22.02.2026
76. Berlinale 2026

Last Exit Berlinale

Gelbe Briefe
Gewinner der Goldenen Bären: Gelbe Briefe von İlker Çatak
(Foto: Berlinale · Ella Knorz · ifProductions · Alamode Film)

Die Berlinale ist dabei, ihre Position als eines der führenden Filmfestivals der Welt zu verlieren – Berlinale-Notizen, Folge 4

Von Rüdiger Suchsland

»Freiheit kann auch darin bestehen, sich Erwar­tungen zu entziehen.«
– Nava Ebrahimi, Schrift­stel­lerin

»Never compro­mise on the what; only compro­mise on the how.«
– Regis­seurin Mona Fastvolt im Gespräch mit dem Autor

İlker Çatak hatte, man darf das wohl so sagen, großes Glück. Denn sein Film Gelbe Briefe bekam dann doch noch am Sams­tag­abend aus den Händen von Wim Wenders den Goldenen Bären, den Haupt­preis des Festivals in Berlin. Ein Happy End für den 1984 in Berlin geborenen Regisseur.

In gewissem Sinn auch ein Happy End für Wim Wenders und die dies­jäh­rige Berlinale. Deren Inten­dantin Tricia Tuttle konnte nichts Besseres passieren, als genau dies: Nach einem durchweg mau und kühl aufge­nom­menen Berli­na­le­jahr, und nachdem schon die ersten Kommen­tare ihre Position in Frage stellten und viele andere einen grund­sätz­li­chen Wandel fordern – beispiel­haft Andreas Kilb in der FAZ: »Die Berlinale muss sich verwan­deln« und »das Problem des Festivals liegt in der Spitze, nicht in der Breite« – gelang ihr im zweiten Jahr ihrer Amtszeit das, wofür sogar Dieter Kosslick drei Jahre brauchte: Ein Goldener Bär für einen deutschen Film und einen deutschen Regisseur.

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Damals war es Fatih Akin, heute ist es mit İlker Çatak wieder ein Sohn türki­scher Eltern, der wie kein anderer eine bunte, viel­fäl­tige deutsche Republik und die Gegenwart des Einwan­de­rungs­landes Deutsch­land reprä­sen­tiert und einen Film gemacht hat, der gut zum Zeitgeist passt.
Zugleich nimmt Gelbe Briefe all jenen den Wind aus den Segeln, die behaupten wollen, die Berlinale oder die dies­jäh­rige Jury würde nur unpo­li­ti­sches Kino wollen oder für l’art pour l’art eintreten. Eher schon erfüllt Gelbe Briefe das, worüber sich bereits Jean-Luc Godard in den 60er-Jahren mokiert hat: Dies ist ein expli­ziter und plakativ poli­ti­scher Film, nicht aber poli­ti­sches Filme­ma­chen. Denn Gelbe Briefe ist zwar einer­seits in seiner Stoßrich­tung wider­s­tändig, ande­rer­seits in seiner Form braves, bürger­li­ches, ja: neoli­be­rales Kino. Alles dreht sich um eine gebildete links­li­be­rale Künst­ler­fa­milie, deren mate­ri­elle Sorgen im Film an der Ober­fläche bleiben. Und in der Handlung siegt immer das Private über das Poli­ti­sche, das Senti­mental-Versöhn­liche über das Irri­tie­rende, ohne dass diese zwei Seiten je vermit­telt würden. Dies wird beim Publikum bestimmt gut funk­tio­nieren, in seiner engen, fern­seh­haften Ästhetik in der Kino­ge­schichte aber folgenlos bleiben.

