Cinema Moralia – Folge 379
Wie können wir bessere oder gute Filme in Deutschland machen? |
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| Heute wohl eher »Lola brennt«: Tom Tykwers Film hat den Deutschen Filmpreis revolutioniert | ||
| (Foto: X Verleih) | ||
Vergangene Woche hatte ich an dieser Stelle geschrieben, der deutsche Film müsste sich von seiner Berlinfixierung lösen. Das war während der Berlinale entstanden und auch aus Zeitgründen hat es ein bisschen an der Begründung gefehlt und vor allem daran, zu erklären, was das denn bedeutet. Genau das möchte ich hier und heute nachliefern. Also: Was heißt es, dass sich der deutsche Film von seiner Berlin Fixierung lösen müsste?
Was heißt das?
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Es gibt drei Erfahrungsebenen: einerseits die Treffen des deutschen Films, andererseits die Filme selbst; schließlich die privaten Begegnungen.
Was erzählen einem die Leute so während der Berlinale? Zum Beispiel dies: Im Augenblick ist wieder »die Kiste« unterwegs. Gemeint sind die Filmpreiskandidaten, die von der Filmakademie verschickt werden.
Was die Leute dazu erzählen, sind ihre Erfahrungen. Das ist natürlich sehr unterschiedlich; manche sind sehr positiv. Das
muss man auch sagen; andere sind aber auch gnadenlos negativ. Man nennt dann nicht einen einzigen Film, der ihnen gefällt. Ich will das hier gar nicht bewerten.
Ich glaube, dass das vergangene Jahr 2025 einen in Bezug auf deutsche Filme in mancher Hinsicht hoffnungsvoll stimmen konnte. Aber trotzdem gibt es grundsätzliche Probleme, die immer grassierender, immer schlimmer sind, und ähnlich wie bei der Berlinale geht es dem deutschen Film so, dass seine Qualität seit Anfang der Nullerjahre – markiert einerseits von den ersten frühen Filmen der Berliner Schule und andererseits von Lola rennt und Good Bye, Lenin! und Roehler und anschließend auch durch das Kino von Migranten, also Filmen von Fatih Akin und Ayşe Polat, dass das Kino nach dieser plötzlich Aufbruchsphase langsam aber sicher in eine Art qualitativen Sinkflug überging. Und heutige Kassenerfolge eines Films wie Amrum täuschen nur über die Lage hinweg: Die Qualität ist einfach nicht gut genug.
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Was tun? Man müsste auf der einen Seite das tun, was die wenigen richtig guten deutschen Filme schon seit einiger Zeit mehr und mehr machen: Sie entdecken die Provinz neu.
Nicht in einer irgendwie gearteten Form eines neuen Heimatfilms, also nicht verklärt und verkitscht, auch nicht als Ort primitiver Dumpfbacken; sondern einfach als einen Raum normaler Menschen mit ihren Problemen, der durch seine spezifischen Eigenschaften interessant ist und oft interessanter als die immer
gleichen Lofts der Hauptstadt, die immer gleichen Künstlerprobleme, in denen die Hauptstadtkünstler sich oft nur selbst bespiegeln und dann natürlich einem bestimmten Schlag von Hauptstadtkritikern gefallen, aber keineswegs dem Publikum, das zu über 90 Prozent eben nicht in der Hauptstadt lebt.
Das gleiche, was man manchen Parteien vorgeworfen hat – Politik nur für Berlin Mitte zu machen; ob zu Recht oder zu Unrecht möchte ich gar nicht bewerten –, kann man auch
einen größeren Teil des deutschen Films vorwerfen: Filme für eine akademische, wohlsituierte Mittelschicht mit Luxusproblemen zu machen. Was herauskommt, sind dann eben auch Luxusfilme.
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Dann müsste man außerdem die Großstädte neu entdecken, also Frankfurt, München, Hamburg, Leipzig, Köln, in dieser Reihenfolge.
Man sollte sich nicht nur als Filmschauplatz entdecken, sondern natürlich auch als Ort, an dem der deutsche Film stattfindet, an dem Debatten passieren und an dem Preise vergeben werden und an dem »etwas los« ist.
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Das Verschwinden des guten anspruchsvollen und doppelbödigen Kommerzfilms ist eine Entwicklung der letzten zwanzig Jahre, die das Kino berührt und verändert.
Die Freizeitmöglichkeiten werden mehr. Die Filme außerhalb des Kinos viel mehr.
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Nehmen wir mal die Filmakademie und den Deutschen Filmpreis. Warum ist der immer in Berlin, warum wandert er nicht?
Der Deutsche Filmpreis ist ja nicht das DFB-Pokalfinale, das immer im Berliner Olympiastadion stattfinden muss – ganz abgesehen davon, dass die Preisverleihung ähnlich zweitklassig ist wie der Olympiastadionsverein Hertha BSC.
