19.02.2026
76. Berlinale 2026

»Nicht von dieser Berlinale«

Meine Frau weint
Entrückt und nicht von diesem Wettbewerb: Angela Schanelecs Meine Frau weint ist konkurrenzlos
(Foto: Berlinale · Blue Monticola Film)

Kaum ist die Berlinale-Halbzeit ausgerufen, befinden wir uns auch schon auf der Zielgeraden. Ein paar Eindrücke von der Rennstrecke: James Benning, Eva Trobisch, Angela Schanelec

Von Dunja Bialas

Es ist ja wirklich erstaun­lich, dass Kino noch immer provo­zieren kann. Das geschieht sicher­lich nicht durch die vielen schönen und sehr akzep­ta­blen, dann doch irgendwie braven Filmen im Wett­be­werb. Und es gilt: Im Forum lässt sich so schnell keiner provo­zieren. Barbara Wurm zeigt im zweiten Jahr ein sehr starkes Programm, das weder Genre noch Kontem­pla­tion scheut. Klar, dass James Benning mit seinem neuen Film einge­laden war.

James Benning: Brücken­pfeiler der Kontem­pla­tion

Eight Bridges, der an seine früheren metri­schen Filme 13 Lakes und Ten Skies anknüpft – jede Einstel­lung erhält zehn Minuten, die Bild­kadrie­rung berück­sich­tigt die Mittel­linie, alles wirkt, wie mit dem Lineal gezogen –, sorgte aber dann doch eher für Adre­na­lin­schübe und Aufregung. Ein neuer Benning der alten Schule! Das Ergebnis war, obwohl digital gedreht, seines Werks sehr, sehr würdig. Mit kalku­lierter Erwar­tungs­ent­täu­schung und nuan­cierten Abwei­chungen seiner früheren Vorge­hens­weise. Wir memo­rieren die acht Brücken: Golden Gate, dann die Brücke mit dem Rinnsal, dann eine enge Bild­ein­stel­lung, in der sich fast nichts tut… und später die Eisen­bahn­brücke, mit Brücken­pfeiler wie der Eiffel­turm.

James Benning, 83, weiß viel vom Kino. Im Gespräch mit Barbara Wurm im ausver­kauften Delphi freute er sich über das Publikum, und darüber, dass niemand raus­ge­gangen sei. Aber er merkte auch an, dass seine Filme nicht für so ein großes Kino gemacht seien, hinten habe man vermut­lich nicht jenen kleinen weißen Zug entdeckt, der durchs Bild gefahren sei, an einer unspek­ta­kulären Stelle. Prompt kam Protest auf, das Publikum von Benning ist hoch­gradig aufmerksam. Und keiner hatte unter knal­lenden Türen den Saal verlassen. Das Publikum wusste, was es erwartet, weil es seine früheren Filme kannte. Benning: voll des Lobes.

Mit ruhiger Stimme zählte er den histo­ri­schen Kontext seiner acht Brücken auf, und wie heikel es war, dass sich darunter auch Selbst­mör­der­brü­cken befinden. Mehr noch aber sticht in Eight Bridges die eigent­liche Brücke des Films ins Auge: Eine Brücke verbindet natürlich die zwei obli­ga­to­ri­schen Ufer oder über­spannt ein Tal. Mehr aber befindet sich in Bennings Bildern die Brücke zwischen Himmel und Wasser, zwischen Sky und Lake, der in diesem Fall ein River war. Ein notwen­diger Film, in der Tat, der in seinem Werk noch gefehlt hatte.

Eva Trobisch: Fami­li­en­splitter

Wann ist ein Filme­ma­cher, eine Filme­ma­cherin glücklich? Bestimmt ist die Berlinale oft kein Spaß, immer wieder wird erzählt, dass einige nicht wollten, dass ihr Film im Wett­be­werb läuft. Dann lieber Berlinale-Special. Aber noch bringt es natürlich die Aufmerk­sam­keit, wenn ein Film im Berlinale-Wett­be­werb läuft. So für Eva Trobisch. Sie zeigte Etwas ganz Beson­deres, und so sehr der Vorgän­ger­film Ivo toll war, ist allein der Titel schon nicht gut. Ein Coming-of-Age-Film, der sich zersplit­tert im Kalei­do­skop einer Thüringer Patchwork-Familie. Alle Figuren wollen erzählt werden, nicht alle aber sind inter­es­sant und schon gar nicht der Plot-Strang um eine Casting-Show, die zum Anlass genommen wird, damit sich die Fami­li­en­splitter wieder zusam­men­fügen können. Da wird sehr viel zusam­men­ge­fügt, was nicht zusam­men­passt, mit dem wunder­lichsten Einfällen an Figuren-Klebe­reien. Hier gibt es von allem zuviel: Warum die Casting-Show, warum das Pferd mit dem wahlweise honig­me­lo­nen­großen oder grape­fruit­großen (englische Unter­titel) Tumor? Allein die Groß­mutter, die sich irgend­wann aus dem Film davon­schleicht, hat alle Sympathie. Wie groß im Kleinen, wie echt hatte sich dagegen Ivo angefühlt.

