29.01.2026
Cinema Moralia – Folge 375

Warum gehen wir ins Kino?

Blood & Sinners
Beispiellos: 16 Nominierungen für Blood & Sinners
(Foto: Warner)

Diversität und Totalität: Exponentialfunktionen und was die Oscar-Nominierungen über die Filmbranche verraten – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 375. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Die grund­sätz­lichste Frage von allen Fragen, die das Kino betreffen, lautet: Warum gehen wir überhaupt ins Kino? Wollen wir wirklich Filme über trans­ge­ne­ra­tio­nale Gewalt sehen? Wollen wir im Kino lernen, wie wir bessere Menschen werden? Wollen wir dort beigebracht bekommen, dass wir die falschen Ansichten über alles Mögliche haben? Wollen wir einen Film über Massen­selbst­morde am Ende des Zweiten Welt­kriegs sehen, oder einen Film über nette Flücht­linge, die so empa­thisch sind, dass es nur noch beschämt? Oder umgekehrt einen über böse Flücht­linge, die ihre Töchter einsperren und Messer­at­ten­tate durch­führen? Wollen wir im Kino endlich erfahren, dass Neonazis böse sind? Oder doch auch nur Menschen?
Ich kann zumindest für mich sagen, dass ich wegen all dem nicht ins Kino gehe, und dass ich glaube, dass die meisten anderen Menschen deswegen auch nicht ins Kino gehen, sondern eher dem Kino fern­bleiben, weil sie sich dort immer mehr erzogen und immer weniger unter­halten fühlen, zumindest in Deutsch­land.
Ist dieser Stand­punkt borniert? Ist er reak­ti­onär? Ich hoffe nicht; und ich glaube es auch nicht. Ich möchte von Filmen vor allem über­rascht werden und genau solche Filme, die ich oben beschrieben habe, über­ra­schen mich gar nicht. Ich möchte von Filmen nicht gequält werden. Und solche Filme quälen mich latent, und wenn nicht augen­blick­lich, dann aber später.
Aller­dings glaube ich auch, dass sehr oft die Filme falsch vermarktet werden. Oder auch von den Filme­ma­chern falsch benannt. Ein Film wie Sound of Falling/In die Sonne schauen ist für mich eben kein Film über trans­ge­ne­ra­tio­nale Erin­ne­rungen – egal wie oft die Filme­ma­cher dies bei Film­ge­sprächen auch sagen mögen.

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Was die Oscar-Nomi­nie­rungen über die Film­branche verraten: Der Teufel, sagt ein altes Sprich­wort, scheißt immer auf den größten Haufen. Der Haufen, auf den er drauf scheißt, wird aller­dings immer größer. 2025 ist das Jahr der Massen­no­mi­nie­rungen: Acht und neun Nomi­nie­rungen für Hamnet und Senti­mental Value und Marty Supreme ist schon gigan­tisch gut, 13 Nomi­nie­rungen für One Battle After Another eine wahn­sin­nige Ausnahme, 16 Nomi­nie­rungen für Blood & Sinners beispiellos!!! Dass ich das noch erleben muss!

Sagt uns das aber auch irgend­etwas über die Qualität dieser Filme? Natürlich nicht! Es ist noch nicht mal ein Beleg dafür, dass das Filmjahr 2025 besonders schwach war, wie manche jetzt versuchen zu resü­mieren. Nach dem Motto: Da war nix, darum gehen alle Stimme auf wenige Filme.

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Etwas anderes ist inter­es­santer: Die Halb­werts­zeit dieser ausnahms­weisen Massen­no­mi­nie­rungen wird immer geringer. 1950 bekam All About Eve 14 Nomi­nie­rungen. 1997, also 47 Jahre später, gelang das James Camerons Titanic erstmal wieder. Dann nur weitere 20 Jahre später kam La La Land wiederum auf 14 Nomi­nie­rungen, und dann dauerte es nur 9 Jahre, bis wiederum ein Film 13 und ein zweiter in diesem Fall sogar über 14 Nomi­nie­rungen hat. Mathe­ma­tisch gesehen wird in nur vier oder fünf Jahren bereits der nächste Film so viele Nomi­nie­rungen haben. Ich glaube daran!

Es gibt einen Namen für jene mathe­ma­ti­sche Kurve, die steil nach oben zeigt: Expo­nen­ti­al­funk­tion. Es gibt dann logi­scher­weise einen Punkt, an dem es nicht mehr steiler geht, an dem die Halb­werts­zeit sich immer weiter verkürzt, soweit, bis sie auf Null ange­kommen ist. Letzteres ist aller­dings mathe­ma­tisch unmöglich.

In der poeti­schen Sprache der Mathe­matik heißt dieser Punkt, diese »vertikale Asymptote« auch »Polstelle«, oder schöner und bei zeit­ab­hän­gigen Prozessen wie einer Oscar­no­mi­nie­rung »Blow-up in endlicher Zeit«.
Das behauptet zumindest meine KI und ich will es ihr glauben.

