76. Berlinale 2026
Buena Vista Social Club |
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| Könnte auch ein Untertitel der 76. Berlinale sein: Good Luck, Have Fun, Don’t Die | ||
| (Foto: Berlinale · Constantin Film) | ||
Von Anna Edelmann
Der Himmel über Berlin, mei, der war grau wie immer. Viel wurde (erneut) geschrieben über die Unwirtlichkeit der Hauptstadt im Februar. Das verlangt die Tradition der Berlinaleberichterstattung. Das Wetter in Cannes und Venedig ist im Sommer einfach wärmer, die Sterne und Sternchen leuchten auch tagsüber strahlender auf dem wolkenunbedeckten Firmament. Dafür hatten wir im Mai drei schöne Tage, um die Floskeln immer passend mit Loriot abzurunden.
Aber warum rede ich über das Wetter, wenn es doch um die Berlinale geht? Ganz ehrlich: Weil ich scheue, über Politik zu reden. Wie soll es anders sein, wenn man nicht zufällig auf einem Meteorologenkongress spricht: Das Wetter ist ein Thema, das Thema für Small Talk; man plaudert erholsam unverfänglich um den heißen Brei herum. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Affronts auf der Berlinale mittlerweile zu einer ebenso verlässlichen Konstante der Berichterstattung geworden sind wie eben die eisglatten Steinplatten des Potsdamer Platz und der immergraue Himmel über der Hauptstadt.
Und politisch ist sie, die Berlinale. Sie legt auch selbst sehr viel Wert darauf, immer wieder zu betonen, das politische unter den A-Festivals zu sein.
Nicht zu Unrecht wird der Berlinale aber gerne vorgeworfen, ihre politische Positionierung wäre mehr heuchlerische Fassade als stabile Basis. Als zu schwammig wird das politische Engagement wahrgenommen. Und so hämmert an genau diesem wackelig gebauten Fundament inzwischen die Realität. Die aktuelle politische Weltlage lässt reine Feel-Good-Statements von Institutionen der Größenordnung der Berlinale nicht mehr zu; es werden konkrete Stellungnahmen gefordert.
Gleich zum Auftakt des diesjährigen Festivals fand sich Jurypräsident Wim Wenders in der unliebsamen Position wieder, öffentlich Stellung zur politischen Ausrichtung der Berlinale beziehen zu müssen und landete mit seiner im besten Fall unüberlegten Antwort, dass Filme nicht politisch sein sollten, prompt inmitten eines viralen Shitstorms. Das veranlasste die Autorin Arundhati Roy, ihren Besuch in Berlin abzusagen, da sie sich an den Aussagen der Jury bezüglich des Gaza-Kriegs und der vermeintlichen unpolitischen Filmkunst stieß. Gegangen ist Umweltminister Carsten Schneider während der Preisverleihung, als der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib des Film Chronicles from the Siege der Bundesregierung vorwarf, sie sei »Partner des Völkermords in Gaza«.
Gleich zwei offene Briefe veröffentlicht die Berlinale selbst, auf einer eigens dafür eingerichteten Seite der Webseite: Noch während des Festivals reagierte Intendantin Tricia Tuttle auf die Kritik an der Jurypressekonferenz und stellte sich hinter ihre Jury; nach dem Festival schrieb das »Berlinale-Team« einen offenen Brief, in dem es sich hinter ihre Direktorin stellte, die inzwischen selbst in die Kritik geraten war. Es stand kurzfristig zur Entscheidung, ob Tuttle schon nach ihrer zweiten Berlinale das Festival wieder verlassen wird, da »sie in dieser vergifteten Atmosphäre und ihren politischen Spannungen die Berlinale kaum weiterführen könne«. Jetzt aber darf sie bleiben, mit einem »beratenden Forum« an ihrer Seite sowie einem Verhaltenskodex, der im Hause Weimer für alle Kulturveranstaltungen des Bundes ausgearbeitet wird.
Es werden Zeichen gesetzt. Filmemachende, Festivalmitarbeitende, Politikmachende und reguläre Gäste positionieren sich und haben entweder wirklich etwas zu sagen, dem man dringend zuhören sollte – oder möchten den Anschein erwecken.
