76. Berlinale 2026
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| Gewinner der Goldenen Bären: Gelbe Briefe von İlker Çatak | ||
| (Foto: Berlinale · Ella Knorz · ifProductions · Alamode Film) | ||
»Freiheit kann auch darin bestehen, sich Erwartungen zu entziehen.«
– Nava Ebrahimi, Schriftstellerin»Never compromise on the what; only compromise on the how.«
– Regisseurin Mona Fastvolt im Gespräch mit dem Autor
İlker Çatak hatte, man darf das wohl so sagen, großes Glück. Denn sein Film Gelbe Briefe bekam dann doch noch am Samstagabend aus den Händen von Wim Wenders den Goldenen Bären, den Hauptpreis des Festivals in Berlin. Ein Happy End für den 1984 in Berlin geborenen Regisseur.
In gewissem Sinn auch ein Happy End für Wim Wenders und die diesjährige Berlinale. Deren Intendantin Tricia Tuttle konnte nichts Besseres passieren, als genau dies: Nach einem durchweg mau und kühl aufgenommenen Berlinalejahr, und nachdem schon die ersten Kommentare ihre Position in Frage stellten und viele andere einen grundsätzlichen Wandel fordern – beispielhaft Andreas Kilb in der FAZ: »Die Berlinale muss sich verwandeln« und »das Problem des Festivals liegt in der Spitze, nicht in der Breite« – gelang ihr im zweiten Jahr ihrer Amtszeit das, wofür sogar Dieter Kosslick drei Jahre brauchte: Ein Goldener Bär für einen deutschen Film und einen deutschen Regisseur.
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Damals war es Fatih Akin, heute ist es mit İlker Çatak wieder ein Sohn türkischer Eltern, der wie kein anderer eine bunte, vielfältige deutsche Republik und die Gegenwart des Einwanderungslandes Deutschland repräsentiert und einen Film gemacht hat, der gut zum Zeitgeist passt.
Zugleich nimmt Gelbe Briefe all jenen den Wind aus den Segeln, die behaupten wollen, die Berlinale oder die diesjährige Jury würde nur unpolitisches Kino wollen oder für
l’art pour l’art eintreten. Eher schon erfüllt Gelbe Briefe das, worüber sich bereits Jean-Luc Godard in den 60er-Jahren mokiert hat: Dies ist ein expliziter und plakativ politischer Film, nicht aber politisches Filmemachen. Denn Gelbe Briefe ist zwar einerseits in seiner Stoßrichtung widerständig, andererseits in seiner Form braves, bürgerliches, ja: neoliberales Kino. Alles dreht sich um eine gebildete
linksliberale Künstlerfamilie, deren materielle Sorgen im Film an der Oberfläche bleiben. Und in der Handlung siegt immer das Private über das Politische, das Sentimental-Versöhnliche über das Irritierende, ohne dass diese zwei Seiten je vermittelt würden. Dies wird beim Publikum bestimmt gut funktionieren, in seiner engen, fernsehhaften Ästhetik in der Kinogeschichte aber folgenlos bleiben.
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Ein anderer deutscher Film machte es besser und reihte sich in die große Zahl stilistisch interessanter Werke, die in den von »politischen« Positionierungen dominierten Festivalpreisvergaben ohne Preise bleiben: Eva Trobischs Etwas ganz Besonderes, den wir hier schon kürzlich besprochen haben.
Wir erwähnen ihn und seine sehr besondere musikalische Erzählweise – jede Figur wird wie in einem Jazzsolo mal nach vorne geschoben, dann wieder in
den Hintergrund gerückt – hier nur aus zwei Gründen noch einmal: Zum einen, weil es wirklich unverständlich ist, dass dieser Film im Jury Grid von »Screen Daily«, bei dem zugegeben die Teilnehmer einen Altersschnitt von über 60 Jahren aufweisen, einen schwachen Mittelplatz einnimmt, (Gelbe Briefe allerdings kaum besser).
Zum zweiten, weil Wim
Wenders in seiner Juryansprache ausdrücklich behauptete, Gelbe Briefe zeige eine Familie, wie man sie sonst nicht gesehen hätte in den zehn Kinotagen.
Das ist nicht richtig. Hat er Trobischs Film nicht gesehen? Nur sind die Familie keine Künstler und etwas weniger ideal zusammengesetzt als die heilige Familie Vater-Mutter-Kind bei İlker Çatak.
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Für Wim Wenders waren es allerdings harte zehn Tage. Von links-identitären Kreisen in der internationalen Filmszene wurde in oft rüder Form sein Lebenswerk infrage gestellt, und ihm vorgeworfen, ein unpolitischer Filmemacher zu sein. Das ist er nicht – aber wenn schon: Es gibt selbstverständlich auch das Recht, sich bestimmten Themen zu verweigern.
Die Folge war ein öffentlicher Spießrutenlauf, und man konnte hören, dass Wenders sogar kurz einen Rücktritt aus
der Jury erwogen habe.
