26.02.2026
Cinema Moralia – Folge 379

Wie können wir bessere oder gute Filme in Deutschland machen?

Lola rennt
Heute wohl eher »Lola brennt«: Tom Tykwers Film hat den Deutschen Filmpreis revolutioniert
(Foto: X Verleih)

Weitere Gedanken zur Berlinfixierung des deutschen Films und der deutschen Filmdiskurse. Für die Berlinale gilt das aber weiterhin ebenfalls, für die Deutsche Filmakademie aber auch – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 379. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Vergan­gene Woche hatte ich an dieser Stelle geschrieben, der deutsche Film müsste sich von seiner Berlin­fi­xie­rung lösen. Das war während der Berlinale entstanden und auch aus Zeit­gründen hat es ein bisschen an der Begrün­dung gefehlt und vor allem daran, zu erklären, was das denn bedeutet. Genau das möchte ich hier und heute nach­lie­fern. Also: Was heißt es, dass sich der deutsche Film von seiner Berlin Fixierung lösen müsste?

Was heißt das?

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Es gibt drei Erfah­rungs­ebenen: einer­seits die Treffen des deutschen Films, ande­rer­seits die Filme selbst; schließ­lich die privaten Begeg­nungen.
Was erzählen einem die Leute so während der Berlinale? Zum Beispiel dies: Im Augen­blick ist wieder »die Kiste« unterwegs. Gemeint sind die Film­preis­kan­di­daten, die von der Film­aka­demie verschickt werden.
Was die Leute dazu erzählen, sind ihre Erfah­rungen. Das ist natürlich sehr unter­schied­lich; manche sind sehr positiv. Das muss man auch sagen; andere sind aber auch gnadenlos negativ. Man nennt dann nicht einen einzigen Film, der ihnen gefällt. Ich will das hier gar nicht bewerten.

Ich glaube, dass das vergan­gene Jahr 2025 einen in Bezug auf deutsche Filme in mancher Hinsicht hoff­nungs­voll stimmen konnte. Aber trotzdem gibt es grund­sätz­liche Probleme, die immer gras­sie­render, immer schlimmer sind, und ähnlich wie bei der Berlinale geht es dem deutschen Film so, dass seine Qualität seit Anfang der Nuller­jahre – markiert einer­seits von den ersten frühen Filmen der Berliner Schule und ande­rer­seits von Lola rennt und Good Bye, Lenin! und Roehler und anschließend auch durch das Kino von Migranten, also Filmen von Fatih Akin und Ayşe Polat, dass das Kino nach dieser plötzlich Aufbruchs­phase langsam aber sicher in eine Art quali­ta­tiven Sinkflug überging. Und heutige Kassen­er­folge eines Films wie Amrum täuschen nur über die Lage hinweg: Die Qualität ist einfach nicht gut genug.

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Was tun? Man müsste auf der einen Seite das tun, was die wenigen richtig guten deutschen Filme schon seit einiger Zeit mehr und mehr machen: Sie entdecken die Provinz neu.
Nicht in einer irgendwie gearteten Form eines neuen Heimat­films, also nicht verklärt und verkitscht, auch nicht als Ort primi­tiver Dumpf­ba­cken; sondern einfach als einen Raum normaler Menschen mit ihren Problemen, der durch seine spezi­fi­schen Eigen­schaften inter­es­sant ist und oft inter­es­santer als die immer gleichen Lofts der Haupt­stadt, die immer gleichen Künst­ler­pro­bleme, in denen die Haupt­stadt­künstler sich oft nur selbst bespie­geln und dann natürlich einem bestimmten Schlag von Haupt­stadt­kri­ti­kern gefallen, aber keines­wegs dem Publikum, das zu über 90 Prozent eben nicht in der Haupt­stadt lebt.
Das gleiche, was man manchen Parteien vorge­worfen hat – Politik nur für Berlin Mitte zu machen; ob zu Recht oder zu Unrecht möchte ich gar nicht bewerten –, kann man auch einen größeren Teil des deutschen Films vorwerfen: Filme für eine akade­mi­sche, wohl­si­tu­ierte Mittel­schicht mit Luxus­pro­blemen zu machen. Was heraus­kommt, sind dann eben auch Luxus­filme.

