch aus dem goEast nicht. Und wenn man es dann doch muss, weiß man: Man hat in den Festivaltagen so viel gesehen wie sonst selten, in so viele Kulturen und Sichtweisen Einblicke erhalten, so viele Welten fragmentarisch kennengelernt – es war wieder einmal ein großes, cineastisches Vergnügen.