30.04.2026

Kaleidoskop des östlichen Kinos

Sorella di clausura von Ivana Mladenovic
(Foto: goEast · Ivana Mladenović)

Das goEast, Festival des mittel- und osteuropäischen Films, zeichnete sich erneut durch seine Vielfalt aus: von Puppentrickmärchen bis zu hybriden Dokumentarfilmen, von Rumänien bis Kirgistan – und darüber hinaus

Von Paula Ruppert

Jedes Jahr aufs Neue verwan­delt sich die hessische Landes­haupt­stadt Wiesbaden mit dem goEast – Festival des mittel- und osteu­ropäi­schen Films in eine Hochburg des ost- und mittel­eu­ropäi­schen Kinos. Dieses Jahr stand zum ersten Mal Rebecca Heiler an der Spitze, die nach Heleen Gerritsen die Leitung des Festivals übernahm. Und auch wenn es dadurch selbst­ver­s­tänd­lich ein paar Ände­rungen beim Ablauf des Festivals gab, blieb der Kern erhalten: Man fand sich auf einem herz­li­chen und offenen Festival wieder, dessen neue Sektion »Kalei­do­skop« eigent­lich auf das gesamte Programm zutrifft. Wieder einmal sah man sich mit einer thema­ti­schen, geogra­phi­schen und genreü­ber­span­nenden Vielfalt konfron­tiert, die einen wünschen ließ, in mehreren Kinos gleich­zeitig sitzen zu können.

Ein beson­derer Beitrag zum dies­jäh­rigen Kurz­film­wett­be­werb »goShorts«, dessen Filme um den RheinMain Kurz­film­preis konkur­rierten, war das Stop-Motion-Puppen­trick-Erwach­se­nen­mär­chen The care package (Regie: Vera Shysh) aus Belarus. Ein lang­bei­niges Wesen aus mit Proviant gefüllten Zello­phan­tüten klettert aus dem Fenster eines Hauses, streift durch verschneite Plat­ten­bau­straßen und gelangt über die Gefäng­nis­mauern in die Zelle eines poli­ti­schen Gefan­genen. Inspi­riert vom Brief einer Freundin der Regis­seurin an ihren inhaf­tierten Bruder ist dieses dunkle Märchen für Erwach­sene mit dem zum Leben erwachten Care-Package eine eindrück­liche Darstel­lung der Situation der Gefan­genen und ihrer Familien, die oft nur durch die mit Proviant gefüllten Pakete mitein­ander in Kontakt treten können.

Ebenso dunkel, aber leider in der Realität zu verorten, ist der Gewinner der Goldenen Lilie, Clouds move with great speed von Roman Ostrovskyi. Der Regisseur filmt als Frei­wil­liger an der Front in der Ukraine seine Einsätze. Er doku­men­tiert die Unmensch­lich­keit des Krieges, indem er die Menschen in den Mittel­punkt stellt, ihre Geschichten von ihnen selbst erzählen lässt oder einfach nur zuschaut und den Kriegs­alltag zeigt. Der Film verzichtet auf groß­ar­tige Emotio­na­li­sie­rung, versucht vielmehr, die Bilder und Worte der Prot­ago­nis­tInnen für sich selbst sprechen zu lassen, was ihn besonders hart, aber umso wichtiger macht.

Mit den nach­hal­tigen Folgen eines vergan­genen Krieges beschäf­tigt sich der hybride Doku­men­tar­film The beauty of the donkey unter der Regie von Dea Gjinovci, der von 3sat ausge­wählt wurde, um im Folgejahr im Umfeld des goEast-Festivals im 3sat-Programm präsen­tiert zu werden. Die Regis­seurin begibt sich mit ihrem Vater auf die Reise in dessen Heimat­dorf im Kosovo, das er noch vor dem Krieg verlassen musste. Der Film mischt doku­men­ta­ri­sche Szenen mit Episoden aus der Kindheit des Vaters, die von den Dorf­be­woh­nern in einem Nachbau des – aufgrund des Krieges nicht mehr stehenden – väter­li­chen Hauses thea­tra­lisch nach­ge­spielt werden. Dabei wird auf die offene Darstel­lung von physi­scher Gewalt bewusst verzichtet; vielmehr soll gezeigt werden, was alles einst war und durch den Krieg zerstört wurde, wie ein Krieg die Zukunft nimmt.