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Dann müsste man außerdem die Großs­tädte neu entdecken, also Frankfurt, München, Hamburg, Leipzig, Köln, in dieser Reihen­folge.
Man sollte sich nicht nur als Film­schau­platz entdecken, sondern natürlich auch als Ort, an dem der deutsche Film statt­findet, an dem Debatten passieren und an dem Preise vergeben werden und an dem »etwas los« ist.

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Das Verschwinden des guten anspruchs­vollen und doppel­bö­digen Kommerz­films ist eine Entwick­lung der letzten zwanzig Jahre, die das Kino berührt und verändert.
Die Frei­zeit­mög­lich­keiten werden mehr. Die Filme außerhalb des Kinos viel mehr.

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Nehmen wir mal die Film­aka­demie und den Deutschen Filmpreis. Warum ist der immer in Berlin, warum wandert er nicht?
Der Deutsche Filmpreis ist ja nicht das DFB-Pokal­fi­nale, das immer im Berliner Olym­pia­sta­dion statt­finden muss – ganz abgesehen davon, dass die Preis­ver­lei­hung ähnlich zweit­klassig ist wie der Olym­pia­sta­di­on­sverein Hertha BSC.

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Die Proble­matik der Zentra­li­sie­rung der Film­branche in Berlin und der damit zusam­men­hän­genden politisch-gesell­schaft­li­chen Ausrich­tung, um nicht zu sagen Schief­lage, hängt auch damit zusammen, dass die Deutsche Film­aka­demie sehr zentra­lis­tisch aus Berlin heraus agiert.
Es gibt seit längerem viel­fäl­tige Beschwerden von Mitglie­dern aus dem südlichen und west­li­chen Raum Deutsch­lands (aus dem Osten weniger, da die Film­aka­demie fast gar keine Mitglieder in den östlichen Bundes­län­dern außerhalb Berlins und dem erwei­terten Speck­gürtel Bran­den­burgs hat), dass sie in der Akademie wenig vorkommen, da sich fast alles auf Berlin bei Veran­stal­tungen und Entschei­dungen abspielt.
Die Münchner, Kölner und Frank­furter spielen einfach keine Rolle innerhalb der Arbeit der Film­aka­demie. Die Hamburger sind da etwas besser dran, auch weil sie intern meistens die Ausrich­tung der Berliner Zentrale gutheißen oder sogar noch stärker die von der Film­aka­demie einseitig nach vorn gepushten Wokeness-Punkte Green Shooting, Impact Shooting, Diver­sität, Poli­ti­sie­rung der Film­ar­beit fordern, die schon jetzt stark die Agenda der Deutschen Film­aka­demie prägen. Aus München, Frankfurt und Köln kommen immer wieder Rufe nach mehr Nach­denken und Veran­stal­tungen zu Themen wie »Wie können wir gute Filme machen? Was sind gute Filme? Wie erzählen wir ästhe­tisch inter­es­sant? Welche Rahmen­be­din­gungen brauchen wir dafür?« Man kann diese ergeb­nis­losen Rufe immer wieder auch in öffent­li­chen Artikeln wie mehrfach von Martin Mosz­ko­wicz nachlesen. Wurde irgend etwas davon in Berlin umgesetzt? Nein! Hier haben die Hardliner aus der Schau­spiel­sek­tion das Sagen, die mit Instagram-Stories schnell mal einen Shitstorm gegen die eigene Akademie orga­ni­sieren können, wenn ihnen eine Preis­ver­lei­hung nicht »genug gegen rechts« war oder die falschen Fahrräder genutzt wurden, um zur Preis­ver­lei­hung zu kommen. Im Zentrum eines demo­kra­tisch orga­ni­sierten einge­tra­genen Vereins müsste eigent­lich die Mitglie­der­ver­samm­lung und der dort gewählte Vorstand mit Vorstands­vor­sitz sein.
