05.03.2026
76. Berlinale 2026

Buena Vista Social Club

Good Luck, Have Fun, Don't Die
Könnte auch ein Untertitel der 76. Berlinale sein: Good Luck, Have Fun, Don’t Die
(Foto: Berlinale · Constantin Film)

Ein unpolitischer Text über die (un-)politischen Filme der 76. Berlinale

Von Anna Edelmann

Der Himmel über Berlin, mei, der war grau wie immer. Viel wurde (erneut) geschrieben über die Unwirt­lich­keit der Haupt­stadt im Februar. Das verlangt die Tradition der Berli­nal­e­be­richt­erstat­tung. Das Wetter in Cannes und Venedig ist im Sommer einfach wärmer, die Sterne und Sternchen leuchten auch tagsüber strah­lender auf dem wolken­un­be­deckten Firmament. Dafür hatten wir im Mai drei schöne Tage, um die Floskeln immer passend mit Loriot abzu­runden.

Der Himmel über Berlin und offene Briefe

Aber warum rede ich über das Wetter, wenn es doch um die Berlinale geht? Ganz ehrlich: Weil ich scheue, über Politik zu reden. Wie soll es anders sein, wenn man nicht zufällig auf einem Meteo­ro­lo­gen­kon­gress spricht: Das Wetter ist ein Thema, das Thema für Small Talk; man plaudert erholsam unver­fäng­lich um den heißen Brei herum. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Affronts auf der Berlinale mitt­ler­weile zu einer ebenso verläss­li­chen Konstante der Bericht­erstat­tung geworden sind wie eben die eisglatten Stein­platten des Potsdamer Platz und der immer­graue Himmel über der Haupt­stadt.

Und politisch ist sie, die Berlinale. Sie legt auch selbst sehr viel Wert darauf, immer wieder zu betonen, das poli­ti­sche unter den A-Festivals zu sein.

Nicht zu Unrecht wird der Berlinale aber gerne vorge­worfen, ihre poli­ti­sche Posi­tio­nie­rung wäre mehr heuch­le­ri­sche Fassade als stabile Basis. Als zu schwammig wird das poli­ti­sche Enga­ge­ment wahr­ge­nommen. Und so hämmert an genau diesem wackelig gebauten Fundament inzwi­schen die Realität. Die aktuelle poli­ti­sche Weltlage lässt reine Feel-Good-State­ments von Insti­tu­tionen der Größen­ord­nung der Berlinale nicht mehr zu; es werden konkrete Stel­lung­nahmen gefordert.

Gleich zum Auftakt des dies­jäh­rigen Festivals fand sich Jury­prä­si­dent Wim Wenders in der unlieb­samen Position wieder, öffent­lich Stellung zur poli­ti­schen Ausrich­tung der Berlinale beziehen zu müssen und landete mit seiner im besten Fall unüber­legten Antwort, dass Filme nicht politisch sein sollten, prompt inmitten eines viralen Shit­s­torms. Das veran­lasste die Autorin Arundhati Roy, ihren Besuch in Berlin abzusagen, da sie sich an den Aussagen der Jury bezüglich des Gaza-Kriegs und der vermeint­li­chen unpo­li­ti­schen Filmkunst stieß. Gegangen ist Umwelt­mi­nister Carsten Schneider während der Preis­ver­lei­hung, als der syrisch-paläs­ti­nen­si­sche Regisseur Abdallah Alkhatib des Film Chro­nicles from the Siege der Bundes­re­gie­rung vorwarf, sie sei »Partner des Völker­mords in Gaza«.

Gleich zwei offene Briefe veröf­fent­licht die Berlinale selbst, auf einer eigens dafür einge­rich­teten Seite der Webseite: Noch während des Festivals reagierte Inten­dantin Tricia Tuttle auf die Kritik an der Jury­pres­se­kon­fe­renz und stellte sich hinter ihre Jury; nach dem Festival schrieb das »Berlinale-Team« einen offenen Brief, in dem es sich hinter ihre Direk­torin stellte, die inzwi­schen selbst in die Kritik geraten war. Es stand kurz­fristig zur Entschei­dung, ob Tuttle schon nach ihrer zweiten Berlinale das Festival wieder verlassen wird, da »sie in dieser vergif­teten Atmo­sphäre und ihren poli­ti­schen Span­nungen die Berlinale kaum weiter­führen könne«. Jetzt aber darf sie bleiben, mit einem »bera­tenden Forum« an ihrer Seite sowie einem Verhal­tens­kodex, der im Hause Weimer für alle Kultur­ver­an­stal­tungen des Bundes ausge­ar­beitet wird.

