76. Berlinale 2026
Mehr Sachlichkeit, weniger politischer Expressionismus! |
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| Voller Sorge, ähem, um die Berlinale… ist wohl unser Autor. Echte Sorge zum Ausdruck bringt Chronicles From the Siege | ||
| (Foto: Berlinale · Issaad Film Productions) | ||
Bisher meldet es nur die »Bild«-Zeitung und alle anderen Medien, die dazu schreiben, zitieren bislang nur den Springer-Verlag. Aber im politischen Berlin pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Heute findet eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung der Berliner Filmfestspiele statt, einberufen vom Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (CDU). Einziger Tagesordnungspunkt nach »Bild«: die Ablösung der Berlinale-Chefin Tricia Tuttle.
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Es ist eine Nachricht, die das kulturpolitische Berlin erschüttert: Nach nur zwei Jahren verliert die 56-jährige Amerikanerin ihren Posten als Intendantin vorzeitig. Äußerer Anlass dafür ist ein Foto, das sie zusammen mit einem syrischen Filmteam, der Palästina-Flagge und mehren Trägern der Kufiya (des Palästinenserschals) zeigt.
Woanders wäre dies eine Lappalie, in Deutschland aber berührt es den Kern des staatlichen Selbstverständnisses. Denn die Bundesrepublik erkennt im Gegensatz zu manchen anderen Palästina, einen »Staat« ohne klares Staatsgebiet, Staatsvolk und demokratisch gewählte Repräsentanten, nicht an. Die Kufiya gilt manchen, nicht nur in Israel und unabhängig von ihrer komplizierteren Kulturgeschichte, auch als Symbol gegenwärtigen antijüdischen Terrors.
Dass das in Deutschland nicht toleriert wird, hat gute Gründe: Die Deutschen, die Europa ab 1939 mit Weltkrieg und Besatzungsterror überzogen, und Juden überall vertrieben und 6 Millionen von ihnen in deutschen Vernichtungslagern ermordet haben, haben zu Israel und Juden einen besonderen, sensibleren Bezug, der sich von allen anderen Nationen unterscheidet.
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Deswegen war das Foto Tuttles zumindest eine Instinktlosigkeit, die sich mit anderen Filmteams nicht mit Flaggen oder politischen Symbolen hat fotografieren lassen.
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Und jetzt purzeln wieder die Solidaritätslisten aus Berlin-Mitte, Kreuzberg und Neukölln, mit den gleichen Leuten, die auch bei Chatrian draufstanden und immer in solchen Fällen. Immer wieder die gleichen Leute, die die verlorenen Schlachten noch gewinnen wollen.
Anne Leppin von der Filmakademie war außerdem in der Findungskommission, die muss das auch aus Selbstachtung machen. Besser wäre, den Bauchplatscher zu reflektieren, den sie mit der Wahl Tuttles hingelegt
haben.
Wem nutzt das jetzt?
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Gegen die Forderung des Akademieschreibens, den künstlerischen Raum zu schützen, gibt es überhaupt nichts einzuwenden, im Gegenteil!
Aber diesen Raum hätte die Berlinale-Leiterin schützen müssen. Sie vor allem.
Wenn Tricia Tuttle (TT) aber politische Statements in die Welt posaunt (und so ein Foto ist ein politisches Statement, andere gab es auch), dann fällt sie in die Grube, die sie sich selber gegraben hat.
Den künstlerischen Raum schützen will ich ja genau – indem die Berlinale als ein Kunstfestival verteidigt wird. Indem man fordert, dass sie endlich mit diesem blöden Labeling, ein politisches Festival zu sein, aufhören muss. Sie sollte Filme einladen, weil sie gut sind.
Auch aus Palästina, auch aus Israel, auch aus Russland, auch aus Venezuela, sogar aus den USA. Sie sollte aber nicht Filme einladen, weil sie »wichtig« sind oder weil sie »für das Gute« und »gegen Rechts« eintreten, oder weil wir uns irgendetwas bewusst machen, was die verwöhnten Kids von Berlin Mitte gerade bedeutend finden.
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Die Berlinale geht an den Geistern zugrunde, die sie selbst gerufen hat.
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Es ist wirklich eine Bankrotterklärung: diese vorhersehbaren Reflexe und diese Aufregung, ja Hysterisierung vor allem der Kulturszene in Berlin. Es sind nette Leute, aber bevor sie einmal nachdenken, einmal kurz eine Minute innehalten, schreiben sie lieber ein Manifest. Dabei wäre innehalten schon deswegen gut, weil sie dann die Gelegenheit hätten z.B die »taz« zu lesen. Dort schreibt in einem hervorragenden Artikel Tim Caspar Böhme als Fazit der letzten Berlinale: »Leitung ohne Haltung«.