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Die Problematik der Zentralisierung der Filmbranche in Berlin und der damit zusammenhängenden politisch-gesellschaftlichen Ausrichtung, um nicht zu sagen Schieflage, hängt auch damit zusammen, dass die Deutsche Filmakademie sehr zentralistisch aus Berlin heraus agiert.
Es gibt seit längerem vielfältige Beschwerden von Mitgliedern aus dem südlichen und westlichen Raum Deutschlands (aus dem Osten weniger, da die Filmakademie fast gar keine Mitglieder in den
östlichen Bundesländern außerhalb Berlins und dem erweiterten Speckgürtel Brandenburgs hat), dass sie in der Akademie wenig vorkommen, da sich fast alles auf Berlin bei Veranstaltungen und Entscheidungen abspielt.
Die Münchner, Kölner und Frankfurter spielen einfach keine Rolle innerhalb der Arbeit der Filmakademie. Die Hamburger sind da etwas besser dran, auch weil sie intern meistens die Ausrichtung der Berliner Zentrale gutheißen oder sogar noch stärker die von der
Filmakademie einseitig nach vorn gepushten Wokeness-Punkte Green Shooting, Impact Shooting, Diversität, Politisierung der Filmarbeit fordern, die schon jetzt stark die Agenda der Deutschen Filmakademie prägen. Aus München, Frankfurt und Köln kommen immer wieder Rufe nach mehr Nachdenken und Veranstaltungen zu Themen wie »Wie können wir gute Filme machen? Was sind gute Filme? Wie erzählen wir ästhetisch interessant? Welche Rahmenbedingungen brauchen wir dafür?« Man kann diese
ergebnislosen Rufe immer wieder auch in öffentlichen Artikeln wie mehrfach von Martin Moszkowicz nachlesen. Wurde irgend etwas davon in Berlin umgesetzt? Nein! Hier haben die Hardliner aus der Schauspielsektion das Sagen, die mit Instagram-Stories schnell mal einen Shitstorm gegen die eigene Akademie organisieren können, wenn ihnen eine Preisverleihung nicht »genug gegen rechts« war oder die falschen Fahrräder genutzt wurden, um zur Preisverleihung zu kommen. Im Zentrum eines
demokratisch organisierten eingetragenen Vereins müsste eigentlich die Mitgliederversammlung und der dort gewählte Vorstand mit Vorstandsvorsitz sein.
Aber das eigentliche Zentrum der Akademie ist einzig die seit 15 Jahren amtierende, angestellte und nicht gewählte, Geschäftsführerin Anne Leppin. Mitglieder beschreiben ihre Rolle: »Sie bestimmt letztlich allein, wohin die Reise hingeht: Das ist manchmal gut und richtig, auch professionell. Aber oft auch verschämt nur
allen möglichen Shitstorms aus dem Weg gehen wollend und sehr oft einfach nicht von einer wirklichen Liebe zu Film als Kunst geprägt. Immer ging der Blick auch zur Politik, was wohl 'richtig wäre'«.
Auf jeden Fall sind die Entscheidungen meist nicht durch die gewählten Gremien der Deutschen Filmakademie diskutiert und entschieden worden, sondern es wurde aus dem Büro vorgegeben. Das hat oft zu Beschwerden der Münchner, Kölner und Frankfurter geführt. Der aktuelle
Vorstandsvorsitzende, der eigentlich die Akademie führen sollte, ist sogar den meisten Mitgliedern der DFA nicht bekannt: Martin Heisler – ein junger und guter Produzent, aber als Vorstand ohne jede Macht gegenüber seiner Geschäftsführerin. Das ist sehr schön anzusehen, wenn man sich eine der jährlich zwei Mitgliederversammlungen anschaut. Früher war dies ein Ort großer Diskurse und auch Streite, wohin die Akademie sich entwickeln soll, welchen Kurs sie einschlagen
müsste.
Heute ist es eher Frontalunterricht durch die Geschäftsführerin, die Mitglieder des Vorstands sitzen als Staffage daneben. Um Kinofilm geht es wenig, dafür aber sehr viel um die »zivilgesellschaftlichen Anliegen«, die DFA als NGO. Was ist ein weiterer Grund, warum die DFA so sehr als Berlin-Akademie empfunden wird? Es ist die undurchsichtige Nähe zur Macht. Vor allem in den Jahren der Grünen-BKM Frau Roth wurde die Filmpolitik heimlich in den Sekretariaten der
Filmakademie erdacht, ohne dies im Vorstand oder der Mitgliedschaft zu diskutieren, weil es dort zu diversen Haltungen hätte kommen können.
Diese »Hinterzimmerpolitik« fiel der Geschäftsführerin auf die Füße, als die BKM, dieses Mal ohne Mitwirkung der DFA, auf einmal die Preisgelder für den Deutschen Filmpreis strich. »Wir können da nichts machen und wir sollten da auch nicht dagegen vorgehen«, war das einzige, was aus der Zentrale gesagt wurde. Was Martin Moszkowicz, ein
unbedingt wichtiges Mitglied der DFA aus München davon hielt, kann man in Zeitungen nachlesen...