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Was lernen wir daraus für die Wirk­lich­keit des Kinos: Alle reden von Diver­sität, weil es gut klingt, politisch angesagt ist und weil naive oder dumme Menschen wirklich ganz ernsthaft denken, dass Diver­sität an sich etwas Gutes wäre.

Die Tendenz der Welt­ge­schichte ist aber das Gegenteil von Diver­sität. Sie ist Totalität oder viel­leicht auch Univer­sa­lität. Das hat mit Donald Trump rein gar nichts zu tun, sondern mehr mit Hegel, dem Philo­so­phen der Welt­ge­schichte. Mathe­ma­tisch gesehen führt das dazu, dass irgend­wann nur noch ein einziger Film in allen Kate­go­rien alle Nomi­nie­rungen gewinnen wird. Das mag prag­ma­tisch gesehen sehr unwahr­schein­lich sein. Aber seien wir ehrlich: Genau das ist es, was die Film­branche, jeden­falls ihre Funk­ti­onärs­ebene eigent­lich will: Totalität. Den einen Film, der alles gewinnt, alles einspielt und das aller­größte Box Office hat. Und alle anderen Filme über­flüssig macht. Darum auch immer wieder, wie jüngst in Saar­brü­cken von deutschen Tropf­hän­gern das Gerede, es gebe zu viele Filme. Obwohl doch gleich­zeitig alle von Diver­sität reden.

Die dies­jäh­rigen Oscar-Nomi­nie­rungen sind jeden­falls ein Gipfel an Unifor­mität.

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Noch etwas zu unserer derzei­tigen Fort­set­zungs­ge­schichte über den latenten Anti­se­mi­tismus und die Ignoranz gegenüber jüdischem Leid an der Europäi­schen Film­aka­demie.

Letzte Woche hatten wir die Austritts­mail des Berliner Film­pro­du­zenten Stefan Pannen zitiert. Inzwi­schen erhielt er folgende Antwort:

»Lieber Herr Pannen,«

»vielen Dank für Ihre offene Rück­mel­dung. Wir nehmen Ihre Kritik ernst und verstehen Ihre Verär­ge­rung.«

»In der Woche vor der Verlei­hung der European Film Awards erreichten die Geschäfts­füh­rung, den Vorstand und das Team mehrere dringende Bitten, den Mitglie­dern offene Briefe zu schicken – für Iran, Palästina, und dann kamen noch die Nach­richten über die USA und Grönland dazu. Wir hatten das Bedürfnis, die Preis­ver­lei­hung in diesen Kontext einzu­ordnen – darf man feiern, wenn so viele andere leiden? – und den Anfra­genden die Möglich­keit zu geben, die große Aufmerk­sam­keit für die Awards als Plattform für Soli­da­rität zu nutzen. Dies wurde von vielen Mitglie­dern positiv aufge­nommen.
Als David Bennent (Presenter der Casting-Director-Kategorie) bei der Verlei­hung die Gewalt gegen Kinder sowohl in Israel am 7. Oktober 2023 als auch in Gaza ansprach, kamen mir wie vielen anderen im Publikum die Tränen.
Bei der Vielzahl an Konflikten weltweit war es unmöglich, jede Situation einzeln zu benennen – das Leid unschul­diger israe­li­scher Zivi­listen, die Situation in Syrien und viele andere Konflikte einge­schlossen. Wir wollten zum Ausdruck bringen, dass die Academy grund­sätz­lich für die Achtung der Menschen­rechte aller Menschen einsteht. Die European Film Academy verur­teilt jede Form von Menschen­rechts­ver­let­zungen, unab­hängig davon, wo sie statt­finden oder wen sie betreffen.
Wir sind uns bewusst, dass solche State­ments nie allen gerecht werden können. Dennoch halten wir es für wichtiger, Haltung zu zeigen, als aus Angst vor Kritik zu schweigen – was dem Anspruch der Academy nicht gerecht würde, für die Werte einzu­stehen, die europäi­sches Film­schaffen prägen.
'Seid Menschen, bleibt Menschen!' Margot Fried­län­ders Aufruf zur Mensch­lich­keit, gegen Hass, Anti­se­mi­tismus und Miss­ach­tung der Menschen­rechte hallt in unserer täglichen Arbeit in uns nach.«

»Wir schätzen kritische Stimmen wie Ihre – sie machen uns als Gemein­schaft stärker. Wir würden es sehr bedauern, wenn Sie sich entschließen würden, die Academy zu verlassen, und würden uns freuen, wenn Sie uns als kritische Stimme erhalten bleiben.«

»Mit freund­li­chen Grüßen
Viviane Gajewski
Member­ship Relations and Support
EUROPEAN FILM ACADEMY«

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Das sind schon ganz schön große und zugleich leere Worte: Grönland, Tränen, Haltung zeigen. Margot Fried­länder geht auch immer.

Warum nicht einfach die klare Erklärung: Wir haben Israel und die Terror­an­griffe des 7. Oktober vergessen. Das tut uns leid. Wir hatten außerdem Angst vor den vielen Anti­se­miten und einsei­tigen Araber­freunden in unserer Mitglie­der­schaft. Wir bitten um Vers­tändnis.

Das wäre zumindest ehrlich gewesen.