26.02.2026
76. Berlinale 2026

Mehr Sachlichkeit, weniger politischer Expressionismus!

Chronicles From the Siege
Voller Sorge, ähem, um die Berlinale… ist wohl unser Autor. Echte Sorge zum Ausdruck bringt Chronicles From the Siege
(Foto: Berlinale · Issaad Film Productions)

Berlinale-Chefin Tricia Tuttle vor der Ablösung: Die Berlinale geht an den Geistern zugrunde, die sie selbst gerufen hat – ein Kommentar

Von Rüdiger Suchsland

Bisher meldet es nur die »Bild«-Zeitung und alle anderen Medien, die dazu schreiben, zitieren bislang nur den Springer-Verlag. Aber im poli­ti­schen Berlin pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Heute findet eine außer­or­dent­liche Aufsichts­rats­sit­zung der Berliner Film­fest­spiele statt, einbe­rufen vom Kultur­staats­mi­nister Wolfram Weimer (CDU). Einziger Tages­ord­nungs­punkt nach »Bild«: die Ablösung der Berlinale-Chefin Tricia Tuttle.

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Es ist eine Nachricht, die das kultur­po­li­ti­sche Berlin erschüt­tert: Nach nur zwei Jahren verliert die 56-jährige Ameri­ka­nerin ihren Posten als Inten­dantin vorzeitig. Äußerer Anlass dafür ist ein Foto, das sie zusammen mit einem syrischen Filmteam, der Palästina-Flagge und mehren Trägern der Kufiya (des Paläs­ti­nen­ser­schals) zeigt.

Woanders wäre dies eine Lappalie, in Deutsch­land aber berührt es den Kern des staat­li­chen Selbst­ver­s­tänd­nisses. Denn die Bundes­re­pu­blik erkennt im Gegensatz zu manchen anderen Palästina, einen »Staat« ohne klares Staats­ge­biet, Staats­volk und demo­kra­tisch gewählte Reprä­sen­tanten, nicht an. Die Kufiya gilt manchen, nicht nur in Israel und unab­hängig von ihrer kompli­zier­teren Kultur­ge­schichte, auch als Symbol gegen­wär­tigen anti­jü­di­schen Terrors.

Dass das in Deutsch­land nicht toleriert wird, hat gute Gründe: Die Deutschen, die Europa ab 1939 mit Weltkrieg und Besat­zungs­terror überzogen, und Juden überall vertrieben und 6 Millionen von ihnen in deutschen Vernich­tungs­la­gern ermordet haben, haben zu Israel und Juden einen beson­deren, sensi­bleren Bezug, der sich von allen anderen Nationen unter­scheidet.

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Deswegen war das Foto Tuttles zumindest eine Instinkt­lo­sig­keit, die sich mit anderen Filmteams nicht mit Flaggen oder poli­ti­schen Symbolen hat foto­gra­fieren lassen.

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Und jetzt purzeln wieder die Soli­da­ri­täts­listen aus Berlin-Mitte, Kreuzberg und Neukölln, mit den gleichen Leuten, die auch bei Chatrian drauf­standen und immer in solchen Fällen. Immer wieder die gleichen Leute, die die verlo­renen Schlachten noch gewinnen wollen.
Anne Leppin von der Film­aka­demie war außerdem in der Findungs­kom­mis­sion, die muss das auch aus Selbst­ach­tung machen. Besser wäre, den Bauch­plat­scher zu reflek­tieren, den sie mit der Wahl Tuttles hingelegt haben.

Wem nutzt das jetzt?

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Gegen die Forderung des Akade­mie­schrei­bens, den künst­le­ri­schen Raum zu schützen, gibt es überhaupt nichts einzu­wenden, im Gegenteil!
Aber diesen Raum hätte die Berlinale-Leiterin schützen müssen. Sie vor allem.

Wenn Tricia Tuttle (TT) aber poli­ti­sche State­ments in die Welt posaunt (und so ein Foto ist ein poli­ti­sches Statement, andere gab es auch), dann fällt sie in die Grube, die sie sich selber gegraben hat.
Den künst­le­ri­schen Raum schützen will ich ja genau – indem die Berlinale als ein Kunst­fes­tival vertei­digt wird. Indem man fordert, dass sie endlich mit diesem blöden Labeling, ein poli­ti­sches Festival zu sein, aufhören muss. Sie sollte Filme einladen, weil sie gut sind. Auch aus Palästina, auch aus Israel, auch aus Russland, auch aus Venezuela, sogar aus den USA. Sie sollte aber nicht Filme einladen, weil sie »wichtig« sind oder weil sie »für das Gute« und »gegen Rechts« eintreten, oder weil wir uns irgend­etwas bewusst machen, was die verwöhnten Kids von Berlin Mitte gerade bedeutend finden.

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Die Berlinale geht an den Geistern zugrunde, die sie selbst gerufen hat.