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Diese unkritische Nähe zur Macht war auch schon ein großes Problem während der Corona-Zeit. Als alle Kinos geschlossen waren, obwohl man überall einkaufen und arbeiten gehen konnte. Ein Aufruf oder eine Bitte an die Regierung, diese Maßnahmen zu überdenken und so kurz wie möglich zu halten aus der DFA? Antwort dazu aus der Geschäftsführungszentrale: »Wir dürfen die Regierung in dieser schwierigen Zeit nicht kritisieren. Das hilft nur den Rechten...« Der damalige Präsident Ulrich Matthes schlug dann auch derb zu bester Sendezeit auf 3sat auf diejenigen Mitglieder der Akademie ein, die sich erlaubt hatten, zu versuchen, ihre künstlerische Freiheit zu nutzen, auf filmische Art zu reagieren. Die Mitmacher von »Alles dicht machen« mussten sich ganz im Gegenteil freuen, damals nicht aus der Akademie geworfen worden zu sein und mussten in der Akademie Reue zeigen. Nun klappt das mit Herrn Weimer scheinbar nicht mehr so gut, aber man belässt es trotzdem dabei, keine Haltung in der Filmpolitik zu entwickeln. Das war bei den Auseinandersetzungen um die Investionsverpflichtung absolut sichbar, ziemliches Schweigen aus der DFA-Zentrale in Berlin. Aus München kamen von Martin Moszkowicz wieder die starken Appelle, außerhalb der DFA...
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Vielleicht müsste die DFA sich auflösen und neu in Frankfurt oder auch München gründen, um neu den Geist einer Akademie zu finden, die im offenen Austausch über Kunst, Ästhetik, Freiheit und Film streitet und debattiert. In der bisherigen Form ist das an einen Endpunkt gekommen, die Deutsche Filmakademie ist in einer schweren Krise. Das zeigt sich auch daran, dass wichtige Mitglieder, die exemplarisch für den Deutschen Kinofilm stehen, austreten, weil sie sich nicht mehr wiederfinden. Man kann das eigenständig auf der Homepage der DFA suchen, dort sind die Mitglieder zu finden.
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U.a. fehlen seit einigen Wochen und Monaten durch Austritt: Roland Emmerich, Sönke Wortmann, Oscar Roehler, Tom Schilling und viele weitere. Die Akademie tut dies als Lappalie ab. Wie lange kann sie sich das noch leisten? Im Gegenzug wurde gerade auf der letzten Mitgliederversammlung beschlossen, dass nur noch »geborene« Mitglieder (durch Gewinn des Deutschen Filmpreises) aufgenommen werden und die anderen neuen Mitglieder nicht mehr durch die Mitgliedschaft vorgeschlagen werden dürfen, sondern die nicht gewählte, sondern angestellte Geschäftsführung selbst diese Entscheidungen vorbereitet. Ob das dazu führt, die Berlin-Übermacht zu brechen und wieder demokratische Verhältnisse in die DFA zu bringen? Wir werden es sehen!
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Heute kam die Meldung, dass die Berlinale-Chefin gehen müsse. Vorsitzende der Findungskommission war seinerzeit die Geschäftsführerin der Filmakademie.
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Nehmen wir mal das »Kuratorium Junger Deutscher Film«. Die Gerüchteküche, die auch während der Berlinale dauerhaft vor sich hinblubberte, besagt, dass es sehr klare Pläne gibt, dieses Kuratorium bei nächster Gelegenheit nach Berlin zu versetzen.
Hier müssen alle Länderförderer zusammenstehen. Denn das würde nichts anderes bedeuten, als eine Ausschaltung der Länder ausgerechnet in der einen Förderung, in der der Föderalismus dem gesamten deutschen Film dient und nicht nur
Standortinteressen der jeweiligen Bundesländer. In denen die Länder zusammen eine Bundesförderung veranstalten. Das Kuratorium ist geradezu eine Utopie guter Filmförderung: Dass nämlich nicht an Partikularinteressen gedacht wird, sondern an das große Ganze, und dass viele Hände zusammenkommen, um eine Leistung zu vollbringen.
Das einzige, was nötig ist: Das Kuratorium muss noch viel besser ausgestattet werden. Das Modell ausgebaut. Es darf nicht in die FFA
eingegliedert werden.
Insbesondere muss die Hessische Landesregierung verteidigt werden, aber auch selbst eine Initiative ergreifen, damit man sie verteidigen kann und das in Wiesbaden beherbergte Kuratorium retten. Die Tatsache, dass dort gerade eine neue Führung etabliert wurde, und mit Christina Bentlage eine zwar ungemein kompetente, aber nicht speziell in der Nachwuchsförderung ausgewiesene und außerdem politisch von mächtigen Akteuren der Springerpresse
angeschossene Geschäftsführerin, macht die Sache nicht einfacher.
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In vieler Hinsicht ist alles zum Verzweifeln. Aber wir bleiben am Thema dran.