So gut wie ohne Plan für ihre Zukunft ist die Prot­ago­nistin Stela in dem rumä­ni­schen Spielfilm Sorella di clausura von Ivana Mlade­nović, die auch den Preis der Landes­haupt­stadt Wiesbaden für die Beste Regie erhielt. Stelas Lebens­in­halt gilt der alternden jugo­sla­wi­schen Pop-Ikone Boban, den sie heiß und innig verehrt. Dabei nehmen ihre Huld­be­zei­gungen zum Teil herrlich groteske Ausmaße an, und auch wenn sie eine durchaus anstren­gende Zeit­ge­nossin zu sein scheint, wird die Figur nie ins Lächer­liche gezogen. Ihre Versuche, mit Boban Kontakt aufzu­nehmen, der Finanz­krise zu trotzen und böse Facebook-Kommen­tare an Bobans angeb­liche Geliebte zu schreiben, ebenfalls Popsän­gerin, münden in einer Freund­schaft mit besagter Geliebten und formen sich zu einem herrlich (schwarz-)humorigen und sehr schön gefilmten Werk über ein kompli­ziertes und kaum kontrol­liertes Leben.

Besonders viel Kontrolle wiederum hat Miecia – und sie kann und will sie nicht aufgeben. Miecia ist die Königin von Łeba in The queen and the smoke­house (Regie: Iga Lis), der den neuen vom DFF-Patrons’ Circle gestif­teten Publi­kums­preis sowie eine Lobende Erwähnung der inter­na­tio­nalen Jury erhielt. Sie betreibt seit 40 Jahren am Strand eine Fischräu­cherei und ist weithin bekannt und geliebt. Vor allem ihr glei­cher­maßen rauer und fordernder, aber auch humor­voller Charakter besticht durch die Leinwand, auch wenn das Verhältnis zu ihren wesent­lich jüngeren Ange­stellten nicht unbedingt immer sehr herzlich scheint.

Noch ein anderer Doku­men­tar­film mit dem Fokus auf die ältere Gene­ra­tion gewann gleich zwei Preise: Outliving Shake­speare (Regie: Inna Sahakyan und Ruben Ghazaryan) aus Armenien erhielt glei­cher­maßen den goEast Doku­men­tar­film­preis wie den Fipresci Doku­men­tar­film-Preis. Im Zentrum stehen die Bewoh­ne­rinnen und Bewohner eines arme­ni­schen Pfle­ge­heims, die in der heimin­ternen Thea­ter­gruppe das Stück »Shake­speares Sünden« proben und aufführen möchten. Dabei weiß man gar nicht, was drama­ti­scher ist – das Thea­ter­s­tück oder all die größeren und kleineren Liebes­ge­schichten, Strei­tig­keiten, Sehn­süchte, Kabbe­leien und Albern­heiten der Bewohner. Dabei werden die einzelnen Persön­lich­keiten sehr herzlich und zärtlich gezeichnet, sodass jede Minute des Films Spaß macht – man weiß nie, was die nächste Szene bringt.

Was die nächste Station in ihrem Leben bringt, weiß die Teppich­we­berin Turdugul im kirgi­si­schen Drama Black Red Yellow (Regie: Aktan Arym Kubat) erst, wenn sie ankommt. Sie zieht als Nomadin kurz nach dem Zerfall der Sowjet­union von Auftrag zu Auftrag und wird für einige Zeit Teil des Lebens ihrer Auftrag­ge­berInnen; diese wiederum werden auch Teil ihres Lebens. Als sie sich bei einem ihrer Aufträge in den Hausherrn verliebt, lässt sie diese Begegnung ihr Leben lang nicht mehr los. Black Red Yellow ist dabei mehr als eine filmische Reise in die Vergan­gen­heit; vielmehr ist es eine Ausein­an­der­set­zung mit einer reichen Kultur und Tradition, deren Erhaltung den Menschen manchmal große Opfer abver­langt. Dabei ist alles von der weit­läu­figen Steppe bis zum im Weben begrif­fenen Teppich so schön gefilmt, dass man gar nicht mehr aus der Welt des Films auftau­chen möchte.

Auftau­chen möchte man auch aus dem goEast nicht. Und wenn man es dann doch muss, weiß man: Man hat in den Festi­val­tagen so viel gesehen wie sonst selten, in so viele Kulturen und Sicht­weisen Einblicke erhalten, so viele Welten frag­men­ta­risch kennen­ge­lernt – es war wieder einmal ein großes, cine­as­ti­sches Vergnügen.