Cine­as­ti­scher Spazier­gang unter opti­mis­ti­scher Wetter­lage

Es werden Zeichen gesetzt. Filme­ma­chende, Festi­val­mit­ar­bei­tende, Poli­tik­ma­chende und reguläre Gäste posi­tio­nieren sich und haben entweder wirklich etwas zu sagen, dem man dringend zuhören sollte – oder möchten den Anschein erwecken.

Die Filme werden von dem – sicher wichtigen – öffent­li­chen Diskurs in die Ecke gedrängt. Dabei fahren wir beharr­lich immer wieder im grantigen Februar nach Berlin, um dort eben viele Filme anzusehen.

Weil wir uns an Filmen erfreuen; manchmal sogar, wenn sie uns miss­fallen. Filme, die uns lange nach dem Kino­be­such noch begleiten und uns prägen können. Und die politisch sind?

Film will jeden­falls immer gesell­schaft­lich sein. Woraus sich nicht selten auto­ma­tisch eine poli­ti­sche Relevanz ergibt. Und wie schön waren denn nun die Aussichten in diesem cine­as­ti­schen Gesell­schafts­klub?

Uner­wartet opti­mis­tisch gestimmt, wie ein kleiner cine­as­ti­scher Spazier­gang zeigt in Berlin, Berlin-Bran­den­burg.

Mein geschätzter »artechock«-Kollege Thomas Willmann hat letzte Woche in seinem Abschluss­be­richt bereits Hoffnung aus der ausge­zeich­neten Sektion »Perspec­tives« geschöpft. Hierhin flüchte auch ich mich zuerst: in die Abge­schie­den­heit der einsamen Berghütte von Forêt ivre. Da steht sie, die junge Frau. Reckt ihre Hand dem Himmel entgegen, wartet auf ein Signal. Direkt unter dem Kreuz kann sie den Herrn hören – um seine Betten­re­ser­vie­rung mit ihm durch­zu­spre­chen. So geht es tagein, tagaus bei den drei Frauen, die gemeinsam die rustikale Zuflucht betreiben. Menschen gehen ein und aus, ihre Leben streifen sich, ohne sich je wirklich zu berühren. Diese scheinbar konse­quen­zen­lose Beob­ach­tung von Menschen­leben lullt einen mit ihrer Unver­bind­lich­keit ein, bis der Film am Ende doch mit diesem Konzept bricht und in eine völlig über­zo­gene Richtung über­kor­ri­giert, die einem nach diesem ruhigen Erzähl­fluss plötzlich wie mani­pu­la­tive Reißbrett-Drama­turgie vorkommt. Selten wünscht man sich mehr Distanz zu Figuren. Und dennoch: Es spricht etwas für so einen Zufluchtsort der Stille, an dem man die hektische und kompli­zierte Welt hinter sich lassen kann.

Fernab von poli­ti­schen Aussagen wähnt man sich auch in der Sektion »Special Gala« und stellt sich ein auf Spek­ta­kel­kino aus Hollywood. Filme, die program­miert werden, damit der rote Teppich boule­vard­ge­recht gefüllt wird. Diese Erwartung wird auch erfüllt, doch Good Luck, Have Fun, Don’t Die erweist sich als wilder und seltsamer, als die Beschrei­bung es vermuten ließe. Regisseur Gore Verbin­skis Werk (jenseits der kari­bi­schen Piraten zumindest) war unter der Ober­fläche schon oft etwas zu unge­schliffen und expe­ri­men­tier­freudig, um kritiklos vom Main­stream ange­nommen zu werden. Und so überlädt sich auch sein erster Film seit fast zehn Jahren mit Ideen, die auf dem Papier kaum zu einem schlüs­sigen Ganzen zusam­men­zu­fügen gewesen sein dürften. In ein typisch ameri­ka­ni­sches Diner stolpert ein verwirrt wirkender Mann, der die eben noch gemütlich Spei­senden vor der nahenden Apoka­lypse durch über­mäßigen Social-Media-Konsum warnen möchte. Er versucht bereits zum x-ten Mal, ein Team aus willigen Mitkämp­fern zusam­men­zu­wür­feln. Es gilt mal wieder, das Ende der Welt zu verhin­dern – was sich prak­ti­scher­weise nur ein paar Straßen­blöcke weiter erledigen ließe. Die Endgegner sind allesamt altbe­kannte und fast schon altba­ckene Themen: das böse Internet, die noch böseren sozialen Medien, der Underdog als einziger Retter, die selbst­ver­schul­dete, rasant zuneh­mende Verdum­mung der Mensch­heit. Und doch reißt Verbinski einen mit einer atemlos-vehe­menten Verve mit, die man in Bezug auf wahn­sin­nige Zeitrei­sende seit 12 Monkeys nicht mehr gesehen hat. Im Herzen bleibt der Film zwar tief pessi­mis­tisch in seiner Zukunfts­vi­sion, doch er verliert den Glauben an die Mensch­heit und an den Zusam­men­halt der (Zufalls-)Gemein­schaft nicht.