Die Filme werden von dem – sicher wichtigen – öffentlichen Diskurs in die Ecke gedrängt. Dabei fahren wir beharrlich immer wieder im grantigen Februar nach Berlin, um dort eben viele Filme anzusehen.
Weil wir uns an Filmen erfreuen; manchmal sogar, wenn sie uns missfallen. Filme, die uns lange nach dem Kinobesuch noch begleiten und uns prägen können. Und die politisch sind?
Film will jedenfalls immer gesellschaftlich sein. Woraus sich nicht selten automatisch eine politische Relevanz ergibt. Und wie schön waren denn nun die Aussichten in diesem cineastischen Gesellschaftsklub?
Unerwartet optimistisch gestimmt, wie ein kleiner cineastischer Spaziergang zeigt in Berlin, Berlin-Brandenburg.
Mein geschätzter »artechock«-Kollege Thomas Willmann hat letzte Woche in seinem Abschlussbericht bereits Hoffnung aus der ausgezeichneten Sektion »Perspectives« geschöpft. Hierhin flüchte auch ich mich zuerst: in die Abgeschiedenheit der einsamen Berghütte von Forêt ivre. Da steht sie, die junge Frau. Reckt ihre Hand dem Himmel entgegen, wartet auf ein Signal. Direkt unter dem Kreuz kann sie den Herrn hören – um seine Bettenreservierung mit ihm durchzusprechen. So geht es tagein, tagaus bei den drei Frauen, die gemeinsam die rustikale Zuflucht betreiben. Menschen gehen ein und aus, ihre Leben streifen sich, ohne sich je wirklich zu berühren. Diese scheinbar konsequenzenlose Beobachtung von Menschenleben lullt einen mit ihrer Unverbindlichkeit ein, bis der Film am Ende doch mit diesem Konzept bricht und in eine völlig überzogene Richtung überkorrigiert, die einem nach diesem ruhigen Erzählfluss plötzlich wie manipulative Reißbrett-Dramaturgie vorkommt. Selten wünscht man sich mehr Distanz zu Figuren. Und dennoch: Es spricht etwas für so einen Zufluchtsort der Stille, an dem man die hektische und komplizierte Welt hinter sich lassen kann.
Fernab von politischen Aussagen wähnt man sich auch in der Sektion »Special Gala« und stellt sich ein auf Spektakelkino aus Hollywood. Filme, die programmiert werden, damit der rote Teppich boulevardgerecht gefüllt wird. Diese Erwartung wird auch erfüllt, doch Good Luck, Have Fun, Don’t Die erweist sich als wilder und seltsamer, als die Beschreibung es vermuten ließe. Regisseur Gore Verbinskis Werk (jenseits der karibischen Piraten zumindest) war unter der Oberfläche schon oft etwas zu ungeschliffen und experimentierfreudig, um kritiklos vom Mainstream angenommen zu werden. Und so überlädt sich auch sein erster Film seit fast zehn Jahren mit Ideen, die auf dem Papier kaum zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzufügen gewesen sein dürften. In ein typisch amerikanisches Diner stolpert ein verwirrt wirkender Mann, der die eben noch gemütlich Speisenden vor der nahenden Apokalypse durch übermäßigen Social-Media-Konsum warnen möchte. Er versucht bereits zum x-ten Mal, ein Team aus willigen Mitkämpfern zusammenzuwürfeln. Es gilt mal wieder, das Ende der Welt zu verhindern – was sich praktischerweise nur ein paar Straßenblöcke weiter erledigen ließe. Die Endgegner sind allesamt altbekannte und fast schon altbackene Themen: das böse Internet, die noch böseren sozialen Medien, der Underdog als einziger Retter, die selbstverschuldete, rasant zunehmende Verdummung der Menschheit. Und doch reißt Verbinski einen mit einer atemlos-vehementen Verve mit, die man in Bezug auf wahnsinnige Zeitreisende seit 12 Monkeys nicht mehr gesehen hat. Im Herzen bleibt der Film zwar tief pessimistisch in seiner Zukunftsvision, doch er verliert den Glauben an die Menschheit und an den Zusammenhalt der (Zufalls-)Gemeinschaft nicht.