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Ein anderer deutscher Film machte es besser und reihte sich in die große Zahl stilis­tisch inter­es­santer Werke, die in den von »poli­ti­schen« Posi­tio­nie­rungen domi­nierten Festi­val­preis­ver­gaben ohne Preise bleiben: Eva Trobischs Etwas ganz Beson­deres, den wir hier schon kürzlich bespro­chen haben.
Wir erwähnen ihn und seine sehr besondere musi­ka­li­sche Erzähl­weise – jede Figur wird wie in einem Jazzsolo mal nach vorne geschoben, dann wieder in den Hinter­grund gerückt – hier nur aus zwei Gründen noch einmal: Zum einen, weil es wirklich unver­s­tänd­lich ist, dass dieser Film im Jury Grid von »Screen Daily«, bei dem zugegeben die Teil­nehmer einen Alters­schnitt von über 60 Jahren aufweisen, einen schwachen Mittel­platz einnimmt, (Gelbe Briefe aller­dings kaum besser).
Zum zweiten, weil Wim Wenders in seiner Jury­an­sprache ausdrück­lich behaup­tete, Gelbe Briefe zeige eine Familie, wie man sie sonst nicht gesehen hätte in den zehn Kinotagen.
Das ist nicht richtig. Hat er Trobischs Film nicht gesehen? Nur sind die Familie keine Künstler und etwas weniger ideal zusam­men­ge­setzt als die heilige Familie Vater-Mutter-Kind bei İlker Çatak.

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Für Wim Wenders waren es aller­dings harte zehn Tage. Von links-iden­ti­tären Kreisen in der inter­na­tio­nalen Filmszene wurde in oft rüder Form sein Lebens­werk infrage gestellt, und ihm vorge­worfen, ein unpo­li­ti­scher Filme­ma­cher zu sein. Das ist er nicht – aber wenn schon: Es gibt selbst­ver­s­tänd­lich auch das Recht, sich bestimmten Themen zu verwei­gern.
Die Folge war ein öffent­li­cher Spießru­ten­lauf, und man konnte hören, dass Wenders sogar kurz einen Rücktritt aus der Jury erwogen habe.

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Auch wenn er anderes behaup­tete, kann man glauben, dass diese Preis­ver­gabe nicht auch dadurch motiviert war, dass Wenders dem Vorwurf des Unpo­li­ti­schen begegnen wollte. Am Ende hat die doofe Poli­tik­de­batte viel­leicht dafür gesorgt, dass die Jury unbedingt einen soge­nannten poli­ti­schen Film auszeichnen wollte.

Ich glaube zudem, dass es Wenders auch sehr gefällt, dass er in Berlin einem deutschen Film den Goldenen Bären geben kann.

Aber es nervt echt! Es wäre so schön, wenn mal ein Film gewinnen könnte, der die Kunst ins Zentrum stellt, und den ich aus ganzem Herzen einfach gut finde.
Bei einem Preis für Angela Schanelec hätte ich zwar mit den Augen gerollt, aber aus anderen Gründen. Ein solcher Goldener Bär wäre in jedem Fall einmal ein Statement gewesen für ein Kino jenseits jeder Verein­nah­mung.

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Genau dies, die Rede­frei­heit und die Freiheit zu eigenen Meinungen jenseits der Verein­nah­mungen, der Filter­blasen und ihrer Konven­tionen werden zur Zeit von rechts- wie links­extremen Kreisen infrage gestellt. Letztere sind in der Film­com­mu­nity stark vertreten, in Berlin domi­nieren sie Teile des Diskurses. Das war auf der Abschluss­ze­re­monie ganz gut zu beob­achten, auf der einsei­tige »Palästina-Soli­da­rität« und anti­se­mi­tisch gefärbte »Israel-Kritik« seit zwei Jahren fast schon zum guten Ton gehören. Ohne von irgendwem ein Wort zu jüdischen Opfern.

Noch wird der »Krieg der Meinungen« (FAZ) nur in schrillen Worten ausge­tragen, aber wer den syrischen Regisseur Abdallah Alkhatib in seiner Dankrede für den Preis fürs Spiel­film­debüt hörte, dem lief es eiskalt den Rücken herunter: Man werde sich »an jeden erinnern, der gegen uns war«. Kultur­sta­li­nismus in Reinform, die die Rede­frei­heit zum Mittel ihrer Unter­drü­ckung macht. Es ist empörend, dass Derar­tiges bei der Berlinale statt­findet, ausge­rechnet in Berlin, nur wenige hundert Meter vom Standort der Berliner Mauer, von Hitlers Führer­bunker und des Holo­caust­mahn­mals entfernt.

