76. Berlinale 2026
»Nicht von dieser Berlinale« |
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| Entrückt und nicht von diesem Wettbewerb: Angela Schanelecs Meine Frau weint ist konkurrenzlos | ||
| (Foto: Berlinale · Blue Monticola Film) | ||
Von Dunja Bialas
Es ist ja wirklich erstaunlich, dass Kino noch immer provozieren kann. Das geschieht sicherlich nicht durch die vielen schönen und sehr akzeptablen, dann doch irgendwie braven Filmen im Wettbewerb. Und es gilt: Im Forum lässt sich so schnell keiner provozieren. Barbara Wurm zeigt im zweiten Jahr ein sehr starkes Programm, das weder Genre noch Kontemplation scheut. Klar, dass James Benning mit seinem neuen Film eingeladen war.
Eight Bridges, der an seine früheren metrischen Filme 13 Lakes und Ten Skies anknüpft – jede Einstellung erhält zehn Minuten, die Bildkadrierung berücksichtigt die Mittellinie, alles wirkt, wie mit dem Lineal gezogen –, sorgte aber dann doch eher für Adrenalinschübe und Aufregung. Ein neuer Benning der alten Schule! Das Ergebnis war, obwohl digital gedreht, seines Werks sehr, sehr würdig. Mit kalkulierter Erwartungsenttäuschung und nuancierten Abweichungen seiner früheren Vorgehensweise. Wir memorieren die acht Brücken: Golden Gate, dann die Brücke mit dem Rinnsal, dann eine enge Bildeinstellung, in der sich fast nichts tut… und später die Eisenbahnbrücke, mit Brückenpfeiler wie der Eiffelturm.
James Benning, 83, weiß viel vom Kino. Im Gespräch mit Barbara Wurm im ausverkauften Delphi freute er sich über das Publikum, und darüber, dass niemand rausgegangen sei. Aber er merkte auch an, dass seine Filme nicht für so ein großes Kino gemacht seien, hinten habe man vermutlich nicht jenen kleinen weißen Zug entdeckt, der durchs Bild gefahren sei, an einer unspektakulären Stelle. Prompt kam Protest auf, das Publikum von Benning ist hochgradig aufmerksam. Und keiner hatte unter knallenden Türen den Saal verlassen. Das Publikum wusste, was es erwartet, weil es seine früheren Filme kannte. Benning: voll des Lobes.
Mit ruhiger Stimme zählte er den historischen Kontext seiner acht Brücken auf, und wie heikel es war, dass sich darunter auch Selbstmörderbrücken befinden. Mehr noch aber sticht in Eight Bridges die eigentliche Brücke des Films ins Auge: Eine Brücke verbindet natürlich die zwei obligatorischen Ufer oder überspannt ein Tal. Mehr aber befindet sich in Bennings Bildern die Brücke zwischen Himmel und Wasser, zwischen Sky und Lake, der in diesem Fall ein River war. Ein notwendiger Film, in der Tat, der in seinem Werk noch gefehlt hatte.
Wann ist ein Filmemacher, eine Filmemacherin glücklich? Bestimmt ist die Berlinale oft kein Spaß, immer wieder wird erzählt, dass einige nicht wollten, dass ihr Film im Wettbewerb läuft. Dann lieber Berlinale-Special. Aber noch bringt es natürlich die Aufmerksamkeit, wenn ein Film im Berlinale-Wettbewerb läuft. So für Eva Trobisch. Sie zeigte Etwas ganz Besonderes, und so sehr der Vorgängerfilm Ivo toll war, ist allein der Titel schon nicht gut. Ein Coming-of-Age-Film, der sich zersplittert im Kaleidoskop einer Thüringer Patchwork-Familie. Alle Figuren wollen erzählt werden, nicht alle aber sind interessant und schon gar nicht der Plot-Strang um eine Casting-Show, die zum Anlass genommen wird, damit sich die Familiensplitter wieder zusammenfügen können. Da wird sehr viel zusammengefügt, was nicht zusammenpasst, mit dem wunderlichsten Einfällen an Figuren-Klebereien. Hier gibt es von allem zuviel: Warum die Casting-Show, warum das Pferd mit dem wahlweise honigmelonengroßen oder grapefruitgroßen (englische Untertitel) Tumor? Allein die Großmutter, die sich irgendwann aus dem Film davonschleicht, hat alle Sympathie. Wie groß im Kleinen, wie echt hatte sich dagegen Ivo angefühlt.