Und dann die zweite deutsche Filme­ma­cherin im Wett­be­werb, und wieder die Frage nach dem Glück­lich­sein…

Angela Schanelec: Kino der abstrakten Sinn­lich­keit

Die Aufregung um Angela Scha­nelecs neuen Film Meine Frau weint ist in den Berliner Tages­zei­tungen gerade ziemlich groß (Tenor: was für eine Unver­schämt­heit, dieser Film), aber viel­leicht wollen alle nur negative Schlag­zeilen und Click­baits produ­zieren. Ist ja immer toll, wenn man sich aufregt, das inter­es­siert die Leute. Und erstaun­lich, dass ein Film der Berliner Regis­seurin, die im benach­barten Frank­reich alle Wert­schät­zung erhält, die Leute hier immer noch provo­zieren kann.

Auf der anderen Seite, denke ich an die lobenden Worte von Benning, stelle ich mir Angela Schanelec womöglich glück­li­cher vor, Meine Frau weint wäre nicht im Wett­be­werb, sondern im Forum gelaufen. Alle hätten ihre Film­sprache verstanden, alle hätten ihr Werk gekannt. Sie wäre umarmt und geliebt worden, Agathe Bonitzer hätte gesehen, dass selbst das Berlinale-Publikum einen Sinn und einen Verstand für ein Kino hat, das sich gegen den Natu­ra­lismus entscheidet, das die Abstrak­tion wählt und in Situa­tionen erzählt. Das die Sprache zum Körper erhebt, und den Körper zur Sprache. Das die Frauen liebt und die Männer. Den Tanz und die Musik. Die Bilder und die Schau­spieler.

Es geht um das Leben in Meine Frau weint, und um den Tod. Die Bezie­hungen der Figuren driften ausein­ander, ohne dass sie selbst verstehen können, wieso. Alles wird spürbar, übersetzt sich ins Ästhe­ti­sche und wird somit sinnlich. Die Szenen ereignen sich in langen, ruhigen Einstel­lungen. Viel wird Fahrrad gefahren oder das Fahrrad geschoben. Viel wird gespro­chen, das ist fast unge­wöhn­lich für Schanelec, und doch kommt ihre Sprache aus einem thea­ter­haften Raum, in dem sie selbst zuhause war. Aber… Die Sprache darf bei ihr künstlich sein, macht auf sich aufmerksam, jede Windung des Ausdrucks fällt auf. Agathe Bonitzer und Vladimir Vulević bringen als Clara und Thomas, das ausein­an­der­fal­lende Liebes­paar, ihre Akzente mit, die deutschen, hoch­spra­chigen Sätze und Worte werden in ihrer Diktion unendlich weich. Gleich­zeitig sprechen sie ein Erstaunen über das Gesagte aus.

Wieder ist Scha­nelecs Film auch einer der Schau­spieler, so ätherisch sie teilweise sind, so körper­lich sind sie präsent. Vulević trägt einmal Bonitzer, ein Bild der Stärke und Verletz­lich­keit, sein Thomas wirkt wie ein Riese. Die Bilder sind mit Schwere versehen, gedreht wurde auf grob­kör­nigem 16mm-Material, Marius Panduru, Stamm­ka­me­ra­mann von Radu Jude, verleiht ihnen eine opake, erden­schwere Mate­ria­lität, ein deut­li­cher Kontrast zur Trans­pa­renz bei Ivan Marković, der die letzten Filme von Schanelec, Ich war zuhause, aber... und Music, foto­gra­fiert hatte.

Und erden­schwer, voll Trauer fühlt sich Scha­nelecs Film in der Tat an. Die Ästhetik trans­por­tiert die Emotionen: die Lang­sam­keit der langen Einstel­lungen, der Anti-Natu­ra­lismus der Dialoge. Und dabei liegt dem doch eine triviale Kolpor­tage zugrunde: Die Frau betrügt ihren Mann, bei einem tödlichen Unfall kommt alles heraus.

Daraus ergibt sich eine große, stille Tragik, die alle Figuren erfasst.

Diesen Film kann man nur mit allen Sinnen erspüren, er ist eine Ausnahme im Berlinale-Wett­be­werb, outstan­ding und konkur­renzlos. »Nicht von dieser Berlinale«, so Wolfgang Lasinger im Podcast in Anspie­lung auf einen Hashtag, mit denen dieses Jahr alle Filme verschlag­wortet werden.