Man könnte natürlich auch den Deutschlandfunk konsultieren, auch kein rechtes Querdenkermedium. Dort schreibt Susanne Burg:
»Aber es ist wahr: Die Berlinale steht an einem Scheidepunkt. Sie kann versuchen, im internationalen Prestige-Wettbewerb verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Oder sie kann ihr Profil weiter zuspitzen: als großes, offenes, politisches Publikumsfestival in einer Stadt, die selbst ein permanenter Widerspruch ist. Vielleicht ist das nicht weniger bedeutend, aber es ist eine andere Art von Bedeutung.«
Man muss also gar nicht mir glauben, wenn ich schreibe, dass die Berlinale an Bedeutung verloren hat und nicht mehr mit Venedig und Cannes mithalten kann. Ich finde das traurig.
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Nachfolgernamen, die schon kursieren, denn es muss schnell gehen: Daniela Elstner, Peter Schernhuber, Christoph Gröner.
Das Leistungsprofil ist ganz klar: Es muss jemand sein, der Deutsch kann, der international vernetzt ist, der Erfahrung als Festival-Kurator hat. Der klar für Autorenfilm steht, der sich klar gegenüber Antisemitismus abgesetzt und abgegrenzt hat, der politisch ohne Einseitigkeiten agiert hat in der Vergangenheit, der viel stärker ein Festival wirklich als (Fach-)Publikumsfestival und nicht als vorgebliches für die Blase behandelt, das heißt, der das ganze Publikum und nicht nur die Studis der UdK und der Humboldt-Universität adressiert.
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Die Frage ist jetzt auch die: Wie würde nach der ganzen Vorgeschichte die nächste Berlinale laufen und die übernächste? Hätte TT überhaupt eine Chance?
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Ich glaube, dass leider endlich mal ein grundsätzlicher Neuanfang nötig ist, denn sowohl sie wie ihre beiden Vorgänger haben ja es nicht gemacht. Das Entscheidende ist aber, dass sie nicht geliefert hat, was sie für die Berlinale liefern muss, nämlich einen grundsätzlichen Wandel.
Sie hätte öffentlich thematisieren müssen, dass das Raumproblem gravierend ist und dass sie nicht die Filme kriegt, sie muss für einen Bruch einstehen, eine Art Revolution der Berlinale und die kann dann natürlich auch in eine andere Richtung gehen, als sie mir persönlich lieb ist, aber sie wurschtelt weiter, genau wie die Ampelregierung weiter gewurschtelt hat und die Merzregierung weiterwurschtelt – das ist insofern durchaus ein Spiegel grundsätzlicher Verhältnisse.
Warum kann man nicht mal jemanden berufen, den man nicht nach identitätspolitischen Kriterien beruft, sondern nach strengen Kunstkriterien? Weil das halt viel schwieriger ist und riskanter.
Das andere ist halt jetzt nach hinten losgegangen.
Die Messe ist gelesen, wir sollten jetzt nach vorne denken und auch die, die TT ganz toll finden, werden sie nicht wieder zurück ins Amt labern – also überlegen wir doch besser, wer es jetzt machen könnte und sollte? Es ist mir sch...egal, ob das jetzt ein CDU-Mann tut; mir wäre es auch lieber, das würde Bernd Neumann machen, wenn schon CDU, oder Monika Grütters oder noch besser Julian Nida-Rümelin und Carsten Brosda.
Aber die Verhältnisse, die sind nicht so...
Also würde ich ganz im Sinne der Weimarer Republik für etwas mehr neue Sachlichkeit plädieren und etwas weniger politischen Expressionismus.
Letzteres sind nämlich die Extreme, die uns gerade kaputt machen.
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Und doch war dies nur der letzte Anlass einer Kündigung, die jetzt wahrscheinlich vollzogen wird: Letztlich hat Tuttle nicht geliefert, wofür sie geholt worden war. Sie sollte den Wettbewerb und das Programm verbessern, das Festival wieder näher an die Konkurrenz von Cannes und Venedig heranführen; sie sollte nicht zuletzt US-Stars und Einkäufer wieder an die Spree holen. Das ist ihr nicht gelungen, die diesjährige Berlinale-Ausgabe war schwächer denn je.