76. Berlinale 2026
Fragen und Antworten |
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| Alles andere ist Lärm: Nicolás Pereda im »Forum« | ||
| (Foto: Berlinale · Nicolás Pereda) | ||
Auf der diesjährigen Berlinale-Website sind sie prominent platziert: Hashtags zu den jeweiligen Filmen, in wenigen Begriffen soll klar gemacht werden worum es geht, das Festival kategorisiert die Filme. Den Besuchern wird es leicht gemacht, jeder kann sich genau das heraus suchen, was ihm am meisten zusagt, böse (oder gar: schöne?) Überraschungen können so vermieden werden. Sollte man meinen. Letztendlich sagen die Hashtags aber überhaupt nichts aus, verfehlen selbst diesen allzu einfachen, reduktionistischen Zweck. Die Schlagworte sind etwa »Familie ist kompliziert«, »Furchtlose Frauen«, oder »Love Stories«. Wenig aufschlussreich jedenfalls.
Dabei gab es dieses Jahr ein anderes, konzentrierteres und wirklich interessantes Format, das das gesamte Festival begleitet hat, und sich durchaus als Hashtag hätte eignen können: das Interview. Interview-Filme, sei es in dokumentarischer Form, oder abstrakter, zog sich als Thema, als Motiv hindurch. Hier einige ausgewählte Werke.
Da wäre etwa der Dokumentarfilm Prénoms (Hashtag: »Queer«, Sektion: Forum) der Israelin Nurith Aviv, die sich als Kamerafrau von Agnès Varda und Ruth Beckermann etabliert hat, nun seit geraumer Zeit eigene Filme dreht. Sie alle eint das gemeinsames Thema Sprache. 2024 etwa beschäftigte sich Aviv in Lettre errante ausschließlich mit dem Buchstaben »R«, dieses Mal sind es, wie der Titel sagt, Vornamen, die sie interessieren. 13 persönliche Freunde von Aviv porträtiert dieser strukturalistische Film, die Abläufe sind immer gleich: Ein Blumenstrauß wird überreicht, die andere Hand hält die wackelige Kamera, man bekommt einen ersten Eindruck. Dann, ganz klassisch: Statische Kamera, der oder die Interviewte erzählt in der Wohnung die Geschichte des eigenen Vornamens. Dazwischen ein paar Aufnahmen der Blumen, alles sehr unaufgeregt, sehr zurückgenommen. Alphabetisch werden die Portraits aneinandergereiht, nur der erste Name fällt aus der Reihe: Agnès Varda wird Tribut gezollt, sie selbst kann nicht mehr sprechen, eine Fotografie – die letzte zu Lebzeiten entstandene – der großen Regisseurin wird befragt.
Ein zweiter Film, diesmal in der Sektion Forum Expanded, verhält sich ähnlich: Frauen in Berlin (kein Hashtag) von Chetna Vora. Auch hier sehen wir lange Interviews, anders als in Prénoms hören wir auch die gestellten Fragen. Es geht um die Lebensrealität von Frauen in Ostberlin, gedreht wurde 1981. Man muss an dieser Stelle den Entstehungsprozess erwähnen, der auf der Berlinale gezeigte – und einzig erhaltene – Frauen in Berlin ist nämlich nicht der Film, den Vora damals gedreht hat. Ursprünglich sollte es ihr Diplomfilm an der HFF Potsdam-Babelsberg werden, diese akzeptierten die entstandene 142 Minuten lange Fassung allerdings nicht, forderten einen radikalen Zusammenschnitt auf rund 30 Minuten. Vora weigerte sich, »klaute« ihr Filmmaterial, und projizierte es zuhause bei Freunden auf ein Leinentuch. Diese improvisierte Projektion wurde mit einer VHS-Kamera abgefilmt, die Kassette versteckt. Die HFF beschlagnahmte das Filmmaterial und vernichtete es; einzig die geheime Aufnahme überlebte. Diese wurde nun aufwendig von der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf restauriert, und auf der Berlinale gezeigt.
Es ist eine faszinierende Erfahrung, diesen Film im Film zu sehen, lässt sich die kuriose Entstehungsgeschichte doch nie ausblenden: In der ersten und letzten Szene fehlt aus Copyright-Gründen die Musik, das Bild füllt nie die ganze Leinwand aus. Immer ist es zu sehen: Das Laken, darauf die 16mm-Bilder, in der vorliegenden Fassung natürlich gebrochen durch die grisselige Transformation ins VHS-Format. Auch der Titel ist anders, »Schattenbilder« heißt er in der erhaltenen Rohfassung. Die Portraits der Frauen sind herausragend, wieder befinden wir uns in ihren Wohnungen, Vora schneidet aber weniger formalistisch, wendet sich von manchen Protagonistinnen ab, um später zu ihnen zurück zu kehren, geht auch thematisch offener vor. Besprochen werden Probleme und Unsicherheiten des Alltags, alte Ehen oder Romanzen werden ebenso thematisiert wie politische Erlebnisse oder das gescheiterte Familienleben mit Kindern. Die Erzählungen ergänzen sich merkwürdig, allen Frauen scheint eine Einsamkeit anzuhaften, eine universelle, unbenennbare Sehnsucht. Vora exponiert sie nie, schneidet auch nicht auf Pointen oder Statements hin, lässt sie einfach reden. Oft hat man den Eindruck, die Interviewten erfahren erst über das Sprechen selbst, was sie erzählen wollen, kommen an Punkten an, die ihnen davor verborgen schienen. Im Saal wurde viel gelacht, zum Teil gar hysterisch, und sicherlich finden sich viele selbstironische, lakonische Momente. Am Ende überwiegen aber doch die zerbrochenen Beziehungen, die ungewisse Zukunft, das Unverständnis über die eigene Existenz. Nicht alles muss ironisch begriffen werden.