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Auch wenn er anderes behauptete, kann man glauben, dass diese Preisvergabe nicht auch dadurch motiviert war, dass Wenders dem Vorwurf des Unpolitischen begegnen wollte. Am Ende hat die doofe Politikdebatte vielleicht dafür gesorgt, dass die Jury unbedingt einen sogenannten politischen Film auszeichnen wollte.
Ich glaube zudem, dass es Wenders auch sehr gefällt, dass er in Berlin einem deutschen Film den Goldenen Bären geben kann.
Aber es nervt echt! Es wäre so schön, wenn mal ein Film gewinnen könnte, der die Kunst ins Zentrum stellt, und den ich aus ganzem Herzen einfach gut finde.
Bei einem Preis für Angela Schanelec hätte ich zwar mit den Augen gerollt, aber aus anderen Gründen. Ein solcher Goldener Bär wäre in jedem Fall einmal ein Statement gewesen für ein Kino jenseits jeder Vereinnahmung.
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Genau dies, die Redefreiheit und die Freiheit zu eigenen Meinungen jenseits der Vereinnahmungen, der Filterblasen und ihrer Konventionen werden zur Zeit von rechts- wie linksextremen Kreisen infrage gestellt. Letztere sind in der Filmcommunity stark vertreten, in Berlin dominieren sie Teile des Diskurses. Das war auf der Abschlusszeremonie ganz gut zu beobachten, auf der einseitige »Palästina-Solidarität« und antisemitisch gefärbte »Israel-Kritik« seit zwei Jahren fast schon zum guten Ton gehören. Ohne von irgendwem ein Wort zu jüdischen Opfern.
Noch wird der »Krieg der Meinungen« (FAZ) nur in schrillen Worten ausgetragen, aber wer den syrischen Regisseur Abdallah Alkhatib in seiner Dankrede für den Preis fürs Spielfilmdebüt hörte, dem lief es eiskalt den Rücken herunter: Man werde sich »an jeden erinnern, der gegen uns war«. Kulturstalinismus in Reinform, die die Redefreiheit zum Mittel ihrer Unterdrückung macht. Es ist empörend, dass Derartiges bei der Berlinale stattfindet, ausgerechnet in Berlin, nur wenige hundert Meter vom Standort der Berliner Mauer, von Hitlers Führerbunker und des Holocaustmahnmals entfernt.
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Tricia Tuttle darf dies nicht dauerhaft zulassen, sie muss hier anders reagieren. Es ist auch unsäglich, dass sie sich neben der Palästinaflagge und den symbolisch aufgeladenen Pali-Schals photographieren ließ, ohne sich zu distanzieren.
Sie gefährdet damit ihre Position, denn sie agiert hier nicht als Privatperson, sondern als Vertreterin eines der wichtigsten Kulturereignisses eines Landes, das Palästina als Staat nicht anerkannt hat.
Wenn die deutsche Film- und Kulturszene nicht will, dass die Politik, namentlich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, irgendwann bei der Berlinale durchgreift, und diese von außen durch neue Statuten und Vorschriften und Einschränkungen enger kontrolliert, um politische Exzesse zu vermeiden, dann muss die Berlinale eine Selbstreinigung durchführen.
Die Berlinale ist kein kleines Berliner-Independent-Festival, sie ist überhaupt nicht ein Ereignis für Berliner Kunst- und
andere Filterblasen, sondern sie ist das deutsche A-Festival – ein Aushängeschild und auch ein kulturpolitisch zentraler Ort für die Bundesrepublik. Das gilt es kulturell und politisch zu würdigen.
Tuttle sprach sich auf der Abschlussgala glaubwürdig für Redefreiheit und gegen Diskriminierung aus. Die Berlinale sei ein Ort der Freiheit. Ob das aber die Juden auch so sehen? Ob das Israelis so sehen, die aus irgendeinem Grund ihre Regierung anders betrachten als die Araber oder die Mehrheit der Berliner?
Tricia Tuttle macht auf der Bühne eine gute Figur, eine weitaus bessere, als ihre Vorgänger inklusive Dieter Kosslick. Sie hält auch kluge, wohlformulierte Reden.
Aber mit bella figura und schönen Reden ist es bei der Berlinale nicht mehr getan. Handlungen sind nötig und klare öffentliche Gesten, die unzweideutig sind, die nicht alle und jeden integrieren, sondern Maßstäbe und Zeichen setzen und auch sagen, wo die Grenzen des großen Herzens liegen.
Ein Teil des Publikums in Berlinalesaal war da schon weiter:
»Do some educational work!«, »Reed History« und »Free Gaza from Hamas« riefen sie den schlichten Lifestylestatements
entgegen.
Da nahm es Moderatorin Désirée Nosbusch mit der Redefreiheit und Inklusion plötzlich nicht mehr so genau: Das sei nicht der richtige Moment für Dialog – damit widersprach sie all den Lippenbekenntnissen von Tricia Tuttle.
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Worum es Abdallah Alkhatib geht und nicht geht, das machte dieser arabische Dokumentarfilmer in seiner Rede zuvor immerhin glasklar: »Politik geht vor Kino, Widerstand vor Kunst, Freiheit vor Schönheit, Mensch vor Kultur«.