Mitter­nachts­schiene, Schiene für Gene­ra­tionen

Die Sektion »Special Gala Midnight«. Auf vielen Festivals vermisst man inzwi­schen schmerz­lich die berüch­tigten Mitter­nachts­schienen, auf die dieser furcht­ein­flößende Feind des guten Geschmacks oft ausge­la­gert wurde: der Genrefilm. Lange als zu ober­fläch­lich verschrien und damit durchaus miss­ver­standen, befindet er sich mal wieder im Aufschwung des allge­meinen Ansehens. Selten lassen sich die Probleme und Ängste ganzer Gesell­schaften so instinktiv und brachial anspre­chen wie hier. So widmet sich Monster Pabrik Rambut ganz unver­schleiert der kapi­ta­lis­ti­schen Ausbeu­tung: In einer Fabrik für Perücken und Prothesen werden die Arbeiter für kleine Boni bis zur kompletten körper­li­chen Erschöp­fung zu ihrem monotonen Tagwerk ange­trieben. Als in diesem unzu­re­chen­baren Zustand Unfälle passieren und die Ange­stellten Glied­maßen verlieren, wird an der eigent­li­chen Ursache nicht gezwei­felt: In der Fabrik haust ein Dämon, den es zu besiegen gilt, um aus dem Uhrwerk zu entkommen. Das ist derb und krud, sowohl in der Thematik als auch in der Umsetzung eines sehr schwarzen Galgen­hu­mors. Für haarfeine Nuancen bleibt hier kein Platz. Statt­dessen wird die absolute und sofortige Akzeptanz des Über­na­tür­li­chen durch alle Figuren zum Sinnbild dafür, wie unaus­weich­lich die elendigen »Freuden« des Kapi­ta­lismus im Bewusst­sein verankert sind. Das Grauen muss nicht mehr erst iden­ti­fi­ziert werden; es ist längst fester Bestand­teil des Alltags.

Nun bleibt noch die »Gene­ra­tionen«-Sektion, in der sich vermeint­lich heitere und unbe­schwerte Kinder- und Jugend­filme verbergen. Doch auch hier wird es schnell sozi­al­kri­tisch, etwa in dem Doku­men­tar­film A fabulosa máquina do tempo, in der Mädchen über ihre Zukunft in einer ärmlichen, länd­li­chen Gegend Brasi­liens speku­lieren. Ob man mit einer Zeit­ma­schine lieber in die Zukunft oder in die Vergan­gen­heit reisen würde – daran scheiden sich hier die Geister. Die Mädchen sind einer­seits froh, noch keine Frauen zu sein, und dennoch zieht es sie nach vorne, in eine bessere, in eine selbst­be­stimmte Zukunft. Ihre Mütter hingegen würden gerne einen Schritt zurück­gehen, um verpasste Chancen wahr­zu­nehmen oder falsche Entschei­dungen unge­schehen zu machen. Dieses gewich­tige Zwie­ge­spräch der Gene­ra­tionen wird durch Spiel­szenen aufge­bro­chen, in denen die Mädchen mit lebhaft-freiem Witz selbst aus ihrem Alltag berichten. In der Realität mag einer der Männer im Dorf ein erbärm­li­ches Bild abgeben, wenn er sturz­be­trunken den Drauf­gänger markiert und halb­herzig mimt, eine lebendige Schlange zu essen. Die Szene ist ein gefun­denes Fressen für die Mädchen: Sie reißen sich darum, den Trun­ken­bold vor der Kamera nach­zu­ahmen – mit falschem Bart und, dem Tier- und Kindes­wohl zuliebe, mit einer Plüsch­schlange ausge­stattet. Auf diese Weise wird den Betei­ligten durch den Einblick in den aggressiv-erschre­ckenden dörf­li­chen Alltag ein Spiegel vorge­halten. Insze­niert von der nächsten Gene­ra­tion, entpuppt sich das ange­be­ri­sche Macho-Gehabe als schlicht albern. Und so stiftet der Film Hoffnung, dass es mit der Mensch­heit viel­leicht doch immer vorangeht – unauf­haltsam, mit der Zeit­ma­schine.

Der Film steht beispiel­haft für ein Programm, das sich weigerte, nur in depres­siven Zukunfts­sze­na­rien zu verharren. Und diese schöne Aussicht ist doch sehr politisch. Wie könnte es ein Medium auch nicht sein, das so zutiefst mensch­liche Kunst hervor­bringt? Nach all den Debatten bleiben am Ende eben doch die Momente von der Leinwand, jene Bilder, die uns noch lange nach­hängen. Sie begleiten uns und sind einfach nur da. Wie das Wetter. Nur schöner.