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Tricia Tuttle darf dies nicht dauerhaft zulassen, sie muss hier anders reagieren. Es ist auch unsäglich, dass sie sich neben der Paläs­ti­na­flagge und den symbo­lisch aufge­la­denen Pali-Schals photo­gra­phieren ließ, ohne sich zu distan­zieren.
Sie gefährdet damit ihre Position, denn sie agiert hier nicht als Privat­person, sondern als Vertre­terin eines der wich­tigsten Kultur­er­eig­nisses eines Landes, das Palästina als Staat nicht anerkannt hat.

Wenn die deutsche Film- und Kultur­szene nicht will, dass die Politik, nament­lich Kultur­staats­mi­nister Wolfram Weimer, irgend­wann bei der Berlinale durch­greift, und diese von außen durch neue Statuten und Vorschriften und Einschrän­kungen enger kontrol­liert, um poli­ti­sche Exzesse zu vermeiden, dann muss die Berlinale eine Selbst­rei­ni­gung durch­führen.
Die Berlinale ist kein kleines Berliner-Inde­pen­dent-Festival, sie ist überhaupt nicht ein Ereignis für Berliner Kunst- und andere Filter­blasen, sondern sie ist das deutsche A-Festival – ein Aushän­ge­schild und auch ein kultur­po­li­tisch zentraler Ort für die Bundes­re­pu­blik. Das gilt es kulturell und politisch zu würdigen.

Tuttle sprach sich auf der Abschluss­gala glaub­würdig für Rede­frei­heit und gegen Diskri­mi­nie­rung aus. Die Berlinale sei ein Ort der Freiheit. Ob das aber die Juden auch so sehen? Ob das Israelis so sehen, die aus irgend­einem Grund ihre Regierung anders betrachten als die Araber oder die Mehrheit der Berliner?

Tricia Tuttle macht auf der Bühne eine gute Figur, eine weitaus bessere, als ihre Vorgänger inklusive Dieter Kosslick. Sie hält auch kluge, wohl­for­mu­lierte Reden.

Aber mit bella figura und schönen Reden ist es bei der Berlinale nicht mehr getan. Hand­lungen sind nötig und klare öffent­liche Gesten, die unzwei­deutig sind, die nicht alle und jeden inte­grieren, sondern Maßstäbe und Zeichen setzen und auch sagen, wo die Grenzen des großen Herzens liegen.
Ein Teil des Publikums in Berli­na­le­saal war da schon weiter:
»Do some educa­tional work!«, »Reed History« und »Free Gaza from Hamas« riefen sie den schlichten Life­styl­estate­ments entgegen.

Da nahm es Mode­ra­torin Désirée Nosbusch mit der Rede­frei­heit und Inklusion plötzlich nicht mehr so genau: Das sei nicht der richtige Moment für Dialog – damit wider­sprach sie all den Lippen­be­kennt­nissen von Tricia Tuttle.

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Worum es Abdallah Alkhatib geht und nicht geht, das machte dieser arabische Doku­men­tar­filmer in seiner Rede zuvor immerhin glasklar: »Politik geht vor Kino, Wider­stand vor Kunst, Freiheit vor Schönheit, Mensch vor Kultur«.
Nicht nur, dass damit die falschen Gegen­sätze aufgebaut werden. Es werden auch die für ein Film­kunst­fes­tival falschen Prio­ri­täten gesetzt. Dies ist unter keinen Umständen eine film­kri­ti­sche oder sonstwie ästhe­ti­sche Position.

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So geht es mir und anderen wieder einmal mit der Berlinale nicht sehr gut. Denn ich muss hier immer wieder über Dinge schreiben und reden, über die ich eigent­lich nicht schreiben und reden will; und muss mir wieder überlegen, ob ich einmal mehr die Contra­rian-Spaß­bremse sein möchte, oder einfach wie so viele andere einen Larifari-Text schreibe, der alles ganz ganz ganz toll oder zumindest irgendwie »doch ganz schön« schön findet.

Weil das seit Jahren nicht nur für mich so ist, geht es auch anderen ähnlich: »Wenn ich nicht in Berlin wohnen würde, würde ich nicht zur Berlinale gehen«, sagt einer der wich­tigsten freien Jour­na­listen unter den Deutschen, der mehrere Tages­zei­tungen und Magazine beliefert und auch auf den anderen großen inter­na­tio­nalen Festivals präsent ist.
Und S., eine der wichtigen deutschen Pres­se­agen­tinnen erzählt mir, dass sie mehrere deutsche Kollegen kennen würde, die sich bei der Berlinale nicht mehr akkre­di­tieren.