Tatsächlich heiter begreift Nicolás Pereda das Interview-Sujet. In seinem Spielfilm Lo demás es ruido (Everything Else is Noise) (Hashtags: »Musik & Kunst«, »Furchtlose Frauen«) arrangiert er ein zusehends in die Absurdität abrutschendes Künstler-Interview. Rosa – kontemporäre Klassik-Komponistin – wurde für ein TV-Interview angefragt, möchte es aber bei ihrer Komponisten-Freundin Tere gedreht haben, ihr eigenes Appartement erscheint ihr zu hässlich. Das TV-Team rückt mit Regisseur und Kameramann an, und die Probleme beginnen: Der Hund der Nachbarn bellt, Stromausfälle suchen die Aufnahme heim, und: Rosa hat nur wenig zu erzählen, jedenfalls keine ausgefallene Geschichte über ihren Werdegang. Bewegen kann sie sich auch nicht gerade natürlich, es ist ja nicht ihre Wohnung. Es kommt noch Teres Tochter aus einer vergangenen Beziehung mit einem Starkomponisten dazu, der interessiert natürlich die Presse, und Tere und Tochter werden gleich mitgefilmt, erfinden Geschichten, machen sich zusehends einen Spaß aus dem Interview. Es ist ein großartiger Film, der ausschließlich in diesem Apartment spielt und mit einem wundervollen Raumverständnis überzeugt. Immer wieder gilt es sich zu entscheiden, ob man nun die linke oder rechte Seite der Leinwand fokussiert, an beiden Stellen geschieht etwas, gehen die Figuren ihren eigenen Tätigkeiten nach. Alles wirkt eigenständig und natürlich, man hält sich gerne auf in diesem Film, der sich immer weiter öffnet, so viele schöne Ideen und Einfälle aufeinander stapelt, ohne sich je überbieten zu müssen.
Und dann wäre da natürlich noch der neue Hong Sang-soo, jedes Jahr aufs neue eines der großen Highlights der Berlinale. Diesmal wurde er in die Panorama-Sektion abgeschoben, angesichts des blassen Wettbewerbs eine eher fragwürdige Entscheidung. Mit dem vielsagenden Hashtag »Musik & Kunst« versehen erzählt The Day She Returns von einer prominenten Schauspielerin, die nach zwölf Jahren wieder in einem Film mitspielt. Wie bereits What Does that Nature Say to You ist der Film in Kapitel strukturiert, diesmal sind es fünf. Die ersten drei bilden jeweils Interviews mit wechselnden Journalistinnen ab, danach gibt es einen Break, unsere Protagonistin (dargestellt von Song Sunmi) besucht ihre Schauspielschule, möchte die erlebten Interviews reenacten. Ein Skript schreibt sie, auch für ihre Dialogpartnerin, beide sollen es auswendig lernen und als Übung durchspielen.
Schnell wird klar: Bereits jetzt wurde viel vergessen, vermischen sich die Gespräche und Themen, kann das Erlebte so nicht mehr hergestellt werden, wirken eigene Aussagen unvernünftig und fremd. Das klingt arg strukturalistisch, beinahe wie eine Versuchsanordnung, etwas gestelzt. Doch Hong vermeidet natürlich all diese Probleme, hält zwar an einer klaren Unterteilung fest (auch innerhalb der Kapitel, der Ortswechsel hin zur Schauspielschule wird durch eine andere Textur der Bilder unterstrichen, das überraschend klare Digital-Bild der ersten drei Kapitel weicht der ersehnten, matschig-pixeligen Auflösung seiner letzten Filme) findet darin aber immer wieder Brüche, ganz minimale, etwa einen Schwenk, einen Zoom, der bei den sich wiederholenden Interview-Szenen ausbleibt oder eingeführt wird.
Das hat eine Reduziertheit, einen Minimalismus und eine Leichtigkeit, die kein anderer Film des Festivals herzustellen vermochte. Die beinahe improvisiert anmutenden Dialoge und abschweifenden Blicke wirken so natürlich und direkt, zeugen letztendlich aber vom unbedingten Stilwillen Hongs, der über die Jahre ein so eigenes Kino geschaffen hat, dass er in einer eigenen Kategorie spielt, mit seinem Œuvre immer weiter kommuniziert, ohne selbstgefällig oder nervig selbstreferentiell zu werden. Es ist die wohl schönste Art, Film zu denken: Ihn als flüchtiges, immer im Moment verhaftetes Medium zu begreifen, mit dem über die Welt, aber auch dezidiert selbstreflexiv über die eigene Ausdrucksart nachgedacht wird. Es gibt keine Aussagen bei Hong, die Geschichten, die Figuren streben in keine Richtung, sind keine Typen, die für etwas stehen, man hat auch nichts gelernt nach diesen Filmen. Viel mehr wirken sie selbst wie Gesprächspartner, wie schöne, unerwartete Begegnungen, die im Nachhinein zerfasern, ihre Kontinuität verlieren, Eindrücke, Sätze, Kameraeinstellungen, Gedanken aus und über den Film zurücklassen.
Gemeinsam mit Angela Schanelecs Meine Frau weint ist The Day She Returns das schönste Werk der gesamten Berlinale, und eines der wenigen, das man sofort und immer wieder sehen möchte.