Und dann die zweite deutsche Filmemacherin im Wettbewerb, und wieder die Frage nach dem Glücklichsein…
Die Aufregung um Angela Schanelecs neuen Film Meine Frau weint ist in den Berliner Tageszeitungen gerade ziemlich groß (Tenor: was für eine Unverschämtheit, dieser Film), aber vielleicht wollen alle nur negative Schlagzeilen und Clickbaits produzieren. Ist ja immer toll, wenn man sich aufregt, das interessiert die Leute. Und erstaunlich, dass ein Film der Berliner Regisseurin, die im benachbarten Frankreich alle Wertschätzung erhält, die Leute hier immer noch provozieren kann.
Auf der anderen Seite, denke ich an die lobenden Worte von Benning, stelle ich mir Angela Schanelec womöglich glücklicher vor, Meine Frau weint wäre nicht im Wettbewerb, sondern im Forum gelaufen. Alle hätten ihre Filmsprache verstanden, alle hätten ihr Werk gekannt. Sie wäre umarmt und geliebt worden, Agathe Bonitzer hätte gesehen, dass selbst das Berlinale-Publikum einen Sinn und einen Verstand für ein Kino hat, das sich gegen den Naturalismus entscheidet, das die Abstraktion wählt und in Situationen erzählt. Das die Sprache zum Körper erhebt, und den Körper zur Sprache. Das die Frauen liebt und die Männer. Den Tanz und die Musik. Die Bilder und die Schauspieler.
Es geht um das Leben in Meine Frau weint, und um den Tod. Die Beziehungen der Figuren driften auseinander, ohne dass sie selbst verstehen können, wieso. Alles wird spürbar, übersetzt sich ins Ästhetische und wird somit sinnlich. Die Szenen ereignen sich in langen, ruhigen Einstellungen. Viel wird Fahrrad gefahren oder das Fahrrad geschoben. Viel wird gesprochen, das ist fast ungewöhnlich für Schanelec, und doch kommt ihre Sprache aus einem theaterhaften Raum, in dem sie selbst zuhause war. Aber… Die Sprache darf bei ihr künstlich sein, macht auf sich aufmerksam, jede Windung des Ausdrucks fällt auf. Agathe Bonitzer und Vladimir Vulević bringen als Clara und Thomas, das auseinanderfallende Liebespaar, ihre Akzente mit, die deutschen, hochsprachigen Sätze und Worte werden in ihrer Diktion unendlich weich. Gleichzeitig sprechen sie ein Erstaunen über das Gesagte aus.
Wieder ist Schanelecs Film auch einer der Schauspieler, so ätherisch sie teilweise sind, so körperlich sind sie präsent. Vulević trägt einmal Bonitzer, ein Bild der Stärke und Verletzlichkeit, sein Thomas wirkt wie ein Riese. Die Bilder sind mit Schwere versehen, gedreht wurde auf grobkörnigem 16mm-Material, Marius Panduru, Stammkameramann von Radu Jude, verleiht ihnen eine opake, erdenschwere Materialität, ein deutlicher Kontrast zur Transparenz bei Ivan Marković, der die letzten Filme von Schanelec, Ich war zuhause, aber... und Music, fotografiert hatte.
Und erdenschwer, voll Trauer fühlt sich Schanelecs Film in der Tat an. Die Ästhetik transportiert die Emotionen: die Langsamkeit der langen Einstellungen, der Anti-Naturalismus der Dialoge. Und dabei liegt dem doch eine triviale Kolportage zugrunde: Die Frau betrügt ihren Mann, bei einem tödlichen Unfall kommt alles heraus.
Daraus ergibt sich eine große, stille Tragik, die alle Figuren erfasst.
Diesen Film kann man nur mit allen Sinnen erspüren, er ist eine Ausnahme im Berlinale-Wettbewerb, outstanding und konkurrenzlos. »Nicht von dieser Berlinale«, so Wolfgang Lasinger im Podcast in Anspielung auf einen Hashtag, mit denen dieses Jahr alle Filme verschlagwortet werden.