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Es ist wirklich eine Bank­rott­erklärung: diese vorher­seh­baren Reflexe und diese Aufregung, ja Hyste­ri­sie­rung vor allem der Kultur­szene in Berlin. Es sind nette Leute, aber bevor sie einmal nach­denken, einmal kurz eine Minute inne­halten, schreiben sie lieber ein Manifest. Dabei wäre inne­halten schon deswegen gut, weil sie dann die Gele­gen­heit hätten z.B die »taz« zu lesen. Dort schreibt in einem hervor­ra­genden Artikel Tim Caspar Böhme als Fazit der letzten Berlinale: »Leitung ohne Haltung«.

Man könnte natürlich auch den Deutsch­land­funk konsul­tieren, auch kein rechtes Quer­den­ker­me­dium. Dort schreibt Susanne Burg:

»Aber es ist wahr: Die Berlinale steht an einem Schei­de­punkt. Sie kann versuchen, im inter­na­tio­nalen Prestige-Wett­be­werb verlo­renes Terrain zurück­zu­ge­winnen. Oder sie kann ihr Profil weiter zuspitzen: als großes, offenes, poli­ti­sches Publi­kums­fes­tival in einer Stadt, die selbst ein perma­nenter Wider­spruch ist. Viel­leicht ist das nicht weniger bedeutend, aber es ist eine andere Art von Bedeutung.«

Man muss also gar nicht mir glauben, wenn ich schreibe, dass die Berlinale an Bedeutung verloren hat und nicht mehr mit Venedig und Cannes mithalten kann. Ich finde das traurig.

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Nach­fol­ger­namen, die schon kursieren, denn es muss schnell gehen: Daniela Elstner, Peter Schern­huber, Christoph Gröner.

Das Leis­tungs­profil ist ganz klar: Es muss jemand sein, der Deutsch kann, der inter­na­tional vernetzt ist, der Erfahrung als Festival-Kurator hat. Der klar für Autoren­film steht, der sich klar gegenüber Anti­se­mi­tismus abgesetzt und abge­grenzt hat, der politisch ohne Einsei­tig­keiten agiert hat in der Vergan­gen­heit, der viel stärker ein Festival wirklich als (Fach-)Publi­kums­fes­tival und nicht als vorgeb­li­ches für die Blase behandelt, das heißt, der das ganze Publikum und nicht nur die Studis der UdK und der Humboldt-Univer­sität adres­siert.

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Die Frage ist jetzt auch die: Wie würde nach der ganzen Vorge­schichte die nächste Berlinale laufen und die übernächste? Hätte TT überhaupt eine Chance?

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Ich glaube, dass leider endlich mal ein grund­sätz­li­cher Neuanfang nötig ist, denn sowohl sie wie ihre beiden Vorgänger haben ja es nicht gemacht. Das Entschei­dende ist aber, dass sie nicht geliefert hat, was sie für die Berlinale liefern muss, nämlich einen grund­sätz­li­chen Wandel.

Sie hätte öffent­lich thema­ti­sieren müssen, dass das Raum­pro­blem gravie­rend ist und dass sie nicht die Filme kriegt, sie muss für einen Bruch einstehen, eine Art Revo­lu­tion der Berlinale und die kann dann natürlich auch in eine andere Richtung gehen, als sie mir persön­lich lieb ist, aber sie wursch­telt weiter, genau wie die Ampel­re­gie­rung weiter gewursch­telt hat und die Merz­re­gie­rung weiter­wursch­telt – das ist insofern durchaus ein Spiegel grund­sätz­li­cher Verhält­nisse.

Warum kann man nicht mal jemanden berufen, den man nicht nach iden­ti­täts­po­li­ti­schen Kriterien beruft, sondern nach strengen Kunst­kri­te­rien? Weil das halt viel schwie­riger ist und riskanter.
Das andere ist halt jetzt nach hinten losge­gangen.

Die Messe ist gelesen, wir sollten jetzt nach vorne denken und auch die, die TT ganz toll finden, werden sie nicht wieder zurück ins Amt labern – also überlegen wir doch besser, wer es jetzt machen könnte und sollte? Es ist mir sch...egal, ob das jetzt ein CDU-Mann tut; mir wäre es auch lieber, das würde Bernd Neumann machen, wenn schon CDU, oder Monika Grütters oder noch besser Julian Nida-Rümelin und Carsten Brosda.
Aber die Verhält­nisse, die sind nicht so...

Also würde ich ganz im Sinne der Weimarer Republik für etwas mehr neue Sach­lich­keit plädieren und etwas weniger poli­ti­schen Expres­sio­nismus.

Letzteres sind nämlich die Extreme, die uns gerade kaputt machen.

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Und doch war dies nur der letzte Anlass einer Kündigung, die jetzt wahr­schein­lich vollzogen wird: Letztlich hat Tuttle nicht geliefert, wofür sie geholt worden war. Sie sollte den Wett­be­werb und das Programm verbes­sern, das Festival wieder näher an die Konkur­renz von Cannes und Venedig heran­führen; sie sollte nicht zuletzt US-Stars und Einkäufer wieder an die Spree holen. Das ist ihr nicht gelungen, die dies­jäh­rige Berlinale-Ausgabe war schwächer denn je.