Aber das eigent­liche Zentrum der Akademie ist einzig die seit 15 Jahren amtie­rende, ange­stellte und nicht gewählte, Geschäfts­füh­rerin Anne Leppin. Mitglieder beschreiben ihre Rolle: »Sie bestimmt letztlich allein, wohin die Reise hingeht: Das ist manchmal gut und richtig, auch profes­sio­nell. Aber oft auch verschämt nur allen möglichen Shit­s­torms aus dem Weg gehen wollend und sehr oft einfach nicht von einer wirk­li­chen Liebe zu Film als Kunst geprägt. Immer ging der Blick auch zur Politik, was wohl 'richtig wäre'«.
Auf jeden Fall sind die Entschei­dungen meist nicht durch die gewählten Gremien der Deutschen Film­aka­demie disku­tiert und entschieden worden, sondern es wurde aus dem Büro vorge­geben. Das hat oft zu Beschwerden der Münchner, Kölner und Frank­furter geführt. Der aktuelle Vorstands­vor­sit­zende, der eigent­lich die Akademie führen sollte, ist sogar den meisten Mitglie­dern der DFA nicht bekannt: Martin Heisler – ein junger und guter Produzent, aber als Vorstand ohne jede Macht gegenüber seiner Geschäfts­füh­rerin. Das ist sehr schön anzusehen, wenn man sich eine der jährlich zwei Mitglie­der­ver­samm­lungen anschaut. Früher war dies ein Ort großer Diskurse und auch Streite, wohin die Akademie sich entwi­ckeln soll, welchen Kurs sie einschlagen müsste.
Heute ist es eher Fron­tal­un­ter­richt durch die Geschäfts­füh­rerin, die Mitglieder des Vorstands sitzen als Staffage daneben. Um Kinofilm geht es wenig, dafür aber sehr viel um die »zivil­ge­sell­schaft­li­chen Anliegen«, die DFA als NGO. Was ist ein weiterer Grund, warum die DFA so sehr als Berlin-Akademie empfunden wird? Es ist die undurch­sich­tige Nähe zur Macht. Vor allem in den Jahren der Grünen-BKM Frau Roth wurde die Film­po­litik heimlich in den Sekre­ta­riaten der Film­aka­demie erdacht, ohne dies im Vorstand oder der Mitglied­schaft zu disku­tieren, weil es dort zu diversen Haltungen hätte kommen können.
Diese »Hinter­zim­mer­po­litik« fiel der Geschäfts­füh­rerin auf die Füße, als die BKM, dieses Mal ohne Mitwir­kung der DFA, auf einmal die Preis­gelder für den Deutschen Filmpreis strich. »Wir können da nichts machen und wir sollten da auch nicht dagegen vorgehen«, war das einzige, was aus der Zentrale gesagt wurde. Was Martin Mosz­ko­wicz, ein unbedingt wichtiges Mitglied der DFA aus München davon hielt, kann man in Zeitungen nachlesen...

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Diese unkri­ti­sche Nähe zur Macht war auch schon ein großes Problem während der Corona-Zeit. Als alle Kinos geschlossen waren, obwohl man überall einkaufen und arbeiten gehen konnte. Ein Aufruf oder eine Bitte an die Regierung, diese Maßnahmen zu über­denken und so kurz wie möglich zu halten aus der DFA? Antwort dazu aus der Geschäfts­füh­rungs­zen­trale: »Wir dürfen die Regierung in dieser schwie­rigen Zeit nicht kriti­sieren. Das hilft nur den Rechten...« Der damalige Präsident Ulrich Matthes schlug dann auch derb zu bester Sendezeit auf 3sat auf dieje­nigen Mitglieder der Akademie ein, die sich erlaubt hatten, zu versuchen, ihre künst­le­ri­sche Freiheit zu nutzen, auf filmische Art zu reagieren. Die Mitmacher von »Alles dicht machen« mussten sich ganz im Gegenteil freuen, damals nicht aus der Akademie geworfen worden zu sein und mussten in der Akademie Reue zeigen. Nun klappt das mit Herrn Weimer scheinbar nicht mehr so gut, aber man belässt es trotzdem dabei, keine Haltung in der Film­po­litik zu entwi­ckeln. Das war bei den Ausein­an­der­set­zungen um die Inves­ti­ons­ver­pflich­tung absolut sichbar, ziem­li­ches Schweigen aus der DFA-Zentrale in Berlin. Aus München kamen von Martin Mosz­ko­wicz wieder die starken Appelle, außerhalb der DFA...