Auch ich habe, dies möchte ich aus gegebenem Anlass hier öffent­lich klar­stellen, in den letzten zwei Jahren keine Pres­se­ak­kre­tie­rung beantragt.
Um zu berichten und die Berlinale hautnahe zu erleben, muss man nicht akkre­di­tiert sein. Ich habe rund 30 Berlinale-Filme gesehen, ein Dutzend davon vorher im Kino bei Pres­se­vor­stel­lungen, dann während des Festivals mit Karten, die Filme­ma­cher, Verleiher, Welt­ver­triebe, Agenten und Freunde besorgt haben. Ich hätte sogar welche gekauft, aber dieses Berlinale-Roulette ist nicht zum Aushalten. Aber ein Festival ist viel mehr als Filme sehen: Ich bin auf acht Empfängen gewesen, auf einer Podiums-Veran­stal­tung, habe vier Inter­views geführt und war auf dem internen Berlinale-Gelände. Für Letzteres gibt es »Call-Sheets« und nette Mitar­beiter.
Wer hierzu noch Nach­fragen hat, darf sich melden.

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Man sollte nicht auch darum herum­reden, obwohl es sich bei solchen Fest­stel­lungen um ein zwei­schnei­diges Schwert handelt: In der Branche zumindest ist es ein offenes Geheimnis, dass manche Filme im Berlinale-Wett­be­werb laufen, nachdem sie von so ziemlich jedem anderen bedeu­tenden Festival auf dieser Welt abgelehnt wurden. Das gilt auch für den Goldenen Bären, wie auch für Markus Schlein­zers Rose, für den die unan­fecht­bare Sandra Hüller den Schau­spie­le­rinnen-Preis bekam.

Das eigent­liche Problem daran ist der Stel­len­wert der Berlinale. Tricia Tuttle und ihre Mitar­beiter haben in den letzten Tagen in vielen Gesprächen mit ihren Gästen zugegeben, dass sie die Filme, die sie eigent­lich einladen möchten, nicht bekommen. Und gefragt, was sie denn tun könnten?
Ein Hauch von Verzweif­lung ist erkennbar.

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Es ist jetzt nicht die beste Gele­gen­heit, auch hierüber zu sprechen, aber in nächster Zukunft wird man es ausführ­li­cher tun: Wann ist ein deutscher Film ein deutscher Film? Das »Ursprungs­zeugnis«, also der ökono­mi­sche Perso­nal­aus­weis eines Films ist hierfür unin­ter­es­sant. Aber schon damit nicht in den falschen Kreisen Gerüchte und Legenden herum­geis­tern, muss gefragt werden: Ist ein Film ohne deutsche Schau­spieler, der nicht in Deutsch­land spielt und in dem nicht deutsch gespro­chen wird, ein deutscher Film, weil Regie und Produk­tion deutsch sind? Viel­leicht sind die Kate­go­rien des Natio­nalen in der Kunst grund­sätz­lich obsolet.
In jedem Fall trifft zu, was eine Freundin/Regis­seurin mir schrieb: »Es ist viel sinn­voller und ange­mes­sener über die künst­le­ri­schen Eigen­schaften dieses Films zu sprechen, als über die Defi­ni­tionen davon, was hier deutsch und was nicht deutsch ist.«

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Die Preis­ver­gabe am Samstag überdeckt leider vor allem die vielen massiven struk­tu­rellen Probleme der Berlinale, unter denen das mit über 250 Filmen immer noch allzu aufge­bla­sene, unüber­sicht­liche und im Schnitt schwache Programm nicht das schlimmste ist: Der Berlinale fehlt nach der Schließung fast aller Kinos am Potsdamer Platz das räumliche Zentrum. So ist das Festival auf über 20 Spielorte in der Stadt zersplit­tert und kaum wahr­nehmbar. Die Berlinale ist dabei, ihre Position als eines der führenden Film­fes­ti­vals der Welt zu verlieren. Das über­tüncht auch nicht der beste Goldene Bär.