Cinema Moralia – Folge 375
Warum gehen wir ins Kino? |
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| Beispiellos: 16 Nominierungen für Blood & Sinners | ||
| (Foto: Warner) | ||
Die grundsätzlichste Frage von allen Fragen, die das Kino betreffen, lautet: Warum gehen wir überhaupt ins Kino? Wollen wir wirklich Filme über transgenerationale Gewalt sehen? Wollen wir im Kino lernen, wie wir bessere Menschen werden? Wollen wir dort beigebracht bekommen, dass wir die falschen Ansichten über alles Mögliche haben? Wollen wir einen Film über Massenselbstmorde am Ende des Zweiten Weltkriegs sehen, oder einen Film über nette Flüchtlinge, die so empathisch sind,
dass es nur noch beschämt? Oder umgekehrt einen über böse Flüchtlinge, die ihre Töchter einsperren und Messerattentate durchführen? Wollen wir im Kino endlich erfahren, dass Neonazis böse sind? Oder doch auch nur Menschen?
Ich kann zumindest für mich sagen, dass ich wegen all dem nicht ins Kino gehe, und dass ich glaube, dass die meisten anderen Menschen deswegen auch nicht ins Kino gehen, sondern eher dem Kino fernbleiben, weil sie sich dort immer mehr erzogen und immer weniger
unterhalten fühlen, zumindest in Deutschland.
Ist dieser Standpunkt borniert? Ist er reaktionär? Ich hoffe nicht; und ich glaube es auch nicht. Ich möchte von Filmen vor allem überrascht werden und genau solche Filme, die ich oben beschrieben habe, überraschen mich gar nicht. Ich möchte von Filmen nicht gequält werden. Und solche Filme quälen mich latent, und wenn nicht augenblicklich, dann aber später.
Allerdings glaube ich auch, dass sehr oft die Filme falsch vermarktet
werden. Oder auch von den Filmemachern falsch benannt. Ein Film wie Sound of Falling/In die Sonne schauen ist für mich eben kein Film über transgenerationale Erinnerungen – egal wie oft die Filmemacher dies bei Filmgesprächen auch sagen mögen.
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Was die Oscar-Nominierungen über die Filmbranche verraten: Der Teufel, sagt ein altes Sprichwort, scheißt immer auf den größten Haufen. Der Haufen, auf den er drauf scheißt, wird allerdings immer größer. 2025 ist das Jahr der Massennominierungen: Acht und neun Nominierungen für Hamnet und Sentimental Value und Marty Supreme ist schon gigantisch gut, 13 Nominierungen für One Battle After Another eine wahnsinnige Ausnahme, 16 Nominierungen für Blood & Sinners beispiellos!!! Dass ich das noch erleben muss!
Sagt uns das aber auch irgendetwas über die Qualität dieser Filme? Natürlich nicht! Es ist noch nicht mal ein Beleg dafür, dass das Filmjahr 2025 besonders schwach war, wie manche jetzt versuchen zu resümieren. Nach dem Motto: Da war nix, darum gehen alle Stimme auf wenige Filme.
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Etwas anderes ist interessanter: Die Halbwertszeit dieser ausnahmsweisen Massennominierungen wird immer geringer. 1950 bekam All About Eve 14 Nominierungen. 1997, also 47 Jahre später, gelang das James Camerons Titanic erstmal wieder. Dann nur weitere 20 Jahre später kam La La Land wiederum auf 14 Nominierungen, und dann dauerte es nur 9 Jahre, bis wiederum ein Film 13 und ein zweiter in diesem Fall sogar über 14 Nominierungen hat. Mathematisch gesehen wird in nur vier oder fünf Jahren bereits der nächste Film so viele Nominierungen haben. Ich glaube daran!
Es gibt einen Namen für jene mathematische Kurve, die steil nach oben zeigt: Exponentialfunktion. Es gibt dann logischerweise einen Punkt, an dem es nicht mehr steiler geht, an dem die Halbwertszeit sich immer weiter verkürzt, soweit, bis sie auf Null angekommen ist. Letzteres ist allerdings mathematisch unmöglich.
In der poetischen Sprache der Mathematik heißt dieser Punkt, diese »vertikale Asymptote« auch »Polstelle«, oder schöner und bei zeitabhängigen Prozessen wie einer Oscarnominierung »Blow-up in endlicher Zeit«.
Das behauptet zumindest meine KI und ich will es ihr glauben.
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Was lernen wir daraus für die Wirklichkeit des Kinos: Alle reden von Diversität, weil es gut klingt, politisch angesagt ist und weil naive oder dumme Menschen wirklich ganz ernsthaft denken, dass Diversität an sich etwas Gutes wäre.