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Viel­leicht müsste die DFA sich auflösen und neu in Frankfurt oder auch München gründen, um neu den Geist einer Akademie zu finden, die im offenen Austausch über Kunst, Ästhetik, Freiheit und Film streitet und debat­tiert. In der bishe­rigen Form ist das an einen Endpunkt gekommen, die Deutsche Film­aka­demie ist in einer schweren Krise. Das zeigt sich auch daran, dass wichtige Mitglieder, die exem­pla­risch für den Deutschen Kinofilm stehen, austreten, weil sie sich nicht mehr wieder­finden. Man kann das eigen­s­tändig auf der Homepage der DFA suchen, dort sind die Mitglieder zu finden.

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U.a. fehlen seit einigen Wochen und Monaten durch Austritt: Roland Emmerich, Sönke Wortmann, Oscar Roehler, Tom Schilling und viele weitere. Die Akademie tut dies als Lappalie ab. Wie lange kann sie sich das noch leisten? Im Gegenzug wurde gerade auf der letzten Mitglie­der­ver­samm­lung beschlossen, dass nur noch »geborene« Mitglieder (durch Gewinn des Deutschen Film­preises) aufge­nommen werden und die anderen neuen Mitglieder nicht mehr durch die Mitglied­schaft vorge­schlagen werden dürfen, sondern die nicht gewählte, sondern ange­stellte Geschäfts­füh­rung selbst diese Entschei­dungen vorbe­reitet. Ob das dazu führt, die Berlin-Übermacht zu brechen und wieder demo­kra­ti­sche Verhält­nisse in die DFA zu bringen? Wir werden es sehen!

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Heute kam die Meldung, dass die Berlinale-Chefin gehen müsse. Vorsit­zende der Findungs­kom­mis­sion war seiner­zeit die Geschäfts­füh­rerin der Film­aka­demie.

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Nehmen wir mal das »Kura­to­rium Junger Deutscher Film«. Die Gerüch­teküche, die auch während der Berlinale dauerhaft vor sich hinblub­berte, besagt, dass es sehr klare Pläne gibt, dieses Kura­to­rium bei nächster Gele­gen­heit nach Berlin zu versetzen.
Hier müssen alle Länder­för­derer zusam­men­stehen. Denn das würde nichts anderes bedeuten, als eine Ausschal­tung der Länder ausge­rechnet in der einen Förderung, in der der Föde­ra­lismus dem gesamten deutschen Film dient und nicht nur Stand­ort­in­ter­essen der jewei­ligen Bundes­länder. In denen die Länder zusammen eine Bundes­för­de­rung veran­stalten. Das Kura­to­rium ist geradezu eine Utopie guter Film­för­de­rung: Dass nämlich nicht an Parti­ku­lar­in­ter­essen gedacht wird, sondern an das große Ganze, und dass viele Hände zusam­men­kommen, um eine Leistung zu voll­bringen.
Das einzige, was nötig ist: Das Kura­to­rium muss noch viel besser ausge­stattet werden. Das Modell ausgebaut. Es darf nicht in die FFA einge­glie­dert werden.
Insbe­son­dere muss die Hessische Landes­re­gie­rung vertei­digt werden, aber auch selbst eine Initia­tive ergreifen, damit man sie vertei­digen kann und das in Wiesbaden beher­bergte Kura­to­rium retten. Die Tatsache, dass dort gerade eine neue Führung etabliert wurde, und mit Christina Bentlage eine zwar ungemein kompe­tente, aber nicht speziell in der Nach­wuchs­för­de­rung ausge­wie­sene und außerdem politisch von mächtigen Akteuren der Sprin­ger­presse ange­schos­sene Geschäfts­füh­rerin, macht die Sache nicht einfacher.

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In vieler Hinsicht ist alles zum Verzwei­feln. Aber wir bleiben am Thema dran.