Filme, die eingreifen |
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| (Foto: Dokumentarfilmwoche Hamburg · Kazuo Hara) | ||
Von Eckhard Haschen
Am Ende gab es ihn dann doch noch, den Dokumentarfilm, der sich weitgehend auf das Beobachten eines kleinen Teils der Welt beschränkt. Ganz ohne Kommentar und ohne Musik zeigt Serge-Olivier Rondeau in The Inheritors das tägliche Leben einer riesigen Kolonie von Ringschnabelmöwen, die stets im Frühling neben Kanadas größter Mülldeponie nahe Montreal ihre Küken aufziehen. Außer den Aufnahmen der Kamera, die Rondeau in minutiöser Vorarbeit inmitten der Kolonie platziert hatte, sehen wir auch solche aus der Perspektive eines Falken, der von Menschen trainiert wurde, um auf der Deponie wenigstens ein bisschen für Ordnung zu sorgen. Ein Film, in dem Menschen kaum vorkommen, und der doch eindrucksvoll zeigt, was wir zu vererben haben.
Den Schwerpunkt legte das 15-köpfige Festivalkollektiv diesmal jedoch auf Filme, die sich in das vorgefundene Geschehen einmischen und auf unterschiedlichste Weise Position beziehen. Exemplarisch stand hierfür die Retrospektive, die diesmal dem japanischen Regisseur Kazuo Hara gewidmet war. Gezeigt wurden die ersten vier »Action Documentaries«, die der inzwischen 80-Jährige, der auch zu Gast war, zusammen mit seiner Produzentin und Lebenspartnerin Sachiko Kobayashi zwischen 1972 und 1994 realisierte. In Goodbye DP begleitet Hara Mitglieder des Green Lawn Movement, die durch Zerebralparese geistig und körperlich eingeschränkt sind, in ihrem Alltag und bei Interventionen in der Öffentlichkeit. Ist die Begegnung zwischen Menschen mit sichtbarer Behinderung und der Gesellschaft, die sie bis dahin ausgegrenzt hatte, an sich schon konfrontativ, wird die Hierarchie zwischen ihnen durch die Kamera spürbar verstärkt. Die Bruchlinien zwischen den gesellschaftlichen Gruppen Japans aufzuzeigen, um die Hierarchien zwischen ihnen einzureißen, das ist Haras Credo von Anfang an. Um seiner ehemaligen Lebensgefährtin Miyuki Takeda und dem gemeinsamen Sohn weiter nahe zu sein, begleitet er sie in seinem zweiten Film Extreme Private Eros: Love Song mit der Kamera bei ihrem Selbstfindungsprozess bis nach Okinawa, wo sie sich ein Leben jenseits traditioneller Familienstrukturen aufbaut. Dass das Private im Japan der 1970er Jahre nicht weniger politisch war als in der westlichen Welt, lässt sich hier hautnah miterleben. Ein Musterbeispiel für militantes Kino ist The Emperor‘s Naked Army Marches On, Haras dritter Film, der 1987 auch auf der Berlinale Aufsehen erregte. Hier folgt Hara einem Aktivisten, der – von der Anwesenheit der Kamera sichtlich bestärkt – die Verantwortlichen für den Tod einiger einfacher Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs auf unmissverständliche Weise mit ihrer Schuld konfrontiert. Vergleichsweise zahm geraten ist dagegen A Dedicated Life, Haras 1994 fertiggestelltes Porträt des im Verlauf der Dreharbeiten an seiner Krebserkrankung gestorbenen Schriftstellers Inoue Mitsuharu. Als besonderen Kunstgriff hat sich Hara hier erlaubt, von Mitsuhara nachweislich erfundene Begebenheiten aus seinem Leben in schwarzweißen Spielszenen nachzustellen.
Zur vergleichsweise distanzierten Beobachtung gezwungen war die israelische Regisseurin Anat Even bei Effondrement, einem der aufwühlendsten unter den aktuellen Filmen. Entlang der Grenze zum Gaza fährt sie die äußeren Konfliktlinien ab und legt dabei so manche innere offen. Von Ferne erahnt man die Vertreibung und Zerstörung des palästinensischen Lebens durch israelische Raketen – aus der Nähe sehen wir einmal die Überreste eines durch die Anschläge vom 7. Oktober zerstörten Kibbuz und eine Versammlung radikaler Siedler. Manchmal reicht das Wenige schon vollkommen aus.