Nicht nur, dass damit die falschen Gegensätze aufgebaut werden. Es werden auch die für ein Filmkunstfestival falschen Prioritäten gesetzt. Dies ist unter keinen Umständen eine filmkritische oder sonstwie ästhetische Position.
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So geht es mir und anderen wieder einmal mit der Berlinale nicht sehr gut. Denn ich muss hier immer wieder über Dinge schreiben und reden, über die ich eigentlich nicht schreiben und reden will; und muss mir wieder überlegen, ob ich einmal mehr die Contrarian-Spaßbremse sein möchte, oder einfach wie so viele andere einen Larifari-Text schreibe, der alles ganz ganz ganz toll oder zumindest irgendwie »doch ganz schön« schön findet.
Weil das seit Jahren nicht nur für mich so ist, geht es auch anderen ähnlich: »Wenn ich nicht in Berlin wohnen würde, würde ich nicht zur Berlinale gehen«, sagt einer der wichtigsten freien Journalisten unter den Deutschen, der mehrere Tageszeitungen und Magazine beliefert und auch auf den anderen großen internationalen Festivals präsent ist.
Und S., eine der wichtigen deutschen Presseagentinnen erzählt mir, dass sie mehrere deutsche Kollegen kennen würde, die sich bei der
Berlinale nicht mehr akkreditieren.
Auch ich habe, dies möchte ich aus gegebenem Anlass hier öffentlich klarstellen, in den letzten zwei Jahren keine Presseakkretierung beantragt.
Um zu berichten und die Berlinale hautnahe zu erleben, muss man nicht akkreditiert sein. Ich habe rund 30 Berlinale-Filme gesehen, ein Dutzend davon vorher im Kino bei Pressevorstellungen, dann während des Festivals mit Karten, die Filmemacher, Verleiher, Weltvertriebe, Agenten und Freunde besorgt haben. Ich hätte sogar welche
gekauft, aber dieses Berlinale-Roulette ist nicht zum Aushalten. Aber ein Festival ist viel mehr als Filme sehen: Ich bin auf acht Empfängen gewesen, auf einer Podiums-Veranstaltung, habe vier Interviews geführt und war auf dem internen Berlinale-Gelände. Für Letzteres gibt es »Call-Sheets« und nette Mitarbeiter.
Wer hierzu noch Nachfragen hat, darf sich melden.
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Man sollte nicht auch darum herumreden, obwohl es sich bei solchen Feststellungen um ein zweischneidiges Schwert handelt: In der Branche zumindest ist es ein offenes Geheimnis, dass manche Filme im Berlinale-Wettbewerb laufen, nachdem sie von so ziemlich jedem anderen bedeutenden Festival auf dieser Welt abgelehnt wurden. Das gilt auch für den Goldenen Bären, wie auch für Markus Schleinzers Rose, für den die unanfechtbare Sandra Hüller den Schauspielerinnen-Preis bekam.
Das eigentliche Problem daran ist der Stellenwert der Berlinale. Tricia Tuttle und ihre Mitarbeiter haben in den letzten Tagen in vielen Gesprächen mit ihren Gästen zugegeben, dass sie die Filme, die sie eigentlich einladen möchten, nicht bekommen. Und gefragt, was sie denn tun könnten?
Ein Hauch von Verzweiflung ist erkennbar.
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Es ist jetzt nicht die beste Gelegenheit, auch hierüber zu sprechen, aber in nächster Zukunft wird man es ausführlicher tun: Wann ist ein deutscher Film ein deutscher Film? Das »Ursprungszeugnis«, also der ökonomische Personalausweis eines Films ist hierfür uninteressant. Aber schon damit nicht in den falschen Kreisen Gerüchte und Legenden herumgeistern, muss gefragt werden: Ist ein Film ohne deutsche Schauspieler, der nicht in Deutschland spielt und in dem nicht deutsch
gesprochen wird, ein deutscher Film, weil Regie und Produktion deutsch sind? Vielleicht sind die Kategorien des Nationalen in der Kunst grundsätzlich obsolet.
In jedem Fall trifft zu, was eine Freundin/Regisseurin mir schrieb: »Es ist viel sinnvoller und angemessener über die künstlerischen Eigenschaften dieses Films zu sprechen, als über die Definitionen davon, was hier deutsch und was nicht deutsch ist.«
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Die Preisvergabe am Samstag überdeckt leider vor allem die vielen massiven strukturellen Probleme der Berlinale, unter denen das mit über 250 Filmen immer noch allzu aufgeblasene, unübersichtliche und im Schnitt schwache Programm nicht das schlimmste ist: Der Berlinale fehlt nach der Schließung fast aller Kinos am Potsdamer Platz das räumliche Zentrum. So ist das Festival auf über 20 Spielorte in der Stadt zersplittert und kaum wahrnehmbar. Die Berlinale ist dabei, ihre Position als eines der führenden Filmfestivals der Welt zu verlieren. Das übertüncht auch nicht der beste Goldene Bär.