Lebenslagen |
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| Direkt aus dem Leben: Sanatorium | ||
| (Foto: Mittel Punkt Europa Filmfest · Metfilm) | ||
Von Paula Ruppert
Die Fliege hat es in der Kultur weit gebracht. Sei es als lästiges Kleidungsstück, das selbst zu binden vielen Männern noch unmöglicher scheint als eine Krawatte; sei es – eher unbekannt – als Little Fly in einem Shimmy-Foxtrott von Laurent Halet oder etwas bekannter im Horrorfilm Die Fliege (bzw. Die Fliege 2). Die Fliege hat es mit Polowanie na muchy (Fliegenjagd, Polen 1969) sogar fast titelgebend bis zu Andrzej Wajda geschafft. Diese »Fliegenjagd« nun ist der Eröffnungsfilm des 10. Mittel Punkt Europa Filmfests, das dieses Jahr vom 26. Februar bis zum 8. März im Filmmuseum stattfindet. Wie gewohnt kommt auch dieses Mal wieder ein vielfältiges Programm auf die Leinwand.
Darunter ist die tschechische Produktion Letní škola, 2001 (Summer School, 2001, Regie: Dužan Duong), die die vietnamesische Community in den Blick nimmt. Der 17-jährige Kien kehrt zum Beginn der Sommerferien nach zehn Jahren plötzlich aus Vietnam zurück nach Tschechien, was für ihn gleichermaßen schwierig ist wie für seine Eltern und seinen einige Jahre jüngeren Bruder. Nacheinander aus der Sicht des Vaters und seiner beiden Söhne erzählt, entspannt sich ein Geflecht aus Unverständnis und Missverständnis, Neuanfang und Weitermachen, Streit und Geborgenheit. In dieser filmischen Sommerschule müssen alle noch viel lernen – die Eltern, die nach Tschechien kamen, gleichermaßen wie die Kinder, die dort aufgewachsen sind bzw. noch aufwachsen.
Die Schulzeit als solche steht auch bei Strichka chasu (Timestamp, Regie: Kateryna Gornostai) im Mittelpunkt. In der Ukraine herrscht Krieg, doch die Schulen stehen nicht still: Ob online, in Schutzbunkern oder in zum Teil zerbombten Gebäuden, der Unterricht geht weiter. Sirenen und Luftalarm gehören dazu, kurz – nichts ist normal. Und doch zeigt der Film, wie unermüdlich die Lehrerinnen und Lehrer ihr Bestes tun, allem einen Anschein von Normalität und damit von Sicherheit zu geben.
Normalität versucht auch der ungarische Spielfilm Minden rendben (Growing Down, Regie: Bálint Dániel Sós) zu vermitteln, der in beklemmendem Schwarzweiß gehalten ist. Sándor hat nach dem Tod seiner Frau scheinbar endlich eine neue Frau an seiner Seite gefunden. Nicht nur die beiden Erwachsenen verstehen sich prächtig, auch die jeweiligen Kinder. Sándors Sohn allerdings hat seit dem Tod seiner Mutter Probleme, seine Wut zu kontrollieren. Als auf dem Geburtstag seiner quasi-Stievschwester ein Unfall geschieht, werden alle Figuren auf ihre Art aus der Bahn geworfen und Sándor steht vor dem moralischen Dilemma, welches Verhalten seinerseits seinen Sohn schütz – und zu welchem Preis. Die titelgebende Frage – oder Aussage – »Minden rendben«, »alles gut«, ist eindeutig rhetorisch aufzufassen.
Ob alles gut ist möchte man manchmal auch die Brüder František und Ondřej fragen, die alleine auf einem abgelegenen Hof wohnen und die der Dokumentarfilm Raději zešílet v divočině (Better Go Mad in the Wild, Regie: Miro Remo) als Protagonisten hat. Die Zwillinge leben schon so lange dort, dass sie einander scheinbar fast durchgängig zur Weißglut treiben, gleichzeitig aber ohne den jeweils anderen offensichtlich nicht leben können. Zusammen bauen sie sich eine eigene Welt, von der sich jeder etwas anderes erwünscht und erhofft; dennoch scheinen beide gleichermaßen nach Freiheit und Geborgenheit zu streben. Aus teils sprunghaften Fragmenten setzt sich nach und nach ein poetischer Film zusammen, der immer wieder mit Teilen aus allen symphonischen Dichtungen von Bedřich Smetanas Zyklus »Má vlast« untermalt ist.
Zumindest nach außen hin um einiges friedlicher als auf dem Hof der Zwillinge scheint das Leben in Sanatorium (Regie: Gar O´Rourke) zu sein. Dieses befindet sich allerdings nahe bei Odessa, das immer wieder Luftangriffen durch die russländische Armee ausgesetzt ist. Die Zeit im Sanatorium, die ja doch der vollständigen Erholung dienen sollte, wird so durch die Umstände massiv erschwert. Und doch scheint der Erholungsort wie eine Zeitkapsel, die niemand aus der Sowjetzeit abgeholt hat und an der die Zeit doch nicht spurlos vorüber ist; der Putz bröckelt, das Dach ist undicht, doch die großen kyrillischen Lettern zeigen das Wort »курорт« (»Kurort«) nach wie vor in die Weite hinaus. Die Gäste sind zwar wenige, aber sie kommen, trotz der wiederkehrenden Luftangriffe. In dem riesigen brutalistischen Bauwerk suchen die Menschen das, was es außerhalb der Mauern nicht mehr gibt: Ruhe, Erholung, einen Tapetenwechsel – kurz, eine Auszeit aus der Gewalt, die sie sonst umgibt. Ob sie all das finden, sei nicht verraten; Sanatorium ist allerdings definitiv eines der Highlights des diesjährigen Festivals.
Diejenigen, die jedoch keine Erholung suchen, könnten zum Beispiel in dem auf dem Leben eines der bekanntesten slowakischen Mafia-Bosse Mikuláš Černák basierenden Film Miki (Regie: Jakub Kroner) fündig werden; wer sich mit den Protesten in Belarus 2020 auseinandersetzen möchte, in Under the Grey Sky (Regie: Mara Tamkovich). Falls man wiederum möglichst viel Verschiedenes in möglichst kurzer Zeit sehen möchte, gibt es dazu an zwei Kurzfilmabenden die Gelegenheit: Im Programm »10 Jahre Kurzfilme« werden gleichermaßen Werke gezeigt, die bereits auf dem Festival liefen, wie auch Festival-Neulinge. Das zweite Kurzfilmprogramm richtet sich primär an die noch heranwachsende Besucherschar: »AnimaCZECH« zeigt animierte Kurzfilme für Kinder aus Tschechien.
Das Jubiläumsprogramm des 10. Mittel Punkt Europa Filmfests ist wieder breit aufgestellt. Wer sich also an einer herumsummenden Fliege ein Beispiel nehmen möchte und an einem der Festivaltage ins Filmmuseum hineingeflogen kommt, darf sich gerne fangen lassen – es lohnt sich.
26.02.–08.03.2026
Filmmuseum München