26.02.2026

Lebenslagen

Sanatorium
Direkt aus dem Leben: Sanatorium
(Foto: Mittel Punkt Europa Filmfest · Metfilm)

Es ist das Jahr der runden Jubiläen für das mitteleuropäische Kino: Das Mittel Punkt Europa Filmfest geht in die 10. Runde und Andrzej Wajda wäre 100 geworden

Von Paula Ruppert

Die Fliege hat es in der Kultur weit gebracht. Sei es als lästiges Klei­dungs­stück, das selbst zu binden vielen Männern noch unmög­li­cher scheint als eine Krawatte; sei es – eher unbekannt – als Little Fly in einem Shimmy-Foxtrott von Laurent Halet oder etwas bekannter im Horror­film Die Fliege (bzw. Die Fliege 2). Die Fliege hat es mit Polowanie na muchy (Flie­gen­jagd, Polen 1969) sogar fast titel­ge­bend bis zu Andrzej Wajda geschafft. Diese »Flie­gen­jagd« nun ist der Eröff­nungs­film des 10. Mittel Punkt Europa Filmfests, das dieses Jahr vom 26. Februar bis zum 8. März im Film­mu­seum statt­findet. Wie gewohnt kommt auch dieses Mal wieder ein viel­fäl­tiges Programm auf die Leinwand.

Darunter ist die tsche­chi­sche Produk­tion Letní škola, 2001 (Summer School, 2001, Regie: Dužan Duong), die die viet­na­me­si­sche Community in den Blick nimmt. Der 17-jährige Kien kehrt zum Beginn der Sommer­fe­rien nach zehn Jahren plötzlich aus Vietnam zurück nach Tsche­chien, was für ihn glei­cher­maßen schwierig ist wie für seine Eltern und seinen einige Jahre jüngeren Bruder. Nach­ein­ander aus der Sicht des Vaters und seiner beiden Söhne erzählt, entspannt sich ein Geflecht aus Unver­s­tändnis und Miss­ver­s­tändnis, Neuanfang und Weiter­ma­chen, Streit und Gebor­gen­heit. In dieser filmi­schen Sommer­schule müssen alle noch viel lernen – die Eltern, die nach Tsche­chien kamen, glei­cher­maßen wie die Kinder, die dort aufge­wachsen sind bzw. noch aufwachsen.

Die Schulzeit als solche steht auch bei Strichka chasu (Timestamp, Regie: Kateryna Gornostai) im Mittel­punkt. In der Ukraine herrscht Krieg, doch die Schulen stehen nicht still: Ob online, in Schutz­bun­kern oder in zum Teil zerbombten Gebäuden, der Unter­richt geht weiter. Sirenen und Luftalarm gehören dazu, kurz – nichts ist normal. Und doch zeigt der Film, wie uner­müd­lich die Lehre­rinnen und Lehrer ihr Bestes tun, allem einen Anschein von Norma­lität und damit von Sicher­heit zu geben.

Norma­lität versucht auch der unga­ri­sche Spielfilm Minden rendben (Growing Down, Regie: Bálint Dániel Sós) zu vermit­teln, der in beklem­mendem Schwarz­weiß gehalten ist. Sándor hat nach dem Tod seiner Frau scheinbar endlich eine neue Frau an seiner Seite gefunden. Nicht nur die beiden Erwach­senen verstehen sich prächtig, auch die jewei­ligen Kinder. Sándors Sohn aller­dings hat seit dem Tod seiner Mutter Probleme, seine Wut zu kontrol­lieren. Als auf dem Geburtstag seiner quasi-Stiev­schwester ein Unfall geschieht, werden alle Figuren auf ihre Art aus der Bahn geworfen und Sándor steht vor dem mora­li­schen Dilemma, welches Verhalten seiner­seits seinen Sohn schütz – und zu welchem Preis. Die titel­ge­bende Frage – oder Aussage – »Minden rendben«, »alles gut«, ist eindeutig rheto­risch aufzu­fassen.