Die Sektion »Special Gala Midnight«. Auf vielen Festivals vermisst man inzwischen schmerzlich die berüchtigten Mitternachtsschienen, auf die dieser furchteinflößende Feind des guten Geschmacks oft ausgelagert wurde: der Genrefilm. Lange als zu oberflächlich verschrien und damit durchaus missverstanden, befindet er sich mal wieder im Aufschwung des allgemeinen Ansehens. Selten lassen sich die Probleme und Ängste ganzer Gesellschaften so instinktiv und brachial ansprechen wie hier. So widmet sich Monster Pabrik Rambut ganz unverschleiert der kapitalistischen Ausbeutung: In einer Fabrik für Perücken und Prothesen werden die Arbeiter für kleine Boni bis zur kompletten körperlichen Erschöpfung zu ihrem monotonen Tagwerk angetrieben. Als in diesem unzurechenbaren Zustand Unfälle passieren und die Angestellten Gliedmaßen verlieren, wird an der eigentlichen Ursache nicht gezweifelt: In der Fabrik haust ein Dämon, den es zu besiegen gilt, um aus dem Uhrwerk zu entkommen. Das ist derb und krud, sowohl in der Thematik als auch in der Umsetzung eines sehr schwarzen Galgenhumors. Für haarfeine Nuancen bleibt hier kein Platz. Stattdessen wird die absolute und sofortige Akzeptanz des Übernatürlichen durch alle Figuren zum Sinnbild dafür, wie unausweichlich die elendigen »Freuden« des Kapitalismus im Bewusstsein verankert sind. Das Grauen muss nicht mehr erst identifiziert werden; es ist längst fester Bestandteil des Alltags.
Nun bleibt noch die »Generationen«-Sektion, in der sich vermeintlich heitere und unbeschwerte Kinder- und Jugendfilme verbergen. Doch auch hier wird es schnell sozialkritisch, etwa in dem Dokumentarfilm A fabulosa máquina do tempo, in der Mädchen über ihre Zukunft in einer ärmlichen, ländlichen Gegend Brasiliens spekulieren. Ob man mit einer Zeitmaschine lieber in die Zukunft oder in die Vergangenheit reisen würde – daran scheiden sich hier die Geister. Die Mädchen sind einerseits froh, noch keine Frauen zu sein, und dennoch zieht es sie nach vorne, in eine bessere, in eine selbstbestimmte Zukunft. Ihre Mütter hingegen würden gerne einen Schritt zurückgehen, um verpasste Chancen wahrzunehmen oder falsche Entscheidungen ungeschehen zu machen. Dieses gewichtige Zwiegespräch der Generationen wird durch Spielszenen aufgebrochen, in denen die Mädchen mit lebhaft-freiem Witz selbst aus ihrem Alltag berichten. In der Realität mag einer der Männer im Dorf ein erbärmliches Bild abgeben, wenn er sturzbetrunken den Draufgänger markiert und halbherzig mimt, eine lebendige Schlange zu essen. Die Szene ist ein gefundenes Fressen für die Mädchen: Sie reißen sich darum, den Trunkenbold vor der Kamera nachzuahmen – mit falschem Bart und, dem Tier- und Kindeswohl zuliebe, mit einer Plüschschlange ausgestattet. Auf diese Weise wird den Beteiligten durch den Einblick in den aggressiv-erschreckenden dörflichen Alltag ein Spiegel vorgehalten. Inszeniert von der nächsten Generation, entpuppt sich das angeberische Macho-Gehabe als schlicht albern. Und so stiftet der Film Hoffnung, dass es mit der Menschheit vielleicht doch immer vorangeht – unaufhaltsam, mit der Zeitmaschine.
Der Film steht beispielhaft für ein Programm, das sich weigerte, nur in depressiven Zukunftsszenarien zu verharren. Und diese schöne Aussicht ist doch sehr politisch. Wie könnte es ein Medium auch nicht sein, das so zutiefst menschliche Kunst hervorbringt? Nach all den Debatten bleiben am Ende eben doch die Momente von der Leinwand, jene Bilder, die uns noch lange nachhängen. Sie begleiten uns und sind einfach nur da. Wie das Wetter. Nur schöner.