Die Tendenz der Weltgeschichte ist aber das Gegenteil von Diversität. Sie ist Totalität oder vielleicht auch Universalität. Das hat mit Donald Trump rein gar nichts zu tun, sondern mehr mit Hegel, dem Philosophen der Weltgeschichte. Mathematisch gesehen führt das dazu, dass irgendwann nur noch ein einziger Film in allen Kategorien alle Nominierungen gewinnen wird. Das mag pragmatisch gesehen sehr unwahrscheinlich sein. Aber seien wir ehrlich: Genau das ist es, was die Filmbranche, jedenfalls ihre Funktionärsebene eigentlich will: Totalität. Den einen Film, der alles gewinnt, alles einspielt und das allergrößte Box Office hat. Und alle anderen Filme überflüssig macht. Darum auch immer wieder, wie jüngst in Saarbrücken von deutschen Tropfhängern das Gerede, es gebe zu viele Filme. Obwohl doch gleichzeitig alle von Diversität reden.
Die diesjährigen Oscar-Nominierungen sind jedenfalls ein Gipfel an Uniformität.
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Noch etwas zu unserer derzeitigen Fortsetzungsgeschichte über den latenten Antisemitismus und die Ignoranz gegenüber jüdischem Leid an der Europäischen Filmakademie.
Letzte Woche hatten wir die Austrittsmail des Berliner Filmproduzenten Stefan Pannen zitiert. Inzwischen erhielt er folgende Antwort:
»Lieber Herr Pannen,«
»vielen Dank für Ihre offene Rückmeldung. Wir nehmen Ihre Kritik ernst und verstehen Ihre Verärgerung.«
»In der Woche vor der Verleihung der European Film Awards erreichten die Geschäftsführung, den Vorstand und das Team mehrere dringende Bitten, den Mitgliedern offene Briefe zu schicken – für Iran, Palästina, und dann kamen noch die Nachrichten über die USA und Grönland dazu. Wir hatten das Bedürfnis, die Preisverleihung in diesen Kontext einzuordnen – darf man feiern, wenn so viele andere leiden? – und den Anfragenden die Möglichkeit zu geben, die große
Aufmerksamkeit für die Awards als Plattform für Solidarität zu nutzen. Dies wurde von vielen Mitgliedern positiv aufgenommen.
Als David Bennent (Presenter der Casting-Director-Kategorie) bei der Verleihung die Gewalt gegen Kinder sowohl in Israel am 7. Oktober 2023 als auch in Gaza ansprach, kamen mir wie vielen anderen im Publikum die Tränen.
Bei der Vielzahl an Konflikten weltweit war es unmöglich, jede Situation einzeln zu benennen – das Leid unschuldiger israelischer
Zivilisten, die Situation in Syrien und viele andere Konflikte eingeschlossen. Wir wollten zum Ausdruck bringen, dass die Academy grundsätzlich für die Achtung der Menschenrechte aller Menschen einsteht. Die European Film Academy verurteilt jede Form von Menschenrechtsverletzungen, unabhängig davon, wo sie stattfinden oder wen sie betreffen.
Wir sind uns bewusst, dass solche Statements nie allen gerecht werden können. Dennoch halten wir es für wichtiger, Haltung zu zeigen, als
aus Angst vor Kritik zu schweigen – was dem Anspruch der Academy nicht gerecht würde, für die Werte einzustehen, die europäisches Filmschaffen prägen.
'Seid Menschen, bleibt Menschen!' Margot Friedländers Aufruf zur Menschlichkeit, gegen Hass, Antisemitismus und Missachtung der Menschenrechte hallt in unserer täglichen Arbeit in uns nach.«
»Wir schätzen kritische Stimmen wie Ihre – sie machen uns als Gemeinschaft stärker. Wir würden es sehr bedauern, wenn Sie sich entschließen würden, die Academy zu verlassen, und würden uns freuen, wenn Sie uns als kritische Stimme erhalten bleiben.«
»Mit freundlichen Grüßen
Viviane Gajewski
Membership Relations and Support
EUROPEAN FILM ACADEMY«
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Das sind schon ganz schön große und zugleich leere Worte: Grönland, Tränen, Haltung zeigen. Margot Friedländer geht auch immer.
Warum nicht einfach die klare Erklärung: Wir haben Israel und die Terrorangriffe des 7. Oktober vergessen. Das tut uns leid. Wir hatten außerdem Angst vor den vielen Antisemiten und einseitigen Araberfreunden in unserer Mitgliederschaft. Wir bitten um Verständnis.
Das wäre zumindest ehrlich gewesen.