Ob alles gut ist möchte man manchmal auch die Brüder František und Ondřej fragen, die alleine auf einem abge­le­genen Hof wohnen und die der Doku­men­tar­film Raději zešílet v divočině (Better Go Mad in the Wild, Regie: Miro Remo) als Prot­ago­nisten hat. Die Zwillinge leben schon so lange dort, dass sie einander scheinbar fast durch­gängig zur Weißglut treiben, gleich­zeitig aber ohne den jeweils anderen offen­sicht­lich nicht leben können. Zusammen bauen sie sich eine eigene Welt, von der sich jeder etwas anderes erwünscht und erhofft; dennoch scheinen beide glei­cher­maßen nach Freiheit und Gebor­gen­heit zu streben. Aus teils sprung­haften Frag­menten setzt sich nach und nach ein poeti­scher Film zusammen, der immer wieder mit Teilen aus allen sympho­ni­schen Dich­tungen von Bedřich Smetanas Zyklus »Má vlast« untermalt ist.

Zumindest nach außen hin um einiges fried­li­cher als auf dem Hof der Zwillinge scheint das Leben in Sana­to­rium (Regie: Gar O´Rourke) zu sein. Dieses befindet sich aller­dings nahe bei Odessa, das immer wieder Luft­an­griffen durch die russ­län­di­sche Armee ausge­setzt ist. Die Zeit im Sana­to­rium, die ja doch der volls­tän­digen Erholung dienen sollte, wird so durch die Umstände massiv erschwert. Und doch scheint der Erho­lungsort wie eine Zeit­kapsel, die niemand aus der Sowjet­zeit abgeholt hat und an der die Zeit doch nicht spurlos vorüber ist; der Putz bröckelt, das Dach ist undicht, doch die großen kyril­li­schen Lettern zeigen das Wort »курорт« (»Kurort«) nach wie vor in die Weite hinaus. Die Gäste sind zwar wenige, aber sie kommen, trotz der wieder­keh­renden Luft­an­griffe. In dem riesigen bruta­lis­ti­schen Bauwerk suchen die Menschen das, was es außerhalb der Mauern nicht mehr gibt: Ruhe, Erholung, einen Tape­ten­wechsel – kurz, eine Auszeit aus der Gewalt, die sie sonst umgibt. Ob sie all das finden, sei nicht verraten; Sana­to­rium ist aller­dings definitiv eines der High­lights des dies­jäh­rigen Festivals.

Dieje­nigen, die jedoch keine Erholung suchen, könnten zum Beispiel in dem auf dem Leben eines der bekann­testen slowa­ki­schen Mafia-Bosse Mikuláš Černák basie­renden Film Miki (Regie: Jakub Kroner) fündig werden; wer sich mit den Protesten in Belarus 2020 ausein­an­der­setzen möchte, in Under the Grey Sky (Regie: Mara Tamkovich). Falls man wiederum möglichst viel Verschie­denes in möglichst kurzer Zeit sehen möchte, gibt es dazu an zwei Kurz­film­abenden die Gele­gen­heit: Im Programm »10 Jahre Kurzfilme« werden glei­cher­maßen Werke gezeigt, die bereits auf dem Festival liefen, wie auch Festival-Neulinge. Das zweite Kurz­film­pro­gramm richtet sich primär an die noch heran­wach­sende Besu­cher­schar: »AnimaCZECH« zeigt animierte Kurzfilme für Kinder aus Tsche­chien.

Das Jubiläums­pro­gramm des 10. Mittel Punkt Europa Filmfests ist wieder breit aufge­stellt. Wer sich also an einer herumsum­menden Fliege ein Beispiel nehmen möchte und an einem der Festi­val­tage ins Film­mu­seum hinein­ge­flogen kommt, darf sich gerne fangen lassen – es lohnt sich.

10. Mittel Punkt Europa Filmfest

26.02.–08.03.2026
Film­mu­seum München