30.04.2026

Filme, die eingreifen

Extreme Private Eros: Love Song 1974
(Foto: Dokumentarfilmwoche Hamburg · Kazuo Hara)

In den Filmen der 23. Dokumentarfilmwoche Hamburg wurde die Anwesenheit der Kamera selten geleugnet

Von Eckhard Haschen

Am Ende gab es ihn dann doch noch, den Doku­men­tar­film, der sich weit­ge­hend auf das Beob­achten eines kleinen Teils der Welt beschränkt. Ganz ohne Kommentar und ohne Musik zeigt Serge-Olivier Rondeau in The Inhe­ri­tors das tägliche Leben einer riesigen Kolonie von Ring­schna­bel­möwen, die stets im Frühling neben Kanadas größter Müll­de­ponie nahe Montreal ihre Küken aufziehen. Außer den Aufnahmen der Kamera, die Rondeau in minu­tiöser Vorarbeit inmitten der Kolonie platziert hatte, sehen wir auch solche aus der Perspek­tive eines Falken, der von Menschen trainiert wurde, um auf der Deponie wenigs­tens ein bisschen für Ordnung zu sorgen. Ein Film, in dem Menschen kaum vorkommen, und der doch eindrucks­voll zeigt, was wir zu vererben haben.

Den Schwer­punkt legte das 15-köpfige Festi­val­kol­lektiv diesmal jedoch auf Filme, die sich in das vorge­fun­dene Geschehen einmi­schen und auf unter­schied­lichste Weise Position beziehen. Exem­pla­risch stand hierfür die Retro­spek­tive, die diesmal dem japa­ni­schen Regisseur Kazuo Hara gewidmet war. Gezeigt wurden die ersten vier »Action Docu­men­ta­ries«, die der inzwi­schen 80-Jährige, der auch zu Gast war, zusammen mit seiner Produ­zentin und Lebens­part­nerin Sachiko Kobayashi zwischen 1972 und 1994 reali­sierte. In Goodbye DP begleitet Hara Mitglieder des Green Lawn Movement, die durch Zere­bral­pa­rese geistig und körper­lich einge­schränkt sind, in ihrem Alltag und bei Inter­ven­tionen in der Öffent­lich­keit. Ist die Begegnung zwischen Menschen mit sicht­barer Behin­de­rung und der Gesell­schaft, die sie bis dahin ausge­grenzt hatte, an sich schon konfron­tativ, wird die Hier­ar­chie zwischen ihnen durch die Kamera spürbar verstärkt. Die Bruch­li­nien zwischen den gesell­schaft­li­chen Gruppen Japans aufzu­zeigen, um die Hier­ar­chien zwischen ihnen einzu­reißen, das ist Haras Credo von Anfang an. Um seiner ehema­ligen Lebens­ge­fährtin Miyuki Takeda und dem gemein­samen Sohn weiter nahe zu sein, begleitet er sie in seinem zweiten Film Extreme Private Eros: Love Song mit der Kamera bei ihrem Selbst­fin­dungs­pro­zess bis nach Okinawa, wo sie sich ein Leben jenseits tradi­tio­neller Fami­li­en­struk­turen aufbaut. Dass das Private im Japan der 1970er Jahre nicht weniger politisch war als in der west­li­chen Welt, lässt sich hier hautnah miter­leben. Ein Muster­bei­spiel für mili­tantes Kino ist The Emperor‘s Naked Army Marches On, Haras dritter Film, der 1987 auch auf der Berlinale Aufsehen erregte. Hier folgt Hara einem Akti­visten, der – von der Anwe­sen­heit der Kamera sichtlich bestärkt – die Verant­wort­li­chen für den Tod einiger einfacher Soldaten am Ende des Zweiten Welt­kriegs auf unmiss­ver­s­tänd­liche Weise mit ihrer Schuld konfron­tiert. Vergleichs­weise zahm geraten ist dagegen A Dedicated Life, Haras 1994 fertig­ge­stelltes Porträt des im Verlauf der Dreh­ar­beiten an seiner Krebs­er­kran­kung gestor­benen Schrift­stel­lers Inoue Mitsuharu. Als beson­deren Kunst­griff hat sich Hara hier erlaubt, von Mitsuhara nach­weis­lich erfundene Bege­ben­heiten aus seinem Leben in schwarz­weißen Spiel­szenen nach­zu­stellen.

Zur vergleichs­weise distan­zierten Beob­ach­tung gezwungen war die israe­li­sche Regis­seurin Anat Even bei Effond­re­ment, einem der aufwüh­lendsten unter den aktuellen Filmen. Entlang der Grenze zum Gaza fährt sie die äußeren Konflikt­li­nien ab und legt dabei so manche innere offen. Von Ferne erahnt man die Vertrei­bung und Zers­törung des paläs­ti­nen­si­schen Lebens durch israe­li­sche Raketen – aus der Nähe sehen wir einmal die Überreste eines durch die Anschläge vom 7. Oktober zerstörten Kibbuz und eine Versamm­lung radikaler Siedler. Manchmal reicht das Wenige schon voll­kommen aus.